Dialog im Inneren

Ohne dass es mir wirklich bewußt wäre, führe ich den Tag über oft Gespräche mit einem imaginären Gegenüber. Nur in Gedanken, nicht laut, obwohl ich das ja könnte, schließlich lebe ich alleine und es ist keiner da, der mir zuhören könnte außer Igor, und die imaginären Personen, nun, die reden ja auch nur imaginär.

Jedenfalls rede ich eigentlich den ganzen wachen Tag. Allerdings, das ist mir vor kurzem mal wieder bewußt geworden, sind es sehr oft Streitgespräche, in denen ich mich gegen andere (echte oder imaginäre) Meinungen verteidige. Und das ist der eigentliche erwähnenswerte Punkt, der mich zu der Frage bingt:

Bin ich wirklich so zutiefst unsicher, dass ich mich permanent angegriffen fühle? Und vor allem: warum? Denn eigentlich bin ich doch überzeugt – nein, nicht von mir als Person, aber doch von meinen Ansichten, meiner Sichtweise und meiner Meinung.

Ich glaube daran (wenn Igor nicht zuhört und dazwischenfunkt), dass, wenn ich etwas tue, ich es durchdacht und richtig mache. Dass ich ein gutes Gefühl für optische und akustische Schönheit habe. Ich glaube, dass mein Gespür für andere Menschen und deren Gefühle stark und richtig ist. Ich glaube daran, dass meine politischen Überzeugungen richtig sind. Dass ich die richtige Seite vertrete, wenn ich für Toleranz, Gleichberechtigung, Achtsamkeit und Miteinander eintrete. Ich bin überzeugt, dass meine Bemühungen, Depression und andere psychische Krankheiten in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, sinnvoll und gut sind.

Und eigentlich bekomme ich zu all diesen Themen nichts oder nur selten Gegenteiliges zu hören. Das, was ich mir da in diesen imaginären Gesprächen ausmale, findet so gut wie nie statt. (Wenn doch, dann schmeißt es mich allerdings völlig aus der Bahn. Aber das ist ein anderes Thema.)

Sind es dann also meine inneren Kritiker*innen, mit denen ich da rede? Soll es mir womöglich helfen, Sicherheit zu finden? Oder liegt es doch daran, dass ich immer das Schlimmste erwarte?

(Amtliche Briefumschläge im Postkasten lassen meinen Herzschlag aussetzen, owohl es in mindestens der Hälfte der Fälle irgendeine Scheißwerbung ist. Aber ich erwarte immer böse Nachrichten á la „Hier ist eine Rechnung in Höhe von unbezahlbar offen“ oder „Sie haben das und das falsch gemacht, begeben Sie sich sofort ins Gefängnis und gehen Sie nicht über Los“. Oder aktuell „Wir haben festgestellt, dass Sie simulieren, Sie bekommen kein Geld mehr und müssen sofort in Ihren alten Job zurück“.
Oder: von den lieben Bekannten, denen ich grade bei einem Projekt helfe, kommt eine Mail und ich denke sofort, dass ich was falsch gemacht habe und sie jetzt total sauer sind und nie wieder auch nur irgendein Wort mit mir sprechen werden. Das trifft natürlich nicht zu, weil ich nichts falsch gemacht hab und C.&N. wirklich unglaublich liebe Menschen sind und ich alles richtig gemacht habe, aber ich erwarte es.

Oder: mein Telefon klingelt, das kann nichts Gutes bedeuten.
Nur drei aktuelle Beispiele, wie das aussieht.)

Das sind die Auswirkungen, wenn Eltern mit ihrem Kind nicht über das sprechen, was es gut gemacht, sondern nur für das bestrafen, was es in ihren Augen falsch gemacht hat. Das sind die Auswirkungen, wenn ein Kind mit einem jähzornigen, gewalttätigen Vater aufwächst, bei dem es einfach immer auf das Schlimmste gefasst sein muss. Dass einem das das Leben zur ständigen Belastungsprobe macht, hat damals keinen interessiert.
(Dass das ein Leben lang nachwirkt, hätte ja auch keiner ahnen können… Aber das ist ein neues Streitgespräch.)

Ich habe noch keine wirkliche Antwort auf die Frage, wie ich diese Unsicherheit und Angst endlich los werde, aber vielleicht ist es ein erster Schritt, dass ich mir dessen bewußt werde, wenn ich mal wieder mit mir selbst rede.

Positives sehen

Oft ist die Tatsache, dass ich nach längerem Schweigen wieder Worte finde und sie auch aufschreiben kann, ein Hinweis darauf, dass ich auf dem Weg aus dem Loch heraus bin. Wenn ich also Glück habe, war das gestern der Tiefpunkt. Falls doch noch nicht, sitze ich wenigstens frisch geduscht da unten.

Abwärts

Psychisch anstrengende Wochen liegen hinter mir. Ich habe äußerst unangenehme finanzielle Dinge erwachsen geregelt. Mich neuen Situationen und Menschen gestellt. Ausgehalten, dass mich etwas sehr wütend und etwas anderes sehr traurig gemacht hat. Von mir aus eine Verabredung getroffen und sie eingehalten. Bin jeden Tag aufgestanden und habe Dinge gemacht, bis ich wieder ins Bett gehen konnte.

Wie so ein erwachsener Mensch, der ein Leben hat.

Und jetzt ist die kaputte Batterie wieder leer. Seit ein paar Tagen schau ich mir selbst wiedermal zu, wie ich abrutsche. Langsam und stetig ins dunkle Loch verschwinde. Möchte nicht aufstehen, wozu auch. Der mit Hoffnung und Mut geschriebene Wochenplan: Blödsinn. (Wie konnte ich glauben, dass ich sowas alleine durchziehen könnte?) Kommunikation ist so anstrengend. Farben suchen im Schwarz oder Weiß sinnlos. Habe Hunger, aber mir ist so schlecht vom Essen. Meine Haare tun weh. Alles tut weh. Ich möchte weinen und kann nicht, bin innerlich trocken wie Schleifpapier. In anderen Momenten möchte ich schreien und toben und wütend sein, aber es ist zu anstrengend.

Ich lerne, es zu akzeptieren.


P.S., hauptsächlich für Familienmitglieder:
Das ist eine Momentaufnahme. Es geht auch wieder vorbei.
Seit Jahren kenne ich es schon, dass ich nach solchen anstrengenden Zeiten innerlich völlig leer bin und dann zulasse, dass Igor sich diesen Raum nimmt. Natürlich ist das nicht schön. Aber ich kann ruhig bleiben dabei und zusehen, weil ich inzwischen weiß, dass es vorbei geht. Ich mag diesen Zustand nicht, aber ich kann ihn nicht ändern. Ja, ich habe genug Skills zur Verfügung, ich weiß, was ich tun könnte, ich brauche keine neuen Ideen. Nein, es hilft wirklich nichts. Ich geh da durch, ich halte aus, ich atme weiter, bis ich unten bin, denn unten zu sein heißt auch, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Erst dann kann ich den Weg nach oben suchen. Erst dann kann ich wieder Wörter schreiben und achtsam sein und mich akzeptieren und wieder Farben suchen im Schwarzweiß.

Ich ahne, dass Außenstehende das befremdlich finden oder sich Sorgen machen. Aber ich brauche und will diese Sorgen nicht, grade in diesem Zustand nicht. Genau dann kann ich damit nämlich erst recht nicht umgehen, weil ich wirklich genug damit zu tun habe, einfach nur zu atmen.
Wer etwas tun will, setzt sich (in Gedanken und / oder Worten) still neben mich und redet über banale Dinge oder schweigt und strickt dabei Socken. Sonst nichts. (Danke, D.! <3)

Es geht wieder vorbei.

Und draußen wartet das Leben

Ich bin schon wieder so müde, so unfassbar müde und energielos. Die Tage sind zerbrechliche Konstrukte: funktionsfähig bis gut, wenn alles nach Plan läuft, aber sofort aus den Fugen, sobald etwas außerplanmäßiges von außen kommt. Eine Sache kann ich dann meistens doch irgendwie händeln, wenn ich den Panikmoment hinter mir habe – sobald es zwei oder mehr Dinge sind, um die ich mich kümmern muss, möchte ich mich nur noch verkriechen.

Das Blöde am Alleinsein ist, dass ich auch alles alleine machen musst, ob ich es kann oder nicht. Und dieses blöde Leben nimmt darauf keine Rücksicht. Es klopft einfach an die Haustür meines Ichs, verlangt Aufmerksamkeit, geht nicht von alleine wieder weg. Es wartet draußen, ich kann es sehen durch die Ritzen in den Brettern, mit denen ich das Fenster zugenagelt habe, damit mich drinnen keiner sieht.

Aber mit dieser eingeschränkten Sicht sehe ich eben auch nicht das ganze Draußen. Ich weiß nicht, ob das Problem bärengroß ist oder doch nur käferklein. Ich weiß nicht, ob noch was hinterher kommt oder ob das eine schon alles ist. Ich weiß auch nicht, ob es da draußen nicht doch irgendwo Hilfe für mich gibt.
Weil ich seit frühester Kindheit gelernt habe, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, reagiere ich entsprechend. Vor lauter Angst ist alles übergroß und mächtig und ich bin nur ein kleines Kind, das sich nicht wehren kann und auch gar nicht wüßte, wie.

Und während das Leben schon ganz behutsam die Haustür zu meinem Ich aufmacht und mich einlädt, mit ihm zusammen das Draußen anzuschauen, bin ich nur damit beschäftigt, die ollen Bretter vor den Fenstern abzureißen und wieder dran zu nageln und abzureißen und dran zu nageln und kann gar nicht sehen, was da draußen eigentlich wartet.

Der Plan für morgen sieht nach der heutigen Therapiestunde also vor, dass ich mein ängstliches kleines Kind an die Hand nehme, mit ihr zusammen zu der Stelle fahre, an der das aktuelle Problem angegangen werden muss und ihr (und mir) damit zeige, wie wir etwas auf erwachsene Art lösen können. Damit sie es lernt und ich vielleicht irgendwann meine Panik und meine negativen Erwartungen ablegen kann.

Gute gedankliche Begleitung nehm ich gerne an…

In Bewegung | Wochenrückblick

Die erste Woche mit den neuen Gewohnheiten ist vorbei, mehr oder weniger erfolgreich.

Definitiv gut ist das regelmäßige Aufstehen zur ziemlich gleichen Uhrzeit und das Meditieren direkt danach. Im Moment nutze ich die Handy-App „7 Minds“ und lasse mich durch den ersten Einführungskurs führen. Das ist gut, weil es Struktur gibt und weil ich jemanden brauche, der mir erzählt, was ich machen soll. Es sind kurze Übungen, jede ca. 10 Minuten, die einfach erstmal aufs Atmen und Spüren fokussieren sollen. Mir hilft das, von den morgens oft sehr unruhigen Träumen in mein waches Ich zu kommen und gelassener in den Tag zu starten.

Die Gelassenheit brauche ich vor allem an den Tagen, an denen es anschließend auf den Ergometer geht. Ich hasse dieses Ding so unsagbar. Es führt an meine Grenzen, es zeigt mir so deutlich, wie wenig ich Kämpferin bin, es malträtiert mich. Ich sitze auf dem Rad und starre auf die Kilometer- und die Zeitanzeige und fluche. Und Igor fletscht die Zähne und knurrt zurück. Es ist nur Druck, Zwang, Kampf – bis ich mein Ziel erreicht habe und sich ganz manchmal ein ganz klitzekleines Gefühl von Macht, von Stolz, von Gewinn zeigt.
In Malente hab ich in der Gruppe die 10 km geschafft und mich gut gefühlt dabei. Da will ich wieder hin. Heute waren es immerhin schon wieder 5 km.

Das ist der Tagesanfang – alles danach läuft noch nicht, wie ich es mir so schön vorgestellt hatte. Ich verschiebe die geplante Arbeit noch viel zu sehr hin und her, lasse andere Dinge dazwischen kommen (auch wenn sie, so wie der Brief und die Blumenorganisation zu K.s Beerdigung, wichtig sind) oder bin so müde, dass ich lieber schlafe als zu arbeiten. Den Donnerstag als Therapietag frei zu halten ist auf jeden Fall wichtig und gut, wenn es sich dann aber über den Freitag hinzieht, werd ich unzufrieden und grantig und mach dann aber erst recht nichts. Daran muss ich arbeiten, wenn ich wieder wenigstens ein kleines Stück zurück in ein Berufsleben will.

Nein, Kämpferin bin ich nicht. Auch Geduld, Beharrlichkeit und Ausdauer waren eigentlich nie so meins nur dann vorhanden, wenn mich etwas wirklich interessiert hat. Ab hier wird es wieder kompliziert: klar will ich das schaffen mit dem Wochenplan, dem Rythmus, den Aufgaben. Aber will ich es genug, um über die Hürden weg zu kommen, die dazwischen liegen? Was mache ich in den Flauten, wenn es nicht läuft, wenn ich den Willen verliere? Ich kenne mich, ich weiß, dass diese Phasen kommen. Wie kann ich mich ohne Kampfgeist motivieren?

Meine Therapeutin sagt: das ist schön, da kommt etwas in Bewegung. Und mein erster Reflex ist – obwohl ich es mir selbst ausgesucht habe! – mich unter der Decke verstecken zu wollen. Wie kann das sein?

Warum kann ich das Gute nicht zulassen?

Neustart

Ab heute starte ich eine neue Challenge: Regelmäßigkeit in meinen Alltag bringen.

Ich werde versuchen – nein: ich werde! an Wochentagen feste Aufgaben zu festen Zeiten erledigen. Ins Bett gehen, aufstehen, essen, arbeiten, den Ergometer malträtieren… sowas eben. Es entspricht überhaupt nicht meinem Naturell und ich werde mich zeitweise vermutlich abgrundtief dafür hassen, dass ich mir sowas vorgenommen habe – aber ich weiß aus allen Klinikzeiten, dass es gut tut.

Es gibt also einen Wochenplan (mit der „Arbeit“, den zu schreiben, lassen sich andere Aufgaben übrigens hervorragend prokrastinieren und es entsteht ein wohlig-warmes Gefühl von „ich hab was getan!“), der auf meine Bedürfnisse und Möglichkeiten abgestimmt ist, der aber auch Herausforderungen beinhaltet.
Morgenkaffee und Morgenmeditation sollen festes Ritual werden, um ruhig und positiv gestimmt den Tag zu beginnen. Sport ist fest eingeplant, aber es wird kein Rad-Marathon von 0 auf 100, sondern ein sanfter Wiedereinstieg. Der Donnerstag als Therapietag bleibt – abgesehen vom Morgenritual – mein freier Tag, weil ich nie weiß, wie es mir danach geht.
Feste Arbeitszeiten sollen mir helfen, Konzentration und Ausdauer wieder zu lernen. Die Arbeit soll bewirken, dass ich mein Selbstwertgefühl wieder rauskrame und neu aufbaue und dass ich nicht aus der Übung komme.

In der Gemeinschaft in Malente war es nach einer kurzen Eingewöhnungszeit relativ leicht, mich an den festen Plan zu halten – ob ich das auch alleine schaffe?

Memento mori

Bedenke, dass wir sterblich sind. Wenn du zu lange brauchst, um eine Entscheidung zu treffen, kann es sein, dass das Leben dir die Entscheidung abnimmt.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie von meinen Pateneltern P. & K. erzählt, die in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich habe sie geliebt, geachtet und gefürchtet. Sie waren streng wie meine eigenen Eltern – so streng, wie Eltern eben waren in den 1960ern – aber bei ihnen war trotzdem immer auch die Liebe zu spüren, zu ihren eigenen wie zu ihren vielen Patenkindern. Das, was ich bei meinen Eltern vermisst habe, fand ich bei ihnen, wenn ich in den Ferien zu Besuch war. Obwohl ich auch dort immer nur ein Kind unter vielen war, wurde ich gesehen und gehört.

Wenn ich an die beiden denke, kommen so viele Erinnerungen hervor. Der Geruch nach altem Haus und noch älterem, kaltem, muffigem Keller, wo die Gläser mit den eingemachten Köstlichkeiten aus dem Garten standen.
Die Holztreppe mit dem schönen Geländer, die so laut geknarzt hat, dass man sich nie unentdeckt aus dem Haus schleichen konnte.
Die Oma und die „Tante“, die auch im Haus wohnten und fast ihre ganze Lebenszeit in der Küche verbrachten, wo sie Sachen kochten und buken, von denen ich zuhause nichtmal träumen konnte. (Pfitzauf! Milchreis mit Äpfeln und Zimt als Mittagessen! Nudeln, Klöße, Fleisch mit Soße, typisch schwäbisch – selbst die Kartoffeln schmeckten.)
Himbeeren, Erdbeeren, Johannisbeeren direkt vom Strauch in den Mund. Es gibt kaum etwas köstlicheres.
Mit der ganzen großen Familie ins „Gütle“ fahren und die Obstbäume abernten. Als vollwertiges Mitglied angesehen werden und Achtung erfahren.
Meine ersten Zöpfe, die K. mir geflochten und damit auch für zuhause den verhassten Pferdeschwanz abgschafft hat.
Musik, die von überall klingt und mit Freude und Lachen verbunden ist und nicht – wie zuhause – mit Pflicht und Zwang und Ohrfeigen.
P., wenn er das Klavier stimmt und zufrieden lacht, wenn es passt.
K., die mich ganz fest in ihrem Arm hält und tröstet, wenn ich mich alleine fühle.
Und: endlich mal nicht mit den Schwestern teilen müssen. Für die beiden Söhne die große Schwester sein dürfen.

Aber auch P., der fast immer laut und grob ist, ob er lacht oder schimpft, und mir damit Angst macht. Der mir so glaubhaft erzählt, dass die Fische im Naturschwimmbad meine Zehen anknabbern, dass ich heute noch Angst habe, im See oder im Meer zu schwimmen. Bei dem dank seiner religiösen Überzeugung nicht sein kann, was nicht sein darf. Der gesehen hat, was mein Vater tat und (auch) nicht eingeschritten ist. Der ihn noch dann verteidigt und entschuldigt, als er schon wußte, was das mit uns Schwestern gemacht hat. Der nicht ernst nehmen kann, was „nur“ auf der Seele sichtbar ist. Und K., die dazu schweigt.

Als ich 2013 in der Caduceusklinik anfing, mich mit den Taten meines Vaters auseinander zu setzen, landete ich auch bei P. & K. als Teil der Vergangenheit. Irgendwann wurde mir klar, dass ich, wenn ich diese Zeit hinter mir lassen will, auch Kontakte von damals abbrechen muss, weil sie sonst immer wieder alles von neuem hervor holen.
Ich habe einmal versucht, mit P. zu reden über all das, aber nur Unverständnis oder Bibelsprüche zu hören bekommen. Das brauchte ich nicht nochmal. Die jährlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstag hat dann der Anrufbeantworter aufgenommen; ich konnte nicht mehr mit ihnen sprechen. Dennoch gibt es einen Platz in meinem Herzen, ganz tief innen, an dem sie fest verwurzelt sind.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie über die beiden gesprochen und darüber, dass ich all die Jahre immer vor hatte, ihnen einen Brief zu schreiben und das alles zu erklären. Letzen Donnerstag ist K. gestorben.

Wenn du zu lange brauchst, um etwas in die Tat umzusetzen, trifft das Leben manchmal selbst eine Entscheidung.

Alptraumnacht

Dass mir das so nachgehen würde, dass ich gleich zweimal in der Nacht aus Alpträumen aufwache, hätte ich nicht erwartet, als ich gestern „mal eben schnell“ ein paar Sätze aus meiner Kindheit bei Twitter schrieb.

#SagNieEinemKind „Sei doch nicht immer so bockig“, wenn es doch nur versucht, sich gegen die Schläge und die Übergriffe des Erzeugers zu schützen.

#SagNieEinemKind „Willst du jetzt wieder lieb sein?“, nachdem du es 2 Stunden in seinem Zimmer alleine hast weinen lassen, weil es vergeblich versucht hat, gehört zu werden und darum laut wurde.

#SagNieEinemKind „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ und stell ihr*m abends das kalte Essen wieder hin, was am Mittag schon furchtbar schmeckte (und stopf dich dann selbst voll mit Süßkram).

#SagNieEinemKind „Stell dich nicht so an“, wenn es doch nur vorsichtig um Hilfe bittet, weil es alleine mit etwas nicht klar kommt.

#SagNieEinemKind „Ich hab dich nicht mehr lieb“, weil es aus Versehen beim Spielen etwas kaputt gemacht hat.

#SagNieEinemKind „Nimm dir ein Beispiel an deinen Geschwistern“, nur weil die älter sind und schon können, was das Kleine noch nicht kann.

#SagNieEinemKind „Das schaffst du nie, du bist einfach zu dumm dafür“, nur weil es für eine Sache kein Talent oder kein Interesse hat.

#SagNieEinemKind „Mach du mir nicht auch noch Probleme“, nur weil es die ganze Scheisse in der Familie nicht mehr erträgt und darum *auffällig* wird.

#SagNieEinemKind „Du studierst xy, darüber wird nicht diskutiert“, nur weil du es nicht durftest und dein Kind jetzt stellvertretend deine Träume leben muss.

Aber da kamen sie dann angeschlichen in die Nacht, die Gestalten, die mich gegen meinen Willen fest hielten, die Feuer legten, mich aus dem Fenster warfen und mein Zuhause zerstörten.
Die Angst lag den ganzen Tag noch wie ein Tuch auf meiner Schulter.

So lange können solche Sätze nachhallen, trotz Therapie und aller Arbeit an mir selbst. Und auch wenn ich sie heute nicht mehr glaube (oder zumindest meistens glaube, dass ich das nicht mehr tu), schmeißen sie mich so geballt auf einem Haufen doch mal eben in die Ecke. Dabei sind es noch lange nicht alle Sätze…

Aber es gab kurz vor dem Schlaf auch eine plötzliche Erkenntnis zu einem Thema, das mich schon lange schwer beschäftigt, die mich hoffentlich weiter bringt. Dazu ein anderes Mal mehr.

Von alten und neuen Mustern

Ich denke, dass fast alles, was wir als Erwachsene (unbewußt) tun, auf Mustern beruht, die wir als Kinder in unserem Lebensumfeld gelernt haben. Ob wir sie Muster nennen oder Glaubenssätze oder ganz anders, ist nicht wichtig dabei.
Es sind die Erkenntnisse, die wir aus negativen und positiven Erlebnissen ziehen: „wenn das oder das passiert, verhalte ich mich am besten so und so“ oder umgedreht: „damit das oder das nicht passieren kann, verhalte ich mich so und so“. Selbst wenn wir uns damit schaden, ist es einfacher, an den Mustern fest zu halten: weil sie vertraut sind, weil wir wissen, was passiert. Weil alles Neue oft erstmal auch Angst macht.
Um die Muster ändern, neu malen zu können – oder um uns dafür zu entscheiden, sie beizubehalten, weil sie richtig sind – müssen wir sie erkennen und von allen Seiten begucken. Wie sind sie entstanden, wie haben sie sich verfestigt, an was hindern sie mich bis heute? Aber auch – und das fällt mir besonders schwer – wo haben sie mir eventuell Schutz gegeben bis jetzt?

Von meiner Mutter z.B. habe ich gelernt, nicht zu sehr zu lieben, denn der*die andere geht ja doch wieder. Das habe ich unbewußt aufgesogen und in meinen eigenen Beziehungen zu meinem eigenen festen Muster verwebt. Es hindert mich zwar bis heute daran, mich auf Menschen wirklich einzulassen oder ihnen zu vertrauen, aber es schützt mich natürlich auch vor Enttäuschung.

Die Frage ist: brauche ich das Muster heute noch? Gibt es die „Bedrohung“ noch oder ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung?
Wenn ich mich gar nicht erst auf andere Menschen einlasse oder sie aufgrund meiner Muster von mir wegstoße (wie ich das leider immer wieder mache), werde ich nie erfahren, ob sie nicht vielleicht doch von sich aus geblieben wären.
Wenn ich angstmachende Situationen immer vermeide, werde ich nie wissen, ob die Angst begründet war oder ob ich nicht doch in der Lage bin, sie zu überwinden.

Einige andere meiner Glaubenssätze gehören zusammen: „Stell dich nicht in den Mittelpunkt!“ – „Du bist selbst Schuld, wenn du nichts bekommst / etwas nicht geklappt hat“ – „Mach du nicht auch noch Probleme!“ – „Kinder mit ’nem Willen kriegen was auf die Brillen!“
Was aus ihnen folgt, ist ein neuer Glaubenssatz: „Ich bin nicht wichtig, ich stehe für niemanden an erster Stelle, ich bin immer nur 2te, 3te, 4te… Wahl.“ und die Überzeugung, dass ich es nicht wert bin und nicht verdient habe, geliebt zu werden.

Diese alten Muster sind so verdammt überzeugend und sie kämpfen so hartnäckig in mir ums Überleben, dass es wahnsinnig viel Kraft kostet, sie aus mir zu entfernen. Ich wünschte, sie würden sich einfach mit regelmäßiger Meditation oder ein paar Stunden Ergotherapie übermalen lassen. Ich wünschte so sehr, ich könnte sie einfach ausknipsen und die neuen Gedanken annehmen, von denen ich weiß, dass sie richtig und besser sind für mich. Aber so ungeübt wie ich im Malen bin, so ungeübt bin ich auch immer noch darin, mich zu akzeptieren und wohlwollend anzunehmen in all meiner Unzulänglichkeit. Die neuen Muster sind immer noch nur im Kopf und finden schwer den Weg nach draußen in mein Leben.

Vielleicht hilft (mir) das Schreiben darüber.

Ambivalenz oder Das ewige Hin und Her der Gefühle

Schwarz-weiß oder Farbe? Drauf los gehen oder flüchten? Risiko oder Sicherheit? Höhle oder Bühne? Das Dilemma meines Lebens: ich kann mich nicht entscheiden, was ich will, was besser für mich ist, womit ich mich wohler fühle.

Bei manchen Dingen im normalen Alltag ist das kein Problem. Ich kann bei der h-moll Messe von Bach genauso weinen wie bei Dark Side of the Moon. Ich mag Schokolade genauso gern wie Tomatensoße mit viel Knoblauch zu den Spaghetti. Ich bin eine Nachteule und genieße die Sonnentage. Ich liebe die Hitze in Portugal und möchte wahnsinnig gerne mal nach Alaska.

Bei all dem muss ich mich jedoch nicht zwingend für eins entscheiden: beides ist jeweils möglich, das macht es relativ einfach. Schwierig wird es, wenn sich die Bedürfnisse widersprechen. Denn auch das trifft zu:

Ich bin eine menscheneue Einsiedlerin mit Sehnsucht nach Gesellschaft. Ich suche Anerkennung von anderen und bleibe doch lieber im dunklen Hintergrund. Ich möchte gesehen werden und schäme mich für alles, was ich bin. Ich habe Angst vor der Liebe und wünsche mir nichts mehr als einen Partner an meiner Seite. Ich will mich nicht lösen von den alten Mustern aus der Kindheit und verabscheue sie gleichzeitig zutiefst, weil sie mich hindern, die Vergangenheit los zu lassen.

Manchmal zerreißt es mich fast zwischen diesen Gegensätzen. Denn da gibt es kein „Beides“, kein Hin und Her und kein „heute so und morgen anders“. Es gibt nur ein Entweder – Oder. Reden oder schweigen, einsam oder mit anderen, hell oder dunkel. Aber weil ich mich nicht entscheiden kann, stehe ich in der grauen Mitte. Bin einsam und sehne mich, rede nicht, lache nicht, fühle nicht mehr.

Wie kann ich lernen, mit dieser Ambivalenz meiner Gefühle umzugehen? Wie kann ich lernen, mich zu entscheiden? Muss ich das überhaupt? Wird es wirklich leichter, wenn ich eine Wahl treffe?

C. G. Jung bezeichnete die „…Fähigkeit, das Widersprüchliche der eigenen Persönlichkeit zu erkennen, anzunehmen und zu bejahen als wesentliches Ziel des menschlichen Reifungsprozesses.“ *)

Ich fürchte, davon bin ich noch Meilen entfernt. Wie geht es Euch damit?


*) Quelle: BR, Sendereihe zum Thema Ambivalenz mit vielen guten, kurzen Artikeln

Eigenlob tut gut

Mein Rücken tut sauweh, die Sehnenscheidenentzündung im Fuß zeigt vehement, dass sie immer da ist, der Tinnitus piept im Kopf wie blöd. Körperlich geht’s mir heute richtig mies, zudem bin ich mental ausgelaugt und hundemüde – und doch hab ich vorhin meine Stimmung auf der App mit „gut“ = 2 von 5 angegeben.

Weil ich heute morgen mit Volldampf und ohne nachzudenken gegen meine Angst und drüber raus gerannt bin. Weil ich die Heulkrämpfe und Panikattacken der letzten Wochen für einen Moment ignoriert und den einen Anruf erledigt hab.

Und weil ich Igor danach verboten habe, Sätze zu sagen wie: „siehste, geht ja doch, wenn du nur willst“, „und, jetzt geht’s dir besser, oder? Hab ich dir doch gleich gesagt!“ und „aber vorher so’n Dings draus machen, typisch du“, die mir alles nur wieder klein gemacht hätten.

Statt dessen war ich erleichtert. Nichts sonst. Nicht stolz, nicht mutig, nicht überzeugt, sondern einfach nur erleichtert. Und manchmal reicht das auch. Dafür gibt es heute ein Lob, von mir für mich. Und ein „GUT“ in der Stimmungs-App.

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