06-11-2020 Corona im Haus

Ich bin genervt von mir selbst. Eigent­lich hatte ich mir für heute mal wie­der - wenn schon alle Ter­mine weg sind - einen rich­ti­gen Frei-Tag vor­ge­nom­men. So wie im Som­mer oft: lange schla­fen, gemüt­lich früh­stü­cken, Musik hören, trei­ben las­sen. Nichts muss, alles darf.
Und eigent­lich dachte ich auch, dass ich die Auf­re­gung der Woche mal bewußt wahr­neh­men und dann genauso bewußt los las­sen kann, damit es wei­ter geht mit allem, was zu tun ist. Der Kopf will aber nicht, der drückt das weg mit “das war doch nichts schlim­mes, mach doch kein Ding draus” und zählt mir dann auf, was alles auf der Liste steht. So kann ich nicht ent­span­nen, nicht los las­sen, mich aber auch nicht moti­vie­ren, wirk­lich was von der Liste zu tun. Also pro­kras­ti­niere ich ohne Ende, lese viel zu viele ner­vige Nach­rich­ten, pho­to­shoppe Fotos, gucke Koch­vi­deos - und bin unzu­frie­den und genervt und geän­dert hat sich nichts.


Ich möchte weg von allem. Keine Nach­rich­ten, keine Pro­bleme, nicht immer so viel neues oben drauf, wo das alte unten noch gar nicht fer­tig ist. Ich fühle mich gehetzt und bewe­gungs­un­fä­hig gleichzeitig.


Meine Nach­ba­rin hat Corona. Lang­sam dringt es in mein Bewußt­sein. Jetzt ist es nichts mehr, was nur in die­sem Inter­net und irgendwo da drau­ßen vor­kommt. Mir war immer klar, dass das Virus und seine Aus­wir­kun­gen real sind, aber es gab bis jetzt immer eine Grenze zwi­schen mir und dem Schreck­li­chen, es war nur theo­re­tisch für mich. Wenn ich es nicht mehr ertra­gen konnte, hab ich die Nach­rich­ten aus­ge­stellt.
Jetzt hat es Eine getrof­fen, die ich zwar nicht gut, aber doch kenne. Es ist nicht nur die Cou­sine von der Toch­ter der Freun­din der Kol­le­gin. Es ist ins Haus ein­ge­drun­gen, nah an mei­nen schüt­zen­den Ort, nur eine Wand ist zwi­schen uns. Ja, das macht mir Angst.
Es ist ähn­lich wie mein Gefühl beim Fahr­rad fah­ren nach dem Unfall: ich sitze ange­spannt auf dem Rad, ich habe meine Augen stän­dig über­all, um nur ja nie­man­den zu über­se­hen, der_die mir wie­der in die Quere kom­men könnte. Das macht unsi­cher, ich habe wirk­lich Angst zu fal­len. Das Selbst­ver­ständ­nis ist weg, so wie das nur theo­re­ti­sche an Corona weg ist. Es ist schwer, zur Nor­ma­li­tät zu gehen und so zu tun, als wäre da nichts. Maske auf und wei­ter machen. Aber es kann jeder­zeit jede_n tref­fen, weil keine_r weiß, was oder wer kommt. Die Eine, die nicht nach hin­ten schaut und die Auto­tür auf­macht. Der Eine, der in der U-Bahn direkt hin­ter mir sitzt und denkt, der Hus­ten sei eine nor­male Erkäl­tung. Die Jog­ge­rin, die ges­tern auf der gehei­men Party war und heute die Aero­sole in einer lan­gen Bahn hin­ter sich zieht und du läufst mit­ten rein, ohne es zu wis­sen.
Ich bin emo­tio­nal noch rela­tiv gelas­sen, weil ich die Nach­ba­rin kaum kenne (sie wohnt erst seit dem Früh­jahr hier und war bis­her meis­tens weg). Aber ich will nicht erle­ben müs­sen, dass es eine_n von mei­nen Liebs­ten erwischt. Ja, das Ding macht mir Angst.


Ich möchte weg von allem. Keine Nach­rich­ten, keine Pro­bleme, keine Krank­hei­ten. Nicht noch mehr oben­drauf, solange ich noch dabei bin, die alten Sachen aus­zu­mis­ten. Es ist zu viel.

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