Was Depression macht (2)

Und dann stehst du da und eigentlich war doch alles ganz okay in den letzten Tagen und du kommst ja auch irgendwie klar, aber wie aus dem Nichts ist da ein Gefühl, ein Gedanke, eine Erinnerung und plötzlich laufen die Tränen und die Kehle ist zu und der Körper ist bis zum reißen gespannt und du weißt wieder nicht was los ist und wo das her kommt und warum es jetzt grade passiert, du weißt nur, dass du wieder Stunden brauchen wirst, um da wieder raus zu kommen.

Und du hast einfach Angst, dass das immer so weiter gehen wird und du diese Momente einfach nie kommen sehen wirst, weil sie so unvermittelt und scheinbar ohne Anlass über dich herein stürzen und dich über den Haufen schmeißen und dich begraben unter sich.

Du hast diese Angst, weil du in all den Therapien und Kliniken und Entspannungsübungen und Meditationen über Specksteine schon so viel gelernt und dafür getan hast, mit der Krankheit zurecht zu kommen und deine Skills zu entdecken und zu traininieren und deine Gedanken zu ändern und den Hund an die Leine zu nehmen und es dir trotzdem verfluchte Scheiße immer wieder passiert.

Und da wundern sich die Leute, dass du einfach so unendlich müde bist und nicht mehr magst und eigentlich auch nicht leben willst mit so einer Krankheit, obwohl du doch nichts lieber tätest als zu leben und zu lachen und zu lieben und einfach du selbst zu sein.

Was Depression macht (1)

Unangenehme Aufgaben erscheinen oft viel schwerer als sie eigentlich sind, darum schiebe ich sie sehr lange weg. Das macht dann aber ein extrem schlechtes Gewissen, das mich wiederum so lähmt, dass ich die Aufgabe erst recht nicht erledige.

Das schlechte Gewissen hindert mich aber auch daran, in der Zwischenzeit andere Sachen zu tun, die mir vielleicht gut tun und Energie für das Unangenehme geben würden.

(Das erinnert mich an einen Satz aus der Kindheit: „Bevor du deine Aufgabe nicht erledigt hast, gibt es nichts Gutes für dich!“)

Die Folge davon sind Tage, an denen ich so still gelegt bin, dass ich gar nichts mehr mache. Keinen Sport, kein anständiges Essen, keine Selbstfürsorge, keine Kontakte und auch keine anderen Aufgaben: es geht einfach nichts – außer den Gedanken, die sich im Kreis drehen und mit denen ich mich selbst fertig mache: die gehen immer.

Meerkraft

Die Kraft, die entsteht
wenn abertausende kleinste Wasserteile
sich vereinen zu einem
schier endlosen Meer
und ohne Unterlass
in ewigem Vor und Zurück
die Strände versuchen
zu brechen:

Ich wünschte, ich hätte
wie die Brandung des Meeres
diese unermüdliche Kraft
um zu kämpfen
gegen die Dämonen aus der Vergangenheit
die versuchen, mich
zu brechen.

#frapalywo 8/2018, Tag 4


Was Frau Paulchen schreibt:
der impuls für text 4 lautet: „brandung“.

 

Früher Morgen am See

Wie sanfte Seide der See
schmeichelnd fließend über dunklem Grund
liegt still im Licht des Morgens
ist Spiegel des Himmels
in seiner endlosen hellblauen Weite

Hier bin ich
ganz neu wieder Ich.

Glücksmomente, gesammelt
und in der Seele verwahrt.
Alles kann, alles darf.
Mit dir neben mir
erwacht die Fantasie zur Wirklichkeit.

#frapalywo 8/2018, Tag 3


Was Frau Paulchen schreibt:
der impuls für text 3 lautet: „da ist ein see im himmel“.

Inselzeit

Die Wochen voll mit
Terminen, Aufgaben, Druck
Keine Zeit für mich
Keine Zeit für irgendwas
Müde, so müde

Früh am Morgen
streckt eine bleiche Sonne ihre Finger
sanft unter Wolken hervor
Zeit für die Insel
Zeit für mich selbst

Die Spur der Wellen am Strand
zeichnet den Weg
den meine Füße gehen
ohne zu denken
In meiner eigenen Zeit

Ich atme
Ich lebe

#frapalywo 8/2018, Tag 1


Was Frau Paulchen schreibt:
der impuls für text 1 lautet: „strandläufer“.

#FrapalyWo 8/2018

Es ist wieder Lyrikzeit bei Frau Paulchen!
Diesmal dauert es eine Woche oder genauer: 7 Tage, 7 Texte, 1 Thema. Dieses Oberthema lautet „Wasser und Weite“; jeden Tag gibt es dazu einen neuen Impuls, zu dem neue Worte gefunden werden wollen.

Wer mehr wissen möchte oder lesen, was die anderen so schreiben: hier geht’s zu Frau Paulchen.