11-08-2020 Ich kann nicht.

Besser geschlafen als die letzten Nächte, dankbar für den Durchzug und das daraus folgende Bedürfnis, meinen (immer noch leeren) Bettbezug über mich zu legen. Leicht bedeckt zu sein ist selbst in meinem privaten Raum etwas angenehmer als so ganz ohne was.
Mit einem Traum vom Kindheitszuhause, der ganzen Familie und den Worten „Lasst mich hier raus“ aufgewacht, weit vor dem Wecker.


Noch ist es angenehm draußen und drinnen und wenn ich schonmal wach bin so relativ früh, dann kann ich ja auch was tun.


Bei dem Vorhaben blieb es dann auch, denn wenn vor dem Haus eine Baustelle aufgemacht wird und eine Maschine monoton vor sich hinbrummt und das auch noch sehr laut, dann hab ich nur noch die Wahl zwischen Frischluft + Lärm oder Sauna + etwas weniger Lärm + gefühlt keine Luft.
Diesmal wählte ich die 2.Variante, hab vorne alle Fenster & Türen dicht gemacht und mich in die Küche ans offene Fenster verzogen. Da kann ich nur nichts tun. Da ist kein PC, da funktioniert (warum auch immer) die Bluetooth-Tastatur vom Tablet nicht, da kann ich nicht vernünftig sitzen und auch nicht so, dass ich einfach nur lesen könnte. Da bin ich dann einfach nur genervt und dann machen die auf der hinteren Dauerbaustelle auch Lärm und der Wasserhahn tropft, mein Tinnitus schreit und ich fühle mich wie gefangen, eingeschränkt im eigenen Zuhause und möchte einfach nur noch aus mir selbst ausziehen.

Statt dessen hab ich eineinhalb Stunden geschlafen und nur Schrott geträumt. Besten Dank auch, Kopf.


Als ich wieder aufwache, ist vorne das Lärmauto weg, aber jetzt steht da der Bagger, weil das Loch im Gehweg ja wieder zugemacht werden muss und drinnen sitzt ein alter Mann, der sichtlich Spaß hat am baggern und Geräusche machen und wuuuuummm und brumm und dong und nochmal wuuuUUUUMMMmm mit viel Gelärm. Daneben steht eine Frau mit einem ca. 5-jährigen Jungen, der mit der gleichen Faszination zuschaut und ich höre ihn in Gedanken nachher sagen „wenn ich groß bin, werd ich mal Baggerfahrer“. Das muss doch so eine typische Männersache sein, diese Freude am Lärm machen.


Eine Weile kann ich sowas ja auch aushalten, vor allem, wenn die Geräusche unterschiedlich sind. Aber wenn da immer der gleiche Ton oder Laut kommt, ohne irgendeine Unterbrechung oder Variation oder Veränderung, dann werde ich innen drin ganz wahnsinnig. Dann möchte ich brüllen und weinen und meinen Kopf festhalten und ganz weit rennen, nur weg davon. Das tut körperlich weh, das ist kaum zu ertragen. Mich zusammen reißen zu müssen, weil ich es ja nicht ändern kann, macht es noch schlimmer.

Gegen sowas nützt auch ein Umzug nicht, das kann ja jederzeit und überall sein, so Bauarbeiten. Ich müsste den Tag über weg gehen, aber ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Wo soll ich denn hin bei dieser Hitze, wo ich stundenlang bleiben kann und mich beschäftigen und nicht draußen-tauglich angezogen sein muss, aufs Klo kann, zu trinken und essen habe und was ich sonst so brauche, aber nicht zuviel, damit ich es tragen kann ohne Fahrrad und was möglichst kein Geld kostet und wo ich mich sicher und wohl fühle. Wo geht eins da hin? Ich weiß es nicht.

Hätte ich es früher gewußt? Als ich noch gesund war und mich nicht alles so furchtbar gestört hat?


Nach ewigem Hin und Her hab ich am Abend schließlich doch die Therapiestunde am Donnerstag abgesagt. Es wäre die erste nach 4 Wochen Urlaubspause und ich könnte sie sicher brauchen, aber bereits die Vorstellung, bei dieser Hitze eineinhalb Stunden in Bus und Bahn und dazwischen eine Stunde in einem kleinen Zimmer zur Südseite zu sitzen, macht mich fertig. Ich würde völlig durchgeschwitzt und erledigt ankommen und ich hasse das so sehr. Ich hasse es, mich vor Menschen so zu zeigen, selbst vor meiner Therapeutin, die mich ja nun wirklich in meinen schlimmsten Momenten schon gesehen hat. Trotzdem. Es bringt mich an eine Grenze, über die ich nicht hinweg komme. Nicht so aus dem Stand raus.

Und da ist sie auch schon, die altbekannte Stimme in meinem Ohr.
„Stell dich doch nicht so an. Es geht doch nicht nur dir alleine so. Denk nur an all die anderen, die nicht zuhause bleiben können so wie du, sondern die arbeiten müssen, egal, wie es ihnen geht oder ob es draußen heiß ist! Du musst auch mal über deinen Schatten springen. Wenn du nie an deine Grenzen gehst, kannst du sie auch nicht überwinden. So schlimm ist das doch gar nicht. Ich mach das jeden Tag, dann wirst du es doch wenigstens einmal können. Jetzt probier es doch wenigstens! Nachher wirst du sehen, dass es gar nicht so schlimm war.“
Und ich hab ihr nichts entgegen zu setzen außer: „Ich kann nicht“.

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