24-03-2021 Therapiestunde, die fünftletzte

Einen für meine Ver­hält­nisse frü­hen Ter­min zu haben, ist schwie­rig genug. Die Nacht davor aber nur vier Stun­den zu schla­fen, ist ein­fach mistig.

Drei Minu­ten vor dem Ende des Films, den ich ges­tern Nacht noch guckte, brach das Inter­net zusam­men. Damit ent­fiel dann auch mein “Ich geh jetzt wirk­lich gleich ins Bett”-Ritual, bei dem ich noch einen Moment Musik höre und eines die­ser klei­nen Spiel­chen dad­del, bei dem eins nicht nach­den­ken muss und schön müde wird.
Und so lag ich dann im Bett und konnte nicht ein­schla­fen. Da gehen dann die Augen von alleine auf, alles krib­belt und juckt, der eigene Herz­schlag dröhnt im Ohr und die gute Frau von der Medi­ta­ti­ons­app nervt ein­fach nur. Das ein­zige, was dann funk­tio­niert: auf­ste­hen, anzie­hen, Laven­del­tee kochen und mit dem und was zu lesen aufs Sofa. So lange, bis die Augen doch zufal­len. Vor allem aber: nicht unge­dul­dig wer­den, nicht zwingen.


Heute also die fünft­letzte The­ra­pie­stunde, nach 4 Wochen Pause wegen Urlaub. Das war ganz schön lang dies­mal. Ich weiß jetzt schon, dass ich die The­ra­peu­tin und das alles ver­dammt ver­mis­sen werde, auch wenn ich dies­mal recht zuver­sicht­lich bin, dass ich mit den wei­te­ren Auf­ga­ben alleine klar kom­men kann.
Viel­leicht setz ich mich dann ein­fach ein­mal in der Woche für 50 Minu­ten auf einen Stuhl und erzähl mir selbst was. Ihre Ant­wor­ten hab ich ja nach der lan­gen Zeit so ziem­lich im Kopf. Doch, das scheint mir eine gute Idee zu sein. Ihren Vor­schlag, nach­dem ich den Gedan­ken aus­sprach, ich könnte mich ja vor den Spie­gel set­zen, hab ich aber abge­lehnt. Das muss ja nun nicht echt sein, dass ich mich so lange angucke.


Wir spra­chen über meine Erin­ne­rung, dass ich in mei­ner Kin­der- und Jugend­zeit immer hin­tenan ste­hen musste, weil die Schwes­tern immer wich­ti­ger waren. Und über meine Wut, weil sie sich mit Krank­hei­ten und ande­ren Befind­lich­kei­ten Auf­merk­sam­keit geholt haben und ich das Gefühl hatte, das nicht zu dür­fen bzw. dass ich mich nicht traute. Mein Dilemma war, dass man in der Fami­lie am meis­ten Beach­tung bekam, wenn man krank war oder was ange­stellt hatte. Ich war aber sel­ten krank und Mist gebaut hab ich erst spä­ter. Der Satz mei­ner Mut­ter “Wie gut, dass du mir nicht auch noch Pro­bleme machst”, tat sein Übri­ges, mich still zu (ver)halten. Und wenn ich dann wirk­lich mal was wollte, drängte sich jemand anders dazwi­schen und nahm mir die Auf­merk­sam­keit weg.
Das beglei­tet mich auch heute noch. Ich traue mich sel­ten, in der Öffent­lich­keit was zu sagen, denn ich gehe i.d.R. davon aus, dass die Mei­nung ande­rer rich­ti­ger und wich­ti­ger ist - auch wenn ich innen mir drin weiß, dass ich recht habe mit dem, was ich denke. Ich kann es aber nicht nach außen ver­tre­ten. In Dis­kus­sio­nen bin ich unsi­cher, ver­gesse alle Argu­mente, kann mich nicht behaup­ten. Ich ver­zichte lie­ber, als mich auf eine Aus­ein­an­der­set­zung ein­zu­las­sen. Und ich sage nicht, wenn ich etwas brau­che, weil ich es ja sowieso nicht bekomme. Ich bin wütend, wenn mir jemand etwas nimmt, aber ich wehre mich nicht. Ich leide still, ich “beläs­tige” andere nicht, wenn es mir nicht gut geht. Ich lebe lie­ber jah­re­lang mit Ein­schrän­kun­gen, als jeman­den um Hilfe zu bit­ten. Weil mir das nicht zusteht.

Mir fällt “Karls­son vom Dach” dabei ein. Meine schlimmste Hass­fi­gur aus der Kind­heit. Einer, der sich mit einer Selbst­ver­ständ­lich­keit alles nimmt, was er will, ein­fach so. Der keine Rück­sicht auf andere nimmt. Der ande­ren die Schuld an sei­nen Unar­ten gibt.
Ich war umge­ben von sol­chen Karls­sons. Ich war wütend dar­über, aber ich konnte mich nicht weh­ren, konnte nicht ein­ste­hen für mich. Ein Gefühl der Ohn­macht, das noch wüten­der machte.
Wut war aber immer ver­bo­ten, darum ließ sich die­ses Gefühl auch nicht auf­lö­sen oder ver­än­dern, es gab kei­nen Ersatz dafür. Die Wut blieb in mir ste­cken und setzte sich als dicker Klum­pen im Magen fest.
Das ist bis heute so. Wut darf nicht sein, denn sie ist schlecht. Und wenn ich wütend bin, bin auch ich als Gan­zes schlecht. Erst ganz all­mäh­lich gestehe ich sie mir zu — und nur dadurch kann ich irgend­wann damit hof­fent­lich umge­hen.
Denn Wut bedeu­tet: da stimmt was nicht. Da läuft was schief, da ist eine Unge­rech­tig­keit, da drän­gelt sich jemand vor - nein, da lasse ich zu, dass sich jemand vor­drän­gelt. Manch­mal ist es auch “nur” die Erin­ne­rung an eine frü­here Ver­let­zung; das ist das schwie­rigste im Moment, das dann zu erken­nen und das Frü­her von dem Heute zu tren­nen. Aber ich merke: je bes­ser ich den alten Stim­men aus der Ver­gan­gen­heit etwas ent­ge­gen set­zen kann, desto bes­ser kann ich das aus­ein­an­der hal­ten und ein­sor­tie­ren. Weil ich mich heute ernst nehme. Weil ich mir zuge­stehe, eine Stimme zu haben. Weil nie­mand mehr über mich bestim­men kann.


Ich bin weit gekom­men im ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr, aber ver­dammt, die letz­ten vier The­ra­pie­stun­den könn­ten echt knapp werden.

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