14-05-2023 Wie es - immer noch - ist

Kurz nach­ge­tra­gen:

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Im April den 12. Geburts­tag vom bes­ten Enkel der Welt gefei­ert. Soo ein tol­ler Junge! Wit­zig, klug, phan­ta­sie­voll, anmu­tig, sen­si­bel und mit so viel Gefühl.
Und so große Schwie­rig­kei­ten in der Schule, weil er mit all sei­nem Anders-Sein nicht wirk­lich akzep­tiert und unter­stützt wird. Dazu ein Schul­sys­tem, das kein Wie­der­ho­len einer Klasse mehr erlaubt, Kin­der aber auf­grund einer schlech­ten Note in einem Fach abstu­fen und dann an eine völ­lig belie­bige Schule irgendwo im gro­ßen Stadt­ge­biet ste­cken darf. Ich möchte abwech­selnd kot­zen und noch­mal auf die Bar­ri­ka­den gehen.

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Es gab eine Frage von Mar­tin Gom­mel auf Twit­ter zum Thema Sport, auf die ich ant­wor­ten will und statt des­sen inner­halb kür­zes­ter Zeit tief in mei­ner Ver­gan­gen­heit & in Trä­nen auf­ge­löst bin. Ich mach seit 12 Jah­ren inten­siv The­ra­pie und denk, ich weiß alles, aber es fin­det sich immer wie­der ein neues Minen­feld. Da muss ich dann wohl auch noch­mal ran.

Aber ich geh wie­der schwim­men ein­mal in der Woche! Mit viel Wider­wil­len, aber ich zieh das jetzt durch. Und auf den Ergo­me­ter find ich auch wie­der zurück, doch, bestimmt. Versprochen.

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So lang­sam gewöhne ich mich daran, dass ich mehr­mals in der Woche mit Bahn&Bus unter­wegs bin. Eigent­lich ist es sogar ganz nett, wie­der drau­ßen zu sein, was ande­res zu sehen und vor allem natür­lich die Men­schen beim Hilfe-Dings zu tref­fen (und neben­bei meine uralte Hei­mat Otten­sen wie­der zu ent­de­cken, wohin sie ja umge­zo­gen sind).
Seit Mai gibt es nun auch das Deutsch­land­ti­cket, für das ich als Bür­ger­geld­emp­fän­ge­rin nur 19 Euro im Monat zahle und mit dem ich über­all hin und vor allem jeder­zeit fah­ren kann. Ich nutze es noch nicht viel, weil das Wet­ter so lange ein­fach mies war, aber dass ich z.B. nach der Mitt­wochs­gruppe ein­fach mal mit dem Bus nach Övel­gönne fah­ren, dort blei­ben, solange ich will und dann von da aus mit der Fähre über die Elbe zurück zu den Lan­dungs­brü­cken schip­pern kann, ist ein­fach Gold wert. Auf mei­ner Liste ste­hen noch viele Orte, an die ich gerne will; ich hoffe, ich krieg das dann auch hin. 

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Dann war da aber lei­der noch Igor, der sich ja schon seit län­ge­rem nicht mehr bli­cken ließ und sich dann doch nach einem sehr schö­nen Mitt­woch (s.o.) ein­fach wie­der mit in meine Woh­nung geschli­chen und seine Kof­fer aus­ge­packt hat. Da hin­ein stopfte er dann meine Freude, meine Kraft und mei­nen sowieso nur rudi­men­tär vor­han­de­nen Opti­mis­mus. Dau­ernd stand da wie­der die Frage nach dem “Wozu” im Raum und ich fand keine Ant­wort und ehr­lich, ich hasse das so sehr. Ich weiß, dass es nicht “echt” ist, dass es Igor ist und kein Dau­er­zu­stand, aber es fühlt sich jedes Mal so an, als könnte ich rein gar nichts bewir­ken. Ich kann immer nur aus­hal­ten und abwar­ten, bis es ihm zu blöd wird und er sich lang­sam von mei­nen Schul­tern löst. Natür­lich habe ich einige sog. “Res­sour­cen”, die gegen ihn hel­fen, aber in der ers­ten Zeit sei­nes Besuchs kann ich die ein­fach nicht ein­set­zen. Bin wie gelähmt, bin hilf­los und macht­los. Ich kann nichts Posi­ti­ves den­ken, wenn ich ein ein­zi­ges NEIN bin. Das ist ein biß­chen wie bei Little Bri­tain, wo es immer heißt “Com­pu­ter sagt Nein”, nur dass es bei mir eben Igor ist.
Aber natür­lich geht es irgend­wann wie­der vor­bei wie immer und ich kann das dumme Hun­de­vieh immer mehr igno­rie­ren, bis es sich ver­zieht. Ich gerate nicht mehr Panik, aber schön ist das nicht.

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Aber: es wurde ein “Ich stelle einen Reha-Antrag”-Beschluß gefasst. Ich kann so auf Dauer nicht wei­ter machen, die­ser Kreis­lauf aus Depres­sion - Fress­an­fälle - Über­ge­wicht - Schmer­zen in Bei­nen, Füßen, Rücken - Mut- und Hoff­nungs­lo­sig­keit - Depres­sion etc. nimmt mir zuviel. Es braucht natür­lich wie immer viel Zeit und Über­zeu­gung, bis ich mir erlaube zu sagen, dass ich Hilfe brau­che. Dazu bei­getra­gen hat etwas, das auf der Web­seite der Kli­nik steht, in die ich gerne gehen würde:

Das ist das Gesetz: Jeder, der sozi­al­ver­si­chert ist, hat das Recht auf eine Reha­bi­li­ta­tion. Genauer gesagt, auf not­wen­dige Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men zur Erhal­tung, Bes­se­rung und Wie­der­her­stel­lung der Gesund­heit und Leis­tungs­fä­hig­keit. Ob Krank­heit oder Behin­de­rung – Haupt­sa­che, die Reha­bi­li­ta­tion ver­spricht Erfolg! Egal, ob für Senio­ren, Erwach­sene, Jugend­li­che oder Kinder.

https://www.strandklinik-spo.de/ihr-weg-zur-reha

Ich darf Leis­tun­gen in Anspruch neh­men, die mei­ner Gesund­heit und mei­nem Wohl­be­fin­den die­nen, obwohl ich der Gesell­schaft nicht mehr mit Arbeit zur Ver­fü­gung stehe. Ich habe ein Recht dar­auf, dass es mir kör­per­lich und see­lisch gut geht, egal aus wel­chen Grün­den - selbst- oder fremd­ver­schul­det - ich krank bin. Ich ver­gesse das nur zu oft.

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Und damit bin ich wie­der im Heute ange­kom­men, bzw. im Ges­tern, als ich das hier an Freun­din D. schrieb:

Wie es mir geht? Besch…eiden. Mit dem schö­nen Wet­ter kommt meine Ver­zweif­lung bezüg­lich des Lärms zurück. Es ist nicht nur der Bau­lärm von so vie­len Sei­ten (der mich auch heute mor­gen um 8 geweckt hat), son­dern eigent­lich alles vor mei­ner geöff­ne­ten Bal­kon­tür. Die Autofahrer:innen, die hier durch rasen, nach­dem die Sper­rung nun auf­ge­ho­ben ist und die Straße wie­der in beide Rich­tun­gen befah­ren wer­den kann. Die, die mit lau­fen­dem Motor ste­hen und auf irgend­was war­ten. Die, die dabei die Musik auf­dre­hen wie in der Disco. Die, die aus ihren SUVs kei­nen Blick haben und darum ein Warn­si­gnal beim rück­wärts fah­ren brau­chen, das dann ewig piept, weil sie eben wegen der ein­ge­schränk­ten Sicht nur lang­sam fah­ren kön­nen. Die, die ihre Karre so beschei­den abstel­len, dass nie­mand mehr durch kommt und wie blöd gehupt wird. Genauso auf die Ner­ven gehen die vie­len Men­schen mit ihrem dau­ern­den Geplap­per, Gega­cker, Geschrei in einer Laut­stärke, die keine Grenze mehr kennt.
Es ist eine per­ma­nente Kako­pho­nie von Geräu­schen, die sich wie Metall­split­ter auf meine Ner­ven legt und andau­ernd reibt, sticht, weh tut. Mein Rücken tut extrem weh von der Anspan­nung, die es braucht, das aus­zu­hal­ten. Und ich habe keine Lösung dafür.
Ich kann nicht andau­ernd weg gehen, den gan­zen Tag bis nachts außer Haus ver­brin­gen, so lange, wie der größte Lärm dau­ert. Ich will (abge­se­hen von mei­nen Ter­mi­nen) zuhause sein kön­nen, an mei­nem siche­ren Ort, an dem ich alles habe, was ich brau­che. Ich möchte meine Bal­kon­tür auf­ma­chen und die Sonne rein las­sen und die Som­mer­luft spü­ren, weil es mir gut tut und Igor ver­treibt. Ich kann aber nicht den gan­zen Som­mer über jeden Tag stun­den­lang mit Kopf­hö­rern oder Ohr­stöp­seln hier sit­zen — nicht nur wegen dem Tin­ni­tus, der dann noch lau­ter als sonst piepst. Ich fühle mich dar­un­ter abge­schot­tet, aus­ge­schal­tet und unsi­cher, ich hab Angst, dass ich eine even­tu­elle Gefahr nicht mit­be­komme. Ich weiß, das ist eigent­lich Quatsch, was soll mir schon pas­sie­ren in mei­ner eige­nen Woh­nung? Aber wann sind sol­che Ängste schon wirk­lich real?
Ich weiß nicht, wie ich mich an diese Geräu­sche wie­der gewöh­nen kann. Mir graust vor dem Som­mer, jetzt schon. Ich fühle mich hilf­los und aus­ge­lie­fert. Und neben­bei ist das natür­lich die Stim­mung, die Igor beson­ders liebt.

Ich wäre so gerne mutig genug, ein­fach z.B. nach Flens­burg oder irgendwo in die Pampa zu zie­hen. Oder wenigs­tens an den Rand von Ham­burg, weit weg von allem. Ich mag ja eh keine Men­schen und bin lie­ber allein. Aber ein­kau­fen muss ich trotz­dem und zum Arzt und zur Toch­ter; es muss also Ver­kehrs­an­bin­dung geben, denn auf Füße und Fahr­rad kann ich mich nicht ver­las­sen. Da bin ich also schon wie­der ein­ge­schränkt. Aber ich trau mich eh nicht, mich mit dem blö­den Hartz 4 auf eine Woh­nung zu bewer­ben. Eine Schufa-Aus­kunft wol­len die meis­ten Vermieter:innen auch haben, die kos­tet noch­mal viel Geld. Dann lass ich es doch lie­ber gleich und bleibe hier und halte aus und jam­mer und suche wie­der und ver­zweifle und und und.
Ich weiß keine Lösung.

Kennt nicht jemand jeman­den, der:die eine Gar­ten­laube zum Woh­nen hat oder eine Hütte im Wald oder ein Haus, das gehü­tet wer­den muss? Schenkt mir jemand Geld, so dass ich ver­rei­sen kann? *seufz*

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So oder ähn­lich klingt das übri­gens auf mei­nem Bal­kon an einem Sams­tag­abend in unse­rem “Szene-Eck”. In der Haupt­straße nebenan war zwar Fest und damit auch mehr Besu­cher unter­wegs, aber die Knei­pen und Restau­rants sind auch sonst bei so schö­nem Wet­ter wie ges­tern bis zum letz­ten Platz gefüllt.

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