04-11-2021 Novembergrau, gesprenkelt mit Regentropfen

Die letz­ten Nächte waren wie­der voll von anstren­gen­den Träu­men. Ich finde mei­nen Weg nicht, ver­passe alle mög­li­chen Züge, kämpfe gegen mein (inne­res) Kind … es ist sehr müh­sam und ich wache müde auf.

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Anstren­gend war auch mein Geburts­tag am Sonn­tag. So viele gespro­chene und geschrie­bene Worte auf diver­sen Wegen, so viel Auf­merk­sam­keit. Mit so vie­len Men­schen kom­mu­ni­ziere ich sonst in einem gan­zen Monat nicht wie an die­sem einen Tag. Das war schön, aber die totale Über­do­sis.
Am Nach­mit­tag war dann auch die Toch­ter­fa­mi­lie zum Geburts­tags­kaf­fee hier. Das war noch schö­ner und wärmte die Seele sehr, aber irgend­wann war ich auch froh, als sie wie­der weg waren. Drei Men­schen mit ADS auf einem Hau­fen sind - bei aller Liebe - für eine HSP wie mich echt anstren­gend. Ande­rer­seits bin ich mit mei­ner rela­ti­ven Struk­tur­lo­sig­keit für die drei ver­mut­lich auch nicht so ein­fach aus­zu­hal­ten.
Vor­ges­tern hab ich dann abends noch zwei Stun­den mit der gro­ßen Schwes­ter in NZ ges­ky­ped und war ges­tern troz allem auch in der Mitt­wochs­gruppe, aber jetzt ist mir doch sehr nach ein paar Tagen alleine mit Kuschel­de­cke und war­mer Musik in mei­nem Schne­cken­häus­chen. Nur tun, was gut ist für mich. Und wert schät­zen, dass ich das darf und inzwi­schen auch kann.

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Bei den gan­zen Wün­schen zu mei­nem Geburts­tag wur­den mir zwei Dinge sehr bewußt:
das eine ist, dass mir die “gesun­den” Men­schen in mei­nem Umfeld immer noch und immer wie­der sol­che Sachen wün­schen wie alles Gute, viel Licht und dass ich schöne Momente genie­ßen kann, dass es sogar (!) Freude in mei­nem Leben gibt und vor allem, dass es mir doch bitte bald / irgend­wann / viel­leicht eines Tages end­lich mal bes­ser gehen möge und ich gesund und glück­lich werde. Ich weiß, dass das lieb gemeint ist und ich ver­stehe die Inten­sion dahin­ter, aber ich würde mir wün­schen, dass von die­sen Men­schen mal jemand mich ver­steht oder es wenigs­tens ver­sucht.
Ich würde mir wün­schen, dass sie so wie ich akzep­tie­ren, dass ich nicht mehr “gesund” werde. Dass es aber nicht schlimm ist, dass die Depres­sion bei mir blei­ben wird, ver­mut­lich für immer. Man muss mir nicht wün­schen, davon geheilt zu wer­den, weil das im bes­ten Fall eh nicht geht und im schlech­te­ren Fall mich nur unter Druck setzt. Es wäre mir so viel lie­ber, man:frau würde nicht um das Thema drum rum eiern, son­dern es ganz selbst­ver­ständ­lich benen­nen. Dass es auch in den Wün­schen mehr um das Leben mit der Krank­heit ginge, um das Wei­ter­ge­hen auch in dunk­len Zei­ten, um Kraft zum Durch- und Aus­hal­ten.
Oder um ganz pro­fane Dinge, denn auch mein Leben dreht sich nicht aus­nahms­los nur um Krankheit(en). Warum wünscht mir eigent­lich nie jemand viel Geld, kör­per­li­che Gesund­heit, neue Freund:innen, einen Urlaub am Meer? Das wär doch mal was. 😉

Das zweite ist: die­ses “glück­lich sein”, was da gewünscht wird, ist für mich kein erstre­bens­wer­tes Ziel mehr. Darum geht es nicht mehr. “Don’t worry, be happy”? Nein danke. Diese auf­ge­setzte Glück­se­lig­keit, die alles Schwere nur ver­drängt, die dunkle Tage sofort umwan­deln muss, die mit dem Dau­er­lä­cheln über­ma­len muss, dass das Leben oft ziem­lich beschis­sen ist und dass es vor allem dar­auf ankommt, da irgend­wie durch zu kom­men … ich brauch das nicht, ich will das auch gar nicht. Nie­mand kann dau­ernd glück­lich sein und ich glaube auch nicht, dass das gesund ist. Es braucht Tag und Nacht, Sonne und Regen, dun­kel und hell. Ohne das eine gäbe es das andere nicht und bei­des ist wich­tig und gut.
Ganz abge­se­hen von ihrer Not­wen­dig­keit als Gegen­satz haben die dunk­len Tage auch ihren Reiz, weil sie - bei mir - oft sehr inten­siv im Füh­len sind. Wenn ich nur happy bin, kann ich zum Bei­spiel nicht schrei­ben. Am meis­ten bei mir selbst bin ich, wenn ich sen­ti­men­tal und trau­rig bin, weil das mei­ner Natur ent­spricht. Ja, Sonne ist geil und diese Herbst­far­ben im Okto­ber erst recht, aber viel mehr Gän­se­haut macht mir z.B. ein alter Song, der mich an frü­here Zei­ten erin­nert und den ich stun­den­lang auf Repeat hören kann.
Ich kann nicht immer nur tan­zen und lachen, ich muss auch sit­zen und schauen und still sein und manch­mal wei­nen. Ich brau­che bei­des, immer. Und ich wünschte mir, das wäre normal.

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Die Natur kann das wie so oft viel bes­ser als wir. Da gibt es eine Zeit zum wach­sen und blü­hen und mit­ten im Leben sein und danach eine Zeit für Ruhe und inne hal­ten, ver­ge­hen und neu wer­den. Bei­des muss sein, das eine geht nicht ohne das andere. Und bei­des kann wun­der­schön sein.

3 Kommentare

  1. “Ich kann nicht immer nur tan­zen und lachen, ich muss auch sit­zen und schauen und still sein und manch­mal wei­nen. Ich brau­che bei­des, immer.” ..

    Das ist ein wun­der­vol­ler Gedanke. Danke dafür!

  2. Deine Gedan­ken, ja, das unter­schreibe ich groß. Es war mir bis­her gar nicht so bewusst, wie sehr auch bei mir die­ses Melan­cho­lisch­sein dazu gehö­ren muss. Wahre Worte, Danke!

  3. Oh ja, da erkenne ich ziem­lich viel von mir in Dei­nen Wor­ten wie­der. Zum Beispiel:

    »Das zweite ist: die­ses “glück­lich sein”, was da gewünscht wird, ist für mich kein erstre­bens­wer­tes Ziel mehr. Darum geht es nicht mehr.«

    Hab ich für mich auch schon fest­ge­stellt und mich dazu ent­schie­den, mehr für meine, ganz allein meine (!) Zufrie­den­heit zu tun.

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