22-09-2022 Das Hilfe-Dings, die Mittwochsgruppe

Es ist mal wie­der soweit: der jähr­li­che “Sozial- und Ver­laufs­be­richt für Ein­glie­de­rungs­hil­fe­leis­tun­gen”, anhand des­sen geprüft wird, ob ich wei­ter­hin hil­fe­be­dürf­tig bin, ist fäl­lig. Dafür gibt es einen Vor­druck mit The­men und Fra­gen zu den “Wesent­li­chen Ent­wick­lun­gen im Berichts­zeit­raum”; die Ant­wor­ten soll­ten sinn­vol­ler­weise Fort­schritte erken­nen las­sen, aber bitte auch deut­lich machen, dass ich das Hilfe-Dings noch drin­gend brau­che. Sag ich, nicht die Behörde. Klar, oder?
Das Ding aus­zu­fül­len ist natür­lich die Auf­gabe mei­ner Betreue­rin, aber da wir auf Augen­höhe mit­ein­an­der arbei­ten, gibt sie mir das Doku­ment zur Prü­fung, Berich­ti­gung und Ergän­zung, bevor sie es an die Behörde schickt.

Vor­ges­tern spra­chen wir bei unse­rem wöchent­li­chen Tref­fen dar­über, was in dem Bericht ste­hen soll. Das Wich­tigste, das wir beide sehen, ist, dass da vor etwa einem Jahr eine große Ver­än­de­rung ange­fan­gen hat, die mir hilft, bes­ser zu akzep­tie­ren, dass mein Leben jetzt eben so ist: mit Ein­schrän­kun­gen durch Kör­per und Psy­che, mit weni­ger Kraft, ohne bezahlte Arbeit, mit weni­gen sozia­len Kon­tak­ten. Das heißt nicht, dass das für den Rest so blei­ben muss, aber wenn ich immer nur dem nach­trauer, was nicht mehr ist, kann ich nicht vor­wärts gehen. Und genau das mache ich eben seit eini­ger Zeit, auch wenn die Schritte oft klein und lang­sam sind. Zurück­bli­ckend wird dann aber sicht­bar, dass die zurück gelegte Stre­cke doch ganz schön groß ist.
Ich bin noch lange nicht am Ende, aber dass es wei­ter geht und ich nicht auf­gebe: daran hat das Hilfe-Dings einen ziem­lich gro­ßen Anteil. Ein Teil davon sind die Gesprä­che mit mei­ner Betreue­rin, ein ande­rer meine Mitt­wochs­gruppe. Von der will ich heute mal aus­führ­lich erzäh­len - die tut mir näm­lich ver­dammt gut.

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Bei dem Hilfe-Dings gibt es diverse Grup­pen­an­ge­bote (Krea­tiv­kram, Film­abend, Schwim­men, Spa­zie­ren in Plan­ten & Blo­men, Früh­stü­cken, frü­her auch mal eine Gar­ten­gruppe …), die offen sind für alle Klient:innen. Offen heißt, dass man sich nicht anmel­den muss und mal kommt oder auch mal nicht. Wie man eben will und kann. Die Mitt­wochs­gruppe (die in echt eine andere Bezeich­nung hat) ist die ein­zige geschlos­sene Gruppe mit fes­ten Teil­neh­me­rin­nen (nicht gegen­dert: es hat sich so erge­ben, dass es immer nur Frauen sind) und einer gewis­sen Ver­bind­lich­keit, jede Woche zu kom­men.
Seit Juli 2019 bin ich dabei; damals gab es die Gruppe schon ca. 2 Jahre und sie bestand aus 8 bis 10 Frauen, die mehr oder weni­ger regel­mä­ßig zu den Tref­fen kamen. Wir haben zusam­men über­legt, ob und was wir machen wol­len, ob es ein Thema gibt oder wir etwas gemein­sam unter­neh­men und irgend­wie war am Ende immer für Jede was dabei, was ihr gut tat. 

Ich hatte grade ange­fan­gen, mich wohl zu füh­len dort, auch wenn es manch­mal sehr anstren­gend war und ich mit zwei oder drei Frauen so über­haupt nichts gemein­sam hatte (und eine davon auch rich­tig doof fand). Aber es waren soziale Kon­takte, es war ein fes­ter Ter­min in der Woche, es holte mich aus mei­nem Loch und genau das brauchte ich. Und dann kam Corona.
Erst konnte ein­fach gar nichts statt fin­den, dann - nach dem ers­ten Lock­down - nur in ganz klei­nen Grup­pen und nur drau­ßen und dann muss­ten wir uns ent­schei­den, ob wir wei­ter dabei blei­ben oder eine Pause machen woll­ten. Weil ich dank des Fahr­rad­un­falls für ein paar Monate nur ein­ge­schränkt mobil war, ent­schied ich mich für die Pause. Als ich dann Anfang 2021 wie­der zurück kam, waren nur noch 3 Frauen übrig geblie­ben (mit mir also 4). Eine von uns hat ihren fes­ten Platz, kommt aber aus Grün­den nur spo­ra­disch. Inzwi­schen kön­nen wir uns alle vor­stel­len, dass noch ein oder zwei Men­schen dazu kom­men. denn wenn mal Eine von uns nicht kann, sind die ande­ren zwei doch etwas wenig. Außer­dem könnte ein biß­chen fri­scher Wind nicht schaden.

Nach wie vor ent­schei­den wir gemein­sam, wie wir die Tref­fen gestal­ten. Bei schö­nem Wet­ter gehen wir auch mal raus (zum Bei­spiel zu Plan­ten & Blo­men oder ein­mal zum Mini­golf), letz­ten Win­ter waren wir beim Kunst­hand­wer­ker­markt und im Okto­ber wol­len wir zur Foto­aus­stel­lung (World Press Photo 2022). Oder wir lesen aus Büchern vor, malen und gestal­ten zusam­men, backen Kekse oder neh­men uns ein Thema vor, über das wir reden wol­len.
Immer wie­der span­nend finde ich, wenn wir - so wie ges­tern - mit den Kar­ten aus der “Stär­ken-Schatz­kiste für The­ra­pie und Bera­tung” arbei­ten. Dabei zieht Jede ver­deckt 1 - 3 Kar­ten (je nach Zeit) und wir ant­wor­ten reihum offen. Auf den Kar­ten ste­hen Fra­gen wie: “Was ist an mir ein­zig­ar­tig und lie­bens­wert? Wobei bin ich mir treu geblie­ben? Wann spüre ich Taten­drang? Wer war mein Vor­bild in der Kind­heit? Was gelingt mir rich­tig gut?” Dar­aus erge­ben sich oft ganz unge­ahnte Gesprä­che und manch­mal auch neue Blickrichtungen.

Dazwi­schen gibt es immer wie­der Tref­fen, bei denen wir über sehr per­sön­li­che Dinge reden. Immer­hin haben wir ja alle einen bestimm­ten Grund, wes­halb wir beim Hilfe-Dings gelan­det sind und es tut ein­fach gut, dar­über mit ande­ren zu reden, die das aus eige­nem Erle­ben ken­nen und ver­ste­hen. Dass das so gut funk­tio­niert, dass wir uns so sehr ver­trauen und uns öff­nen kön­nen, ist ein ganz gro­ßes Geschenk. Wir sind keine Freun­din­nen im eigent­li­chen Sinn, aber wir mögen uns und das reicht dafür, dass es gut ist.

In der Abschluss­runde ges­tern sagte ich, wie gut es (mir) tut, dass wir die­sen Ort haben für uns. Einen Ort, an dem gar nichts Gro­ßes, Welt­be­we­gen­des pas­sie­ren muss, an dem wir ein­fach bei­ein­an­der sein und uns aus­tau­schen kön­nen über alles, was uns bewegt. Manch­mal ist es das poli­ti­sche Tages­ge­sche­hen, manch­mal ganz per­sön­li­ches, manch­mal belang­lo­ser Kaf­fee­klatsch über All­täg­li­ches und manch­mal Gesprä­che, die sich aus einem vor­ge­ge­be­nen Impuls wie den o.e. Kar­ten ent­wi­ckeln. Dass das sein darf, wie es kommt, ist ein­fach gut.
Aber gut ist eben auch, dass wir eine Ver­ab­re­dung haben im Rah­men vom Hilfe-Dings, dass wir das nicht selbst orga­ni­sie­ren müs­sen, weil wir das mit unse­ren Han­di­caps viel­leicht nicht immer schaf­fen wür­den, son­dern dass da die Betreue­rin­nen sind, die uns hel­fen. Die uns ver­wöh­nen mit Kaf­fee und Kek­sen und die immer offene Ohren haben und uns die­sen geschütz­ten Raum geben.

Ich bin wirk­lich dank­bar für den Ort, für die Men­schen dort. Nach den vie­len Jah­ren, die ich seit der Depres­sion alleine zuhause bin, sind das - abge­se­hen von der Toch­ter & Fami­lie und mei­ner Freun­din D. - die ers­ten rich­ti­gen sozia­len Kon­takte für mich. Ich wußte immer, dass es mir fehlt, aber ich wußte nicht, wo und wie ich sol­che Kon­takte neu knüp­fen könnte, zumal die Scheu oder manch­mal sogar Angst vor neuen Leu­ten immer grö­ßer wurde, je län­ger ich alleine war. Die­ser Ort war der rich­tige Rah­men, um wie­der zu ler­nen, ein sozia­les Wesen zu sein. Gese­hen zu wer­den und mich zu zei­gen.
Darum bin ich auch mir selbst dank­bar, dass ich mei­ner The­ra­peu­tin ver­traut habe, als sie mir genau die­sen Ort ans Herz legte und dass ich es dann auch noch geschafft habe, mich auf den Weg dort­hin zu machen und zu bleiben. 

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Den Namen der Hilfe-Ein­rich­tung oder der Gruppe will und werde ich hier nicht nen­nen, das tut nichts zur Sache und geht nie­man­den was an. Als Sym­bol für den Ort und für die herz­li­che Atmo­sphäre dort zeige ich aber ein Foto, das bei dem Aus­flug in den Wild­park “Schwarze Berge” neu­lich ent­stan­den ist. Der war offen für alle, nicht nur für unsere Mitt­wochs­gruppe, und meine Pre­miere: das erste Mal seit Ewig­kei­ten war ich mit unbe­kann­ten Men­schen unter­wegs. Beglei­tet wur­den wir 7 Klient:innen von 2 Betreuer:innen - und Mila, der Hün­din von einer davon.

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