Handlungseinleitendes “So”.
Handlungsabschließendes “Es ist, wie es ist”.
Und dazwischen?
Eine scheiss anstrengende Zeit, so lang, dass ich nicht mehr sagen kann, ob das jetzt immer noch nur Bodenwellen sind oder doch schon eine ausgewachsene depressive Episode. In der ich mich frage, ob es mir besser geht, weil ich gestern nur dreimal geweint hab und ob es wieder schlechter ist, weil ich heute gar nichts spüre. In der mein Körper mich nicht aufstehen, grade stehen, irgendwas machen und erst recht nicht raus gehen lässt, obwohl ich weiß, dass das alles mir gut täte. Eine Zeit, in der statt dessen und umso mehr die Gedanken sich permanent im Kopf drehen und mein eines Ich mit dem anderen streitet und kämpft und niemand gewinnen kann.
Eine Zeit, so mühsam und kraftzehrend wie ein Triathlon, nur dass die Disziplinen hier Trauer, Schmerz, Wut, Scham, Angst heißen. Und jedes Mal will der Weg von vorne gegangen werden, als würde ich ihn nicht bereits in- und auswendig kennen. Als hätte ich nicht längst schon tausendmal die Meisterschaft gewonnen.
In so einer Zeit nehmen dann auch wieder die alten Stimmen in meinem Kopf überhand. Die, die mich be- und verurteilen, die mir vorschreiben wollen, was richtig ist und was “man” tut oder nicht tun darf und wie es sein soll und was das Beste sei für mich.
Stell dich doch nicht so an. Lass die Vergangenheit endlich hinter dir und guck nach vorne. Irgendwann muss es doch auch mal gut sein mit der Trauer. Du kannst dein Leben nunmal nicht zurück drehen und von vorne anfangen. Hätte, hätte und wenn, dann nützt doch jetzt auch nichts mehr. Akzeptiere endlich, was du hast und wie es ist.
Also sortiere ich innerlich aus. Trauer weg, Vergangenheit weg, Verletzungen weg, Sehnsüchte und Bedauern weg. Alles weg packen, was mich am Leben hindert. Und damit es sich besser anfühlt, baue ich in mir einen Ort für all das, mach ihn schön, pflanze Blumen drum herum, setze einen Zaun und suche ein Schloß, damit es wirklich sicher ist. (Sicher vor was, vor wem? Vor mir?)
Aber es funktioniert nicht, es geht nicht weg, es lässt sich nicht trennen von mir. Es ist doch Teil von mir! Ich bin doch geworden, wer ich heute bin, weil es genau diese Vergangenheit gab - wie soll ich sie denn einfach los lassen und nicht mehr sehen wollen? Diese ganzen Gefühle gehören doch zu mir, machen mich aus, die gehen nicht weg nur weil einige davon weh tun und traurig machen, die sind doch genauso real und haben ein Recht auf ihr Dasein wie die guten Gefühle. Sie von mir zu trennen fühlt sich an, als würde die Hälfte von mir fehlen und als würde ich eines großen Teils meiner Kraft beraubt. Ohne Schmerzen zu fühlen, Trauer zu empfinden, Unrecht zu sehen und Wut zu spüren kann ich auch nicht lieben und mich von Herzen freuen und die Schönheit der Welt sehen. Ohne das bin ich leer, nur noch funktionierende, rationale Hülle - und so bin ich nicht.
Meine Fähigkeit zu fühlen ist meine Stärke, meine Kraft, meine Energie. Und wenn das bedeutet, dass es immer wieder Phasen gibt, in denen ich um Vergangenes trauere, dann ist das so. Dann tut es eben eine Zeitlang weh. Dann weine ich eben und sitze im Dunkel und kümmere mich nicht um das Draußen. Dann lege ich Pläne auf Eis und sorge mich nur um mich und mache das, was zum Überleben reicht, damit ich danach wieder aufstehen und in kleinen Schritten in meinem Tempo weitergehen kann. Dann ist das eben so.
Wieder geht es also um die radikale Akzeptanz meiner selbst. Ich bin, wie ich bin. Niemand hat das Recht, über mich zu bestimmen und etwas zu fordern, das ich nicht geben kann. Uralte Glaubenssätze, die nicht meine eigenen sind und mich zu etwas zwingen, was ich nicht leisten kann, darf ich los lassen und dafür meine Gefühle behalten und alles, was mich ausmacht. Ich bin nur mir selbst gegenüber Rechenschaft schuldig.
Es ist, wie es ist.