Warum ich mich noch immer als depressiv bezeichne

Warum ich mich noch immer als depressiv bezeichne

Gut fünf Jahre trage ich sie nun offen mit mir, die olle Depression. (Wie lange sie bereits in mir schlummerte, kann ich nicht in Jahren zählen; gefühlt schon immer.) Hab mich in Therapie und Klinkaufenthalten intensiv mit ihr gestritten, gegen sie und mit ihr gekämpft, mich an vielen Stellen behauptet. Lernte sie zu schätzen und einzuschätzen, mit ihr zu leben.

Bin ich also gesund?

Ich sehe die großen Augen von Menschen, wenn ich erzähle, dass ich despressiv bin. Ich ahne die Gedanken meines Umfelds („kann sie nicht endlich mal aufhören damit?“ – „wie lange will sie sich noch rausreden?“). Vielleicht sind es auch meine Gedanken, mein „schlechtes Gewissen“, mein Anspruch, dass ich doch langsam mal wieder normal funktionieren müsste. Immerhin bin ich ja viel besser drauf als vor fünf Jahren.

Warum bezeichne ich mich dann immer noch als depressiv?

Weil ich immer noch über kleinste Steine stolpere.
Weil ich immer noch Löcher übersehe, auch wenn sie direkt vor mir liegen.
Weil ich in manchen Situationen immer noch unkontrollierte Panik bekomme.
Weil ich immer noch verzweifeln könnte, wenn mehr als eine wichtige Sache auf meiner to-do-Liste steht.
Weil ich dann immer noch den Kopf in den Sand stecke in der Hoffnung, dass es von selbst verschwindet.
Weil ich immer noch stundenlang auf dem Stuhl sitze und mich nicht entscheiden kann.
Weil ich ohne Zwang von außen immer noch keine Regelmäßigkeit durchhalte, obwohl sie mir gut tut.
Weil ich immer noch meine Anti-D-Tabletten nehme und Angst habe vor dem Moment, wenn ich sie absetzen soll.
Weil ich jedes Mal Blitze im Kopf habe und mir schwindelig wird, wenn ich sie versuche abzusetzen.
Weil mich schlecht zu fühlen immer noch weniger Energie kostet als mich gut zu fühlen.
Weil ich immer noch genauso schnell und viel weine wie ich lache.
Weil ich immer noch auf die Depression höre, die mir sagt, dass ich nichts kann und nichts wert bin und schon gar nicht liebenswert bin.
Weil ich immer noch und immer wieder hoffnungs-, mut- und kraftlos und so unfassbar müde bin.

Ich weiß nicht, ob sich das irgendwann noch einmal ändert. Ob alles irgendwann gut wird oder wenigstens ein paar Sachen davon. Ich weiß nicht, ob ich lange genug hier sein werde. Ich weiß nur, dass die Depression ein Teil von mir ist und ich das akzeptieren muss, um damit umgehen zu können. Egal, wie lange es dauert.

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