26-09-2022 CN: Ess-Störung

Ess­stö­rung, die:
bereits beim Kochen die Angst, dass die letzte Hand­voll Spa­ghetti, die noch im Schrank ist, nie und nim­mer rei­chen kann, um wirk­lich satt zu wer­den. Diese Angst ist mit Eisen­kral­len in mei­ner Seele ver­an­kert. Weil es nie genug gab, als ich Kind war. Nicht genug Essen, nicht genug Zuwen­dung, nicht genug Für­sorge. Die Liebe, die durch 5 geteilt wer­den musste, reichte nicht, um den Man­gel an allem ande­ren auszugleichen.

Ich übe jetzt bewußt, diese täg­lich vor­han­dene Angst aus­zu­hal­ten. Dar­auf zu ver­trauen, dass die Nah­rung rei­chen wird, weil ich selbst zustän­dig bin für mich und - trotz Armut - vor­sorge, dass ich kei­nen Man­gel mehr erlei­den muss.

Ich sehe mich, ich nehme mich ernst und ich küm­mere mich um mich, so wie es das Kind gebraucht hätte.

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Seit ein paar Mona­ten arbeite ich in der The­ra­pie an die­sem Thema. Es ist (ver­mut­lich) die letzte große Kiste, die noch in dem Kel­ler steht, der meine Kind­heit sym­bo­li­siert. Beim ers­ten vor­sich­ti­gen Blick konnte ich sehen, dass in die­ser gro­ßen Kiste meh­rere kleine lie­gen. Sie sind beschrif­tet: “Man­gel” steht auf einer, “Strafe” auf einer ande­ren und irgendwo wird wohl auch sowas wie “Miss­hand­lung” drauf ste­hen. Kein Wun­der, dass ich das Aus­pa­cken der Kis­ten so lange weg­schob und immer noch Angst davor habe, was mich da alles erwartet.

Die Gründe für mein gestör­tes Ver­hält­nis zum Essen ent­stan­den in der Kind­heit, zie­hen sich aber durch mein gan­zes Erwach­se­nen­le­ben durch, auch wenn es lange brauchte, bis es Aus­wir­kun­gen auf mein Gewicht hatte. Jetzt sind die Fol­gen nicht mehr “nur” psy­chisch, son­dern längst auch phy­sisch, so dass es drin­gend gewor­den ist, an das Thema ran zu gehen.

Im Gegen­satz zum Niko­tin­ent­zug kann ich lei­der nicht ein­fach auf­hö­ren zu essen, ich muss also andere Wege fin­den. Einer davon wird sein, hier im Blog dar­über zu schrei­ben. Für die­sen ers­ten Ein­trag heute gibt es eine Trig­ger­war­nung, ansons­ten werde ich die Bei­träge in die Kate­go­rie “Ess-Stö­rung” ein­sor­tie­ren. Ich hab nicht viele Leser:innen, aber viel­leicht ist es für die ein oder andere besser.

Und jetzt geh ich mal in die Küche und arbeite an mei­ner Angst.

25-09-2022 Lieber Igor, das Leben ist kein Wettbewerb

Für letz­ten Frei­tag hatte ich mir vor­ge­nom­men, end­lich mal wie­der mit dem Fahr­rad zu Plan­ten & Blo­men zu fah­ren, so wie frü­her oft. Immer­hin ist es nicht wirk­lich weit - grade mal 3 km - und es gibt nur auf dem Hin­weg einen klei­nen Hügel, wo ich das Rad meis­tens schiebe. Auf dem Rück­weg gäbe es auch einen, wenn ich den glei­chen Weg nähme, aber da kann ich auch anders fah­ren, dann fällt das weg. Eigent­lich gibt es also über­haupt kei­nen Grund, das nicht viel öfter zu machen. Zu Hause auf dem Ergo­me­ter fahr ich inzwi­schen ja auch 8 bis 10 Kilo­me­ter pro Trai­ning.
Aber immer ist da der Gedanke: das schaff ich doch gar nicht mehr, dafür reicht meine Ener­gie nicht. Und ganz oft beginnt damit das Karus­sell nach unten. “Du schaffst ja sowieso nichts mehr, dein Kör­per ist zu nichts mehr zu gebrau­chen und häss­lich sowieso, alle ande­ren sind schnel­ler und bes­ser, selbst wenn sie krän­ker sind, und sowieso bist du eigent­lich ja gar nicht krank und wieso arbei­test du eigent­lich nicht oder schaffst wenigs­tens die­sen blö­den Weg mit dem Rad zu fah­ren, du Nichts­nutz, du.”

Als ich dann tat­säch­lich mein Fahr­rad das eine kleine Stück an der Bun­des­straße hoch schob (jaja, ihr Berg­men­schen, lacht ihr nur!), kamen zum Glück andere Gedanken:

Nie­mand drängt mich. Nie­mand will, dass ich mich quäle. Nie­mand hat irgend­was zu sagen, auch nicht der olle schwarze Hund. Und wenn ich mein Rad schiebe, um nicht total erle­digt und nass geschwitzt anzu­kom­men, dann ist das nur ver­nünf­tig, aber nichts, wes­halb ich mich klein machen muss.

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Zwi­schen den Rad­we­gen spa­zierte ich 2 Stun­den durch den Park - oder wie immer sich das nennt, wenn ich ein paar Meter gehe, mein Rad abstelle, die Kamera nehme und irgend­ein Blüm­chen aus diver­sen Blick­win­keln foto­gra­fiere, die Kamera in ihrer Tasche im Korb vorne am Rad ver­staue, das Rad nehme und ein paar Meter wei­ter gehe, es abstelle, die Kamera nehme … Und dann gibt es ja auch noch so viele Bänke, auf denen der Mensch sit­zen kann und gucken und das Leben schön finden.

Auf der Map sieht das übri­gens so aus:

So war ich also ins­ge­samt 3 Stun­den unter­wegs und ziem­lich glück­lich. Dass ich den nächs­ten Tag kom­plett zur Rege­ne­ra­tion brau­che, ist für mich inzwi­schen meis­tens okay, auch wenn ich auf die Fuß­schmer­zen ver­zich­ten könnte.

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Heute gefun­den bei Twitter:

(Mark Rus­sel ist Autor von Comics und Büchern, er dürfte den Tweet aus eige­ner Erfah­rung geschrie­ben haben.)

22-09-2022 Das Hilfe-Dings, die Mittwochsgruppe

Es ist mal wie­der soweit: der jähr­li­che “Sozial- und Ver­laufs­be­richt für Ein­glie­de­rungs­hil­fe­leis­tun­gen”, anhand des­sen geprüft wird, ob ich wei­ter­hin hil­fe­be­dürf­tig bin, ist fäl­lig. Dafür gibt es einen Vor­druck mit The­men und Fra­gen zu den “Wesent­li­chen Ent­wick­lun­gen im Berichts­zeit­raum”; die Ant­wor­ten soll­ten sinn­vol­ler­weise Fort­schritte erken­nen las­sen, aber bitte auch deut­lich machen, dass ich das Hilfe-Dings noch drin­gend brau­che. Sag ich, nicht die Behörde. Klar, oder?
Das Ding aus­zu­fül­len ist natür­lich die Auf­gabe mei­ner Betreue­rin, aber da wir auf Augen­höhe mit­ein­an­der arbei­ten, gibt sie mir das Doku­ment zur Prü­fung, Berich­ti­gung und Ergän­zung, bevor sie es an die Behörde schickt.

Vor­ges­tern spra­chen wir bei unse­rem wöchent­li­chen Tref­fen dar­über, was in dem Bericht ste­hen soll. Das Wich­tigste, das wir beide sehen, ist, dass da vor etwa einem Jahr eine große Ver­än­de­rung ange­fan­gen hat, die mir hilft, bes­ser zu akzep­tie­ren, dass mein Leben jetzt eben so ist: mit Ein­schrän­kun­gen durch Kör­per und Psy­che, mit weni­ger Kraft, ohne bezahlte Arbeit, mit weni­gen sozia­len Kon­tak­ten. Das heißt nicht, dass das für den Rest so blei­ben muss, aber wenn ich immer nur dem nach­trauer, was nicht mehr ist, kann ich nicht vor­wärts gehen. Und genau das mache ich eben seit eini­ger Zeit, auch wenn die Schritte oft klein und lang­sam sind. Zurück­bli­ckend wird dann aber sicht­bar, dass die zurück gelegte Stre­cke doch ganz schön groß ist.
Ich bin noch lange nicht am Ende, aber dass es wei­ter geht und ich nicht auf­gebe: daran hat das Hilfe-Dings einen ziem­lich gro­ßen Anteil. Ein Teil davon sind die Gesprä­che mit mei­ner Betreue­rin, ein ande­rer meine Mitt­wochs­gruppe. Von der will ich heute mal aus­führ­lich erzäh­len - die tut mir näm­lich ver­dammt gut.

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Bei dem Hilfe-Dings gibt es diverse Grup­pen­an­ge­bote (Krea­tiv­kram, Film­abend, Schwim­men, Spa­zie­ren in Plan­ten & Blo­men, Früh­stü­cken, frü­her auch mal eine Gar­ten­gruppe …), die offen sind für alle Klient:innen. Offen heißt, dass man sich nicht anmel­den muss und mal kommt oder auch mal nicht. Wie man eben will und kann. Die Mitt­wochs­gruppe (die in echt eine andere Bezeich­nung hat) ist die ein­zige geschlos­sene Gruppe mit fes­ten Teil­neh­me­rin­nen (nicht gegen­dert: es hat sich so erge­ben, dass es immer nur Frauen sind) und einer gewis­sen Ver­bind­lich­keit, jede Woche zu kom­men.
Seit Juli 2019 bin ich dabei; damals gab es die Gruppe schon ca. 2 Jahre und sie bestand aus 8 bis 10 Frauen, die mehr oder weni­ger regel­mä­ßig zu den Tref­fen kamen. Wir haben zusam­men über­legt, ob und was wir machen wol­len, ob es ein Thema gibt oder wir etwas gemein­sam unter­neh­men und irgend­wie war am Ende immer für Jede was dabei, was ihr gut tat. 

Ich hatte grade ange­fan­gen, mich wohl zu füh­len dort, auch wenn es manch­mal sehr anstren­gend war und ich mit zwei oder drei Frauen so über­haupt nichts gemein­sam hatte (und eine davon auch rich­tig doof fand). Aber es waren soziale Kon­takte, es war ein fes­ter Ter­min in der Woche, es holte mich aus mei­nem Loch und genau das brauchte ich. Und dann kam Corona.
Erst konnte ein­fach gar nichts statt fin­den, dann - nach dem ers­ten Lock­down - nur in ganz klei­nen Grup­pen und nur drau­ßen und dann muss­ten wir uns ent­schei­den, ob wir wei­ter dabei blei­ben oder eine Pause machen woll­ten. Weil ich dank des Fahr­rad­un­falls für ein paar Monate nur ein­ge­schränkt mobil war, ent­schied ich mich für die Pause. Als ich dann Anfang 2021 wie­der zurück kam, waren nur noch 3 Frauen übrig geblie­ben (mit mir also 4). Eine von uns hat ihren fes­ten Platz, kommt aber aus Grün­den nur spo­ra­disch. Inzwi­schen kön­nen wir uns alle vor­stel­len, dass noch ein oder zwei Men­schen dazu kom­men. denn wenn mal Eine von uns nicht kann, sind die ande­ren zwei doch etwas wenig. Außer­dem könnte ein biß­chen fri­scher Wind nicht schaden.

Nach wie vor ent­schei­den wir gemein­sam, wie wir die Tref­fen gestal­ten. Bei schö­nem Wet­ter gehen wir auch mal raus (zum Bei­spiel zu Plan­ten & Blo­men oder ein­mal zum Mini­golf), letz­ten Win­ter waren wir beim Kunst­hand­wer­ker­markt und im Okto­ber wol­len wir zur Foto­aus­stel­lung (World Press Photo 2022). Oder wir lesen aus Büchern vor, malen und gestal­ten zusam­men, backen Kekse oder neh­men uns ein Thema vor, über das wir reden wol­len.
Immer wie­der span­nend finde ich, wenn wir - so wie ges­tern - mit den Kar­ten aus der “Stär­ken-Schatz­kiste für The­ra­pie und Bera­tung” arbei­ten. Dabei zieht Jede ver­deckt 1 - 3 Kar­ten (je nach Zeit) und wir ant­wor­ten reihum offen. Auf den Kar­ten ste­hen Fra­gen wie: “Was ist an mir ein­zig­ar­tig und lie­bens­wert? Wobei bin ich mir treu geblie­ben? Wann spüre ich Taten­drang? Wer war mein Vor­bild in der Kind­heit? Was gelingt mir rich­tig gut?” Dar­aus erge­ben sich oft ganz unge­ahnte Gesprä­che und manch­mal auch neue Blickrichtungen.

Dazwi­schen gibt es immer wie­der Tref­fen, bei denen wir über sehr per­sön­li­che Dinge reden. Immer­hin haben wir ja alle einen bestimm­ten Grund, wes­halb wir beim Hilfe-Dings gelan­det sind und es tut ein­fach gut, dar­über mit ande­ren zu reden, die das aus eige­nem Erle­ben ken­nen und ver­ste­hen. Dass das so gut funk­tio­niert, dass wir uns so sehr ver­trauen und uns öff­nen kön­nen, ist ein ganz gro­ßes Geschenk. Wir sind keine Freun­din­nen im eigent­li­chen Sinn, aber wir mögen uns und das reicht dafür, dass es gut ist.

In der Abschluss­runde ges­tern sagte ich, wie gut es (mir) tut, dass wir die­sen Ort haben für uns. Einen Ort, an dem gar nichts Gro­ßes, Welt­be­we­gen­des pas­sie­ren muss, an dem wir ein­fach bei­ein­an­der sein und uns aus­tau­schen kön­nen über alles, was uns bewegt. Manch­mal ist es das poli­ti­sche Tages­ge­sche­hen, manch­mal ganz per­sön­li­ches, manch­mal belang­lo­ser Kaf­fee­klatsch über All­täg­li­ches und manch­mal Gesprä­che, die sich aus einem vor­ge­ge­be­nen Impuls wie den o.e. Kar­ten ent­wi­ckeln. Dass das sein darf, wie es kommt, ist ein­fach gut.
Aber gut ist eben auch, dass wir eine Ver­ab­re­dung haben im Rah­men vom Hilfe-Dings, dass wir das nicht selbst orga­ni­sie­ren müs­sen, weil wir das mit unse­ren Han­di­caps viel­leicht nicht immer schaf­fen wür­den, son­dern dass da die Betreue­rin­nen sind, die uns hel­fen. Die uns ver­wöh­nen mit Kaf­fee und Kek­sen und die immer offene Ohren haben und uns die­sen geschütz­ten Raum geben.

Ich bin wirk­lich dank­bar für den Ort, für die Men­schen dort. Nach den vie­len Jah­ren, die ich seit der Depres­sion alleine zuhause bin, sind das - abge­se­hen von der Toch­ter & Fami­lie und mei­ner Freun­din D. - die ers­ten rich­ti­gen sozia­len Kon­takte für mich. Ich wußte immer, dass es mir fehlt, aber ich wußte nicht, wo und wie ich sol­che Kon­takte neu knüp­fen könnte, zumal die Scheu oder manch­mal sogar Angst vor neuen Leu­ten immer grö­ßer wurde, je län­ger ich alleine war. Die­ser Ort war der rich­tige Rah­men, um wie­der zu ler­nen, ein sozia­les Wesen zu sein. Gese­hen zu wer­den und mich zu zei­gen.
Darum bin ich auch mir selbst dank­bar, dass ich mei­ner The­ra­peu­tin ver­traut habe, als sie mir genau die­sen Ort ans Herz legte und dass ich es dann auch noch geschafft habe, mich auf den Weg dort­hin zu machen und zu bleiben. 

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Den Namen der Hilfe-Ein­rich­tung oder der Gruppe will und werde ich hier nicht nen­nen, das tut nichts zur Sache und geht nie­man­den was an. Als Sym­bol für den Ort und für die herz­li­che Atmo­sphäre dort zeige ich aber ein Foto, das bei dem Aus­flug in den Wild­park “Schwarze Berge” neu­lich ent­stan­den ist. Der war offen für alle, nicht nur für unsere Mitt­wochs­gruppe, und meine Pre­miere: das erste Mal seit Ewig­kei­ten war ich mit unbe­kann­ten Men­schen unter­wegs. Beglei­tet wur­den wir 7 Klient:innen von 2 Betreuer:innen - und Mila, der Hün­din von einer davon.

21-09-2022 Übergang

Grade mal eine Woche ist es her, seit ich vol­ler Über­zeu­gung mit “Nein!” ant­wor­tete, als mich jemand fragte, ob ich nicht fröre so mit nack­ten Füßen in den Sandalen. 

Von jetzt auf gleich hat sich der Hoch­som­mer ver­ab­schie­det. Die Tem­pe­ra­tur klet­tert nur noch für ein oder zwei Mit­tags­stun­den über die 20° Linie, die Sonne brennt nicht mehr, son­dern wärmt nur noch. Wir dür­fen das Wet­ter wie­der ohne schlech­tes Gewis­sen “schön” nen­nen. An sol­chen Tagen sind die wei­ßen Wol­ken­berge am blauen Him­mel so dick, dass man sich hin­ein fal­len las­sen möchte wie in ein flau­schi­ges Feder­bett. Ein paar Tage lang hat der Regen nach­ge­holt, was der Natur den gan­zen Som­mer über so gefehlt hat und am Abend liegt jetzt die­ser spe­zi­elle wür­zige Geruch nach feuch­tem Laub und Feuer in der Luft. 

Noch hab ich nur meine (bezo­gene) Fleece­de­cke für die Nacht zum Schla­fen, noch mag ich das nor­male Sei­den­bett nicht ein­zie­hen, aber seit 2 Tagen liegt dar­über noch eine wei­tere dünne Kuschel­de­cke und mor­gens ist meine Nasen­spitze kalt. Es ist frisch gewor­den in den letz­ten Tagen - man­che von denen, die schnell frie­ren, haben bereits Mütze und Schal aus dem Schrank geholt und ich stelle fest, dass ich drin­gend neue Woll­so­cken brauche.

Aber ich mag den Sep­tem­ber: weil er die Erin­ne­rung an den Som­mer mit sei­ner Wärme und sei­ner über­mü­ti­gen Leich­tig­keit genauso in sich trägt wie die Vor­freude auf den Herbst und des­sen leuch­tende Far­ben und damit den per­fek­ten Über­gang von einer Jah­res­zeit in die nächste schafft - auch wenn das manch­mal sehr schnell geht.

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Dass ich nicht wußte, dass es für die­ses Jahr das letzte Mal sein würde, dass die Bal­kon­tür den gan­zen Tag offen steht, als ich sie das letzte Mal den gan­zen Tag offen hatte, finde ich aller­dings trau­rig - so wie alle letz­ten Male, von denen wir nicht wis­sen, dass es die letz­ten Male sein wer­den. Wür­den wir es mehr genie­ßen, wenn wir es wüß­ten? Wür­den wir es fes­ter in der Erin­ne­rung ver­an­kern? Oder ist es bes­ser, es nicht zu wis­sen, damit die Trau­rig­keit das Ereig­nis nicht überschattet?

16-09-2022 #MitSportZumUHu

(fer­tig geschrie­ben und nach­ge­scho­ben am 30.09.2022)

Beim letz­ten Besuch in der Dia­be­tes­pra­xis wurde rich­tig Blut abge­nom­men, um mal wie­der mehr als nur den Blut­zu­cker zu mes­sen. Dabei zeig­ten sich erhöhte Fett­werte in der Leber; die Ärz­tin­nen klan­gen besorgt und drin­gend und ver­schrie­ben ein zwei­tes Medi­ka­ment zur Regu­lie­rung des Cho­le­ste­rins. Seit­dem kämpfe ich immer wie­der gegen die auf­stei­gende Panik, dass mich das glei­che Schick­sal wie meine Mut­ter trifft. Ich schrieb es neu­lich schon: ich bin jetzt genauso alt wie sie damals war, als sie inner­halb von zwei Tagen meh­rere Schlag­an­fälle bekam, an deren Fol­gen sie drei Monate spä­ter - mit knapp 63 - starb.
Ich will das nicht, das ist zu früh, ich bin doch noch gar nicht fer­tig hier! Ich möchte mei­nen Enkel groß wer­den sehen und meine Toch­ter noch ein gan­zes Stück beglei­ten. Und ich möchte wenigs­tens noch meine rest­li­chen Kis­ten aus dem Kel­ler holen und öff­nen und womög­lich auch noch so bear­bei­ten, dass ich sie mit gutem Gefühl zur Seite schie­ben kann. 

Das heißt, ich muss – obwohl ich Sport hasse und eigent­lich sowieso alles, was mit mei­nem Kör­per zu tun hat – halb­wegs drin­gend was für meine Gesund­heit tun und Gewicht los las­sen. Die Zeit in Malente hat gezeigt, dass ich am ehes­ten durch Bewe­gung abneh­men kann. Wenn ich irgend­wann mal raus finde, wie ich mei­nen Schwei­ne­hund dau­er­haft in die Ecke ver­ban­nen kann, könnte das auch jetzt wie­der klap­pen - der Ergo­me­ter steht ja auf­fäl­lig genug im Arbeits­zim­mer rum. Immer­hin sitze ich da auch immer wie­der drauf und stram­pel flu­chend meine Kilo­me­ter ab. Für Twit­ter hab ich mir den Hash­tag #Mit­Sport­ZumUHu ein­ge­rich­tet und schreibe ab und zu was, weil diese Öffent­lich­keit viel­leicht dabei hilft, dran zu blei­ben. Aber es ist alles noch nicht regel­mä­ßig und nicht genug und schon gar nicht selbst­ver­ständ­lich, denn die Abnei­gung ist lei­der rie­sig. Zudem bin ich wie immer bes­ser darin, Aus­re­den zu erfin­den und mich dann selbst zu ver­ach­ten, als ein­fach schnell eine Runde zu fah­ren und mich danach bes­ser zu fühlen.

Beim Hilfe-Dings gibt es seit neu­es­tem wie­der die Mög­lich­keit, ein­mal in der Woche mit einer klei­nen Gruppe zum Schwim­men zu gehen; sie bezah­len sogar die Hälfte vom Ein­tritt und es ist meine Betreue­rin, die dort mit geht. Eigent­lich wäre das neben dem Ergo­me­ter­trai­ning ideal für mich, wenigs­tens zwei­mal im Monat. Aber wie immer finde ich viele Aus­re­den: wie komme ich da hin und wie­der zurück, kann ich mir die Monats­karte für den HVV leis­ten, halt ich das durch und schaff ich es, meine Scham zu über­win­den? (Ja, ich weiß: nie­mand guckt und viele sehen selbst so aus wie ich. Das macht die Scham nicht weg und darum nicht leichter.)

Ich bin ein­fach kein Sport-Typ. Ich fand noch nie Gefal­len daran, an oder sogar über meine kör­per­li­chen Gren­zen zu gehen. Und ich hasse es, zu schwit­zen. Knall­rote Birne, keine Luft, aber der Schweiß läuft über­all: das ist ein­fach nur höchst unan­ge­nehm.
Die Bewe­gung und das nötige Kör­per­be­wußt­sein beim Flö­ten frü­her war okay, dar­über hin­aus wollte ich mich mit mei­nem Kör­per aber sowieso eigent­lich nicht befas­sen. Ich wußte nicht viel über Trauma, aber instink­tiv war klar, dass ich damit unschöne Erin­ne­run­gen vor­ge­lockt hätte. Aber es war ja auch alles in Ord­nung und funk­tio­nierte, wie es sollte. 

Ein ande­rer Weg zu weni­ger Gewicht wäre natür­lich, das Essen ein­zu­schrän­ken. Zu ver­zich­ten und womög­lich zu hun­gern. Dann bin ich wie­der in mei­ner Kind­heit, das steh ich nicht noch­mal durch.
Da wäre auch immer noch das Zeug, das ich letz­tes Jahr von mei­ner Dia­be­tes­ärz­tin bekom­men hab, aber davon wird mir wei­ter­hin schlecht und Essen mit Übel­keit zu ver­bin­den scheint mir nach wie vor kein gesun­der Weg, abzunehmen.

Ich hoffe also wei­ter­hin dar­auf, dass ich mit Hilfe der The­ra­pie mein gestör­tes Ver­hal­ten Essen gegen­über ver­ste­hen und ändern kann und dass sich das zusam­men mit der Bewe­gung, an die ich mich hof­fent­lich doch irgend­wann irgend­wie gewöhne, mit der Zeit auf mein Gewicht auswirkt.

***

(Warum hat eigent­lich nie irgend­je­mand was gesagt, als ich damals anfing, zuzu­neh­men? Da gab es noch Freund:innen, die müs­sen das gese­hen haben. Hat sich das nie­mand getraut? Dach­ten sie alle, das wäre meine Sache und würde schon vor­bei gehen? Oder hat wirk­lich nie­mand gese­hen, dass und wie ich gelit­ten habe, dass es mir abgrund­tief schlecht ging, dass ich - wäre das Kind nicht da gewe­sen - womög­lich gegan­gen wäre? War ich wie­der ein­mal so unsicht­bar?
Nein, die ande­ren tra­gen keine Ver­ant­wor­tung daran, haben keine Schuld. Das ist damit nicht gemeint. Manch­mal wun­dere ich mich nur.)

28-08-2022 (Ohne Titel)

(Wie jedes Mal nach einer Pause: mit­ten rein, nicht nach­den­ken, nicht erklä­ren oder gar recht­fer­ti­gen. Auch nicht vor mir selbst. Ein­fach wei­ter schreiben.)

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Je mehr ich mich zurück­ziehe von allem und allen, desto mehr fühle ich mich fehl am Platz. Als stünde ich inmit­ten von Men­schen, die mich gar nicht wahr­neh­men und darum stän­dig anrem­peln. Jede geht ihren eige­nen Weg, ist mit sich selbst beschäf­tigt und ich bleibe wie immer übrig.
Ich bevor­zuge das Allein­sein nicht des­halb, weil ich allein sein möchte, son­dern weil ich, wenn ich nicht gese­hen werde, in der Menge unter­gehe und mich dann ganz ver­liere. Wenn ich alleine bin, kann ich mit der Illu­sion leben, dass ich selbst jemand bin. Ich will aber nicht alleine sein, denn dann ver­küm­mere ich. 

“Ich bin in Gesell­schaft ande­rer oft nicht ich selbst, son­dern so, dass ich dazu passe oder wie ich denke, dass die Men­schen mich haben wol­len (und mögen)”, sagte ich letz­tens zu Frau S. in der The­ra­pie­stunde. “Eigent­lich weiß ich gar nicht, wer und wie ich bin.”

Selbst bei dem HSP-Test (s.u.) mogle ich und stelle mich “bes­ser” (= weni­ger hs) dar, als ich bin. Natür­lich fühlt sich das dann für mich falsch an, aber das kenn ich ja nicht anders.

Seit der letz­ten Erfah­rung mit einer “Freun­din” (die immer wie­der und trotz Ansage mas­siv über meine Gren­zen ging und die mich, nach­dem ich mich deut­lich gewehrt habe, seit­dem kom­plett igno­riert), merke ich aber immer deut­li­cher: ich will die­sen Scheixx nicht mehr.
Ich will mich nicht mehr erklä­ren müs­sen und erst recht nicht ver­stel­len. Men­schen sind, den­ken, füh­len und han­deln unter­schied­lich, aber ich will weder ewig aus­hal­ten und abwar­ten, ob es nicht viel­leicht doch passt noch jeman­den über­zeu­gen, sich mir anzu­pas­sen. Dafür reicht meine Zeit nicht mehr. Ich mag mich nicht mehr rei­ben und strei­ten, ich will gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis, Anneh­men und Sein las­sen. Ich will Har­mo­nie und Freund­schaft. Da muss auch gar nicht immer alles pas­sen zu 100%, aber wenn ich mich ange­nom­men fühle und anders­rum, dann kann ich mit 90% super gut klar kom­men.
(Und dann finde ich so eine Freun­din und dann wohnt die end­los weit weg. Mein Schicksal.)

***

In der letz­ten Zeit ver­su­che ich, mit Lärm tole­ran­ter und ent­spann­ter umzu­ge­hen. Ihn zu akzep­tie­ren als etwas, das ich nicht beein­flus­sen oder abstel­len kann, vor allem aber als etwas, das vor­über geht. Die Kin­der auf dem Spiel­platz krei­schen nicht den gan­zen Tag, son­dern “nur” 2 Stun­den. Der LKW mit der Lie­fe­rung für den Asi­a­laden und der ner­vi­gen Küh­lung fährt nach einer Vier­tel­stunde weg. Das Ele­fan­ten­junge von oben wird irgend­wann in die Kita gebracht und tram­pelt dort wei­ter. Die Gäste im Restau­rant haben irgend­wann fer­tig geges­sen und dann kom­men die nächs­ten und nach einer Weile poten­tiert sich der Lärm und alle müs­sen immer lau­ter wer­den, um sich noch zu ver­ste­hen und nein, wirk­lich und bei allem Ver­ständ­nis und aller Tole­ranz ist das immer noch etwas, was ich ein­fach nicht ertra­gen mag.
Und manch­mal ver­misse ich die Sonn­tags­ruhe von frü­her™ ganz extrem. Ein­fach mal für einen Tag einen Gang zurück schal­ten, das Tempo raus neh­men, ruhig wer­den und sein. Wahr­neh­men, los las­sen, flie­ßen las­sen, ent­span­nen. Aber anschei­nend füh­len viele Men­schen sich dann - ja, was? Ver­lo­ren? Unbe­deu­tend? Sie hal­ten es nicht aus, nichts zu sagen, sie müs­sen sich am lau­fen­den Band mit­tei­len und ver­si­chern, dass sie jemand sind, dass sie wich­tig sind und nicht allein.

Waren wir schon immer so? Bin ich also ein­fach alt und emp­find­lich gewor­den oder hat die Gesell­schaft sich wirk­lich so sehr verändert? 

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Vor kur­zem ein schö­nes Gespräch mit der Toch­ter, über Lebens­träume und was dar­aus gewor­den ist. Ich erzählte ihr von dem gro­ßen Haus auf dem Land, in dem wir mit ande­ren Musiker:innen und deren Fami­lien leben, gemein­sam eine Musik­schule betrei­ben und natür­lich auch in der Frei­zeit Musik machen und im Gar­ten steht der Apfel­baum, an dem eine Schau­kel hängt und es gibt Gemein­schafts­räume und Plätze, um allein zu sein und über­haupt ist alles fried­lich und har­mo­nisch und für einen Moment wurde ich sehr sen­ti­men­tal, bis J. fragte, was dazwi­schen gekom­men ist. “Das Leben, lie­bes Kind, das Leben.“
Nein, geplant war das so nie, wie es nun ist. Dass da aber die Toch­ter als Kon­stante ist, das ist schon ver­dammt nah an perfekt.

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Das ehr­li­che Ergeb­nis vom HSP-Test.

Sie sind mit Gewiss­heit eine HSP. Und zwar eine mit beson­ders hoch aus­ge­präg­ter Sen­si­bi­li­tät. Je mehr sich die eigene Sen­si­bi­li­tät von der Mehr­heit unter­schei­det, umso schwie­ri­ger kann es wer­den, ein stim­mi­ges Umfeld für sich selbst zu fin­den. Mög­li­cher­weise haben Sie in man­chen Berei­chen, beson­ders in den zwi­schen­mensch­li­chen, eine extreme Sicht der Dinge. Das heißt, eine Sicht­weise, die sich von der Mehr­heit rela­tiv stark unter­schei­det. Bitte beden­ken Sie, dass weni­ger sen­si­ble Men­schen sich ihre Wesens­art genauso wenig aus­ge­sucht haben, wie Sie sich die Ihre. Beson­ders hyper­sen­si­ble Men­schen müs­sen dar­auf ach­ten, die gerin­gere Sen­si­bi­li­tät und das dar­aus ent­ste­hende Ver­hal­ten ihrer Mit­men­schen nicht als Rück­sichts­lo­sig­keit oder gar als Bos­heit zu inter­pre­tie­ren. Stark unter­schied­li­che Wahr­neh­mun­gen und Bedürf­nisse erschwe­ren das gegen­sei­tige Ver­ständ­nis und das Zusam­men­le­ben. Doch diese Unter­schiede kön­nen zu einer Berei­che­rung wer­den, näm­lich dann, wenn man sich gegen­sei­tig ver­ste­hen und wert­schät­zen kann.

Trotz Ihrer sehr dün­nen Haut ist es gerade für Sie wich­tig, sich in kein Schne­cken­haus zu ver­krie­chen. Arbei­ten Sie daran, Wege und Mög­lich­kei­ten zu fin­den, um in einer Ihnen ange­neh­men Weise Kon­takt mit den Men­schen und der Welt zu hal­ten. Die Welt braucht Sie und Ihre Emp­find­sam­keit ganz drin­gend. Sie sind eine Bereicherung.

Mög­li­cher­weise haben Sie – wie sehr viele hoch- und hyper­sen­si­ble Men­schen – spe­zi­elle Schwie­rig­kei­ten, sich abzu­gren­zen. Die Abgren­zung, das Nein-Sagen und das Behar­ren auf den eige­nen Bedürf­nis­sen fal­len sehr schwer. Das führt zu unan­ge­neh­men Situa­tio­nen, zu Über­for­de­rung und schließ­lich oft zu Erschöp­fung. Oft bleibt hoch­sen­si­blen Men­schen zuletzt nichts ande­res übrig, als sich völ­lig zurück zu zie­hen und/oder krank zu werden.

https://www.zartbesaitet.net/

11-07-2022 i DO like mondays

Spä­ter Nach­mit­tag. Die Bal­kon­tür steht offen, mil­des Son­nen­licht bricht durch die satt­grü­nen Blät­ter der Pla­tane, leise Geräu­sche von drau­ßen: Kin­der­rufe, Fahr­rad­klin­geln, Wür­fel in einem Becher bei dem Päär­chen vom Bal­kon im Haus nebenan. (Sie sind in mei­nem Alter, viel­leicht etwas jün­ger, und sit­zen an jedem Schön­wet­ter­tag nach­mit­tags ein, zwei Stun­den drau­ßen. Nach über 20 Jah­ren Nach­bar­schaft fin­gen wir im letz­ten Som­mer an, uns freund­lich zuz­u­ni­cken, wenn wir uns sehen.)
Vor­sich­tige Bli­cke aus dem Schneckenhaus.

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Ich mag Mon­tage. Sie bedeu­ten, dass wie­der eine Woche hin­ter mir liegt, die ich (irgend­wie) über­stan­den habe. Alles ist frisch und neu, alles kann sein, alles ist mög­lich. Wie jeder Mor­gen, an dem ein neuer Tag mit neuen Chan­cen beginnt, nur in groß.
Vor allem aber sind Mon­tage so viel lei­ser als alle ande­ren Wochen­tage. Die meis­ten Men­schen sind bei ihrer Arbeit und nicht drau­ßen unter­wegs. Es ist viel weni­ger Ver­kehr auf den Stra­ßen. Und zwei der vie­len Restau­rants haben Ruhe­tag, darum müs­sen die Gäste in den ande­ren Knei­pen auch weni­ger laut brül­len.
Mon­tage sind wirk­lich gut.

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Ich hab immer noch ein paar Dinge im Kopf, mit denen ich mich beschäf­ti­gen könnte, jetzt wo Igor sich nach knapp zwei Wochen Bela­ge­rung end­lich wie­der Rich­tung Körb­chen auf­macht. Die­ses sinn­lose In-den-Tag-leben bekommt mir nicht, da fühle ich mich schnell selbst völ­lig sinn­los und über­flüs­sig. Ich brau­che etwas zu tun - ich brau­che einen Grund, über­haupt auf­zu­ste­hen. Und wenn der nicht von außen kommt, muss ich ihn eben wie­der selbst machen, auch wenn es manch­mal unend­lich müh­sam ist.
Mor­gen treffe ich mich mit A. (mei­ner “Spon­so­rin”) in Plan­ten & Blo­men zum Gehen, Sit­zen, Zeich­nen, Foto­gra­fie­ren, Schnacken. Das passt genau, denn alle Fotos aus den letz­ten Wochen sind ver­ar­bei­tet und ich brau­che drin­gend Nach­schub. Außer­dem will ich neue Post­kar­ten dar­aus machen - viel­leicht mal nicht nur digi­tal, son­dern irgend­wann auch dru­cken las­sen, ein­zeln oder als Kalen­der. Im Moment fehlt es am Geld für den Druck, aber das muss ja nicht sofort sein.
Mein eige­nes Logo (das ich u.a. auch für die Kar­ten brau­chen kann) liegt immer noch halb fer­tig im Ord­ner und war­tet auf eine zün­dende Idee. Letz­tens fiel mir ein, ich könnte mir ja eines der Wanna-Do’s von der Toch­ter neh­men — oder sie ein­fach gleich für mich zeich­nen las­sen. Jeden­falls will ich das wirk­lich gerne mal fer­tig haben.

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Auf dem heu­ti­gen Plan steht die übli­che Ergo­me­ter­tour, aber ich pro­kras­ti­niere das noch etwas und koche mir einen klei­nen Espresso mit dem neuen “Maschin­chen”. Nach ewi­gen Zei­ten des Ver­mis­sens hab ich mir neu­lich end­lich mal wie­der so eine kleine sil­berne Kanne gekauft, für den schnel­len Kaf­fee zwi­schen­durch oder am Abend. Dazu den ech­ten Espresso von Lavazza, den ganz fein gemah­le­nen, wäh­rend ich sonst ja die gan­zen Boh­nen kaufe, aber der passt da ein­fach bes­ser und ja, ich schiebe die Rad­fahr­pflicht ganz schön vor mir her, wäh­rend ich hier tippe, was mir so grade in den Sinn kommt.

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Kurios:
Vor eini­ger Zeit hab ich zufäl­lig bemerkt, dass sich, wenn ich auf der Seite liege, mein Ohr­läpp­chen nach innen umklappt. Ich fand schon immer, dass es bescheu­ert aus­sieht, aber seit­dem guck ich da stän­dig hin im Spie­gel und es stört echt. Ich klappe es darum jetzt immer wie­der zurück, sobald ich liege, aber ich fürchte, meine rest­li­che Zeit wird nicht rei­chen, bis es wie­der nor­mal aus­sieht. Ich werde damit leben müssen.

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Link des Tages:
“Eine Gruppe von 30 Men­schen kann in 3 Stun­den einen nen­nens­wer­ten Unter­schied machen, das kann man so fest­hal­ten. Wenn Sie jetzt also mit drei­ßig Men­schen bei Ihnen vor der Haus­tür anfan­gen wür­den - gleich würde es dort bes­ser aus­se­hen, das gehört auch dazu. Warum machen Sie es dann nicht, warum machen wir alle es nicht, es ist doch not­wen­dig?”
“Der Mensch an sich hat einige Eigen­schaf­ten, die sind gar nicht so unsym­pa­thisch. Er hat nur dum­mer­weise auch noch andere, die sich viel leich­ter beob­ach­ten las­sen.“
Maxi­mi­lian Bud­den­bohm über Gemein­schafts­ar­beit, die auch ohne Anführer:in funktioniert.

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Der Espresso ist aus­ge­trun­ken und ich will end­lich unter die Dusche, was ich aber erst “darf”, wenn ich meine 20 Minu­ten Trai­ning geschafft habe. Also los. 

PS: 24 Minu­ten, 10 km, SchweineHundÜber­win­dungsLevel 8/10

29-06-2022 Essen: Nahrung und Trost

Lau­rie, die fünf­und­drei­ßig­jäh­rige Che­fin einer Bostoner Hypo­the­ken­firma, hebt die Hand. »Ich hab kei­nen Hun­ger, aber ich hätte gern wel­chen. Ich will auf jeden Fall essen.«
»Warum?«, frage ich.
»Weil das Essen gut aus­sieht, und weil es hier direkt vor mir steht. Es ist der beste See­len­trös­ter, den es gibt. Was ist falsch daran, wenn man sich vom Essen wünscht, dass es einen trös­tet?«
»Über­haupt nichts«, erwi­dere ich. »Essen ist gut, und Trost ist gut. Aber wenn du kei­nen Hun­ger hast und Bal­sam für die Seele brauchst, lin­dert Essen den Schmerz nur vor­über­ge­hend. Warum gehst du das Unbe­ha­gen nicht direkt an?«
»Es ist zu schwie­rig, die Dinge direkt anzu­ge­hen, es tut zu weh, und der Schmerz wird nie ganz ver­schwin­den. Und wenn es sowieso end­los weh­tun wird, habe ich wenigs­tens das Essen«, erwi­dert sie.
»Du meinst also, das Beste, was du vom Leben bekom­men kannst, ist kalte Gemü­se­suppe?«
Als sie wei­ter­spricht, bebt ihre Stimme. »Es ist der ein­zig wirk­li­che Trost, den ich habe, und ich werde nicht auf ihn ver­zich­ten.«
Eine Träne läuft über ihre rechte Wange, bleibt an ihrer Ober­lippe hän­gen. Zustim­men­des Kopf­ni­cken. Eine Woge von Gemur­mel läuft durch den Kreis.

aus Geneen Roth: Essen ist nicht das Problem

Ich hab die­ses Buch schon seit ein paar Jah­ren lie­gen, bin aber nie wirk­lich über das Vor­wort - aus dem der oben zitierte Abschnitt stammt - hin­aus gekom­men. Zu groß ist die Angst, mich mit dem Thema Essen zu beschäf­ti­gen, denn es hat mit Liebe und Ver­lust, Ver­nach­läs­si­gung und dem gro­ßen Gefühl des Unge­liebt-Seins zu tun.
Den­noch sind zwei Sätze aus dem Zitat ganz fest in mei­nem Kopf hän­gen geblie­ben und jedes Mal, wenn ich an sie denke oder sie lese, hab ich die­sen Kloß im Hals. Weil sie so ver­dammt zutref­fen. Weil sie haar­ge­nau beschrei­ben, wie es mir ging damals. Damals: als ich anfing, mich mit Essen zu trösten.

“Wenn es sowieso end­los weh­tun wird, habe ich wenigs­tens das Essen. […] Es ist der ein­zig wirk­li­che Trost, den ich habe.”

Ich will das alles so gerne auf­ar­bei­ten und irgend­wann über­win­den und hin­ter mir las­sen. Mor­gen ist die monat­li­che The­ra­pie­stunde und ich werde anfan­gen, dar­über zu reden. Und viel­leicht kann ich dann auch hier dar­über schreiben.

24-06-2022 Still hier [here]

(Mit­ten rein. Nicht nach­den­ken, schon gar nicht recht­fer­ti­gen, vor nie­man­dem. Es ist, wie es ist, und manch­mal ist es auch nicht. So einfach.)

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Je weni­ger ich rede, desto mehr ver­stumme ich. Je mehr ich ver­stumme, desto ein­sa­mer bin ich. Je ein­sa­mer ich bin, desto weni­ger rede ich.

Ja, es ist still hier im Moment. But I’m still here.

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Ins­ge­samt und so von oben gese­hen, geht es mir nicht schlecht in den letz­ten Wochen. Ich hatte sehr net­ten Wochen­end­be­such vom Lieb­lings­nef­fen, war das erste Mal seit Corona wie­der in einem Restau­rant, traf mich mit mei­ner “Spon­so­rin” im Café auf Enten­wer­der, hab mei­nen Bal­kon schön gemacht, fahre mit dem 9-Euro-Ticket zu schö­nen Orten in Ham­burg, gehe so oft wie mög­lich zur Mitt­wochs­gruppe, schreibe fast jeden Tag mit Freun­din D., trai­niere fast regel­mä­ßig auf dem neuen Ergo­me­ter und ver­su­che wei­ter­hin, mich irgend­wie mit die­sem Rent­ner­da­sein anzu­freun­den. Man­che Tage sind müh­sa­mer als andere und müs­sen eben über­lebt wer­den, aber von Igor sehe und höre ich nur sel­ten was.
Trotz­dem fehlt so viel zu einem zufrie­de­nen Leben. Moti­va­tion, Kon­zen­tra­tion, Aus­dauer, rich­tige Auf­ga­ben, aber vor allem Lei­den­schaft. Die Ideen sind da, aber nur im Kopf: sie wol­len nicht in die Tat. Ich fange vie­les an und lege es schnell wie­der weg, weil das oben auf­ge­zählte nicht da ist. Das macht alles anstren­gend, frus­trie­rend, lang­wie­rig und ermü­det schnell, was dann natür­lich auch wie­der aus­bremst.
Ich seh die Tür nicht, die aus dem Kreis­lauf raus führt.

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Seit eini­ger Zeit immer wie­der der Gedanke: ich bin jetzt so alt, wie meine Mut­ter war, als sie die Schlag­an­fälle hatte, die 3 Monate spä­ter zu ihrem Tod führ­ten.
Wie ging es ihr, wie hat sie sich gefühlt? War sie zufrie­den, was hatte sie für Pläne, wie jung oder alt hat sie sich emp­fun­den - kör­per­lich, aber vor allem geis­tig und see­lisch? Wir haben so viel Ähn­lich­keit in so vie­len Din­gen und ich kann mir beim bes­ten Wil­len nicht vor­stel­len, jetzt schon zu ster­ben. Ja, das macht mir Angst. Was kann, was muss ich anders machen als sie?

***

Nach­dem ich die Spende für den Ergo­me­ter bean­tragt habe und das Ding jetzt wirk­lich bei mir steht, sind die The­men Gewicht und Ernäh­rung wie­der ganz vor­nean. Ich würde gerne noch­mal The­ra­pie dazu machen, wie­der von vorne, aber dies­mal den Focus anders set­zen. Warum hab ich ange­fan­gen, zu viel zu essen? Was bedeu­tete Essen in der Kind­heit und spä­ter, nach­dem M. mich ver­las­sen hat? Was hat Essen mit Für­sorge, näh­ren und wach­sen zu tun und was mit Strafe, Rück­zug, Schutz und unsicht­bar machen?
Das Thema ist zu groß für mich alleine.

***

Aber Fotos. Fotos machen geht.

11-05-2022 Wie Blei

Wenn ich nur wüßte, woher sie kommt. Diese Müdig­keit, die wirk­lich - ich muss das Sprich­wort gar nicht neu erfin­den - wie Blei über mir liegt. Die hin­ter den Augen beginnt und sie zudrückt, die dann wei­ter wan­dert über die Ohren und den Hin­ter­kopf, auf die Schul­tern, den Rücken hin­un­ter, mich wie in einen dunk­len Man­tel ein­hüllt. Die jeg­li­che Kon­zen­tra­tion ver­hin­dert und nur ins Bett will und schla­fen, als hätte ich das nicht in der Nacht getan. Diese Müdig­keit, die mich dazu bringt, zuhause zu blei­ben, anstatt in die Mitt­wochs­gruppe zu gehen, die mir eigent­lich Kraft gibt. Die nicht wie Igor ist, ihn aber gerne aus der Ecke holt und dann noch schlim­mer wird.

Wenn ich wüßte, woher diese elende Müdig­keit kommt, ich könnte viel­leicht was dage­gen unternehmen.

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