10-12-2020 Auf der Spur

Gedan­ken auf dem Weg zur und in der Therapie:

Meine nor­male Grund­stim­mung / Grund­hal­tung ist schon seit immer im Minus. Ich erwarte immer (und hab es ja auch oft genug so erlebt), dass etwas schief geht, pas­siert, nicht klappt, ein­fach nicht gut ist. Wenn doch was Posi­ti­ves geschieht, dann ist das ein Aus­rei­ßer, der nicht bleibt. Danach fällt es immer zurück ins nor­mal-nega­tiv. Es war noch nie anders­rum: dass ich posi­tiv grund­ge­stimmt bin und dann halt mal was Doo­fes kommt, was gelöst wird und dann geht es weiter.

Aber: so blöd das Leben auch war, es durfte in der Fami­lie nicht gejam­mert, sich nicht beschwert wer­den. Ers­tens war es ja eh nicht zu ändern und zwei­tens gab es immer jeman­den, dem:der es noch schlech­ter ging, was einem auto­ma­tisch das Recht auf die Klage nahm.
Du kriegst das Kot­zen, wenn du zum vier­ten Mal in einer Woche tro­ckene Kar­tof­feln und pam­pi­gen Quark zum Mit­tag bekommst? Jam­mer nicht, iss auf und denk an die Kin­der in Afrika, die hun­gern die ganze Zeit. Du musst ewig die Kla­mot­ten der Schwes­tern auf­tra­gen und bekommst nie was hüb­sches, eige­nes, womit du in der Schule nicht auf­fällst? Beschwer dich nicht, andere haben noch weni­ger als du. Du willst eigent­lich gar nicht Flöte ler­nen, aufs Gym­na­sium gehen, mit dei­nen Schwes­tern in einem Zim­mer hau­sen, den Meer­schw­ein­kä­fig sau­ber machen, wasau­chim­mer? Heul nicht, das ist eben so. Du hast ein Pro­blem und es geht dir schlecht? Pech für dich, jemand ande­rem geht es noch schlech­ter und es kann sich nun wirk­lich kei­ner auch noch um deine Weh­weh­chen küm­mern.
Wenn ich wegen etwas wütend wurde und mich doch beschwert hab, gab es Schläge vom Vater und spä­ter (als er weg war) Ärger mit der Mut­ter oder mit der Schule. “Ulrike ist auf­säs­sig”, hieß es stän­dig. Weil ich eben nicht auf­ge­ge­ben und alles hin­ge­nom­men habe. Und trotz­dem (?) ist da immer und immer wie­der diese Stimme in mei­nem Kopf, die alles nie­der macht. Die weder zulässt, dass es mir gut geht noch mir erlaubt, mich zu bekla­gen. “Stell dich nicht so an.” Bis heute ist das der Satz, den ich in mei­nem Leben ver­mut­lich am häu­figs­ten zu hören bekom­men habe - von ande­ren oder eben von die­ser Stimme in mir.

So wie ich gelernt habe, Igor zu ver­ste­hen, möchte ich der Stimme auf die Spur kom­men. Wozu brau­che ich sie? Was will sie mir sagen? Warum lässt sie mich nicht in Ruhe? Oder kann ich sie nicht los las­sen, weil sie so gewohnt ist und weil ich eigent­lich nie gelernt habe, mir wirk­lich zu ver­trauen? Weil es leich­ter ist, auf dem aus­ge­tre­te­nen Weg zu blei­ben, auch wenn ich da dau­ernd stol­pere, nur weil der andere Weg unbe­kannt ist und des­halb Angst macht?

Meine Eltern sind schon so lange tot, aber sie leben mit die­ser Stim­mer immer noch in mir wei­ter. Es wird wirk­lich aller­höchste Zeit, mich davon zu ver­ab­schie­den. Ich weiß nur noch nicht, wie.

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