Alptraumnacht

Dass mir das so nachgehen würde, dass ich gleich zweimal in der Nacht aus Alpträumen aufwache, hätte ich nicht erwartet, als ich gestern „mal eben schnell“ ein paar Sätze aus meiner Kindheit bei Twitter schrieb.

#SagNieEinemKind „Sei doch nicht immer so bockig“, wenn es doch nur versucht, sich gegen die Schläge und die Übergriffe des Erzeugers zu schützen.

#SagNieEinemKind „Willst du jetzt wieder lieb sein?“, nachdem du es 2 Stunden in seinem Zimmer alleine hast weinen lassen, weil es vergeblich versucht hat, gehört zu werden und darum laut wurde.

#SagNieEinemKind „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ und stell ihr*m abends das kalte Essen wieder hin, was am Mittag schon furchtbar schmeckte (und stopf dich dann selbst voll mit Süßkram).

#SagNieEinemKind „Stell dich nicht so an“, wenn es doch nur vorsichtig um Hilfe bittet, weil es alleine mit etwas nicht klar kommt.

#SagNieEinemKind „Ich hab dich nicht mehr lieb“, weil es aus Versehen beim Spielen etwas kaputt gemacht hat.

#SagNieEinemKind „Nimm dir ein Beispiel an deinen Geschwistern“, nur weil die älter sind und schon können, was das Kleine noch nicht kann.

#SagNieEinemKind „Das schaffst du nie, du bist einfach zu dumm dafür“, nur weil es für eine Sache kein Talent oder kein Interesse hat.

#SagNieEinemKind „Mach du mir nicht auch noch Probleme“, nur weil es die ganze Scheisse in der Familie nicht mehr erträgt und darum *auffällig* wird.

#SagNieEinemKind „Du studierst xy, darüber wird nicht diskutiert“, nur weil du es nicht durftest und dein Kind jetzt stellvertretend deine Träume leben muss.

Aber da kamen sie dann angeschlichen in die Nacht, die Gestalten, die mich gegen meinen Willen fest hielten, die Feuer legten, mich aus dem Fenster warfen und mein Zuhause zerstörten.
Die Angst lag den ganzen Tag noch wie ein Tuch auf meiner Schulter.

So lange können solche Sätze nachhallen, trotz Therapie und aller Arbeit an mir selbst. Und auch wenn ich sie heute nicht mehr glaube (oder zumindest meistens glaube, dass ich das nicht mehr tu), schmeißen sie mich so geballt auf einem Haufen doch mal eben in die Ecke. Dabei sind es noch lange nicht alle Sätze…

Aber es gab kurz vor dem Schlaf auch eine plötzliche Erkenntnis zu einem Thema, das mich schon lange schwer beschäftigt, die mich hoffentlich weiter bringt. Dazu ein anderes Mal mehr.

Von alten und neuen Mustern

Ich denke, dass fast alles, was wir als Erwachsene (unbewußt) tun, auf Mustern beruht, die wir als Kinder in unserem Lebensumfeld gelernt haben. Ob wir sie Muster nennen oder Glaubenssätze oder ganz anders, ist nicht wichtig dabei.
Es sind die Erkenntnisse, die wir aus negativen und positiven Erlebnissen ziehen: „wenn das oder das passiert, verhalte ich mich am besten so und so“ oder umgedreht: „damit das oder das nicht passieren kann, verhalte ich mich so und so“. Selbst wenn wir uns damit schaden, ist es einfacher, an den Mustern fest zu halten: weil sie vertraut sind, weil wir wissen, was passiert. Weil alles Neue oft erstmal auch Angst macht.
Um die Muster ändern, neu malen zu können – oder um uns dafür zu entscheiden, sie beizubehalten, weil sie richtig sind – müssen wir sie erkennen und von allen Seiten begucken. Wie sind sie entstanden, wie haben sie sich verfestigt, an was hindern sie mich bis heute? Aber auch – und das fällt mir besonders schwer – wo haben sie mir eventuell Schutz gegeben bis jetzt?

Von meiner Mutter z.B. habe ich gelernt, nicht zu sehr zu lieben, denn der*die andere geht ja doch wieder. Das habe ich unbewußt aufgesogen und in meinen eigenen Beziehungen zu meinem eigenen festen Muster verwebt. Es hindert mich zwar bis heute daran, mich auf Menschen wirklich einzulassen oder ihnen zu vertrauen, aber es schützt mich natürlich auch vor Enttäuschung.

Die Frage ist: brauche ich das Muster heute noch? Gibt es die „Bedrohung“ noch oder ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung?
Wenn ich mich gar nicht erst auf andere Menschen einlasse oder sie aufgrund meiner Muster von mir wegstoße (wie ich das leider immer wieder mache), werde ich nie erfahren, ob sie nicht vielleicht doch von sich aus geblieben wären.
Wenn ich angstmachende Situationen immer vermeide, werde ich nie wissen, ob die Angst begründet war oder ob ich nicht doch in der Lage bin, sie zu überwinden.

Einige andere meiner Glaubenssätze gehören zusammen: „Stell dich nicht in den Mittelpunkt!“ – „Du bist selbst Schuld, wenn du nichts bekommst / etwas nicht geklappt hat“ – „Mach du nicht auch noch Probleme!“ – „Kinder mit ’nem Willen kriegen was auf die Brillen!“
Was aus ihnen folgt, ist ein neuer Glaubenssatz: „Ich bin nicht wichtig, ich stehe für niemanden an erster Stelle, ich bin immer nur 2te, 3te, 4te… Wahl.“ und die Überzeugung, dass ich es nicht wert bin und nicht verdient habe, geliebt zu werden.

Diese alten Muster sind so verdammt überzeugend und sie kämpfen so hartnäckig in mir ums Überleben, dass es wahnsinnig viel Kraft kostet, sie aus mir zu entfernen. Ich wünschte, sie würden sich einfach mit regelmäßiger Meditation oder ein paar Stunden Ergotherapie übermalen lassen. Ich wünschte so sehr, ich könnte sie einfach ausknipsen und die neuen Gedanken annehmen, von denen ich weiß, dass sie richtig und besser sind für mich. Aber so ungeübt wie ich im Malen bin, so ungeübt bin ich auch immer noch darin, mich zu akzeptieren und wohlwollend anzunehmen in all meiner Unzulänglichkeit. Die neuen Muster sind immer noch nur im Kopf und finden schwer den Weg nach draußen in mein Leben.

Vielleicht hilft (mir) das Schreiben darüber.

Ambivalenz oder Das ewige Hin und Her der Gefühle

Schwarz-weiß oder Farbe? Drauf los gehen oder flüchten? Risiko oder Sicherheit? Höhle oder Bühne? Das Dilemma meines Lebens: ich kann mich nicht entscheiden, was ich will, was besser für mich ist, womit ich mich wohler fühle.

Bei manchen Dingen im normalen Alltag ist das kein Problem. Ich kann bei der h-moll Messe von Bach genauso weinen wie bei Dark Side of the Moon. Ich mag Schokolade genauso gern wie Tomatensoße mit viel Knoblauch zu den Spaghetti. Ich bin eine Nachteule und genieße die Sonnentage. Ich liebe die Hitze in Portugal und möchte wahnsinnig gerne mal nach Alaska.

Bei all dem muss ich mich jedoch nicht zwingend für eins entscheiden: beides ist jeweils möglich, das macht es relativ einfach. Schwierig wird es, wenn sich die Bedürfnisse widersprechen. Denn auch das trifft zu:

Ich bin eine menscheneue Einsiedlerin mit Sehnsucht nach Gesellschaft. Ich suche Anerkennung von anderen und bleibe doch lieber im dunklen Hintergrund. Ich möchte gesehen werden und schäme mich für alles, was ich bin. Ich habe Angst vor der Liebe und wünsche mir nichts mehr als einen Partner an meiner Seite. Ich will mich nicht lösen von den alten Mustern aus der Kindheit und verabscheue sie gleichzeitig zutiefst, weil sie mich hindern, die Vergangenheit los zu lassen.

Manchmal zerreißt es mich fast zwischen diesen Gegensätzen. Denn da gibt es kein „Beides“, kein Hin und Her und kein „heute so und morgen anders“. Es gibt nur ein Entweder – Oder. Reden oder schweigen, einsam oder mit anderen, hell oder dunkel. Aber weil ich mich nicht entscheiden kann, stehe ich in der grauen Mitte. Bin einsam und sehne mich, rede nicht, lache nicht, fühle nicht mehr.

Wie kann ich lernen, mit dieser Ambivalenz meiner Gefühle umzugehen? Wie kann ich lernen, mich zu entscheiden? Muss ich das überhaupt? Wird es wirklich leichter, wenn ich eine Wahl treffe?

C. G. Jung bezeichnete die „…Fähigkeit, das Widersprüchliche der eigenen Persönlichkeit zu erkennen, anzunehmen und zu bejahen als wesentliches Ziel des menschlichen Reifungsprozesses.“ *)

Ich fürchte, davon bin ich noch Meilen entfernt. Wie geht es Euch damit?


*) Quelle: BR, Sendereihe zum Thema Ambivalenz mit vielen guten, kurzen Artikeln

Eigenlob tut gut

Mein Rücken tut sauweh, die Sehnenscheidenentzündung im Fuß zeigt vehement, dass sie immer da ist, der Tinnitus piept im Kopf wie blöd. Körperlich geht’s mir heute richtig mies, zudem bin ich mental ausgelaugt und hundemüde – und doch hab ich vorhin meine Stimmung auf der App mit „gut“ = 2 von 5 angegeben.

Weil ich heute morgen mit Volldampf und ohne nachzudenken gegen meine Angst und drüber raus gerannt bin. Weil ich die Heulkrämpfe und Panikattacken der letzten Wochen für einen Moment ignoriert und den einen Anruf erledigt hab.

Und weil ich Igor danach verboten habe, Sätze zu sagen wie: „siehste, geht ja doch, wenn du nur willst“, „und, jetzt geht’s dir besser, oder? Hab ich dir doch gleich gesagt!“ und „aber vorher so’n Dings draus machen, typisch du“, die mir alles nur wieder klein gemacht hätten.

Statt dessen war ich erleichtert. Nichts sonst. Nicht stolz, nicht mutig, nicht überzeugt, sondern einfach nur erleichtert. Und manchmal reicht das auch. Dafür gibt es heute ein Lob, von mir für mich. Und ein „GUT“ in der Stimmungs-App.

Gegen das Vergessen: Malenter Glücksmomente

Vom 26.04. bis 05.07.2018 war ich in der Curtius-Klinik in Malente. Schon soo lange her…. Es ist allerhöchste Zeit, die wichtigen Dinge aus den 10 Wochen hierher zu tragen, damit sie nicht vergessen werden können.
Plätze, Orte, Ausflüge, Begegnungen, Erlebnisse, Bilder im Kopf: das sind die Glücksmomente, die ich gesammelt habe und die mich in schwierigen Zeiten daran erinnern sollen, dass es auch anders geht. Und jetzt grade brauche ich diese Erinnerung sehr dringend, sonst ändert sich nie etwas.

(Für eine Großansicht einfach auf das Foto klicken.)

Der See

Für mein Wohlbefinden brauche ich Wasser in irgendeiner bewegten Form. Dass ich von der Klinik aus in drei Schritten am Kellersee bin, der jeden Tag anders aussieht und so viele herrliche Plätze und Blicke bietet, ist einfach großartig.
Der schönste und ruhigste Platz in der Klinik ist aber die Bank am See: definitiv einer meiner Lieblingsorte hier.

Der Ort

Allein, zu zweit oder mit Besuch: das beste Café in Malente ist am „Gleis III“. Guter Kaffee, leckerer selbstgebackener Kuchen und lauschige Plätze unter der Pergola.
Das beste Eis schmeckt allerdings nur mit Lieblingsmenschen.
Der andere See (der Dieksee) ist nicht ganz so schön, aber dafür gibt es eine kleine Meerjungfrau und eine Promenade.

Die Klinik

Mein Einzelzimmer, erobert nach langem Bangen und einigen Panikanfällen. Meins!
Es ist mein überlebenswichtiger Rückzugsort, der Platz für meine Zuhause-fühl-Sachen und vor allem Ruhe für mich bietet. Ich kann das Fenster rund um die Uhr offen lassen, hab das Bad für mich alleine, muss keine Unordnung von anderen ertragen und außer mir schnarcht niemand.
Hätte ich es nicht bekommen, ich wäre nach eineinhalb Wochen abgereist.

Es gibt einen Musikraum, frei zugänglich in den therapiefreien Zeiten. Dazu Noten: einen Band mit kleinen Stücken von Barock bis modern, einiges davon kenne ich gut. Die Finger sind zwar eingerostet, finden aber trotzdem ihren Weg auf den Tasten wie von allein.

Freizeit-Beschäftigung zwischen Therapien und Anwendungen: miteinander Spiele spielen, albern sein, stricken, reden über alles und nichts, lachen, schweigen, Tee trinken, erzählen, Geburtstag feiern…
Es tut so verdammt gut, unter Gleichgesinnten zu sein.

(Fast) jeden Mittwochabend Singen mit Lene: das Highlight der Woche. So viel Spaß und Lachen, so viel Herzwärme! Das hat einfach gut getan. Und es war richtig schön, sie nochmal mit ihren Begleitern zur Sommermusik am Dieksee zu sehen, zu hören und so herzlich von ihr begrüßt zu werden.

Besuch

Besuch von zuhause! Wenn die Tochter kommt und den Enkel mitbringt, dann muss über 5 Seen mit dem Schiff gefahren und der Wildpark in Malente erobert werden. Gespräche, Umarmungen, Lachen und noch mehr Umarmungen laden die Batterien bis zum Rand auf und zaubern für Tage Lächeln ins Gesicht.

Danke für euch Beide! Ihr seid mein Herz, mein Grund zum Leben.

Ausflüge

Auch wegen der traumhaft schönen Lage habe ich diese Klinik ausgesucht – und mein eigenes Fahrrad mitgebracht. Und was für ein Glück ich hatte, den weltbesten Vorausfahrer zu treffen! Ich wäre sonst sicher nicht zweimal um den Kellersee und einmal um den Dieksee geradelt.

Wo es uns sonst noch so hingeführt hat, wenn wir der Klinik entfliehen mussten: zum Bungsberg bei Schönwalde, nach Eutin zur Schlossumrundung (und zum Shoppen und Schlemmen), zur Bräutigamseiche im Dodauer Forst und überhaupt an so manchem Sommerabend einfach mit dem Auto ein Weilchen über die Landstraßen in der näheren Umgebung. Ob es Zufall war, der uns das ein oder andere Mal in diverse Cafés geführt hat…?

Die Highlights aber waren unsere freitäglichen Ausbrüche nach Sehlendorf an die Ostsee zum Baden und Schweinkram essen.
Was für ein Glück es war, mit so liebenswerten Menschen zusammen sein zu dürfen! Nichts erklären müssen, sich gesehen und verstanden fühlen, gemeinsam lachen und weinen im Wechsel, das tiefste Innere ohne Scham offen legen, ohne Bewertung einfach angenommen zu werden.

Meine Lieblingsmenschen: auf immer Dank dafür und für Euch. ♥


Schreiben oder Schweigen

Was steht dort in der Blogbeschreibung? Eine „Gedankensortierhilfe“ sollte das hier sein. Ein Frustabbaugerät und eine Erinnerungskrücke. Daraus wird aber nichts, wenn ich schweige, anstatt meine Gedanken hier aufzuschreiben.
Denn: wenn nicht hier, wo dann? Wenn ich irgendwo gehört werde, dann wenigstens hier.

Jeder Tag ist so gut wie der andere, um mit etwas zu beginnen. Es braucht nur einen Anfang – und dann ein Tun.

Also.

Tschö 2018

In den diversen Blogs, die ich so mehr oder weniger regelmäßig lese, wurden heute Fragen zum Jahresrückblick beantwortet. Das ist wohl schon ziemlich lange so üblich unter richtigen Blogger*innen. In einem der Blogs gab es einen Hinweis zu Fragen, die im Stern (den ich sonst seit ewig nicht mehr lese) zu finden sind. Ich mag die Fragen, also nehm ich die mal zum Anlass.

(Disclaimer: Die Fragen sind teilweise durch die bekannten Fragebögen von Max Frisch und Marcel Proust inspiriert.)

15 Fragen für einen persönlichen Jahresrückblick

1. Wofür bist du dankbar?

Immer noch und immer wieder die kleinen schönen Dinge im Alltag sehen zu können.
Für die Zeit in Malente und die Menschen, die ich dort gefunden habe.

2. Was war in diesem Jahr deine Lieblingsbeschäftigung?

Twittern, bloggen, netflixen. Webseiten bauen. Musik hören, lesen.
(Nie im Leben kann ich mich auf ein(e)! Lieblingsirgendwas beschränken.)

3. Was war dein größter Fehler?

Unangenehme Dinge zu lange vor mir her zu schieben.

4. Wann warst du glücklich?

Wenn wir freitags aus der Klinik ausgebrochen und an die Ostsee gefahren sind.

5. Warum hast du das nicht öfter gemacht?

Weil Malente irgendwann zuende war.

6. Was hat sich verändert?

Ich bin wieder in Therapie und arbeite weiter an dem, was mich noch immer hindert, bremst, verletzt.

7. Worauf bist du stolz?

Dass ich mich um mich gekümmert und in der Klinik in Malente angemeldet hab. Dass ich mir dort wieder erlaubt habe, Menschen zu vertrauen.
Dass ich (wieder) Lyrik schreibe und damit auch öffentlich werde. Auf meine neue Webseite dafür.

8. Wer waren in diesem Jahr die 3 wichtigsten Menschen für dich?

Meine Tochter, immer. Meine Therapeutin. Der Eine.

9. Wissen diese Menschen das?

Ja. Nein. Ja, aber er glaubt es nicht.

10. Mit wem hättest du gern mehr Zeit verbracht?

Mit den Lieblingsmenschen aus Malente.

11. Und mit wem weniger?

Mit blöden Ärzt*innen. Mit Igor, meinem schwarzen Hund.

12. Was hast du zum ersten Mal gemacht?

Mit dem Fahrrad 15km um einen See gefahren und mich auch noch gut gefühlt dabei.

13. Magst du dein Leben?

Nein, aber mit einem kleinen, hoffnungsvollen Jein.

14. Was sind die drei wichtigsten Dinge, die du in diesem Jahr gelernt hast?

Dass jemand mich mag. Dass ich viel zu geben habe. Dass ich ein Trauma nicht am eigenen Leib erfahren haben muss bzw. dass das, was ich erlebt habe, ausreicht, um traumatisiert zu sein.

15. Mit welchem Satz lässt sich dein Jahr zusammenfassen?

Aufgeben ist immer noch keine Lösung, aber könnte dieses Projekt „Leben“ vielleicht mal weniger mühsam sein?


Und damit: Tschö, 2018. Willkommen, 2019. Wir werden sehen, was das neue Jahr mit sich bringt.

Lyrik & Prosa

Mit der Entdeckung von Frau Paulchen und ihren lyrischen Monaten und Wochen hat das Schreiben von Gedichten für mich eine neue Wendung genommen. Geschrieben habe ich ja eigentlich schon immer – naja, seit meiner Jugendzeit zumindest, aber so viel und konsequent ist es erst seit dem ersten frapalymo im November 2017.

Dass diese Gedichte thematisch aber (nicht nur, aber auch) anders liegen als das, über das ich sonst hier im Blog schreibe, verändert für mein Empfinden einiges. Damit beides – Blog und Lyrik – seine Berechtigung und Aufmerksamkeit bekommt, gibt es nun für Lyrik & Prosa eine eigene neue Seite: Poesia Fragile.

Dort finden sich alle Gedichte zu allen Themen und außerdem die „Wortbilder“ (die mit der Zeit hoffentlich auch mal mehr werden…). Die Texte, die thematisch hierher gehören, sind weiterhin (auch) hier zu finden, auch wenn sie in lyrischer Form geschrieben sind.

I just wanna feel something

Das gab es schon eine ganze Weile nicht mehr: dass ich mehr zufällig auf einen YouTube Link klicke, den jemand bei Twitter gepostet hat und vom ersten Ton an zu tausend Prozent berührt bin, so dass der Song jetzt seit 3 Stunden in Dauerschleife läuft – inzwischen über Kopfhörer, damit meine armen Nachbarinnen nicht verrückt werden.

Stimme, Musik, Text, einfach alles. Es trifft mitten ins Tränenzentrum. Ganz besonders die Stelle bei 2:35. Puh…

Sanity, where have you gone?
You leave at night, return at dawn
I fall from grace, here in the dark
Turn the dive into a work of art


I kissed somebody, I don’t know her name
My baby saw me, but I felt no shame
I start to fight with anyone who’s in
Hurt everybody, but I feel no pain


I just wanna feel something
I just wanna feel something


Hear me now, laugh with the crowd
But inside the silence screaming loud
Touch me now, my body is warm
But inside, I’m frozen to the bone


I held some bodies tried to crush the cold
But I’m not sorry for the hearts I stole
I wish I could give you tears from my eyes
But it seems that I forgotten how to cry

I just wanna feel something
I just wanna feel something


I’m drinking until I’m drunk
I’m sinking until I’m sunk
But nothing I do, nothing I do seems to fill me
I’m bleeding but I’m still numb
I’m wasted but I still run (still run)
Run right into, run right into what might kill me


Just to feel something

I just wanna feel something
Just to feel something
(I just wanna feel something)


Sanity, where have you gone?
You leave at night, return at dawn


Gedankenspiel

Würde jetzt Einer zu mir kommen und ich müsste mich entscheiden zwischen

  • 1 Jahr Leben ohne Sorgen, mit unbegrenzten finanziellen Mitteln zum Reisen, Wohnung herrichten, Schulden bezahlen, Kind & Enkel verwöhnen, bisher unerreichbare Träume erfüllen… – aber am 1.November 2019 ist Schluss, egal was bis dahin und was dann ist

und

  • 25 Jahre weiter leben wie jetzt, so dass das also theoretisch besser werden könnte mit der Krankheit und die Sorgen kleiner werden und ich den Enkel groß werden sehe und vielleicht aber auch in meinem grauen Loch stecken bleibe, aber eben mit der Garantie, dass es nicht vorher zuende ist –

ich wählte das eine Jahr.

Die Angst vor dem Draußen

Ich hab gestern in (ein paar mehr als) 280 Zeichen auf Twitter versucht in Worte zu fassen, warum ich so selten raus gehe. Es gibt noch mehr Wörter dazu zu schreiben.

Es ist Samstagnachmittag, das Wochenende kommt und ich muss nochmal raus, ein paar Sachen einkaufen. Wie eigentlich jedes Mal, nicht nur beim Einkaufen, ist da dieses riesige innerliche Sträuben dagegen. Ich will nicht raus, nicht unter Menschen, nicht sehen oder gesehen werden, nicht agieren und reagieren müssen.

Ich HASSE dieses „Draußen“, wenn ich dabei sein muss. Ich gucke es mir an durch meine geöffnete Balkontür, von meinem sicheren Platz aus, mit gebührendem Abstand. Sehe die Menschen, finde sie lustig, nervig, amüsant, spannend, langweilig, blöd, interessant, denke mir Geschichten für sie aus… – oder ignoriere sie einfach. Alles ist gut, solange ich außen vor bleiben kann. Solange ich nicht dabei sein muss.

Mitten unter fremden Menschen sein zu müssen verursacht bei mir extremes körperliches Unwohlsein. Anspannung überall im Körper, ich werde hart wie Stein, mein ganzes Ich ist darauf bedacht, niemandem zu nah zu kommen, niemanden zu berühren.
Auf der Straße werde ich angerempelt, Menschen gucken mich unverhohlen blöd an oder übersehen mich komplett, kaum jemand hält genug Abstand an der Supermarktkasse. Irgendjemand kommt immer in die Quere, drängelt sich in meinen „Tanzbereich“.
Gerüche, Geräusche, Bewegungen: alles ist zu viel, alles ist unangenehm. Manchmal bin ich noch Stunden später erschöpft, weil das Aushalten so viel Energie verbraucht.

Wie gerne würde ich so oft einfach losfahren mit meinem Rad, grade wenn so herrliches Wetter ist wie im Moment. Aber überall, wo es schön ist, sind auch Menschen. Viele Menschen.
Elbe, Alster, Planten&Blomen, Parks… : alles voll mit Menschen, händchenhaltenden Paaren, kreischenden Kindern, rücksichtslosen Radlern und Autofahrern. Laut, voll, zu viel zu viel. Also bleib ich zuhause.
Ein Konzert, ins Kino, Ausstellungen, mal wieder auf’s Elb-Vieh und den tollen Blick genießen oder mit dem Schiff über den Fluß treiben…: überall sind Menschen, die mir zu nah kommen. Also bleib ich zuhause.
Am Sonntagnachmittag zur Demo an den Landungsbrücken? Mein politisches Ich will nichts lieber als das. Weil ich nicht nur auf Twitter Stellung beziehen will, sondern auch im „echten Leben“. Aber: da sind Menschen. Verdammt viele Menschen (hoffentlich). Also bleib ich zuhause.

Bei Menschen, die ich kenne und die ich gerne hab, kann ich es aushalten, da ist die Gesellschaft wichtiger und gleicht das Unwohlsein aus, macht es manchmal sogar weg. Denn eigentlich bin ich gerne mit Menschen zusammen (solange die Anzahl überschaubar bleibt). Eigentlich liebe ich es zu reden, zu lachen, zu erzählen, zu schweigen, etwas gemeinsam zu unternehmen. Aber kaum einer der mir vertrauten Menschen wohnt in meiner Nähe, ich sehe sie also nur selten.
Um neue Menschen in meiner nahen Umgebung zu finden, die irgendwann vertraut werden, müsste ich raus gehen. Tja. Katze -> Schwanz, Teufelskreis und so.

Das sind Momente, in denen ich mich nach Malente zurück sehne. Da gab es die Bezugsgruppe – meine Menschen – und eine Handvoll andere dazu: das war überschaubar, daran hatte ich mich schnell gewöhnt. Solange ich innerhalb dieses Kreises sein konnte, waren auch die anderen Menschen auszuhalten (und im schlimmsten Fall gab es mein Einzelzimmer oder eine Bank am See).
In Hamburg bin ich allein und wie schutzlos. Also bleib ich zuhause.

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