21-10-2020 Nachtrag zu Dienstag

Gestern war also der Termin beim Orthopäden zur Besprechung des MRT-Ergebnisses. Wer mir auf Twitter folgt, hat meinen kleinen Rant schon gelesen. Ich bring ihn (mit kleinen Ergänzungen) in Erfüllung der Chronistinnenpflicht nochmal hierher.

Wenn der Orthopäde meint, er könnte dir therapeutische Ratschläge erteilen, nur weil er eine psychosomatische Zusatzausbildung hat, obwohl er nichts von dir weiß, außer dass du eine chronische Depression hast und er nie auch nur irgendeine Frage dazu gestellt hat.

„Versuchen Sie doch mal, nicht so schicksalsergeben zu sein.“
Alter, ich geb dir gerne mal einen Abriß über mein Schicksal und erzähl dir dann, was ich alles getan habe, um zu überleben, aber dazu brauchst du halt Zeit, offene Ohren und vielleicht mehr als ein bißchen Küchenpsychologie.

Aber ist doch prima, dann hab ich ja für die nächste Therapiestunde schon ein Thema: „Wie wehre ich mich gegen übergriffige Ärzte, wenn mein Selbstbewußtsein sowieso wegen jedem Mist in die Knie geht.“ Besten Dank auch für nix.

fantasiafragile auf Twitter

Zum Abschluß tätschelte er dann noch wohlwollend-mitfühlend meine Schulter. Ein „Ich meine es ja nur gut“ konnte er sich leider nicht verkneifen. Eigentlich fehlte nur noch der typische Orthopädenspruch, den depressive Menschen so gerne hören: „Machen Sie doch mal ein bißchen Sport, das soll ja auch helfen!“

Ich hab ihm zwar ein bißchen was entgegen gesetzt („Solche Themen bespreche ich in meiner Therapie“ und „Sie haben keine Ahnung von mir. Sie wissen überhaupt nicht, ob ich kämpfe und was ich mache oder woher das alles kommt, weil Sie überhaupt nicht danach fragen“) und ich denke, er hat gemerkt, dass ich angepisst war, aber nach der Aktion steht er nun leider auch auf meiner schwarzen Liste. Ich muss mir sowas nicht anhören, wirklich nicht.


Nun ist er leider auch der Meinung, dass der kaputte Meniskus vom Verschleiß aufgrund von Alter und Gewicht kommt und nicht ursächlich vom Fahrradsturz, was mich natürlich sofort an der Berechtigung meiner Schmerzensgeldforderung zweifeln lässt. Andererseits hatte ich ja bis zu dem Moment des Sturzes keine der Beschwerden, die jetzt da sind. Klar, vielleicht wäre der Meniskus bei einer anderen blöden Bewegung auch kaputt gegangen, aber vielleicht hätte das auch noch ein paar Jahre gedauert bis dahin.

Ich muss mir selbst gut zureden, dass ich ein Recht habe, den Antrag zu stellen. Immer wieder.
Und das ist eben auch das, was mich so maßlos ärgert an solchen egoistischen, übergriffigen Aktionen wie von dem Orthopäden: dass ich jetzt schon wieder tagelang grüble (Bin ich vielleicht doch schicksalsergeben? Kämpfe ich nicht genug? Bin ich nicht stark genug? Oder tu ich doch nur so und eigentlich könnte es mir doch so gut gehen?) und mich wieder auf meine Spur bringen muss, mich überzeugen muss, dass mein Weg richtig ist und ich auch und dass das alles gar nichts mit mir, sondern nur mit dem Blödmann zu tun hat. Dass ich so viel Energie aufwenden muss, die ich für was anderes viel besser brauchen könnte. Dass ich mich so runter ziehen lasse erstmal und mich dann mühsam wieder hoch arbeiten muss. Eben weil ich mich NICHT meinem Schicksal ergebe.


Und dann ist da als soooo großer Gegensatz meine gute Frau R. vom HilfeDings, mit der ich angesichts meiner vielen Termine grade einfach mal telefonieren kann, anstatt noch ein weiteres Mal raus zu müssen. Für die ich so dankbar bin, weil sie zugewandt, offen und herzlich ist, immer ein Ohr für mich hat und 100% hinter mir steht. Weil sie mich nimmt, wie ich bin und weil ich bei ihr ehrlich sein darf. Und weil sie mir tausendmal versichert, dass sowas wie gestern nicht an mir liegt und nichts mit mir zu tun hat, sondern nur mit dem Typen – und es mir auch noch ein weiteres Mal sagt, wenn sie merkt, dass es erst jetzt wirklich ankommt bei mir.
Wieder einmal: Danke von Herzen.

18-10-2020 Übervoll

Seit Tagen öffne ich spätestens am Abend den Blog – und schließe ihn wortlos wieder. Ich bin zu müde zum schreiben.

Seit dem Unfall im Juli habe ich – für meine Verhältnisse – viel zu viele fremde Menschen getroffen, mit denen ich kommunizieren musste und es ist noch lange nicht vorbei damit. Ich bin übervoll mit Einflüssen von außen, mit Terminen, mit Begegnungen aller Art. Wenn ich nicht unterwegs bin zu Ärzt:innen, zur Physio, zur Therapie und zum HilfeDings, sitze ich zu Hause und versuche, mich davon zu erholen. Dass meine Füße von den Wegen weh tun, kommt noch dazu.
Wenn das alles irgendwann vorbei ist, will ich auf die einsame Insel, für mindestens ein Jahr.

Wenigstens war ich am Freitag zwischendurch mal einen Moment draußen.

12-10-2020 Dies und Das

Sehr bescheiden war die Nacht, weil ich nach der Nachbarschaftssache gestern natürlich sehr angespannt war, davon Magen- und Nackenschmerzen hatte und dann ewig nicht einschlafen konnte. Den Wecker hab ich nach dem Klingeln darum nochmal eine ganze Weile weiter gestellt.


Dafür hab ich direkt nach dem Aufstehen in der Orthopädiepraxis angerufen. Ja, die Ergebnisse vom MRT sind da. Und siehe da, es gibt auch – sogar noch vor November! – einen richtigen, echten, regulären Termin nächste Woche. Juhu.
Und wo ich dann schonmal am Telefon war, hab ich gleich noch bei der Physio-Praxis angerufen, weil das Rezept nur noch 2 Wochen haltbar ist. Die gute Frau wollte mir einen ersten Termin gleich heute geben, aber das war mir dann doch zu spontan. Jetzt ist er am Mittwoch und die nächsten 5 Termine gab es gleich hinterher (2 pro Woche: da hab ich ja gut was zu tun).


Da die wichtigen Tagesaufgaben damit erledigt waren und ich entgegen meiner Vermutung doch nicht aus dem Haus musste, konnte ich mich den netten Dingen zuwenden. Frühstücken, Twitter lesen, an D. schreiben und später mit ihr chatten, Apps am Tablet updaten und ein bißchen rumstöbern, den teenagermäßig angeschwärmten Sänger auf YouTube weiter anhimmeln, twittern, hier und da Sachen lesen, lecker kochen, eine nette kleine Serie auf Netflix gucken und huch, ist es wirklich schon so spät?


Ja, und zwischendurch so Gedanken wie: was macht ein Zuhause eigentlich aus? Wie kommt es, dass ich mich mit der Zeit so weit aus dem Schwesternkreis entfernt habe, dass ich nicht mehr dazu gehöre und ja, das macht mich traurig. Die Schwester meines Vaters ist letzte Woche gestorben, damit ist auf dieser Familienseite niemand mehr in der Generation übrig: die nächsten sind nun wir. Aber was ist dieses „wir“, wenn man:frau keinen Kontakt hat, nichts mehr weiß voneinander?
Wer sind wir, wenn wir uns auf niemanden beziehen, wenn wir alleine sind?

11-10-2020 Vor und zurück

Wie gut, dass ich am Donnerstag nach der Therapie ganz ohne Absicht mehr eingekauft habe als geplant und alle Vorräte locker bis nächste Woche reichen. So war dieser Punkt wenigstens schon abgehakt. Was da aber immer noch und vor allem schon wieder viel zu lange auf der Liste stand, war die lästige Putzerei.

Ich hasse sie. Putzen ist regelrecht Strafe, schon immer. Vielleicht, weil wir zuhause schon als kleine Kinder dazu eingeteilt wurden und gezwungen waren, unsere Aufgaben immer alleine und bis zum bitteren Ende zu machen? Es gab keine Hilfe, keine Entschuldigungen, kein Erbarmen. Alle mussten, ihrem Alter entsprechend, etwas machen, aber es war immer nur lästige Pflicht, es hat nie auch nur im geringsten sowas wie Spaß gemacht.


Was ich aber trotzdem mag, wie vermutlich die meisten Menschen, das ist, wenn meine Wohnung sauber und ordentlich ist. Gerade in einer depressiven Phase ist das besonders wichtig. Wenn es in mir drin schon düster & chaotisch ist, dann bitte nicht auch noch um mich herum.
Aber: In einer depressiven Phase ist es auch extrem schwer, Energie für etwas aufzubringen, das ich auch in guten Zeiten abgrundtief hasse. Darum war ich gestern nachmittag stolz auf mich. Weil ich mich aufgerafft habe und nicht nur gesaugt, sondern auch einiges geputzt habe. Und weil das auch ein Schritt aus dem momentanen Loch heraus war, wenigstens ein kleiner.


Dafür gab es dann heute mal wieder den üblichen Ärger mit der Elefantenfamilie von oben. Ich fühle mich im Recht mit meiner Bitte, nicht neben dem üblichen täglichen Lärm auch noch am Sonntag zwei Stunden durchgängiges Poltern von zwei Kindern ertragen zu müssen und stehe am Ende doch da als die meckernde Alte – was mir eigentlich egal sein könnte, aber nicht ist. Weit schlimmer wiegt aber die Befürchtung, dass sowieso alles Meckern und Bitten und Appellieren nichts helfen wird, weil sie es einfach nicht verstehen. Ja, und dann bin ich manchmal eben auch nicht mehr unbedingt super diplomatisch, wie man:frau an den WA-Nachrichten sehen kann.

Hallo xxx, hier ist eure – inzwischen mal wieder reichlich genervte – Unternachbarin. Dann versuch ich es mal auf diesem Weg: 2 Stunden ununterbrochenes Gepolter sind wirklich mehr als genug, bitte hört damit auf, jetzt.
(Es nervt übrigens nicht nur dann, wenn ich was sage. Und ich seh eigentlich auch nicht ein, dass ich immer erst was sagen muss, anstatt dass ihr das mal dauerhaft ändert. Ich glaube, man nennt das „Rücksicht“.)
Gruß, Ulrike

Hallo Ulrike, wir haben heute mal Besuch von Familie dir wir kaum sehen. Es sind einfach zwei Kinder und wir haben schon mehrmals sie darauf hingewiesen ruhiger zu spielen. Ich verstehe dass es nervig sein kann, aber 2 std einmal die Woche finde ich nicht rücksichtslos!!! Wäre dass Wetter schöner gewesen wären wir sicher nicht zuhause, natürlich nur den Kinder zu liebe. Wir sind über der Woche kaum zuhause! [Name des Sohns] ist bis 16 in der Kita und kommt Teil weise erst um 17-18 nach Hause. Ich erst spät Abend, von daher kann ja nicht eine dauerhafte Belästigung bestehen. Ich bitte dich etwas Rücksicht zu haben und uns nicht ständig beschuldigen dass wir deine Privatsphäre stören oder nicht respektieren.

Ich hab es schon so oft gesagt: es sind nicht nur die 2 Stunden in der Woche. Ich wache von euch auf morgens früh. Ich höre jeden Schritt, von euch allen. Jedes Türenknallen, wenn ihr den Klodeckel fallen lasst, die Stühle durch die Küche schiebt, du die Treppe runter rennst … Schön, dass es ein paar Stunden am Tag ruhig ist – aber das gleicht ihr durch den Lärm in der restlichen Zeit aus.

Ein Vorschlag zur Güte: legt Teppich dorthin, wo [Name des Sohns] spielt und gewöhnt euch an, nicht so hart aufzutreten, wenn ihr durch die Wohnung rennt. Damit wäre schon sehr viel gewonnen.
Ich nehme so viel Rücksicht, wie aushaltbar ist, indem ich eure Lautstärke in der Regel akzeptiere, aber es gibt Grenzen. Es wäre einfach schön, wenn ihr die selbst merken würdet und nicht immer erst dann was passiert, wenn ich was sage.

(Und ich will euch echt nicht in eure Erziehung reinreden, aber knapp 4-jährige Kinder „darauf hinzuweisen“, dass sie etwas ruhiger sein sollen, reicht vielleicht nicht aus – vor allem, wenn die Reaktion nur die ist, dass euer Sohn euch anbrüllt. Ihr seid die Erwachsenen: wenn ihr ihm nicht beibringt, wo die Grenzen sind, wer soll es dann tun?)

Und dann denk ich: was, wenn ich umziehe, weil ich diesen Lärm nicht mehr ertrage und dann noch schlimmere Nachbarn habe? Diese hier sind zwar laut, aber abgesehen davon wenigstens nett. Eine Wohnung kann ich besichtigen, die Umgebung auch, aber die Nachbarn nicht. Womöglich komm ich vom Regen in die Traufe, dann hilft mir das auch nichts. Dann kann ich auch hier bleiben und hoffen, dass die Elefantis irgendwann ausziehen und leisere nachkommen.

Ich weiß es doch auch nicht.


Und dann fallen mir wieder die Flüchtlinge ein, die in dem Camp auf Lesbos absaufen und sich über meine Lusxusprobleme vermutlich freuen würden. Dann geht es zwar weder denen noch mir wirklich besser, aber es relativiert mal wieder ein bißchen.

09-10-2020 Stop & Go

Letzte Nacht einer dieser Alpträume. Jemand hält mich fest, ich kann mich nicht bewegen, nicht wehren, nichts tun. Blanke Angst. Ich versuche aufzuwachen und dieser Jemand ist kein Traum mehr, sondern wirklich da, in meinem Zimmer, auf meinem Bett, hinter mir. Ich will rufen, mich befreien, ich kann nicht – und wache auf, schreiend, mit Herzrasen. Da ist niemand, natürlich nicht, nur der Traum und die Angst.

(Wahrscheinlich war ich einfach nur zu fest eingewickelt in meine Decke, aber das nächtliche traumatisierte Hirn macht eben so was draus.)


Gestern in der Therapie sprach ich davon, dass ich es nicht anders kenne, als dass auf ein Hoch immer prompt ein Tief kommt. Und dass ich es nicht geschafft habe, nach dem schönen Ausruh-Moment letzte Woche wieder von der Bank aufzustehen und weiter zu gehen. Es ist ein ewiges Stop & Go. Gehen, sitzen, einen Schritt gehen, sitzen bleiben. Und je länger ich da sitze, desto schwerer wird es.
Ich sagte: warum kann es denn nicht endlich mal wieder eine Weile fließen? Eins nach dem anderen, es muss ja gar nicht schnell sein, aber einfach mal weiter gehen? Und dann schaute ich hoch und sah ihren Blick und musste lachen. „Ach, ich bin schon wieder zu ungeduldig?“ Und sie lachte auch und sagte „Ja, vielleicht?“


Je näher ich einem Tief komme, je weiter es abwärts geht, desto weniger mag (kann) ich reden, schreiben, kommunzieren. Je weniger ich kommuniziere, für eine:n andere:n formuliere, desto mehr rutsche ich ab. Ich stehe daneben, schaue zu und kann es nicht ändern. Die Worte finden keinen Weg aus den Gedanken heraus.

Die Dornenhecke hat mich noch immer in ihrem Griff.

05-10-2020 Ratterratterdongdongrumpeldong

Hundsmiserabel geschlafen. Die ganzen letzten Nächte schon. Zu warm, zu kalt, zu viel Decke, zu wenig und bei allem so blöde Träume, dass ich abends wiedermal Schiss vorm Schlafen hab und dann natürlich hundsmiserabel schlafe und mit oder von Kopfschmerzen aufwache. Es nervt, echt. Aber es gibt auch nichts, was hilft. Einschlafmusik ist nervig. Einschlafmeditation macht mich unruhig. Bei Atemübungen grätscht dauernd der Kopf dazwischen. Meine Beine zappeln, meine Haut ist super sensibel und kribbelt überall, natürlich brüllt fortwährend der Tinnitus und ich finde einfach keine Ruhe.
Ich hätte gerne mal ein oder zwei Wochen Urlaub von all dem.


Am Abend hatte ich den Termin fürs MRT, was irgendwie total witzig war dank der Leute da und andererseits halt auch doof, weil so ein MRT einen Höllenlärm macht (ratterratterdongdongrumpeldong) und ich still liegen muss und dann aber kein Ergebnis bekomme, sondern wieder warten muss bis zur Sprechstunde beim Knochendoc. Das zieht sich jetzt so lange hin mit dem Knie, ich mag nicht mehr. Ich wünschte, es wäre einfach wieder in Ordnung oder dass ich wenigstens irgendwie aktiv werden kann, damit es das wird. Statt dessen warte ich immer nur auf Termine, bei denen dann doch nichts passiert.

Hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ich so richtig gerne mal zwei Wochen Urlaub von allem hätte? [hier tiefen Seufzer einfügen.]

04-10-2020 Ach, Herz.

Wenn das Herz die Gedanken übernimmt, kommt der Schlaf nur langsam in der einsamen Nacht. Und natürlich hat er dann die entsprechenden Träume dabei.
Manchmal wünschte ich, mein Kopf würde nicht immer machen, was er will.


Sonntag. Frühstück mit Lesen und viel Musik. Texte suchen, Fotos dazu. Stöbern von einem zum anderen. Unsagbare Gedanken, viel zu viele.


I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that’s real

The needle tears a hole
The old familiar sting
Try to kill it all away
But I remember everything

What have I become
My sweetest friend?
Everyone I know
Goes away in the end

And you could have it all
My empire of dirt
I will let you down
I will make you hurt

I wear this crown of thorns
Upon my liar’s chair
Full of broken thoughts
I cannot repair

Beneath the stains of time
The feelings disappear
You are someone else
I am still right here

(Johnny Cash: Hurt)

03-10-2020 Widerhaken

Schlafen ohne Wecker. Kuschelig unter der Sommerdecke, die ich pünktlich zum Oktober eingezogen habe. Skurrile Träume (und manch ein trauriger) wehen fetzenweise mit in den Tag, der spürbar herbstlich ist und irgendwie melancholisch weichgezeichnet.


Mit den Träumen kommen sie wieder, die Warum-Fragen, auf die es nie eine Antwort geben wird. Schleichen sich ins Denken, überziehen den Blick mit neblig beigem Schleier.
Warum hast du, warum habe ich und warum nicht? Und was, wenn wir uns geirrt haben? Wenn es nur ein klein wenig mehr „ich will“ gebraucht hätte?

Du bist längst gegangen
ohne Blick und Gedanke zurück,
ein halbes Leben ist das her.
Die Tränen bleiben auf immer
und schlagen Widerhaken in mein Herz.

https://poesiafragile.de/traenenhalsband/

Es hilft ja nicht, es ändert nichts. Zurück ins Heute. Annehmen, was ist.

01-10-2020 Auch mal von oben gucken

In meiner Vorstellung ist mein Leben oft ein Berg, den ich nach oben wandern muss und der kein Ende nimmt, weil immer irgendwas Neues oben drauf kommt. In der Therapie hab ich inzwischen gelernt, dass ich immerhin selbst das Tempo bestimmen kann, in dem ich gehe – und dass ich zwischendurch Pausen machen kann.

Heute hab ich mich zusammen mit Frau S. auf meinem Lebensberg auf eine Bank gesetzt und Pause gemacht. Erst hab ich ihr den Ausschnitt aus dem Buddenbohm’schen Blog von letztem Freitag vorgelesen: der mit dem Eichhörnchen in der Weide und dass es vielleicht ganz gut wäre, mal von oben auf alles drauf zu schauen und nicht immer nur „von unten und dann auch noch in die Tiefe“. Weil das so gut passte grade.

Danach hab ich ihr von der Woche erzählt: von dem Vorwurf des Tweetklaus und wie sehr es mich verletzt hat, wie machtlos ich mich gefühlt habe und wie sehr mich das an so viele andere Erlebnisse in meinem Leben erinnert hat. Dann von dem eigentlich und vor allem im Vergleich positiven Termin beim Orthopäden. Und natürlich von der Wolke, die ich am Dienstag platzen lassen konnte.
Wir haben zurück geschaut auf das, was doof war und das, was gut war und was ich bewältigt hab. Dass ich mich nicht davor gedrückt habe, eine höchst unangenehme Aufgabe (den Anruf bei der Unfalfrau) zu erledigen, sondern dass es total legitim ist, nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Dass ich über Schatten und Steine gegangen bin und damit für mich gesorgt habe.
Und dass es vielleicht gar keinen riesig hohen Berg gibt, den ich mühsam erklimmen muss, dass aber auch nicht alles leicht und mühelos ist, sondern dass das Leben eben einfach vorwärts geht. Und manchmal ist alles von einem Moment auf den anderen anders, als ich wollte oder mir gedacht und gewünscht hab und dann muss ich reagieren und mich mit Zeug beschäftigen, womit ich mich nie beschäftigen wollte. Aber irgendwie krieg ich das schon hin.

30-09-2020 Auf Abstand

In den nächtlichen Träumen alles verloren, zum Teil mehrmals hintereinander: meine Katzen, die Tochter, Freund:innen, den Weg. Ich war seltsam ruhig dabei.


Heute nichts außer am Nachmittag den Wocheneinkauf, der war aber anstrengend genug. Das Gehen mit dem schmerzenden Knie einerseits, aber vor allem die Menschen. Menschen, die keinen Abstand halten. Die mich überholen, weil ich warte, um Abstand halten zu können. Die dicht an mir vorbei greifen, um den Warentrenner eine Minute früher hinlegen zu können. Die an der Kasse mit MNS unter der Nase oder gleich ganz ohne sitzen. Die mir ihren Wagen in die Hacken rammen, weil ich Abstand halte. Die fröhlich in Horden zusammen hocken und die Fußwege blockieren. Die mich blöd angucken, weil ich meine Maske auflasse, wenn ich den Laden verlasse.

Wie sehr ich diesen Abstand brauche, merke ich (und viele andere wohl auch) erst richtig seit Corona: seit ich ihn bekomme oder eben genau nicht. Von mir aus können wir diese AHA-Regeln gerne für immer behalten.

(Abstand halten – Hygiene beachten – Alltagsmaske (Mund-Nasen-Bedeckung) tragen)

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