Frei sein

Frei sein

Die ganze Stadt liegt vor ihm ausgebreitet, strahlend und glitzernd, als wäre sie für ihn allein heute Nacht so hell erleuchtet. Er sieht die vertrauten Straßen, erkennt seine alte Schule, das Kino, in dem er den ersten Kuss bekam, den großen Platz, wo im Sommer die Buden aufgebaut wurden und das Riesenrad, das in Wirklichkeit gar nicht riesig war.
Auch sein Elternhaus ist zu sehen in der Ferne, im Wohnzimmer brennt Licht, sein Vater wird wohl wieder am Schreibtisch sitzen und Aufsätze korrigieren, während die Mutter in der Küche die letzten Spuren des Abendessens beseitigt. Die ganze Familie war zusammen gekommen wie fast jeden Sonntag, alle Geschwister waren da, spielten das Theater mit, wie immer. So tun, als sei alles in Ordnung, als sei nie etwas Böses geschehen: das hatten sie bis zur Perfektion gelernt.

Heute war dieses eine Mal, das einmal zuviel war. Er wollte nicht mehr mitmachen, er konnte es nicht mehr ertragen. Hielt die Schmerzen in den Schultern und der Seele nicht mehr aus – nur raus hier, nur weg, endlich befreien von all dem Schrecken, nicht mehr umdrehen und nie wieder zurück kommen. Frei sein.

Deshalb steht er jetzt oben auf dem schmalen Geländer des alten Schloßturms und sieht die Stadt vor sich ausgebreitet und macht den einen Schritt und fliegt.

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