Masken

Masken

Wieder einmal war da Einer am Ende seiner Kraft und nahm sich gestern das Leben.

Bei twitter gab es dann einen Satz von einem Anderen, der den Einen anscheinend kannte. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, aber die Aussage war etwa so: „Ich hab ihn doch vor kurzem noch gesehen, da war er doch noch so lebensfroh und zuversichtlich.“
Ich kannte diesen Einen nicht persönlich und kann nur vermuten, dass er es nicht war. Vielleicht saß nur die Maske zu gut.

Machen wir selbst unsere Masken zu perfekt? Einfach, weil wir es schon so lange nicht anders kennen? Und weil wir uns damit z.T. schon ewig schützen vor dem Unverständnis und den Vorwürfen aus dem Umfeld?

Weil: wenn ich mich zeige und darüber rede, werde ich blöd angeguckt / blöd angemacht / belächelt / abgelehnt / dumm angemacht / als Jammerliese bezeichnet …. oder man versucht mich davon zu überzeugen, dass das doch alles gar nicht so schlimm sei und es für meine Depression ja gar keinen Grund gäbe und dass ich doch nur mal wieder das Schöne in meinem Leben sehen müsste. Nicht zu vergessen auch die mit dem Helfersyndrom, die so unbedingt wollen, dass es dir besser geht, weil sie es nicht ertragen können, dass ihre Hilfe nicht gewollt wird oder nicht hilft.

Also trage ich diese Maske, funktioniere nach außen und Keiner merkt was (weil es ja auch leichter ist, nichts zu merken), Nur irgendwann ist die Kraft aufgebraucht, die dafür nötig ist, denn diese Maske ist so unendlich schwer und schmerzt in jedem Moment, in dem ich sie trage und meine Schreie dahinter kann keiner hören, weil die Maske zu viele Schichten hat. Und manchmal ist es dann einfach zu viel.

Ich lebe noch. Nicht, weil mich meine Tochter und mein Enkel am Leben gehalten hätten (auch wenn sie in meiner tiefschwarzen Zeit der einzige winzige Lichtstrahl waren). Sondern weil ich mich geschämt habe vor meiner Tochter: für das Chaos meines Lebens, das ich ihr hinterlassen würde, weil mir die Kraft fehlte, vor meinem Suizid aufzuräumen. Abgesehen davon, dass mir selbst für den Suizid die Kraft gefehlt hätte.

Die Depression hat inzwischen einen Teil ihrer Macht verloren – nein: ich habe mir einen großen Teil dieser Macht zurück erobert. Ein langwieriger, äußerst schmerzhafter Prozess, der noch immer nicht abgeschlossen ist und vielleicht auch nie sein wird. Ich lebe damit – tut ihr Anderen das bitte auch.
Aber tut nicht so, als wäre alles wieder wie früher: „Früher“ ist nämlich das, was zum „Jetzt“ geführt hat. Und tut auch nicht so, als wäre jetzt alles gut und als wäre meine Seele geheilt wie ein gebrochenes Bein, denn meine Seele hat neben den tiefen Narben, die immer wieder schmerzen und Erinnerungen hochkommen lassen, immer noch offene Wunden. Und bitte tut nicht so, als würdet ihr verstehen, wie es mir geht, nur weil ihr manchmal „dunkle Tage“ habt.

Ich brauche euer Verstehen nicht, sondern euer Verständnis. Ihr müsst es nicht verstehen können, um es zu akzeptieren. Stellt mich nicht in Frage, be- und verurteilt mich nicht. Nehmt mich an, seid einfach da. Dann brauche ich vielleicht irgendwann meine Maske nicht mehr.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: