11-06-2024 Nicht mein Jahr

Ich glaub, ich hab es schon­mal erwähnt oder viel­leicht auch nur gedacht, weil ich ja schon seit Wochen nur im Kopf schreibe und nicht im Blog, also jeden­falls: die­ses Zwan­zig­vier­und­zwan­zig und ich, wir wer­den wohl keine Freun­din­nen mehr. Zu viele Steine und Knüp­pel, die da im Weg rum lie­gen. Zu viel abso­lut unnüt­zer Mist, der zu tra­gen und bewäl­ti­gen ist. Da lässt die Depres­sion natür­lich nicht lange auf sich war­ten und stürzt sich mit Freu­den mit­ten­rein. Ehr­lich gesagt würd ich die aber grade gerne län­ger neh­men, wenn ich sie tau­schen könnte gegen alle Schmer­zen und kör­per­li­chen Ein­schrän­kun­gen: mit der kenn ich mich wenigs­tens schon aus und weiß, dass ich nicht an ihr kaputt gehe.

Nein, die erste Hälfte von die­sem Jahr, auch wenn sie noch nicht ganz rum ist, war defi­ni­tiv nicht für mich gemacht. Da bleibt für die zweite Hälfte ver­dammt viel Poten­tial, wenigs­tens ein klei­nes biß­chen bes­ser zu werden.

Trotz­dem wei­ter gehen. Es hilft ja nix.

***

(Gefrus­tet geschrie­ben, weil ich am Mor­gen des 05.06. beim Gang zum Klo im Halb­schlaf hin­ge­fal­len bin und alles weh tut. Ich behaupte mal, es ist nichts gebro­chen, aber der ganze Hüft­be­reich wurde hef­tig geprellt und gestaucht. Jede Bewe­gung ist extrem schmerz­haft: bücken, heben, auf­ste­hen, hin­set­zen, selbst die Arme anzu­he­ben tut weh. weil da die Bauch­mus­keln noch mit­be­tei­ligt sind. Ste­hen und gehen geht kaum, sit­zen nur, wenn ich mich nicht bewege, im Lie­gen ist es erträg­lich.
Abge­se­hen von den Schmer­zen, die nur mit vie­len Ibus aus­zu­hal­ten sind, wirft das grade auch alle meine Pläne über den Hau­fen. Kein Tref­fen mit Frau R., keine Mitt­wochs­gruppe, kein Aus­flug nach Tra­ve­münde mit dem Hilfe-Dings. Den Ter­min für die neue Brille musste ich absa­gen und darum noch län­ger ertra­gen, dass ich nicht gut sehen kann. Alles schiebt sich wei­ter raus, wor­auf ich mich lang­sam wie­der gefreut hab. Die Kamera war­tet so drin­gend auf mich. Aus­flüge wollte ich machen, wenigs­tens so lange die Füße mich tra­gen, was ja eh nicht weit ist. So vie­les war­tet dar­auf, dass ich wie­der fit bin, vor allem auch men­tal. Die­ser blöde Sturz wirft mich wie­der aus der Bahn, im wahrs­ten Wort­sinn. Ich mag nicht mehr. Zwan­zig­vier­und­zwan­zig, du bist echt ein Arsch.)

21-04-2024 Countdown für die 2. OP

In zwei Tagen ist die nächste OP, dann wird die Linse beim lin­ken Auge aus­ge­tauscht. Ich bin so lang­sam wie­der etwas auf­ge­regt, aber Angst ist nicht mehr dabei - ich weiß ja jetzt, wie alles abläuft. Das wird schon gut gehen.
Bis dahin arbeite ich ab. was noch auf der To-Do-Liste steht. Ges­tern waren Groß­ein­kauf und Haus­halt dran (put­zen, auf­räu­men, Wäsche waschen und so Zeug), heute hab ich noch amt­li­ches Zeug erle­digt und mor­gen muss ich das Sam­mel­taxi bestä­ti­gen, zur Haus­ärz­tin, weil die Medi­ka­mente fast alle sind und noch ein paar letzte Sachen einkaufen. 

Ich sorge vor für etwa zwei Wochen: wer weiß, wie das wird, wenn ich mit kei­nem Auge scharf sehe? Das bereits ope­rierte Auge ist nicht bes­ser als letzte Woche, was das angeht. Es gibt einen klei­nen Bereich so zwi­schen einem und zwei Meter Abstand um mich herum, da scheint es scharf zu sein, aber das reicht ja nicht, weder für den All­tag noch fürs arbei­ten am PC noch für drau­ßen. Und ab Diens­tag wird es kein zwei­tes Auge geben mit einem Bril­len­glas davor, das diese Unschärfe aus­gleicht. Dann wird es über­haupt keine Brille geben und nur noch zwei Augen, die nicht rich­tig gucken kön­nen. Die dar­auf war­ten, dass mein Gehirn end­lich wach wird und anfängt, sich der Ver­än­de­rung anzu­pas­sen. Die Hard­ware ist da, nur die Soft­ware will noch nicht tun, was sie soll.

Nein, die OP macht mir keine Angst mehr, aber die Zeit danach. (Muss ich womög­lich andere Men­schen um Hilfe bitten?)

13-04-2024

Heute mor­gen bin ich mal wie­der mit einem stei­fen und schmer­zen­den Knie auf­ge­wacht. Ich dachte, ich hätte es nach der letz­ten lan­gen Peri­ode im Griff und es wäre jetzt erst­mal wie­der gut. Aber wenn ich nicht dau­er­haft irgend­was Rich­tung Sport oder wenigs­tens Bewe­gung mache, ist da gar nichts gut. Die Arthrose wird nicht mehr weg gehen, ich kann nur ver­su­chen, die Aus­brei­tung zu ver­lang­sa­men und die Schmer­zen zu lin­dern. Und ich weiß: alles, was jetzt neu oder erneut an kör­per­li­chen Beschwer­den kommt, wird nicht wie­der weg­ge­hen. Ich werde damit irgend­wie leben müssen.

Als ich mich wie­der ins Bett kuschelte (es war noch reich­lich früh heute mor­gen), kam mir wie so oft mein Man­tra der letz­ten ein, zwei Jahre in den Sinn: “Ich muss ja nichts”. Ich hab ein stei­fes Knie und kann nicht gut lau­fen - aber ich muss ja nicht. Immer noch ist mir schnell alles zu viel und mehr als zwei Ter­mine am Tag stres­sen mich - aber ich muss ja nichts. Ich kann mich ein­fach wie­der umdre­hen und bis Mit­tag im Bett blei­ben - ich muss ja nichts.
Aber was ist das für ein Leben, wenn da nichts ist, was ich muss? Ich meine nicht den Stress von frü­her, den Spa­gat zwi­schen Arbeit und Kind, die vie­len Über­stun­den im Büro, das Geld­ver­die­nen als Allein­er­zie­hende, das Gerecht­wer­den der eige­nen Ansprü­che und denen von ande­ren usw. Es ist gut, dass das vor­bei ist. Aber so gar nichts? Wie lange kann das funk­tio­nie­ren? Wie lange kann ich ohne wirk­li­chen Sinn leben? Und wie lange geht das, wenn der Kör­per nicht mehr mit­macht? Ich kann nicht die nächs­ten (die letz­ten!) zehn, zwan­zig Jahre damit ver­brin­gen, nur in der Woh­nung zu sit­zen, zu lesen, Musik zu hören, irgend­wel­che Spiel­chen zu dad­deln, nach­zu­den­ken und mei­ner Fami­lie zur Last zu fal­len. So große Angst ich auch habe vor dem Tod und dem Ster­ben: das wäre kein Leben für mich. 

Was also kann ich vor­beu­gend tun? Ich wäre gerne aktiv, aber Akti­vi­tät stresst mich. Ich hätte gerne Ver­bind­lich­keit, kann sie selbst aber nicht leis­ten. Ich wäre gerne mit ande­ren Men­schen zusam­men, aber ich mag viele Men­schen nicht und fühle mich unwohl, wenn es zu viele sind.
Ich möchte so gerne irgend­was und hab so viele Bedenken.

Die Depres­sion hat mich so weit aus mei­nem alten Leben gewor­fen. Zwar hab ich mich mehr oder weni­ger befreit von ihr, aber ich finde kei­nen neuen Weg, der mir wirk­lich passt. Und inzwi­schen bin ich so ein­ge­schränkt, dass zu vie­les gar nicht mehr mög­lich ist. Ich weiß grade nicht, wie und wohin es geht.

***

Vor kur­zem gele­sen und für pas­send gefunden:

Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann, wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und dann kann ich auch, wenn ich muss.
Denn schließ­lich ist es doch so: Die kön­nen sol­len, müs­sen auch wol­len dürfen.

(Dr. Heinz Schirp, Pro­fes­sor für Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und Lernen)

12-04-2024 Geduld ist ausverkauft

Doofe Tage sind doof, vor allem, wenn ich selbst nichts tun kann, um die Dinge, die das Doof machen, zu ändern. Aber sol­che Tage gehö­ren eben zum Leben dazu, es läuft nun ein­mal nicht alles so glatt und hübsch, wie wir das gerne hät­ten. Also brülle ich ein­mal meine Wut raus (oder auch zwei­mal oder mehr), atme ein und aus und ein und aus und übe (mich in) Geduld. Und ich kann das wirk­lich nicht gut. Wenn ich mich mal ent­schlo­ßen hab, etwas zu tun, will ich alles, jetzt sofort. Ich hab ja echt viel Zeit zur Ver­fü­gung, aber war­ten finde ich doch ziem­lich blöd. Aber das nützt ja nix.

(Soweit die Theorie.)

Ges­tern war die zweite Kon­trolle fürs Auge. Eigent­lich ist alles gut. Der kleine Blut­erguß, der da war, heilt gut ab, ist schon fast weg. Die Seh­kraft ist angeb­lich bei 100% - ich ver­mute, damit ist gemeint, dass die Trü­bung voll­stän­dig weg ist, was ja auch klar ist bei einer neuen Linse.
Was aber lei­der über­haupt noch nicht passt, die die Seh­stärke. Nach wie vor sehe ich mit dem ope­rier­ten Auge in fast jeder Ent­fer­nung unscharf. Da sich aber nicht das Auge, son­dern das Gehirn an die Schärfe / Stärke der neuen Linse anpas­sen muss, würde es nicht hel­fen, wenn ich mein altes Bril­len­glas wie­der ein­set­zen würde - es würde alles nur her­aus­zö­gern. Und so sitze ich also zuhause und gucke “schief”. Links scharf, rechts unscharf und dazwi­schen gemischt, ver­wa­ckelt, ver­wa­schen … Ich kann das gar nicht beschrei­ben. Es ist ein­fach sooo ner­vig und anstren­gend und drau­ßen ist es noch schlimmer.

Die Ärz­tin meinte, das würde sich schon geben, aber der Bereich, in dem ich spä­ter ohne Brille sehen könnte, sei ja sowieso rela­tiv klein, viel­leicht so 1 bis 2 Meter, aber für alles andere bräuchte ich wei­ter­hin eine Brille. Und eine zum Lesen ja sowieso.
Bes­ten Dank auch. Ist ja okay, so ein Grauer Star soll ja weg gehen, aber warum wird über­all immer gesagt, dass man danach keine Brille mehr braucht, wenn das gar nicht stimmt? Warum diese groß­ar­ti­gen Ver­spre­chun­gen, die dann nicht hal­ten? Die hät­ten mir die OP nicht damit ver­kau­fen müs­sen, ich hätte das auch so irgend­wann machen las­sen. Aber so wur­den Hoff­nun­gen und Erwar­tun­gen geweckt, die völ­lig unrea­lis­tisch sind. Oder war das mein Wunschdenken?

Ich war ges­tern jeden­falls extrem frus­triert, als ich von der Augen­ärz­tin nach Hause kam. Wie lange soll das dau­ern, bis ich halb­wegs gut sehen kann? Und wird das alles von vorne los gehen, wenn das zweite Auge auch ope­riert ist? Ich hab keine Geduld für sowas. Ich will mei­nen All­tag zurück, mein Zeug machen kön­nen, sehen kön­nen. Das ist echt so ein Scheiß.

07-04-2024 Mehr oder weniger gut

Das Wich­tigste: die OP ist gut ver­lau­fen. Die Panik­at­ta­cke am Mon­tag­abend auf dem Klo war also umsonst, aber das sind die ja meis­tens, die wis­sen das nur nicht.

Die Nacht zu Diens­tag (02.04.) hab ich kaum geschla­fen, schwebte immer nur zwi­schen Traum und Wach. Hab ver­sucht, an Schö­nes zu den­ken und lan­dete immer wie­der bei “hof­fent­lich geht alles gut”. Irgend­wann hat es dann wohl doch geklappt mit dem Schlaf, denn der Wecker kam sehr unge­le­gen. Die Dusche half, wach zu wer­den, der (schwarze) Kaf­fee auch etwas. Um halb zwölf sollte das Sam­mel­taxi an der Augen­arzt­pra­xis sein, ich war schon um 10 nach 11 da, zusam­men mit einer ande­ren Pati­en­tin. Nach und nach tru­del­ten die ande­ren vier ein und es ging los zur Augen­kli­nik in Groß­hans­dorf, wo der Augen­arzt aus mei­ner Gemein­schafts­pra­xis die Ope­ra­tio­nen durch­führt.
Wir kamen ganz gut durch, waren um halb eins schon da. Der nette Taxi­fah­rer brachte uns zur War­te­zone und mel­dete uns an. Danach war War­ten ange­sagt. Papiere unter­schrei­ben, Trop­fen ins Auge bekom­men und einen Strich mit Edding dar­über (nicht, dass das fal­sche Auge ope­riert wird!), aufs Klo gehen, war­ten. Grüpp­chen­weise wur­den wir dann irgend­wann ins Unter­ge­schoss gebracht, wo wir wei­ter war­te­ten, zusam­men mit denen, die schon vor­her geholt wor­den waren. Dann gab es OP-Klei­dung für alle Neuen und wei­te­res War­ten. Der nächste Punkt: Auf­klä­rungs­ge­spräch mit der Nar­ko­se­ärz­tin, die auch gleich den Zugang gelegt hat. “Sie dür­fen dann drau­ßen noch­mal Platz neh­men, bis Sie dran sind”. 

Das muss schon ein lus­ti­ges Bild gewe­sen sein: ein schma­ler Flur, an der einen Wand neben­ein­an­der 8 Sitze, dar­auf Patient:innen in drei unter­schied­li­chen Sta­dien: die “ohne alles”, die ganz frisch von oben gekom­men waren, dann die mit Kit­tel, Haube und Zugang, die schon das Nar­ko­se­ge­spräch hat­ten und außer­dem die mit den Augen­klap­pen, die die OP bereits hin­ter sich hat­ten und dar­auf war­te­ten, abge­holt zu werden.

Irgend­wann wurde ich end­lich auf­ge­ru­fen und durfte in den Vor­raum vom Aller­hei­ligs­ten und mich dort auf eine Liege legen. Dann wurde ich irgend­wo­hin gescho­ben und bekam die Nar­kose, von der ich über­haupt nichts mehr weiß. Ich erin­nere mich, dass ich mich selbst beru­higt hab, indem ich mich in Gedan­ken in den geplan­ten Urlaub mit J. nach Porto beamte. Viel­leicht war das aber auch der Traum wäh­rend des kur­zen Nar­ko­se­schlafs? Jeden­falls war ich wie­der halb wach, als der Augen­arzt sich vor­stellte und sagte, dass es jetzt los geht.
Gespürt hab ich nur ein biß­chen Ruckeln, aber kei­nen Schmerz. Gese­hen hab ich Lich­ter, mal eins, mal zwei, mal rot, mal weiß. Gefühlt hat es höchs­tens 10 Minu­ten gedau­ert - der OP-Bericht bestä­tigte das - und dann war es auch schon vor­bei. Ich wurde auf der Liege zurück gescho­ben, stand auf, wurde nach drau­ßen geführt und war­tete. Kurz danach kam die lus­tige Kran­ken­pfle­ge­rin, befreite mich von OP-Klei­dung und brachte mich in einen Auf­ent­halts­raum, wo der Rest unse­rer Truppe saß und wo schon Kaf­fee und ein Sand­wich bereit stan­den.
Eine halbe Stunde spä­ter waren wir voll­zäh­lig und ver­sorgt und wur­den wie­der abge­holt vom Sam­mel­taxi. Da Jede:r bis direkt vor die eigene Haus­tür gebracht wurde, dau­erte der Rück­weg lei­der wesent­lich län­ger als die Hin­fahrt; ich war gegen 18 Uhr end­lich zuhause. Mehr als essen, einige Nach­rich­ten für die Dau­men-Drü­cke­rin­nen schrei­ben und ein biß­chen TV gucken war dann auch nicht mehr drin.

***

Was mich geär­gert hat: der Arzt steht zur OP hin­ter den Patient:innen und von da aus hat er sich “vor­ge­stellt”, also sei­nen Namen gesagt. Ich hab ihn aber nie gese­hen (außer auf der Web­seite der Pra­xis). Es wäre ein Leich­tes für ihn gewe­sen, wenn er sich für einen Moment an die Seite gestellt hätte, so dass wir uns ins Gesicht hät­ten schauen kön­nen. Ich hätte mich nicht so sehr wie eine Num­mer gefühlt, zumal es bei die­sen kur­zen OPs sowieso schon wie am Fließ­band zugeht. Es wäre ein­fach höf­lich und auf Augen­höhe gewe­sen. Viel­leicht erwähne ich das mal irgendwann.

Beein­dru­ckend fand ich, wie inner­halb kür­zes­ter Zeit aus ein­an­der völ­lig unbe­kann­ten Men­schen eine Soli­dar­ge­mein­schaft wurde - fast schon sowas wie Ver­bün­dete. Wir sechs, die mit dem Taxi zusam­men fuh­ren, saßen wie selbst­ver­ständ­lich zusam­men im War­te­be­reich, nick­ten uns auf­mun­ternd zu zwi­schen­durch, wünsch­ten uns alles Gute und ver­ab­schie­de­ten uns mit “bis in drei Wochen” (wenn alle am ande­ren Auge ope­riert wer­den). Ein war­mes, stär­ken­des Gefühl.

***

Am Mitt­woch holte mich gegen vier­tel nach zehn - nach einer Nacht mit tie­fem Schlaf, einer vor­sich­ti­gen Dusche (nur kein Was­ser ins Auge!) und gutem Früh­stück - die Toch­ter ab und beglei­tete mich zur Augen­arzt­pra­xis zur ers­ten Nach­kon­trolle. Als ers­tes wurde die Augen­klappe ent­fernt - WHOOOAAAA, was für ein Moment! Ich hab noch nicht viel gese­hen und vor allem noch nicht scharf, aber sooo hell! Unfass­bar, so ein Unter­schied zu vor­her. Ich wußte nicht, dass meine Sicht so “ver­gilbt” war. So unge­fähr wie auf dem Foto kann man sich das vorstellen:

(Auf dem Weg zum Strand - Ilha da Culatra vor Olhão / Portugal)

Die Augen­ärz­tin unter­schuchte, beschei­nigte, dass alles in Ord­nung ist und ver­schrieb wei­tere Trop­fen, die das Auge feucht hal­ten. Nächste Woche muss ich zur nächs­ten Kon­trolle.
Danach sind wir nach nebenan zu Fiel­mann, die nah­men das jetzt über­flüs­sige Glas raus und das war es dann.

Lei­der braucht das Auge viel Zeit - 3 bis 4 Wochen, wird über­all gesagt -, bis es sich an die neue Linse gewöhnt und die neue Seh­stärke ange­passt hat. Das heißt, dass ich im Moment zwei­ge­teilt sehe und das nervt furcht­bar. Mit links seh ich scharf, mit rechts nicht, mit bei­den Augen zusam­men weder das eine noch das andere. Dafür weiß ich jetzt also, was der Spruch “einen Knick in der Optik zu haben” bedeu­tet.
Zwar hab ich letzte Woche genug ein­ge­kauft, so dass ich nicht zwin­gend raus muss, aber auch zuhause ist es anstren­gend und blöd. Ich schlafe ewig lange, um das Gucken raus zu zögern. Ich dad­del am PC rum, gucke irgend­wel­che uralten Serien, schlafe am spä­ten Nach­mit­tag wie­der, lang­weile mich. Hör­bü­cher sind immer noch nicht meins, lesen sollte ich mög­lichst wenig (mach ich am PC trotz­dem), mich anstren­gen auch nicht.
So gaaaaaa­anz lang­sam merke ich, dass die Linse etwas schär­fer wird, aber die Sicht ist trotz­dem sehr ein­ge­schränkt. Ich weiß, ich bin unge­dul­dig, ich sollte dem mehr Zeit geben. Es sind ja auch erst 5 Tage, seit die Augen­klappe weg ist. Ich würde nächste Woche gerne zur Mitt­wochs­gruppe gehen, aber wenn es schon hier zuhause so anstren­gend ist, wie wird es dann drau­ßen, wo ich weit gucken muss, was eben noch nicht wirk­lich geht? Und dann ist es viel­leicht grade halb­wegs gut und dann kommt das andere Auge dran und braucht auch wie­der 3 bis 4 Wochen.

Alles in allem hab ich dann die erste Hälfte des Jah­res mit die­sem gan­zen Augen­kram ver­bracht. Aber ja, ich weiß schon, der Star hätte sowieso irgend­wann ope­riert wer­den müs­sen und es hätte dann eben zu einem ande­ren Zeit­punkt genervt. Dann ist es jetzt wenigs­tens vor­bei. *seufz*

01-04-2024 Vor der Augen-OP

Mor­gen also die Ope­ra­tion wegen des grauen Stars. Erst­mal ist das rechte Auge dran, in drei Wochen das linke. Bis alles geheilt ist und die Augen sich an die ver­än­derte Sicht gewöhnt haben, wer­den noch ca. 6 - 8 Wochen ver­ge­hen. Danach gibt es zwei neue Bril­len: eine für die Ferne, wenn ich raus gehe und eine ein­fa­che Lese­brille. Die Glä­ser der Fern­sicht­brille wer­den statt -8,5 und -6 Diop­trin nur noch etwa 2,5 und 0,5 Diop­trin haben.
Das ist jeden­falls das, was die Augen­ärz­tin sagte. Ich hoffe, sie hat Recht.

Heute ist Oster­mon­tag, ich hab alle Auf­ga­ben auf der “vor der OP” Check­liste abge­hakt, die Bin­de­haut­ent­zün­dung, die ich mir vor zwei Wochen noch ein­fan­gen hab, ist bekämpft (jah­re­lang hab ich nichts, aber natür­lich dann vor der OP: was für ein Mist), das Taxi bestellt, die Toch­ter hat sich frei genom­men, um mir zu hel­fen, alles ist bereit - und die Angst wird immer prä­sen­ter.
Ich weiß, dass nichts pas­siert. Ich weiß, dass das Rou­tine ist und sie das gut machen. Ich weiß, dass ich danach wie­der gucken kann und alles ver­heilt und wahr­schein­lich sogar bes­ser wird. Ich weiß das, aber die Angst weiß das nicht, das dumme Ding. Die Angst macht Herz­klop­fen, Bauch­weh und schlechte Träume, malt sich mir das Schlimmste aus, will am liebs­ten alles absa­gen und sich wie­der ins Schne­cken­haus ver­krie­chen. Sie will nicht, dass an mir rum­ge­schnip­pelt wird. Sie will nicht, dass sich fremde Men­schen an mei­nem Kör­per zu schaf­fen machen. Und sie und ich fin­den die Vor­stel­lung, jeman­dem quasi aus­ge­lie­fert zu sein, auch wenn es nur für zehn Minu­ten ist, ziem­lich furcht­bar.
Ja, ich weiß, dass das alles sehr irra­tio­nal ist, aber das Wis­sen hilft nicht wirk­lich und die Vor­stel­lungs­kraft der Angst ist extrem viel stär­ker. Das Ein­zige, was mir im Moment bleibt, ist, mich abzu­len­ken. Fotos zu bear­bei­ten, weil ich das in der nächs­ten Zeit nicht kann. Hör­bü­cher raus­su­chen, damit ich was “zu tun” hab, wäh­rend ich nicht gucken kann. Dar­auf hof­fen, dass es keine Kom­pli­ka­tio­nen gibt. 

(Him­mel, ich wünschte, es wäre schon mor­gen und alles vorbei.)

Ach ja: den einen oder ande­ren gedrück­ten Dau­men würd ich gerne noch­mal neh­men. Viel­leicht hilft es ja, daran zu den­ken. Ich sag Danke im Vor­aus! <3

04-02-2024 Für die Chronik

Eigent­lich hab ich keine Lust zu schrei­ben, aber in der letz­ten Woche hat sich so viel getan, dass ich das hier mal fest­hal­ten sollte.

***

Die Brille
Am Frei­tag, 26.01. war ich wie­der bei Fiel­mann. Das vierte Mal wegen der neuen Brille. Die vierte Mitarbeiter*in, die sich daran ver­sucht. Ich weiß nicht, was sie gemacht hat (außer neue Nasen­nup­sis ein­zu­set­zen), aber das ist mir auch egal, denn sie hat schein­bar das rich­tige getan: end­lich ist das fremde Gefühl weg! Sie rutscht immer noch immer wie­der ein Stück die Nase run­ter, aber sie fühlt sich wie­der an wie zu mir pas­send. Was für eine unfass­bare Erleich­te­rung. Und wie schnell sich meine Stim­mung erholt hat ohne diese per­ma­nente Stö­rung. Ich bin so unend­lich froh.

Dia­be­tes
Am Frei­tag war auch der vier­tel­jähr­li­che Ter­min bei der Dia­be­tes­ärz­tin und wie schon beim letz­ten Mal gab es die - noch - freund­li­che Ermah­nung, dass sich meine BZ-Werte ganz ganz drin­gend ändern müs­sen. Die sind auch dafür ver­ant­wort­lich, dass ich so müde und kraft­los bin. Auf der Waage war ein Kilo weni­ger zu sehen als letz­ten Okto­ber, aber das reicht noch ewig nicht. Wenigs­tens sind die Augen oB und die ande­ren Werte in Ord­nung.
Ich ver­stehe, dass sie mir sagen muss, dass das so nicht gut ist und ich was machen muss, aber das hilft mir halt lei­der nicht - ich kann es des­we­gen trotz­dem nicht. Theo­re­tisch weiß ich ja alles, aber wie setz ich das um in mei­nem All­tag? Wie schaff ich es, kei­nen Hun­ger mehr zu haben? Wie werde ich meine Angst los, dass ich nicht genug Nah­rung bekomme, obwohl ich gleich­zei­tig weiß, dass es mit Sicher­heit reicht und ich nie im Leben ver­hun­gern kann? Ich brau­che Hilfe dabei. Und das führt direkt zum nächs­ten Punkt:

Die Kli­nik
Am Mitt­woch, 31.01., fiel die Gruppe aus, weil der Aus­flug ins Wun­der­land letzte Woche als Dop­pel­ter­min galt. Ich hatte also frei und hab wie immer an sol­chen Tagen lange gepennt. Als mich gegen Mit­tag der Anruf von der Kli­nik weckte, hab ich mir erlaubt, nicht draun zu gehen, son­dern erst spä­ter zurück zu rufen. Ja, ich darf sowas.
Die gute Nach­richt: wenn ich spon­tan sei, könnte ich Mitte Februar kom­men. Die schlechte Nach­richt: es gibt keine Ein­zel­zim­mer für Akutpatient*innen. Es steht zwar auf der Web­seite, aber der Chef hat es (am Don­ners­tag) auf Nach­frage noch­mal bestä­tigt. Nope, keine Extras für das gemeine Fuß­volk, das auf Kran­ken­kas­sen­kos­ten kommt. Sowas ist dann nur gegen Auf­preis erhält­lich - oder eben als Reha, aber das will die RV ja nicht. Tja. Dann sitz ich hier eben wie­der alleine muss ich eben wei­ter suchen.
Gut, dass ich nicht auf den Rück­ruf mit der Nach­richt gewar­tet, son­dern selbst ange­ru­fen hab, wäh­rend ich wie immer zu früh bei der The­ra­pie war. So konnte ich das wenigs­tens gleich tei­len und abladen.

Erkennt­nis aus der The­ra­pie
Ich jam­mer­klagte, dass ich gerne mal wie­der ein hal­bes Jahr | 3 Monate | okay, viel­leicht 6 Wochen ja, schon gut, aber wenigs­tens eine Weile? mal keine neuen Pro­bleme und Her­aus­for­de­run­gen haben würde. Die The­ra­peu­tin dar­auf­hin: “Das wird nicht pas­sie­ren, so ist das Leben nicht.” Aber sie zeigte mir auch noch­mal deut­lich auf, dass ich inzwi­schen durch­aus in der Lage bin, für mich zu sor­gen und mich eben nicht vom Leben über­rol­len lasse. Manch­mal kommt zwar alles auf ein­mal, aber das heißt ja nicht, dass ich auch alles auf ein­mal erle­di­gen oder klä­ren muss.
Deut­lich zu spü­ren ist für mich, dass vie­les, was mich noch vor 1 oder 2 Jah­ren tief ins Loch gewor­fen hätte, heute kein Weck­ruf für Igor mehr ist. Da hat sich die ganze Arbeit doch gelohnt.
Das erste Mal seit Juni 2021 - dem ers­ten Gespräch nach dem offi­zi­el­len Ende der The­ra­pie - hab ich den Abstand zwi­schen den Ter­mi­nen auf sechs statt wie sonst vier Wochen erwei­tert. Es bleibt immer noch das Thema mit der Ess­stö­rung übrig, aber viel­leicht brau­che ich dafür einen ande­ren Ort. Viel­leicht kann ich mit der Depres­sion jetzt alleine umgehen.

Der Graue Vogel
Da es nun nichts mit der Kli­nik wird und die Suche nach einer ande­ren - mit Ein­zel­zim­mer! - eine Weile dau­ern kann, steht als nächs­tes die Augen-OP an. Nächs­ten Don­ners­tag (08.03.) hab ich das Vor­ge­spräch dazu, wo ich dann alles erfahre zum Ablauf und wir die Ter­mine für die OPs aus­ma­chen. Ich hab Schiss davor, aber ich hoffe den­noch, dass es mög­lichst schnell geschieht und ich es dann hin­ter mir habe. Und so lange halte ich die rut­schende Brille jetzt auch noch aus, danach gibt es eh eine neue.

***

Nach der lan­gen schlech­ten Phase geht es jetzt viel­leicht wie­der berg­auf. Die Dinge sor­tie­ren sich, die Tage wer­den wie­der hel­ler und die Stim­mung auch. Wei­ter geht es, Schritt für Schritt mit Pau­sen zum Luft holen. Auf­ge­ben ist immer noch keine Lösung.

23-01-2024 Zurück zu doof

Das war ein kur­zer Blitz, der da ges­tern mein Leben erhellt hat. Die Vor­stel­lung, ohne Brille leben zu kön­nen, ist immer noch groß­ar­tig und 99% sicher werd ich die OP machen las­sen, aber das ändert halt lei­der nichts an der momen­ta­nen Lage und die ist in Bezug auf die Brille wei­ter­hin beschis­sen. Ich will das nicht, will nicht dau­er­ge­nervt sein, ver­su­che mich abzu­len­ken, an schöne Dinge zu den­ken - es hilft nicht oder nur kurz. Da ist ein­fach per­ma­nent das Gefühl, dass etwas in mei­nem Gesicht ist, was da nicht hin­ge­hört. Es geht soweit, dass die Haut völ­lig über­reizt ist und regel­recht weh tut.

Ich war darum heute nach­mit­tag wie­der bei Fiel­mann, dies­mal bei einer ande­ren jun­gen Opti­ke­rin. Sie hörte mir auf­merk­sam zu, als ich ver­suchte, das Stör­ge­fühl zu beschrei­ben, griff mir an den Kopf um zu spü­ren, wie die Brille da hin­ten sitzt und schraubte dann irgend­was an den Bügeln rum. Tja. Lei­der nicht anders als vor­her.
Am bes­ten schlaf ich ein­fach durch, bis … ja, bis wann? Was mach ich, wenn die Kli­nik zuerst einen Platz für mich hat und die Brille bis dahin immer noch falsch ist? Dann sitz ich da sechs Wochen oder mehr und bin genervt. Soll ich also lie­ber hof­fen, dass ich nicht oder erst spät auf­ge­nom­men werde, so dass ich die OP vor­her machen las­sen kann? Eigent­lich will ich ja end­lich anfan­gen, an dem blö­den Ess-Thema zu arbei­ten, aber jetzt grade wün­sche ich mir tat­säch­lich die zweite Vari­ante. Erst die Augen, dann das Essen.

Alles doof.

(Nein, nur fast alles. Die Mitt­wochs­gruppe geht mor­gen ins Minia­tur Wun­der­land - da ist im Januar immer freier Ein­tritt für alle, die es sich nicht leis­ten kön­nen - und dar­auf freu ich mich sehr. Und viel­leicht lenkt es mich ja auch mal ein paar Stun­den von allem Doo­fen ab.)

22-01-2024 Ein Lichtblick?

Viel­leicht kommt da ganz aus Ver­se­hen etwas wirk­lich Gutes auf mich zu.

Heute mor­gen war ich end­lich bei der Augen­ärz­tin für die jähr­li­che Unter­su­chung, die ich wegen der Dia­be­tes machen las­sen muss. Das ist eine län­gere Pro­ze­dur, weil die Pupil­len mit Hilfe von Trop­fen erst weit gestellt wer­den müs­sen und das dau­ert halt eine Weile.
Als ich irgend­wann auf­ge­ru­fen wurde und durch den Flur ins Sprech­zim­mer ging, stand genau die Arzt­hel­fe­rin bei der Ärz­tin, die ich gut kenne, weil sie Nach­ba­rin mei­ner Toch­ter ist und ihre Toch­ter die beste Freun­din vom Enkel. Wir begrüß­ten uns mit einer Umar­mung und frag­ten gegen­sei­tig nach dem Befin­den; auf den fra­gen­den Blick der Ärz­tin erzählte ich die­ser von unse­rer Ver­bin­dung. Ob sie dar­auf­hin noch etwas freund­li­cher war als sowieso schon? Wenn ich an all die Fach­men­schen denke, mit denen ich in den letz­ten Wochen zu tun hatte, war sie jeden­falls defi­ni­tiv die herz­lichste und fröh­lichste. Was für einen Unter­schied das macht und wie anders und ange­nom­men ich mich heute fühlte.

Sie fragte dann kurz, ob es noch einen ande­ren Grund gäbe, wes­halb ich da sei (außer der jähr­li­chen Unter­su­chung) und ob sie etwas für mich tun könnte. Ich meinte nur, ich hätte mit der Brille ein Pro­blem, aber dabei könnte sie mir lei­der nicht hel­fen. Dar­auf­hin schaute sie in meine Pati­en­ten­akte, guckte sich die Werte der ers­ten Mes­sung heute mor­gen genau an und eröff­nete mir dann, dass meine Lin­sen wohl leicht ein­ge­trübt seien (also irgend­was in Rich­tung Grauer Star) und dass man das so ope­rie­ren könnte, dass ich danach nur noch - je nach­dem, wel­che Lin­sen man als Ersatz ein­setzt - eine Brille für die weite Ferne oder zum lesen bräuchte. Und dann kam die beste Nach­richt: das müsste ich nicht selbst zah­len, das über­nimmt bis auf einen klei­nen Eigen­an­teil die Kasse, weil es eben wegen des Grauen Stars wäre.

Was für eine Vor­stel­lung: nie wie­der eine Brille im All­tag, nur zum Lesen! Am Mor­gen die Augen öff­nen und sehen kön­nen! Unter der Dusche sehen, beim Schwim­men sehen, keine Druck­stel­len mehr im Gesicht und hin­ter den Ohren, keine schmie­ri­gen Bril­len­glä­ser, kein Beschla­gen im Win­ter und über der Maske! Und das alles auf Rezept. Unfassbar.

Ich hab gesagt, dass ich das erst­mal sacken las­sen muss. Zudem muss es ter­min­lich unter Umstän­den mit der Kli­nik koor­di­niert wer­den. Wenn ich da noch ein hal­bes Jahr auf einen Platz war­ten muss, könn­ten die Augen vor­her gemacht wer­den. Ich weiß im Moment auch noch nichts über den Ablauf, das muss ich noch erfra­gen. Wenn erst eins und spä­ter das andere Auge gemacht wird, wie guck ich dann in der Zwi­schen­zeit? Wie lange wird sich das hin­zie­hen, bis beide Augen wie­der heil sind? Das muss ich alles noch raus­fin­den, aber ich glaube, ich will das machen las­sen. Es wäre wirk­lich eine große Erleichterung.

Das Ver­rückte ist - darum das “aus Ver­se­hen” vom Anfang - wenn ich nicht über die Brille geschimpft hätte, hätte die Augen­ärz­tin das nicht vor­ge­schla­gen, weil es eigent­lich noch nicht sein müsste. (So hab ich es jeden­falls verstanden.)

Ein Licht­blick, eine gute Aus­sicht, das erste Mal seit län­ge­rem. Hof­fent­lich ist es wirk­lich einer.

21-01-2024 Die Brille, der Anruf, das Tief

Das Tief geht wei­ter. Von den 20 Tagen im Januar haben 11 in mei­ner Stim­mungs-App ein “schlecht” als Bewer­tung bekom­men (das ist die vor­letzte Stufe auf der Skala). So eine lange miese Phase gab es noch nie in den gut 7 Jah­ren, die ich die App jetzt nutze.

***

Die neue Brille ist ein Desas­ter. Die Stärke geht eigent­lich, aber da sie nie rich­tig sitzt, seh ich auch nicht rich­tig scharf, son­dern hab oft eine ganz leichte Ver­schie­bung, die dann Dop­pel­bil­der macht. Es sind nur Mil­li­me­ter­bruch­teile, aber ich bemerke sie, weil ich dau­ernd ver­su­che, scharf zu stel­len.
Noch viel schlim­mer aber ist die­ses Gefühl, einen Fremd­kör­per im Gesicht zu haben. Ich hatte meine alte Brille ca. 18 Jahre, ich hab sie - obwohl ich sie auch immer wie­der hoch­schie­ben musste - nicht gespürt, sie war ein­fach da. Wie Schmuck, den man immer trägt, der zu einem dazu gehört, der sei­nen fes­ten Platz am Kör­per hat. Die neue Brille fühlt sich immer ein win­zi­ges Stück dane­ben an. Es gibt zwar einen Ort, wo es okay ist, aber ers­tens auch nur okay und zwei­tens rutscht sie von da sofort weg. Sie klemmt falsch hin­ter den Ohren, die Bügel sind viel zu lang. Wenn ich den Kopf nach links drehe, schiebt sie sich nach rechts. Wenn ich nach unten gucke, rutscht sie run­ter. Wenn ich eine Gri­masse mache, die Augen zukneife, die Nase rümpfe, ver­schiebt sie sich. Wenn ich sie ganz nach oben klemme, drückt sie - und bleibt da ja nicht. Und bei allem hab ich per­ma­nent die­ses fal­sche Gefühl.
Wie kann ich denn sowas einer Opti­ke­rin klar machen? Ver­ste­hen die das?

Komi­scher­weise hatte ich die­ses Gefühl nicht bei der zu schwa­chen Über­gangs­brille. Ich weiß nicht, ob es (auch) damit zu tun hatte, dass sie ein klei­nes biß­chen leich­ter war wegen der schwä­che­ren Glä­ser, aber ich kann mir eigent­lich nicht vor­stel­len, dass das so viel aus­macht.
Heute hab ich noch­mal meine alte Brille raus­ge­holt zum Ver­gleich und gese­hen, dass sie kom­plett andere Bügel hat. Sie sind viel kür­zer und gra­der als die von der neuen. Ob es das ist? Ob sich daran was machen lässt? Das uralte Gestell ist natür­lich völ­lig ver­schram­melt und abge­blät­tert, aber ich wün­sche es mir sehn­lichst zurück. Ich weiß nicht, ob ich mich an das neue gewöh­nen kann. Und manch­mal bin ich kurz davor, es in die Ecke zu don­nern, aber da ist ja jetzt alles aus Kunst­stoff, das geht ja noch nicht­mal kaputt.

Jeden­falls macht das alles wahn­sin­nig schlechte Laune. Ich bin stän­dig gereizt und genervt und stehe kurz vor der Explo­sion. Ich hab nur Angst davor, dass es an der völ­lig fal­schen Stelle raus­bricht. Viel­leicht sollte ich mich schon jetzt vor­sichts­hal­ber bei allen Men­schen mei­ner Umge­bung ent­schul­di­gen.
Ich ver­such es trotz­dem noch­mal mor­gen bei Fielmann.

***

Und dann war da noch der befürch­tete und ersehnte Anruf. Genau, DER Anruf von der Kli­nik. Am Frei­tag, mor­gens um 9 Uhr. Ich hatte keine Ter­mine und lag natür­lich noch im Bett. Zu mei­nem gro­ßen Glück war ich aber kurz vor­her auf dem Klo und noch nicht wie­der ein­ge­schla­fen, als das Tele­fon klin­gelte. Auf dem Dis­play stand nur “Pri­vate Num­mer” und ich hab einen Moment über­legt, gar nicht ran zu gehen. Weil ich aber ja auf den Anruf war­tete, hab ich mich über­wun­den und saß dann also nackt im Bett, wäh­rend mich die Ober­ärz­tin der Kli­nik über meine Ess­stö­rung aus­fragte. Ich hasse sol­che Situa­tio­nen zutiefst. Warum ver­dammt kann man da kei­nen Ter­min aus­ma­chen? Das muss denen doch auch klar sein, dass das für Men­schen mit psy­chi­schen Pro­ble­men (und genug ande­ren auch) Stress bedeu­tet! Und dann meinte die Ärz­tin auch noch vor­wurfs­voll, sie hätte mich nie erreicht! Sie hat genau EINMAL ange­ru­fen! Was erwar­ten die? Dass ich nach der Ankün­di­gung, es könne bis zu zwei Wochen dau­ern, nur noch zuhause starr sitze, bis der Anruf kommt?
(Ob ich es schaffe, das den zustän­di­gen Men­schen in der Kli­nik noch­mal direkt zu sagen? Vor­aus­ge­setzt, ich kann über­haupt hin.)

Das Gespräch selbst war selt­sam und zum gro­ßen Teil unan­ge­nehm. Natür­lich wegen mei­ner Lage (nackt im Bett), auch weil ich total unaus­ge­schla­fen war und um die Uhr­zeit sowieso nicht gut reden kann, schon gar nicht über schwie­rige The­men. Die Ärz­tin selbst emp­fand ich als unfreund­lich, schnip­pisch irgend­wie, unge­dul­dig. Ihre Fra­gen gin­gen immer hin und her zwi­schen sach­lich (wie­viel wie­gen Sie? Wie sehen Ihre Mahl­zei­ten aus? Was früh­stü­cken Sie? Kommt es zum Erbre­chen? Sind Sie sui­zi­dal?) und psy­chisch (was sind Ihre Trig­ger? Was erhof­fen Sie sich? Und noch drei­mal: was sind Ihre Trig­ger?). Als ich das mit dem Trig­ger nicht sofort beant­wor­ten konnte und auch nicht sagen, warum ich in mei­ner bis­he­ri­gen The­ra­pie das Thema noch nie bear­bei­tet habe, wurde sie kurz ange­bun­den und meinte sowas wie “ich stell Ihnen mal lie­ber Fra­gen, so wird das nichts”, hat mich dann aber beim ant­wor­ten immer wie­der unter­bro­chen und einige Male nur stur ihre Frage wie­der­holt. Am Ende des Gesprächs sagte sie: “eine Mit­ar­bei­te­rin wird sich dann bei Ihnen mel­den”. Auf meine Rück­frage, ob ich das als Zusage ver­ste­hen könnte, sagte sie den glei­chen Satz noch­mal. Eine Ant­wort war das nicht, ich bin genauso schlau wie vor­her und darf also wei­ter warten.

Die ganze Zeit wäh­rend des Gesprächs hatte ich das Gefühl, ich wäre nicht gestört genug, müsste aber gleich­zei­tig viel reflek­tier­ter sein. Spä­ter kam mir dann ein Satz in den Sinn, den ich hätte sagen sol­len: “Wenn ich das alles wüßte, würde ich nicht in die Kli­nik wol­len.“
Jeden­falls würde es mich nicht wun­dern, wenn ich es ver­kackt habe und eine Absage bekomme. Ich kann es über­haupt nicht ein­schät­zen. Das hebt die Stim­mung übri­gens auch kein Stück - im Gegenteil.

***

Und ich dachte am Ende des letz­ten Jah­res noch, was soll sich denn groß ändern, nur weil da eine andere Zahl steht im Datum. Dass es in die blöde Rich­tung gehen wird, hätte ich jeden­falls nicht erwar­tet. Das darf sich dann jetzt lang­sam mal wie­der ändern.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.