11-07-2021 Innen drin leer

Die letz­ten Nächte waren wie­der lang, beim Ein­schla­fen war es schon hell und die Vögel alle wach. Dann ist der Schlaf unru­hig, die Träume beson­ders selt­sam und der Tag schon halb vor­bei, wenn ich aufstehe.

Ich weiß, dass mir Igor das nicht wirk­lich gut tut, aber das pas­siert schon immer vor allem dann, wenn ich Musik (wie­der) finde, die mich nicht los lässt, die mich - vor­zugs­weise eben nachts - so trifft, dass ich sie wie­der und wie­der und wie­der hören und mich irgend­wann nach der unge­fähr 157sten Wie­der­ho­lung mit Gewalt zwin­gen muss, den Player aus­zu­stel­len.
Das muss kein außer­ge­wöhn­li­ches Stück sein, es muss nur mit­ten rein tref­fen in Herz und Seele und die aktu­elle Stim­mung, ich bin da ganz ein­fach gestrickt. Im Moment ist das ein Song von Gene­sis von einem Album, das ich letz­tens wahl­los ange­klickt habe, weil ich dem Mist vom Ober­nach­barn was ent­ge­gen set­zen musste, um nicht durch­zu­dre­hen. Eigent­lich müsste ich ihm dafür sogar dank­bar sein, aber ach nein, so weit geht es dann doch nicht.

Jeden­falls ist das etwas, das mich … ja, glück­lich macht. Es macht auch trau­rig und sehn­süch­tig und sen­ti­men­tal und melan­cho­lisch und sagte ich schon sehn­süch­tig?, aber irgend­wie auch glück­lich. Sowas wie in dem Satz von Vic­tor Hugo, den ver­mut­lich nur ver­steht, wem es ebenso geht.

Melan­cho­lie ist das Ver­gnü­gen, trau­rig zu sein.

Aber neben die­sen Momen­ten des selt­sa­men Glücks ist da in letz­ter Zeit so oft eine Leere in mir. Gefühle, die ver­si­ckern, weil nie­mand sie teilt. Gedan­ken, die nicht wei­ter gehen, weil sie kein Echo fin­den. Weil da außer der Freun­din in der Ferne nie­mand mehr ist, der zuhört, mit­denkt, wei­ter­re­det. Weil das Auf­schrei­ben oft so müh­sam ist und Kraft ver­braucht, die ein­fach nicht da ist und erst recht nicht dafür, im Off­line neue Men­schen zu fin­den, die mir näher sind als nur für ein net­tes Tref­fen in der Woche.
Dass diese Kraft so furcht­bar wenig gewor­den ist, obwohl es mir doch eigent­lich nicht soo schlecht geht, das macht es nicht bes­ser. Ich bin 61 und am Ende. Da ist zwar noch viel Wol­len in mir, aber kein Mut mehr. Woher sollte die Kraft dann auch kommen?


Ges­tern hab ich in einem Blog einer neuen Fol­lo­we­rin *) gestö­bert und ein paar Ein­träge zu einer Reise nach Lis­sa­bon gefun­den. In Gedan­ken war ich sofort dort, lief durch die Gas­sen und fuhr mit der Stra­ßen­bahn, sah alle die Orte vor mir und hatte die­sen ganz spe­zi­el­len Geruch in der Nase.
Sie hatte eine Woh­nung an einer der beleb­ten Stra­ßen in der Baixa gemie­tet, “auf der Tou­ris­ten fla­nie­ren, Stra­ßen­mu­si­kan­ten auf­tre­ten und Café­be­trei­ber Stühle und Tische auf­ge­stellt haben.” und ich fragte mich einen Moment lang, wie es mir heute damit gehen würde. Ob ich das aus­hal­ten würde, ein­fach weil es Urlaub wäre und mein Her­zens­ort, an dem es mir gut geht, weil ich die Sor­gen für eine Zeit­lang zuhause las­sen kann.
Und dann denke ich wei­ter: liegt es viel­leicht gar nicht an dem Ort, die­ser Straße, die­sen Men­schen hier, dass es mir nicht gut geht? Bin das alles “ein­fach nur” ich? Könnte ich das Leben hier bes­ser ver­kraf­ten, wenn es mir bes­ser ginge?
Ande­rer­seits erin­nere ich mich gut daran, dass ich in mei­nen Urlau­ben schon immer froh war, dass die von mir gemie­te­ten Woh­nun­gen und Häu­ser ruhig lagen und ich mich abends vom Tru­bel des Tages erho­len konnte. Das ging nur ein­fa­cher damals und schnel­ler.
(Ja, ich suche immer noch nach Grün­den, nicht umzie­hen zu müs­sen. Ich weiß es doch.)

*) Herz­lich Will­kom­men auf mei­nem Blog an die­ser Stelle - den neuen und auch den alten Abonnent:innen! Und auch hier noch­mal der Dank an Chris­tian: es ist mir eine Ehre, als “Satz des Tages” auf dei­ner Seite genannt zu werden. 

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