17-02-2021 Aushalten, durchhalten, weiter gehen

Ich schlafe lange, es treibt mich nicht aus dem Bett in den Tag. Ich stehe den­noch irgend­wann auf, bin dann wach, aber ohne Ener­gie. Ein­mal kurz den Flur gesaugt und ich bin aus der Puste. Eine Maschine Wäsche gewa­schen und auf­ge­hängt und wie­der zurück aufs Sofa. Der Wochen­ein­kauf ein Mara­thon, den ich mög­lichst lange raus­schiebe.
Keine Kraft - keine Bewe­gung - keine Kraft. Ein Teu­fels­kreis, der immer in die fal­sche Rich­tung geht.

Der Mensch braucht eine Bestim­mung, eine Auf­gabe, eine Daseins-Berech­ti­gung, irgend­ei­nen Grund, am Leben zu sein. Lange Zeit bestand meine Auf­gabe darin, gesund zu wer­den, gut zu mir zu sein, neue Lebens­mus­ter zu weben. Inzwi­schen geht es mir wesent­lich bes­ser als vor 10 Jah­ren, zu Beginn der Depres­sion.
Den­noch fehlt eine Per­spek­tive. Wann bin ich fer­tig mit der Auf­gabe? Gibt es dann eine neue und wel­che und woher nehme ich die Ener­gie dafür?

Als ich noch im Berufs­le­ben stand, war es ver­gleichs­weise ein­fach: ich bin auf­ge­stan­den und zur Arbeit gegan­gen, weil es das war, was ich tat und wofür ich Geld bekam. Abge­se­hen von den Chefs war das meis­tens gut und hat mich aus­ge­füllt, mir Spaß gemacht. Über den Rest drum­herum hab ich mir nicht viele Gedan­ken gemacht (zumin­dest, was mich anging). Ein, zwei Hob­bies, viel Musik, ab und zu eine Reise, die Fami­lie. Es war nicht pri­ckelnd und mit Sicher­heit nicht, was ich mir immer erträumt hatte, aber irgend­wie okay für lange Zeit.

Heute ist klar, dass ich kei­nen fes­ten, bezahl­ten Job mehr aus­üben werde. Dafür bin ich zu alt und zu krank, ich habe das akzep­tiert. Aber mir fehlt die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der ich jeden Mor­gen auf­ge­stan­den bin, weil ich etwas zu erle­di­gen hatte.
Es ist nett, nichts mehr zu müs­sen, nie­man­dens Erwar­tun­gen zu erfül­len, meis­tens nur noch zu tun, was ich will. Aber es ist ver­dammt anstren­gend, jeden Tag aus sich selbst her­aus einen Grund zum wei­ter­ge­hen zu fin­den, wenn die Ener­gie nicht da ist.

Manch­mal über­lege ich, was ich ehren­amt­lich gerne machen würde. Kat­zen im Tier­heim füt­tern und lie­ben. Bei der Essens­aus­gabe für Obdach­lose, Arme, Geflüch­tete hel­fen. Die Paten­schaft für eine junge depres­sive Frau über­neh­men. Mich zur Gene­sungs­be­glei­te­rin aus­bil­den las­sen. Socken für Früh­chen stri­cken.
Es gäbe so viele Mög­lich­kei­ten, so viele Stel­len, an denen ich mich ver­mut­lich wohl füh­len würde und meine Fähig­kei­ten von Nut­zen sein könn­ten. Und dann stelle ich wie­der fest, dass meine Ener­gie grade mal dazu reicht, mei­nen Flur zu sau­gen. Dass ich von mehr als zwei Ter­mi­nen pro Woche über­for­dert bin. Dass mich ein wun­der­schö­nes Tref­fen mit mei­nem Her­zens­kind mal eben für ein paar Tage aus den Socken haut. Wie könnte ich denn so Ver­pflich­tun­gen eingehen?

Wo ist meine Auf­gabe, meine Bestim­mung, meine Daseinsberechtigung?

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