18-07-2021 Wenn Lärm nur noch weh tut

Ja, das Ding mit dem Lärm wird hier noch öfter Thema sein. Irgendwo muss ich hin mit der Wut und der Ver­zweif­lung. Aber das ist ja zum Glück mein Blog und ich schreibe für mich, darum: wer es nicht lesen will, möge es ein­fach nicht lesen.


Nach­dem ich am Frei­tag ja schon um kurz vor neun trotz weni­ger Stun­den Schlaf hell­wach war, mochte ich ges­tern so über­haupt nicht auf­ste­hen. Keine Lust, müde, qua­kig. Als ein­zi­ger Punkt stand auf der “Du hast da was zu tun” - Liste, die Bude mal wie­der durch zu sau­gen und das hatte ja nun wirk­lich Zeit bis zum Mit­tag Nach­mit­tag frü­hen Abend. Aber irgend­wann machen sich die olle Matratze und der Rücken bemerk­bar und dann steh ich eben doch auf, weil es wenigs­tens Kaf­fee gibt und Bröt­chen mit saule­cke­rer Mar­me­lade aus Johan­nis­bee­ren, die ich am Mitt­woch noch schnell gekocht hatte.


Ich saß also mit­tags eine Weile gemüt­lich beim Früh­stück, schön mit offe­ner Bal­kon­tür (solange die Gas­tro noch nicht offen hat, geht es ja halb­wegs), da kam wie aus dem Nichts der Knüp­pel. Und zwar mit­ten rein ins Gesicht und auf die Ohren, in Form eines Mons­ter­schlag­zeugs.
Auf dem gro­ßen Platz rechts neben uns, ca. 120 m ent­fernt, war irgend­ein Fest. Mit Musik. Und wie immer hat­ten sie die schlech­tes­ten Cover­bands von Ham­burg enga­giert. Es ist mir ein Rät­sel, wie sie das immer machen und wo sie immer wie­der Nach­schub fin­den, aber sie schaf­fen es jedes Jahr aufs Neue. Ich bin aus­ge­bil­dete Musi­ke­rin, ich kann das beurteilen.

Ein häu­fi­ges Merk­mal von schlech­ten Bands, deren Mit­glie­der ganz tief in sich ahnen, dass sie schlecht sind, ist: sie sind laut. Extrem laut. Sie ver­su­chen damit zu über­tö­nen, dass sie schlecht sind. Aber das nützt nichts. Schlecht bleibt schlecht und eine miese Stimme wird nicht bes­ser, wenn sie mit 10000 Watt ver­stärkt wird, auch wenn das Schlag­zeug ver­sucht, noch lau­ter zu sein und der Bass unter allem ein­fach nur dröhnt.

Wie so eine rich­tige Spie­ße­rin hab ich mir ges­tern eine App aufs Handy geholt, mit der sich die Laut­stärke mes­sen lässt, damit ich mal bestä­tigt bekomme, dass ich nicht spinne. 80 dB waren es im Schnitt, direkt am Platz dann wohl ca. 100 dB. Das ist nicht mehr laut, das ist Lärm und damit Lärm­be­läs­ti­gung. Aber laut Gesetz dür­fen sie das, wenn so ein Fest nur sel­ten im Jahr statt findet.

Als ehe­ma­lige Musik­leh­re­rin weiß ich natür­lich, dass Musiker:innen und Bands üben müs­sen, damit sie gut wer­den. Ich befür­worte auch aus­drück­lich, dass Men­schen Musik machen, ein Instru­ment ler­nen, sich krea­tiv betä­ti­gen: es ist wirk­lich gut für die Seele. Und mir ist klar, dass es viel Über­win­dung kos­tet, sich in der Öffent­lich­keit zu zei­gen, wenn man nicht per­fekt ist. Aber: laut zu sein, hilft nicht. Laut macht Lärm und alles kaputt.

Und kaputt war dann ich ges­tern. Das kam so unvor­be­rei­tet, dass ich keine Zeit mehr hatte, irgend­wel­che Schutz­schil­der auf­zu­bauen. Mir blieb nur, die Fens­ter und Tür vorne zuzu­ma­chen und mir Kopf­hö­rer auf­zu­set­zen, weil es auch durch die hin­te­ren Fens­ter ein­drang.
Um 14 Uhr fin­gen sie an, jede Band hatte ca. 40 Minu­ten, dann wurde ab- und wie­der auf­ge­baut, gestimmt, Mikro getes­tet, noch­mal gestimmt, das Schlag­zeug ein­ge­groovt und wie­der los gelegt. Ein­mal war ein Singer/Songwriter dran, der war zwar genauso schlecht, aber fast noch erträg­lich, weil er nur eine Gitarre dabei hatte. Bis gegen 20:30 Uhr ging das ganze.
Beson­ders “prak­tisch” war ja, dass um 18 Uhr eine wei­tere Musik­ver­an­stal­tung in der Nähe (500 m Luft­li­nie) statt fand. Ein Frei­licht­kon­zert, orga­ni­siert von der Elb­phil­har­mo­nie: »Him­mel über Ham­burg - Alp­hör­ner, Pau­ken und Trom­pe­ten auf den Dächern der Lenz­sied­lung«. Super Idee und weit über die Lenz­sied­lung hin­aus zu hören, so dass die Anwohner:innen sich nicht ent­schei­den muss­ten, ob sie Rock oder Klas­sik lie­ber mögen - sie beka­men ein­fach bei­des. Gleich­zei­tig. Gut gemacht, Leute, wirk­lich gut.

Ins­ge­samt gese­hen - oder bes­ser: gehört - war das ges­tern also so ein rich­ti­ger Scheißtag.

Ich bin Musi­ke­rin, ich hab wirk­lich ver­dammt viel Musik gehört und gemacht in mei­nem Leben. Auf­ge­wach­sen in einem rei­nen Klas­sik-Haus­halt, beide Eltern Musik-machende und -leh­rende. Musik war All­tag bei uns, es gehörte dazu wie reden und lesen. Es gibt ein Foto, auf dem ich, ca. 4 Monate alt, wäh­rend eines Kir­chen­kon­zer­tes mit Chor und gro­ßem Orches­ter direkt neben den Blech­blä­sern auf dem Boden liege. Tief schla­fend. Ich habe Block­flöte gespielt, bevor ich lesen und schrei­ben konnte. Als Jugend­li­che in den 70ern hab ich meine eigene Musik gefun­den, die ich neben der Klas­sik geliebt habe und bis heute liebe und höre. Meine Toch­ter ist mit die­ser Musik­mi­schung groß gewor­den und hat selbst wie­der eigene Rich­tun­gen gefun­den, die nicht immer mei­nen Geschmack tra­fen, die ich aber für sie mit gehört habe und gute Sachen drin fand. Man­che ihrer gelieb­ten Bands und Sänger:innen ste­hen immer noch auf mei­ner aktu­el­len Play­list. Ich mache nicht mehr aktiv Musik, aber ich emp­finde und bezeichne mich immer noch als Musi­ke­rin.
Was ich damit sagen will: mein Leben ist voll mit Musik. Musik ret­tet mich aus schlimms­ten Depres­sio­nen und hilft mir, etwas zu füh­len, wenn ich inner­lich fast tot bin. Musik ist eines der weni­gen Dinge, die mich glück­lich machen.
Aber es gibt etwas, das sich “Musik” nennt (weil es aus wenigs­tens einem Ton besteht und irgend­ei­nem Rhyth­mus, auch wenn es immer der glei­che mono­tone ist und weil irgend­je­mand ein Mikro in der Hand hat und da irgend­was rein brüllt), bei dem nehme ich mir auf­grund mei­ner Erfah­rung her­aus zu sagen: das ist keine Musik. Das hat mit Musik so viel zu tun wie ein mat­schi­ger Bur­ger von McDoof mit einem 5-Sterne-Essen im Edel­re­stau­rant. Das ist nur noch Lärm — und Lärm macht krank. 

Genauso uner­träg­lich und des­halb krank machend ist für mich unge­be­tene, auf­ge­zwun­gene Musik, die ich ertra­gen muss, der ich aus­ge­lie­fert bin, weil ich nicht weg kann. Das tut in mei­nem gan­zen Ich weh, im Kör­per genauso wie in der Seele. Das ist Schmerz pur. Es war schon immer so, aber seit die Hoch­sen­si­bi­li­tät dazu kam, erst recht. Ich spüre es als Schmerz auf der Haut, als Ham­mer auf und im Kopf, als bren­nend hei­ßen Klum­pen im Zwerch­fell und der Lunge.
Und so emp­finde ich eben auch bestimmte Geräu­sche: Mar­tins­horn, auf­heu­lende Moto­ren, quiet­schende Brem­sen, Bohr­ma­schi­nen, Sägen, Laub­blä­ser, trop­fende Was­ser­hähne, schril­les Kin­der­ge­schrei, eine Ansamm­lung reden­der Men­schen. Je län­ger es andau­ert und je lau­ter es ist, desto grö­ßer ist der Schmerz und desto weni­ger kann ich mich schüt­zen davor. Es ist, als ob jemand meine Haut mit einer Ras­pel bear­bei­tet und Schicht um Schicht mein Inne­res bloß legt. Ich gewöhne mich nicht daran - es wird immer schlimmer.


Es ist jetzt halb fünf am Nach­mit­tag, meine Bal­kon­tür steht immer noch offen, denn es ist schöns­ter Som­mer im Nor­den: mit 25° im Halb­schat­ten und leich­tem See­wind per­fekt, um drau­ßen zu sein. Aber ich höre, wie die Straße erwacht. Wie immer mehr Men­schen am Haus vor­bei gehen oder für ihre Blech­kis­ten einen Park­platz suchen, wie die Außen­plätze der Knei­pen sich fül­len und alle reden und reden und reden. Wie Nebel, der durch die Gas­sen wabert, formt sich alles Reden zu einem ein­zi­gen Schwall aus Geräusch zusam­men und steigt auf in die Luft und bleibt da irgendwo hän­gen als Dach aus Lärm. Und ich weiß, dass ich gleich Türen und Fens­ter ver­ram­meln muss, damit es nicht so weh tut, denn im Gegen­satz zu Nebel fühlt sich die­ser Schwall an, als sei er mit Nadeln gespickt.

Der schönste Tag der Woche ist für mich inzwi­schen der Mon­tag: weil da zwei der Restau­rants Ruhe­tag haben. Weil die Men­schen müde sind vom Wochen­ende und nur sel­ten weg gehen. Weil der All­tag erst lang­sam wie­der in Gang kommt.
Nie hätte ich mir vor­stel­len kön­nen, das mal zu sagen: I really like mondays.

Bis mor­gen also.


Ergän­zend noch ein paar Fakten.

Lärm wirkt sich als Stress­fak­tor auf das vege­ta­tive Ner­ven­sys­tem aus. Der Blut­druck kann stei­gen, es kann zu Kopf­schmer­zen-und Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen kom­men, zu Mus­kel­ver­span­nun­gen oder zu Schlaf­stö­run­gen. Dadurch kann sich der Kör­per nicht rege­ne­rie­ren und ist Krank­hei­ten gegen­über eher aus­ge­lie­fert. Bei Frauen kann sich Schlaf­lo­sig­keit sogar auf das Brust­krebs­ri­siko auswirken.

Gespräch mit Mat­thias Hint­z­sche, Refe­rent im Fach­ge­biet Lärm­min­de­rung bei Anla­gen und Pro­duk­ten und Lärm­wir­kun­gen, erschie­nen am 25.04.2018 in der Han­no­ver­schen Allgemeinen
Screenshot zum Thema Lärm mit folgendem Text:

Lärm – Der schleichende Tod

Straßenlärm ist die größte Quelle von Umweltlärm mit einer geschätzten Anzahl von 125 Millionen Menschen allein in Europa, die Tag und Nacht von einem Lärmpegel von über 55 Dezibel betroffen sind.
Fast 20 Millionen Erwachsene sind genervt von Umgebungslärm. Weitere acht Millionen leiden deshalb unter Schlafproblemen.
Mindestens 10.000 Fälle frühzeitigen Todes sind in Europa auf Umgebungslärm zurückzuführen.
Über 900.000 Fälle von Bluthochdruck werden jährlich durch Umgebungslärm verursacht.
43.000 Krankenhauseinweisungen verursache Umgebungslärm jährlich in Europa.
Das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, steigt um 4 Prozent pro 10 Dezibel Zunahme der Straßenlärmbelästigung.
Etwa 4000 Menschen jährlich erleiden einen Herzinfarkt aufgrund von Straßenverkehrslärm.
Quelle: oben ver­link­ter Arti­kel in der HAZ

Zu viel Schall – in Stärke oder Dauer – kann nach­hal­tige gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen oder Schä­den her­vor­ru­fen. Diese betref­fen zum einen das Gehör, das durch kurz­zei­tige hohe Schall­spit­zen oder Dau­er­schall geschä­digt wer­den  kann (aurale Wir­kun­gen). Dazu gehö­ren Beein­träch­ti­gun­gen des Hör­ver­mö­gens bis hin zur Schwer­hö­rig­keit, sowie zeit­lich begrenzte oder dau­er­hafte Ohr­ge­räu­sche (Tin­ni­tus). Hohe Schall­pe­gel tre­ten nicht nur im Arbeits­le­ben auf, son­dern auch in der Frei­zeit, zum Bei­spiel durch laute Musik. Fer­ner wirkt Schall (oder Lärm) auf den gesam­ten Orga­nis­mus, indem er kör­per­li­che Stress­re­ak­tio­nen aus­löst (extra-aurale Wir­kun­gen). Dies kann auch schon bei nied­ri­ge­ren, nicht-gehör­schä­di­gen­den Schall­pe­geln gesche­hen, wie sie in der Umwelt vor­kom­men (zum Bei­spiel Ver­kehrs­lärm).

Lärm als psy­cho­so­zia­ler Stress­fak­tor beein­träch­tigt somit nicht nur das sub­jek­tive Wohl­emp­fin­den und die Lebens­qua­li­tät, indem er stört und beläs­tigt. Lärm beein­träch­tigt auch die Gesund­heit im enge­ren Sinn. Er akti­viert das auto­nome Ner­ven­sys­tem und das hor­mo­nelle Sys­tem. Die Folge: Ver­än­de­run­gen bei Blut­druck, Herz­fre­quenz und ande­ren Kreis­lauf­fak­to­ren. Der Kör­per schüt­tet ver­mehrt Stress­hor­mone aus, die ihrer­seits in Stoff­wech­sel­vor­gänge des Kör­pers ein­grei­fen. Die Kreis­lauf- und Stoff­wech­sel­re­gu­lie­rung wird weit­ge­hend unbe­wusst über das auto­nome Ner­ven­sys­tem ver­mit­telt. Die auto­no­men Reak­tio­nen tre­ten des­halb auch im Schlaf und bei Per­so­nen auf, die mei­nen, sich an Lärm gewöhnt zu haben.

Zu den mög­li­chen Lang­zeit­fol­gen chro­ni­scher Lärm­be­las­tung gehö­ren neben den Gehör­schä­den auch Ände­run­gen bei bio­lo­gi­schen Risi­ko­fak­to­ren (zum Bei­spiel Blut­fette, Blut­zu­cker, Gerin­nungs­fak­to­ren) und Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen wie arte­rio­sklero­ti­sche Ver­än­de­run­gen („Arte­ri­en­ver­kal­kung”), Blut­hoch­druck und bestimmte Herz­krank­hei­ten ein­schließ­lich Herzinfarkt.

https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/laermwirkungen#gehorschaden-und-stressreaktionen

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