19-07-2020 Nicht immer nur lieb

Geschla­fen: beschei­den, sehr.


Ges­tern Abend irgend­wann wurde mir bewußt, dass mein lin­ker Fuß schon seit Stun­den schläft und krib­belt und komi­sche Gefühle macht, die ich gar nicht beschrei­ben kann. Dazu ist das Knie ein­fach so unbe­weg­lich, innen drin ganz steif und tut weh. Ich kann nicht sit­zen, nicht lau­fen, jede Bewe­gung ist müh­sam. Küh­len hilft nicht wirk­lich, die Ibu auch nicht.
Irgend­wann gegen neun hab ich dann die Toch­ter (J.) ange­ru­fen, weil ich ein­fach mit jeman­dem - nein, mit ihr reden musste. Ihr Freund (M.) war grade am los gehen zum Super­markt, da sagt sie, sie beglei­tet ihn ein­fach und dann kom­men sie bei mir vor­bei. Und ob ich noch was brau­chen würde. Ja, Chips! Ich brauch jetzt Chips. Und Paprika, weil meine lei­der schim­me­lig war. Eine Stunde spä­ter waren sie dann da, mit Chips, Paprika, Bröt­chen — und mit ASS von M.

Das war näm­lich der eigent­li­che Grund mei­nes Anru­fes: weil ich plötz­lich wie­der die bei­den Men­schen aus mei­nem Bekann­ten­kreis vor Augen hatte, die beide nach einem Bein­bruch auf­stan­den und tot umfie­len, weil da jemand ver­säumt hatte, eine Throm­bo­se­spritze zu geben.
Am Mitt­woch hatte der Pfle­ger mir die Ent­schei­dung über­las­sen, ob ich lie­ber Sprit­zen will oder zuhause viel rum­lau­fen. Und wie ich nun­mal bin (bloß nicht zu viel machen! Nicht so ein Gedöns um mich! Mach kei­nen Auf­wand, keine Umstände, fall am bes­ten gar nicht auf und schon gar nie­man­dem zur Last!) hab ich die Sprit­zen abge­lehnt. Ist doch nicht nötig, ich mach das schon. Und dann war sie ges­tern eben plötz­lich da, die dif­fuse Angst, dass da was nicht stimmt in mei­nem Bein und dass ich jetzt nicht auf­ste­hen kann, weil ich dann sterbe und ich bin doch trotz allem noch gar nicht bereit dafür und hab nicht mehr mit J. gere­det und so geht das nicht! Panik vom Feins­ten.
Und dann kom­men die Kin­der, hören mir zu, trös­ten mich, machen mir Mut, beim Not­arzt anzu­ru­fen und als M. meine Unsi­cher­heit des­we­gen sieht, ruft er kur­zer­hand für mich an und regelt das. 

(Manch­mal bin ich ja genervt von ihm, weil er so gerne den Mans­p­laier gibt, aber dass er dann so selbst­ver­ständ­lich was macht und hilft und guckt – da weiß ich dann wie­der, warum J. ihn liebt. Abge­se­hen davon, dass er doch ziem­lich nett ist und ein groß­ar­ti­ger Künstler.)

Eine halbe Stunde spä­ter war dann eine Ärz­tin hier, super nett, total unkom­pli­ziert (und mit schö­nen Tat­toos auf bei­den Füßen 😉 ) und guckte, tas­tete, drückte, fragte und hatte vor allem Ant­wor­ten auf meine Fra­gen.
Ja, Knie und Fuß sind dicker als nor­mal, aber nicht besorg­nis­er­re­gend. Dass das Schien­bein bzw. die Haut dar­über gerö­tet und rela­tiv warm ist, stört sie mehr. Es ist nicht sehr schlimm, aber ich soll das im Auge behal­ten. Und ja, wenn ich alle Stunde auf­stehe und ein biß­chen in der Woh­nung rum humple, reicht das völ­lig aus, um keine Throm­bose zu bekom­men, ganz sicher. Aber ich soll doch bitte am Mon­tag zur Haus­ärz­tin und das alles angu­cken las­sen. Falls am Sonn­tag (also heute) irgend­was sein sollte, soll ich nicht zögern, wie­der beim Not­dienst anzu­ru­fen.
Uff. Mit die­sen Infos kann ich J. und M. auch nach Hause gehen und mei­nen Abend mit Chips aus­klin­gen lassen. 


Und dann steh ich nach der beschei­de­nen Nacht auf und hum­pel wie­der hier rum, wasche mich müh­sam, drü­cke die Schmer­zen run­ter, nehme immer alles hin und halte alles aus.

Aber für ein­mal mag ich nicht mehr immer nur lieb und nett und ver­ständ­nis­voll sein. Ich bin sauer, stink­sauer, auf die Frau, die nicht guckt, bevor sie ihre Scheiß Auto­tür auf­macht. Die ankommt mit einem Stück Kuchen (der noch nicht­mal schmeckt! So, jetzt ist es raus. Das war gelo­gen ges­tern.) und ein paar Blu­men, als wär dann alles wie­der gut und sie von ihrer Schuld befreit. Ich bin stink­sauer, weil ich jetzt wer weiß wie lange mit dem Knie zu tun habe und nicht Rad fah­ren kann, wo ich doch eh schon nicht lau­fen kann. Wie soll ich denn mor­gen zur HÄ kom­men? Schon wie­der mit dem Taxi? Wer zahlt mir das? Schon wie­der muss ich die Toch­ter ein­span­nen zum Ein­kau­fen, dabei hat die wirk­lich genug zu tun mit Arbeit und Kind und ihren eige­nen Han­di­caps. Wer gleicht das aus? Grade fing die Mitt­wochs­gruppe wie­der an, end­lich wie­der Kon­takte in real nach der Coro­na­pause - aber da komm ich nur zu Fuß oder mit dem Rad hin. Fällt also aus, wer weiß wie lang. Meine depres­sive, sozial gestörte Psy­che fin­det das über­haupt nicht komisch.
Ich bin doch sowieso schon wegen allem mög­li­chen Kram ein­ge­schränkt, ich brauch nicht auch noch ein kaput­tes Knie dazu. 

Ja, ich bin stink­sauer. Und tat­säch­lich hab ich vor­hin über­legt, ob ich wohl doch Schmer­zens­geld for­dern sollte. Google sagt mir näm­lich, dass das nicht vom Hartz4 abge­zo­gen wer­den darf. Es wäre wenigs­tens eine kleine Ent­schä­di­gung für den gan­zen Scheiß, den ich jetzt aus­halte. Heute ist der 4. Tag nach dem Unfall und so, wie sich das jetzt grade anfühlt, ist das mit dem Knie noch lange nicht gut.
Am Diens­tag kommt Frau R. vom Hilfe-Dings zu mir, ich werd das mit ihr mal bespre­chen. (Das ist das Gute: dass ich jetzt Eine an mei­ner Seite habe, die sowas mit mir durch­macht. Dafür bin ich dank­bar - auch mir selbst, weil ich mir diese Hilfe geholt hab.)

Nein, ich will nicht immer nur lieb sein und alles aus­hal­ten. Das hab ich lang genug getan.

4 Kommentare

  1. Schön, dass du Men­schen um dich hast, die sich küm­mern, wenns dir schlecht geht.
    Trotz­dem kann ich dein Hadern mit dem Schick­sal sehr gut verstehen!
    Immer lieb - das klappt sowieso nicht, Knie hin oder her! Da kannst du jetzt quasi gleich ‘üben’, mal wütend zu sein!
    So gese­hen ist alles irgend­wie auch für was gut!
    Alles Liebe dir, halte durch und gute Besserung!

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