30-09-2021 Nicht grundlos vergnügt

Stür­misch war’s ges­tern Abend und in der Nacht, es roch nach Herbst und ers­ter Kälte und ich war froh, dass meine neue Bett­de­cke nicht nur herr­lich leicht ist, son­dern trotz­dem auch ange­nehm wärmt.

Heute bläst immer noch ordent­lich Wind, die Sonne scheint, aber sie hat spür­bar weni­ger Kraft. Es ist ein Tag für Kuschel­de­cke und Sofa, Gemü­se­suppe und heiße Scho­ko­lade zum Nach­tisch. Ein Tag zur freien Gestal­tung für mich — oder auch ein­fach zum Nichts­tun. Stö­bern hier und da, den Levit wei­ter lesen, aus dem Fens­ter schauen und träu­men.
Mir geht es gut, ich fühle mich tat­säch­lich ein­mal wie­der leicht und unbe­schwert. Es ist ein biß­chen wie in dem wun­der­schö­nen Gedicht von Mascha Kaléko, einer mei­ner Lieb­lings­ly­ri­ke­rin­nen - nur eben nicht grund­los und hart und lang erarbeitet.

Sozu­sa­gen grund­los vergnügt

Ich freu mich, daß am Him­mel Wol­ken zie­hen
Und daß es reg­net, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grü­nen Jah­res­zeit,
Wenn Hecken­ro­sen und Holun­der blü­hen.
– Daß Amseln flö­ten und daß Immen sum­men,
Daß Mücken ste­chen und daß Brum­mer brum­men.
Daß rote Luft­bal­lons ins Blaue stei­gen.
Daß Spat­zen schwat­zen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Him­mel steht
Und daß die Sonne täg­lich neu auf­geht.
Daß Herbst dem Som­mer folgt und Lenz dem Win­ter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahin­ter,
Wenn auch die Neun­mal­klu­gen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf ver­stehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles auf­ge­räumt und hei­ter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An sol­chem Tag erklet­tert man die Lei­ter,
Die von der Erde in den Him­mel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vor­ge­schrie­ben,
– Weil er sich sel­ber liebt – den Nächs­ten lie­ben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wun­der nie­mals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaun­lich bleibt, und neu!
Ich freu mich, daß ich … Daß ich mich freu.

Aus: Mascha Kaléko: In mei­nen Träu­men läu­tet es Sturm.
© 1977 dtv Ver­lags­ge­sell­schaft, München.

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