10-10-2021 … mit deines Herzens ruheloser Pein

Herbst, jetzt doch. Am Tag strah­lende Sonne, die die Wärme aber nur noch vor­gau­kelt und sich schon früh am Abend ver­zieht. Kälte, die von den Füßen hin­auf kriecht und sich nachts wie eine Decke über alles legt. Die große Pla­tane vor mei­nem Bal­kon hält wie jedes Jahr stand­haft ihre grü­nen Blät­ter fest, aber die Lin­den rund­herum fär­ben die ihren jetzt täg­lich mehr von den Baum­kro­nen aus nach unten.
Ich gebe nach und stelle das erste Mal die Hei­zung an.


Der Aus­flug am Frei­tag war selt­sam, in schnel­lem, mehr­ma­li­gem Wech­sel doof und schön. Für den Bota­ni­schen Gar­ten war ich zu spät dran, also holte ich mir meine neue 4-Wochen-Karte und fuhr zum Baum­wall. Bei den ers­ten Schrit­ten merkte ich schon, dass ein Zehen­nagel eine ganz blöde Ecke hat und am Nach­bar­zeh scheu­ert. So würde ich nicht weit kom­men. Also setzte ich mich an die nächste Treppe und zog Schuh und Strumpf aus und natür­lich war der Zeh schon blu­tig. War ja klar, immer­hin hatte ich am Tag vor­her meine Tasche auf­ge­räumt und das uralte Not­fall­pflas­ter weg­ge­wor­fen und nicht ersetzt. Ein Stück Tempo half dann aber, so dass ich wei­ter gehen konnte.
Mein ers­tes Ziel war die Deich­strasse mit den wun­der­schö­nen alten Häu­sern, die ich erst ein­mal vor eini­gen Jah­ren bewußt gese­hen hatte. Ich wollte so gerne Fotos machen davon, aber in prak­tisch jedem der Häu­ser ist irgend­eine Gas­tro­no­mie drin und natür­lich ste­hen Tische drau­ßen und sind bei dem Wet­ter gut besetzt. Ent­spre­chend gab es fast nur Fotos ent­we­der abge­schnit­ten ohne die sehens­wer­ten Haus­tü­ren oder eben mit Men­schen drauf. Hin­ter­her hab ich außer­dem ent­deckt, dass die hin­te­ren Fas­sa­den noch schö­ner sind, wofür ich aber zu einer der Brü­cken über den Niko­laifleet hätte gehen müs­sen, was ich nicht wußte.

Statt des­sen bin ich dann über den Holz­steg rüber zur Spei­cher­stadt und wei­ter zur Elb­phil­har­mo­nie gelau­fen, weil ich die spon­tane Idee hatte, auf die Plaza hoch zu fah­ren und von dort Fotos zu machen und den Son­nen­un­ter­gang zu sehen. Zum Glück gab es unten keine Schlange und der Zugang ist sogar kos­ten­los (das mal mer­ken! ;-), aber oben waren dann doch recht viele Leute - zwar mit MNS, aber doch etwas drän­ge­lig - und vor allem war vor der “schö­nen” Seite Rich­tung Wes­ten ein Netz in Kopf­höhe ange­bracht (wg. Bau­ar­bei­ten?), das das Foto­gra­fie­ren sehr behin­dert hat. Trotz­dem saß ich eine Weile auf der Stein­bank in der Sonne und war für den Moment ganz zufrie­den: dass ich etwas gefun­den hatte, um den vor­he­ri­gen Frust aus­zu­glei­chen. Dass ich da inmit­ten der Men­schen sit­zen konnte und nicht sofort geflüch­tet bin. Dass ich kein Geld dafür zah­len musste. Dass ich wirk­lich unter­wegs war, wie ich es mir vor­ge­nom­men hatte.
Spä­ter gab es unten doch noch ein paar nette Foto­mo­tive und eine schöne Abend­stim­mung. Was ich immer wie­der ganz wun­der­bar finde ist, dass ich mit der nor­ma­len Fahr­karte auch mit der Hafen­fähre fah­ren kann: das ist so viel mehr als ein­fach nur ein Ver­kehrs­mit­tel, auch wenn es nur eine kurze Fahrt ist von der Elb­phil­har­mo­nie zu den Lan­dungs­brü­cken. Außer­dem spart es mir natür­lich auch eini­gen Fußweg.

Dass ich so einen Aus­flug dann aber jedes ver­dammte Mal mit min­des­tens einem, meis­tens aber zwei Schmerz­ta­gen und tota­ler Erschöp­fung bezah­len muss, ist ein­fach nur scheisse.


Alles in Allem war es okay. Trotz­dem bin ich ent­täuscht irgend­wie. Weil es eben doch nicht so war wie erhofft. Weil die Fotos mit der tol­len Kamera so wenig toll gewor­den sind und mir zei­gen, dass eine gute Aus­rüs­tung eben nicht reicht. Weil ich eben doch nur Mit­tel­maß bin und ohne die blö­den Hash­tags auf Insta­gram nie­mals von mehr als den 5 engs­ten Freund:innen gese­hen wer­den würde, weil ich eh blöd bin und immer alleine und grade die schlimmste Zeit des Jah­res bevor steht und hallo Igor, du dum­mes Mist­vieh, da bist du ja wieder.


Und dazu passt eben auch das Gedicht mei­nes Groß­va­ters, das mir seit ein paar Tagen im Kopf rum schwirrt und aus dem die Titel­zeile stammt.

Abschied

Schwankt wie irr im Wind der letz­ten Blu­men Flor,
peitscht der Regen frucht­be­la­dene Äste -
Ach, ver­raucht sind schon des Som­mers Feste!
Zum ver­dun­kel­ten Gewölb empor

hebst du deine Bli­cke: Wol­ken zie­hen,
wind­zer­fetz­ten, grauen Segeln gleich,
durch des Him­mels stür­men­den Bereich.
Eilig, allzu eilend will entfliehen

kur­zer Freu­den trü­ge­ri­scher Schein.
Wenn die letz­ten hei­te­ren Gäste gehen,
bleibst du wie­der nur mit dir allein

und mit dei­nes Her­zens ruhe­lo­ser Pein.
Am ver­schlos­se­nen Tor des Gar­tens wirst du ste­hen
und ins ster­nen­lose Dun­kel sehen…

Wil­helm Luet­jens - Waage des Lebens
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