Vorhin in meinem Kopf der Satz: Mein Leben könnte so leicht sein, so nett und unkompliziert, wenn ich nur den Aus-Knopf für meine Gedanken und Gefühle finden würde.
Es läuft doch eigentlich ganz gut. Ich hab eine gute Wohnung in einem guten Haus mit guten Nachbar*innen in guter Lage in einer grünen Stadt mit vielen schönen Ecken. Ich bin offiziell vom arbeiten müssen befreit und damit auch von der so lange gefühlten Beweislast, dass ich in dieser Gesellschaft einen Wert habe. Ich habe ausreichend viel Geld, dass es zum Über-leben reicht. Ich bin mit meinen Krankheiten noch nicht so sehr eingeschränkt, als dass ich nichts mehr machen könnte. Ich habe Interessen, kann mich beschäftigen, sehe die guten kleinen Dinge, bin eigentlich genauso gerne unterwegs wie allein zuhause. Ich habe eine Handvoll Menschen um mich herum, die mich mögen und die ich mag, zu denen ich mich zugehörig fühle. Ich habe eine wunderbare Familie. Ich habe viel Schönes erlebt und darum viele gute Erinnerungen an Situationen, Begegnungen, Reisen, die mich glücklich machen. Ich habe Musik im Herzen meiner Seele und genug Phantasie für Träume. Ich habe unendlich viel über mich gelernt, bin reflektiert, sehe Zusammenhänge, ich weiß wer und wie ich bin. Ich könnte zufrieden sein.
Wenn da nur nicht immer die Zweifel wären. Wenn da nur nicht all die Traurigkeit wäre und die Unfähigkeit, die Vergangenheit los und die Wunden heilen zu lassen. Wenn da nur nicht die Einsamkeit wäre und diese verdammte Sehnsucht nach der anderen Hälfte, deren Fehlen mich so unvollständig fühlen lässt und mich in der Dunkelheit manchmal schier zerreißt. Wenn da nur nicht die Ahnung wäre, wie anders, besser mein Leben gewesen wäre auf dem anderen Weg. Da hilft auch kein Wissen, dass ich es ja nicht wissen kann: ich weiß es dennoch.
Ich weiß auch, dass ich dieses Wissen weg schieben muss, damit ich das, was jetzt da ist, in Frieden leben kann. Weil es so schlecht ja nicht ist, was ich da oben geschrieben habe. Weil das doch eigentlich gut ausreicht für ein gutes Leben. Eigentlich. Ich weiß nur nicht, wie das mit dem Vergessen geht. Wie ich los lassen soll, was doch zu mir gehört. Wie ich Träume aufgeben kann, auch wenn schon keine Hoffnung mehr da ist.
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Vor einiger Zeit hab ich auf Instagram Beiträge von einem jungen Mann gefunden, der mit Depression kämpft. Er hat dazu kurze Reels gemacht, in denen er zwei Personen darstellt, die sich unterhalten: Einer, der immer wieder nach dem Warum fragt (warum geht das nicht? warum kannst du etwas nicht? warum denkst du, dass etwas nicht geht? warum denkst du, dass du nicht gut genug bist? etc.), der aber auch “gute” Ratschläge gibt im Sinne von “du musst doch einfach nur …”. Der Andere versucht zu erklären, was so schwer ist, warum er sich so fühlt, warum etwas nicht geht oder er denkt, dass es nicht geht. Und dass nichts “einfach” ist.
Aber er bleibt nicht stehen an dieser Stelle. Weil Dinge getan werden müssen. Weil die Depression uns belügt. Weil er trotzdem weiter gehen will. Und dann findet er den seinen Weg: nicht einfach, sondern trotzdem machen. Auch wenn es nicht immer klappt.
Ich mag diesen Gedanken, diese Änderung der Haltung. Versuche es immer wieder bei kleinen Dingen, motiviere mich, auch im Depri-Loch alltägliche Aufgaben zu erledigen.
Denn Trotz, das kann ich gut, das hab ich ja schon in früher Kindheit gelernt. Das kann ich heute noch, wenn etwas ungerecht ist, wenn ich tun soll, was ich nicht will, wenn sich etwas falsch anfühlt. Nur dass ich in diesem Fall mir selbst gegenüber trotzig sein muss und das kenn ich bisher hauptsächlich mit negativer Wirkung. Kann ich das umdrehen? Nicht trotzig gegen etwas sein, sondern für mich? Bei der Depression schaff ich es ja: nicht aufzugeben, auch wenn es immer wieder dunkel wird. Da ist es kein Trotz, sondern ein Trotzdem.
(Beim Schreiben fällt mir auf, dass es da für mich wohl einen gefühlten Unterschied gibt. “Trotz” ist hart, hat mit Kampf zu tun, mit Widerstand und Unverständnis. “Trotzdem” ist weicher, versöhnlicher, vorwärts gerichtet. Da mal weiter drüber nachdenken.)
Also:
Trotzdem leben, auch wenn ein Teil fehlt.
Trotzdem weiter gehen, auch wenn es schwer ist.
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(Aber wenigstens ist mein Blog wieder da nach zwei Wochen Ausfall durch den erzwungenen Wechsel des Hosters.)
