07-02-2022 Happy Igorday

Im Traum heute Mor­gen irgend­wann steckte meine Toch­ter ein Blatt Papier in einen Umschlag und meinte: “Träume gehö­ren hier rein”. Ich nahm es wie­der raus mit den Wor­ten “ich hab kei­nen Traum mehr” und zer­riss das Blatt und irgend­wie liegt heute die ganze Zeit so eine kleine Trau­rig­keit auf mir.

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Die letze depres­sive Phase war ein lan­ger, grauer Gra­ben, gefüllt mit allen blö­den -losig­kei­ten, die der dumme, alte Schwarze Hund nur fin­den konnte - aber anschei­nend ist sie seit ein paar Tagen wie­der vor­bei, so wie es ja immer wie­der vor­bei geht.
Wäh­rend des Tele­fo­nats letz­ten Frei­tag mit Frau R. vom Hil­fe­Dings ging mir ein noch unaus­ge­reif­ter Gedanke durch den Kopf: was, wenn ich ein­fach keine Ener­gie mehr dafür ver­schwende, gegen die Dys­thy­mie zu kämp­fen, son­dern sie ein­fach kom­men und gehen lasse, weil sie das doch sowieso tut. Dann kann ich die Kraft spa­ren und hab viel­leicht in den guten Zei­ten mehr davon. (Da mal wei­ter drü­ber nachdenken.)

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Heute hat meine Depres­sion offi­zi­el­len 10. Geburts­tag. “Happy Igor­day” nannte es Freun­din D. vor­hin im Chat und ich grinse etwas schief dabei, weil der Name zwar wit­zig ist, mich die Sache an sich aber nach wie vor trau­rig und wütend macht. Und depres­siv irgend­wie, das auch.

Am 30.01.2012 bean­tragte ich im Job Urlaub für die Woche dar­auf und fing gleich­zei­tig an, mei­nen Arbeits­platz auf­zu­räu­men, weil ich ahnte, dass ich nicht mehr zurück kom­men würde. Heute vor 10 Jah­ren saß ich dann in der Pra­xis mei­ner Haus­ärz­tin und konnte auf ihre Frage “wie geht es Ihnen?” nur noch heu­len. Sie drückte mir wort­los eine Packung Taschen­tü­cher in die Hand und war­tete ein­fach, bis ich wie­der halb­wegs reden konnte. Ihre nächste Frage lau­tete dann: “Wie lange soll ich Sie aus dem Ver­kehr zie­hen? Sind 10 Tage erst­mal okay?” Ich bin ihr auf ewig dank­bar dafür, dass sie sofort gese­hen hat, was los war und dass sie mich so ernst genom­men hat.

Dank­bar auch dafür, dass das Kind end­lich einen Namen hatte und dass damit von pro­fes­sio­nel­ler Seite bestä­tigt wurde, was ich so viele Jahre vor mir und der Außen­welt ver­steckt hatte. Denn die Depres­sion begann ja schon viel frü­her - einige Sym­ptome beglei­ten mich bereits seit der Kind­heit und ich erin­nere mich an diverse schwarze Löcher. Aber jetzt stand es da: ich hatte eine schwere Depres­sion, die behan­delt wer­den musste. So schlimm das war, war es auch eine Erleich­te­rung. Ich hatte mir das alles nicht ein­ge­bil­det, ich war nicht ein­fach nur zu unfä­hig, schwach oder blöd: ich war wirk­lich rich­tig krank. Und ich weiß heute, dass ich viel zu lange gewar­tet hatte damit, mir Hilfe zu holen. Das ist sicher mit ein Grund, warum ich auch 10 Jahre danach noch immer nicht arbeits­fä­hig bin und die Krank­heit chro­nisch gewor­den ist.

Heute vor 10 Jah­ren hat sich mein Leben kom­plett umge­dreht, fast nichts ist mehr so, wie es davor war. Ich hab es hier oft genug geschrie­ben: nein, ich bin abso­lut nicht glück­lich dar­über. Ande­rer­seits hab ich so viel gelernt über mich, was ohne die The­ra­pien sicher nicht pas­siert wäre. Ob es das wert war, dar­über mag ich nicht nach­den­ken. Aber jetzt steh ich eben hier, ob ich will oder nicht und muss damit zurecht kom­men, dass mich Igor wei­ter­hin begleitet.

Also: Happy Offi­cial Bir­th­day, du selt­sa­mer klei­ner Hund. Ich hab keine Blu­men für dich, statt des­sen aber einen Wunsch: es wäre echt schön, wenn du mich nicht dau­ernd so aus dem Nichts und hin­ter­rücks ohne rich­ti­gen Grund über­fal­len wür­dest. Kriegst du das hin? Und geh mal wie­der baden, du stinkst riechst irgend­wie ziem­lich muffig.

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