02-02-2021 Missing Igor

Heute Nacht hab ich geträumt, dass ich (in einem Klas­sen­zim­mer oder einem Grup­pen­raum in der Psy­cho­kli­nik? Sowas in die­ser Art) mit einer Gruppe Men­schen zusam­men saß, die mir sehr ver­traut waren; mit einem davon war ich zusam­men oder so, das ist nur noch vage im Kopf.
Was aber nach dem Auf­wa­chen noch da war und den gan­zen Tag im Gefühl blieb: wir haben uns im Traum immer wie­der umarmt und ich dachte dabei (im Traum), dass ich das (in echt) am aller­meis­ten ver­misse in der #aktu­el­len­Si­tua­tion. Berührt zu wer­den, gehal­ten zu wer­den. Die ganz gro­ßen Umar­mun­gen genauso wie die klei­nen absicht­li­chen und zufäl­li­gen Berüh­run­gen. Haut an Haut. Die Ver­bin­dung zu einem Men­schen nicht nur füh­len, son­dern auch kör­per­lich spü­ren. Es fehlt so, so sehr. 


Ich ver­su­che, psy­chisch wenigs­tens auf mei­ner Nor­mal­null-Linie zu blei­ben. Mich nicht allzu sehr von allem nach unten zie­hen zu las­sen, nicht zu lange trau­rig zu sein, mich nicht auf das Nega­tive zu fokus­sie­ren. Ich gebe mir Mühe, freund­lich und gut zu mir zu sein. Aber es wird nicht hel­ler in mir.
Ich sehe die Fort­schritte in der The­ra­pie. Ich lerne, die neu­es­ten Erkennt­nisse anzu­wen­den und vie­les anders zu den­ken. Das tut gut, weil damit der Selbst­hass weni­ger wird. Aber es wird nicht hel­ler in mir.
Ich dachte, ich könnte ohne die Stimme in mei­nem Kopf wie­der stär­ker wer­den, selbst­si­che­rer, zufrie­de­ner. Ich dachte, ich könnte jetzt end­lich mit gutem Gefühl tun, was ich mag, was mich aus­füllt. Aber ich hab nicht plötz­lich wie­der mehr Kraft und es wird nicht hel­ler in mir.

Da, wo die Stimme bis­her so über­laut über allem stand, ent­steht grade ein gro­ßes Loch. Die Stimme wird lei­ser, die Zwei­fel weni­ger, die Wut lässt lang­sam nach — aber da kommt nichts ande­res statt des­sen. Da ist trotz­dem nicht auf ein­mal alles gut. Ich weiß nicht, ob ich das erwar­tet hatte, aber es wird mir grade bewußt. Es ist, als wäre ich zwar eine etwas bes­sere Ver­sion von mir, aber in farb­lo­sem Grau. 

Und plötz­lich ver­misse ich Igor. Weil ich, wenn er da war, wenigs­tens etwas gefühlt habe. Weil die Angst, der Zwei­fel, der Selbst­hass stark waren, Kraft hat­ten, auch wenn sie mich damit nach unten gedrückt haben. Weil da Tiefe war, bis in den dun­kels­ten Abgrund. Und weil ich immer das Gefühl hatte, dass diese Tiefe mich zu einem Teil aus­macht. Weil in dem Schwarz und dem Weiß - das es ja auch immer wie­der gab - ein unge­heu­rer Kon­trast war, wäh­rend das jet­zige Grau ein­fach nur ver­wa­schen und kon­tur­los ist.
Und ganz neben­bei: weil ich in die­sen Zei­ten Gedichte schrei­ben konnte, wie sie auf mei­ner ande­ren Seite zu lesen sind. Auch das ver­misse ich sehr.

Denn jetzt ist da ein Loch, aber noch nichts, womit ich es fül­len kann.


Out in this no man’s land I’m try­ing to be me
Out in this no man’s land I’m dying to be free
If only I could change

HAEVN - No Mans Land

2 Kommentare

  1. Das, was du da schreibst, kenne ich genau so oder sehr ähn­lich vom Trau­er­pro­zess. Ein Loch ohne Hoff­nung auf etwas, das es fül­len könnte. Danke, dass du das so klar for­mu­lie­ren konn­test. Das ist sehr hilf­reich, denke ich grad, für dich, für mich. 

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