10-01-2021 Viel im Kopf

Ich mag das ja sehr, wenn ich im mol­lig war­men Bett liege und von drau­ßen kommt diese win­ter­kalte Luft ins Zim­mer. Ich kann nur wach nicht gut lie­gen blei­ben, da fehlt alles mög­li­che. Eine Rücken­stütze, um lesen zu kön­nen. Eine Abstell­flä­che für den Kaf­fee. Über­haupt eine gemüt­li­chere Atmo­sphäre im Zim­mer, das ich seit dem Aus­zug der Toch­ter ja nur zum Schla­fen nutze. Ich könnte da mal drü­ber nach­den­ken, wenn ich sowieso an der Ent­schei­dung bin, ob ich umziehe oder lie­ber reno­viere. Falls es das zweite wird, hab ich da schon ein paar Ideen im Kopf.
(Farbe! Ein schö­nes Meer­blau an die Wand. Viel­leicht ein Strei­fen Tapete oder andere Farbe. Vor­hänge in dun­kel­blau. Bil­der und einen Tep­pich vors Bett. Und viel­leicht dreh ich das Bett ein­fach um 90°?)


Auf Twit­ter bit­tet Einer darum, für die Schwie­rig­kei­ten, mit der #aktu­el­len­Si­tua­tion umzu­ge­hen, nicht den Begriff “Corona-Depres­sion” zu ver­wen­den und wird von allen Sei­ten ange­grif­fen, selbst von ande­ren depres­si­ven Men­schen. Dabei geht es nicht darum, jeman­dem eine psy­chi­sche Krank­heit klein zu reden oder abzu­spre­chen, aber es ist nun­mal nicht jede Ver­stim­mung eine Depres­sion und das muss wirk­lich drin­gend in alle Köpfe rein.
Oder wie ein Ande­rer schreibt: 

“Genauso wie Schlapp­heit an dunk­len Win­ter­ta­gen keine „Win­ter-Depres­sion“ ist, ist Antriebs­lo­sig­keit wegen Aus­gangs­be­schrän­kun­gen keine „Corona-Depres­sion“. Indem durch Begriffe wie Win­ter-/Co­rona-Depres­sion jetzt auch tat­säch­lich all­täg­li­che oder sai­so­nale Ver­stim­mun­gen als Depres­sion gela­belt wer­den, macht es das Men­schen mit Depres­sio­nen nur schwe­rer, auf Akzep­tanz in der Bevöl­ke­rung zu sto­ßen. Denn: ich werde auch dann noch meine Depres­sion haben, wenn Corona irgend­wann vor­bei ist und Men­schen, die jetzt von ihrer „Corona-Depres­sion“ reden, wie­der shop­pen und ins Kino gehen kön­nen, also „alles wie­der gut“ ist.”

Ich hab schon im Früh­jahr geschrie­ben, dass ich mich ärgere, weil wir schon seit Jah­ren laut sind und dar­über berich­ten, dass an allen Ecken und Enden Therapeut:innen und Kli­nik­plätze feh­len und das kei­nen inter­es­siert und dass immer noch so viele Leute den­ken, dass eine Depres­sion mit Scho­ko­lade geheilt wer­den kann und wir uns ja nur mal ein biß­chen zusam­men rei­ßen müss­ten, aber jetzt ist es plötz­lich völ­lig okay, depres­siv zu sein ange­sichts der Pan­de­mie und der Über­for­de­rung und weil ja die sozia­len Kon­takte ein­ge­schränkt wer­den sol­len und da muss man doch was tun!
Das ist, als ob du in einer lan­gen Schlange an der ein­zi­gen offe­nen Kasse war­test, obwohl du nicht mehr ste­hen kannst und aufs Klo musst oder Platz­angst hast und der hin­ter dir immer näher rückt und dann macht eine neue Kasse auf und da ren­nen sofort die hin, die als aller­letzte in der Reihe stan­den und tun so, als hät­ten sie jedes Recht der Welt dazu und du bist wie­der der Depp.
Ich ver­stehe gut, dass die Situa­tion für ganz viele Men­schen schwie­rig ist, aber diese Über­for­de­rung und die Ängste jetzt alle ein­fach “Depres­sion” zu nen­nen, ist für alle Sei­ten falsch. 


Und irgend­was ande­res war noch, was mich ärgert, aber ich habs ver­ges­sen. War es der oran­gene Typ aus den USA, der das Weiße Haus unbe­dingt noch mit Dreck bewer­fen muss, bevor er da raus­ge­schmis­sen wird? Oder die Bul­len, die alle Coro­nal­eug­ner-Mär­sche wohl­wol­lend beglei­ten, aber wenn Linke auf die Straße gehen, sofort mit aller Gewalt drauf hauen müs­sen wie heute wie­der­mal in Ber­lin? Oder waren es die gan­zen wei­ßen alten Män­ner und Frauen, die sich dar­über lus­tig machen, dass der Duden jetzt in sei­ner Online-Aus­gabe gen­dert (warum eigent­lich nur da?) und wir doch echt bes­se­res zu tun hät­ten, als die Frauen end­lich über­all sicht­bar zu machen? Oder dass in mei­nem eigent­lich gelieb­ten sozia­len Medium an so vie­len Stel­len ein sehr rau­her Ton herrscht und ich wie­der­mal oft keine Lust mehr hab, über­haupt noch zu lesen oder zu schrei­ben dort?


Ich bin grade sehr müde, merke ich. Da pas­siert viel in mir drin, womit ich mich beschäf­ti­gen möchte und das ist gut so. Aber dann guck ich wie­der raus aus mei­nem Schne­cken­häus­chen und sehe die Welt bren­nen und möchte mich wei­nend wie­der ver­zie­hen und weiß doch, dass das auch irgend­wie nicht gut wäre. Es strengt an.

(Nein, lie­ber Igor, geh zurück auf dei­nen Platz, ich komm schon klar.)


Ich hätte gerne wie­der einen Ergo­me­ter für zuhause. Mein Rücken tut weh und meine Füße mögen so gar nicht gehen, aber ich brau­che Bewe­gung, ich roste kom­plett ein. Das zuhause-blei­ben macht das alles nicht bes­ser, im Gegen­teil.
Yoga wäre bestimmt toll und heil­sam und bes­tens geeig­net wegen Acht­sam­keit und so. Ich hab das noch nie gemacht, darum will ich das nicht alleine anfan­gen. Aber ich stell es mir schön vor, das gleich mor­gens zu machen und damit in den Tag zu star­ten und super geer­det zu sein und hups, hab ich da grade so Insta­gram-mäßige Bil­der vor Augen?
Wie auch immer, es gibt ja sowieso 1000 Gründe *), warum das nicht geht bei mir oder schwie­rig ist oder so. Ich muss was ande­res fin­den oder einen ande­ren Weg.

*) Zum Bei­spiel: Ich schlafe nackt, d.h., ich muss nach dem Auf­ste­hen erst aufs Klo, mir dann was anzie­hen fürs Yoga, mich danach aber wie­der aus­zie­hen für die Dusche und dann wie­der anzie­hen. Mein Inne­res sagt “nein” und “viel zu kom­pli­ziert” und “ich brauch sowieso vor jeder Akti­vi­tät erst­mal einen Kaf­fee!”, ziem­lich vehe­ment. So funk­tio­niert das also nicht. Ist so.
Außer­dem: Übun­gen im Lie­gen gehen gar nicht. Ich kann nicht gut auf dem Rücken lie­gen und schon gar nicht auf dem Boden und mein Bett ist zu weich dafür und über­haupt sind “Turn­übun­gen” im Lie­gen zum weg­lau­fen. Irgend­was muss da im Sport­un­ter­richt frü­her pas­siert sein, ich kriege Panik schon beim dran den­ken. In Malente hatte ich eine Panik­at­ta­cke mit Heul­krampf in der Tür zur Sport­halle, aus - für mich - hei­te­rem Him­mel. Keine Ahnung, was das ist.
Und obwohl ich mich immer gerne bewegt habe, hab ich eine ganz schlimme inner­li­che Abwehr / Abscheu gegen “Übun­gen”. Ich kann das nicht alleine, es geht nicht, auch wenn ich ver­stehe, dass es mir gut tun würde. Es schei­tert nicht am Wol­len.
Stell ich mich an? Nein. Etwas in mir blo­ckiert, es wird einen Grund geben, den muss ich finden.


Gele­sen: “Keine Zeit für Hel­den” bei Sol­mi­nore: Mal ein ande­rer Blick auf die Pandemie.

Das Virus zwingt zur Feig­heit. Wer feige ist, ist gut; wer sich selbst schützt, schützt andere. Feig­heit ist die neue Leit­tu­gend, das neue Hel­den­tum. Aber was für alberne Hel­den bringt es her­vor? Todes­ver­ach­tung heißt unter den Regeln, die das Virus auf­stellt, Men­schen­ver­ach­tung, und wer mutig ist, ret­tet nicht, son­dern gefähr­det andere. Wir wür­den uns gerne mutig als Teil der Lösung ver­ste­hen, dabei müs­sen wir ler­nen, uns als Teil des Pro­blems zu sehen. Das läuft kon­trär zu all unse­ren Lieb­lings­er­zäh­lun­gen, ist lang­wei­lig und empö­rend, ver­spot­tet die Intui­tion und kehrt alle Werte, die wir rund um Gefahr und Gefähr­lich­keit errich­tet haben, um. Wir sind keine Hel­den, wir sind selbst die Gefahr. Wir selbst sind das Böse, seine Trä­ger, seine Knechte.

https://askionkataskion.wordpress.com/2021/01/07/keine-zeit-fuer-helden/

4 Kommentare

  1. Ich bin sehr bei dir, wenn es um den infla­tio­när genutz­ten Begriff “Depres­sion” geht. Glei­ches gilt übri­gens auch fürs “Trig­gern” und fürs “Trau­ma­ti­sie­ren”. Wie oft ich schon auf Twit­ter las, dass Kin­der durchs Mas­ken­tra­gen trau­ma­ti­siert wür­den. Wenn eine Maske zum Trauma für ein Kind wird, sind die erzie­hen­den Eltern das eigent­li­che Problem.
    Das nervt mich alles sehr, weil es halt die Dra­ma­tik der Situa­tion von “ech­ten” Betrof­fe­nen abwer­tet und mit den All­tags­weh­weh­chen und -pro­blem­chen gleichsetzt.
    Und es nervt mich, dass es mich nervt.
    Aber ich mag es sehr, dei­nen Blog zu verfolgen.

    1. Ja, da gibt es so einige Begriffe, die von eigent­lich nicht Betrof­fe­nen ver­ein­nahmt und damit ver­fälscht wer­den. Viel­leicht auch, weil immer alles noch gestei­gert wer­den muss und ein ein­fa­ches “ich komme mit dem allem nicht klar” nicht reicht, um gehört und ernst genom­men zu wer­den? Wenn wir Depres­si­ven schon nicht ernst genom­men wer­den? Aber das ist nur der Ver­such, eine Erklä­rung zu fin­den - und kei­nes­wegs eine Ent­schul­di­gung. Spra­che ist so wich­tig und das ein­zige Mit­tel, das wir haben, um uns wirk­lich zu verstehen.
      Ach, da gäb es noch so viel zu schreiben.

      Aber ich mag, dass du mich ver­fol­gen magst 🙂

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