Gedankenspiel

Würde jetzt Einer zu mir kommen und ich müsste mich entscheiden zwischen

  • 1 Jahr Leben ohne Sorgen, mit unbegrenzten finanziellen Mitteln zum Reisen, Wohnung herrichten, Schulden bezahlen, Kind & Enkel verwöhnen, bisher unerreichbare Träume erfüllen… – aber am 1.November 2019 ist Schluss, egal was bis dahin und was dann ist

und

  • 25 Jahre weiter leben wie jetzt, so dass das also theoretisch besser werden könnte mit der Krankheit und die Sorgen kleiner werden und ich den Enkel groß werden sehe und vielleicht aber auch in meinem grauen Loch stecken bleibe, aber eben mit der Garantie, dass es nicht vorher zuende ist –

ich wählte das eine Jahr.

Die Angst vor dem Draußen

Ich hab gestern in (ein paar mehr als) 280 Zeichen auf Twitter versucht in Worte zu fassen, warum ich so selten raus gehe. Es gibt noch mehr Wörter dazu zu schreiben.

Es ist Samstagnachmittag, das Wochenende kommt und ich muss nochmal raus, ein paar Sachen einkaufen. Wie eigentlich jedes Mal, nicht nur beim Einkaufen, ist da dieses riesige innerliche Sträuben dagegen. Ich will nicht raus, nicht unter Menschen, nicht sehen oder gesehen werden, nicht agieren und reagieren müssen.

Ich HASSE dieses „Draußen“, wenn ich dabei sein muss. Ich gucke es mir an durch meine geöffnete Balkontür, von meinem sicheren Platz aus, mit gebührendem Abstand. Sehe die Menschen, finde sie lustig, nervig, amüsant, spannend, langweilig, blöd, interessant, denke mir Geschichten für sie aus… – oder ignoriere sie einfach. Alles ist gut, solange ich außen vor bleiben kann. Solange ich nicht dabei sein muss.

Mitten unter fremden Menschen sein zu müssen verursacht bei mir extremes körperliches Unwohlsein. Anspannung überall im Körper, ich werde hart wie Stein, mein ganzes Ich ist darauf bedacht, niemandem zu nah zu kommen, niemanden zu berühren.
Auf der Straße werde ich angerempelt, Menschen gucken mich unverhohlen blöd an oder übersehen mich komplett, kaum jemand hält genug Abstand an der Supermarktkasse. Irgendjemand kommt immer in die Quere, drängelt sich in meinen „Tanzbereich“.
Gerüche, Geräusche, Bewegungen: alles ist zu viel, alles ist unangenehm. Manchmal bin ich noch Stunden später erschöpft, weil das Aushalten so viel Energie verbraucht.

Wie gerne würde ich so oft einfach losfahren mit meinem Rad, grade wenn so herrliches Wetter ist wie im Moment. Aber überall, wo es schön ist, sind auch Menschen. Viele Menschen.
Elbe, Alster, Planten&Blomen, Parks… : alles voll mit Menschen, händchenhaltenden Paaren, kreischenden Kindern, rücksichtslosen Radlern und Autofahrern. Laut, voll, zu viel zu viel. Also bleib ich zuhause.
Ein Konzert, ins Kino, Ausstellungen, mal wieder auf’s Elb-Vieh und den tollen Blick genießen oder mit dem Schiff über den Fluß treiben…: überall sind Menschen, die mir zu nah kommen. Also bleib ich zuhause.
Am Sonntagnachmittag zur Demo an den Landungsbrücken? Mein politisches Ich will nichts lieber als das. Weil ich nicht nur auf Twitter Stellung beziehen will, sondern auch im „echten Leben“. Aber: da sind Menschen. Verdammt viele Menschen (hoffentlich). Also bleib ich zuhause.

Bei Menschen, die ich kenne und die ich gerne hab, kann ich es aushalten, da ist die Gesellschaft wichtiger und gleicht das Unwohlsein aus, macht es manchmal sogar weg. Denn eigentlich bin ich gerne mit Menschen zusammen (solange die Anzahl überschaubar bleibt). Eigentlich liebe ich es zu reden, zu lachen, zu erzählen, zu schweigen, etwas gemeinsam zu unternehmen. Aber kaum einer der mir vertrauten Menschen wohnt in meiner Nähe, ich sehe sie also nur selten.
Um neue Menschen in meiner nahen Umgebung zu finden, die irgendwann vertraut werden, müsste ich raus gehen. Tja. Katze -> Schwanz, Teufelskreis und so.

Das sind Momente, in denen ich mich nach Malente zurück sehne. Da gab es die Bezugsgruppe – meine Menschen – und eine Handvoll andere dazu: das war überschaubar, daran hatte ich mich schnell gewöhnt. Solange ich innerhalb dieses Kreises sein konnte, waren auch die anderen Menschen auszuhalten (und im schlimmsten Fall gab es mein Einzelzimmer oder eine Bank am See).
In Hamburg bin ich allein und wie schutzlos. Also bleib ich zuhause.

Was Depression macht (2)

Und dann stehst du da und eigentlich war doch alles ganz okay in den letzten Tagen und du kommst ja auch irgendwie klar, aber wie aus dem Nichts ist da ein Gefühl, ein Gedanke, eine Erinnerung und plötzlich laufen die Tränen und die Kehle ist zu und der Körper ist bis zum reißen gespannt und du weißt wieder nicht was los ist und wo das her kommt und warum es jetzt grade passiert, du weißt nur, dass du wieder Stunden brauchen wirst, um da wieder raus zu kommen.

Und du hast einfach Angst, dass das immer so weiter gehen wird und du diese Momente einfach nie kommen sehen wirst, weil sie so unvermittelt und scheinbar ohne Anlass über dich herein stürzen und dich über den Haufen schmeißen und dich begraben unter sich.

Du hast diese Angst, weil du in all den Therapien und Kliniken und Entspannungsübungen und Meditationen über Specksteine schon so viel gelernt und dafür getan hast, mit der Krankheit zurecht zu kommen und deine Skills zu entdecken und zu traininieren und deine Gedanken zu ändern und den Hund an die Leine zu nehmen und es dir trotzdem verfluchte Scheiße immer wieder passiert.

Und da wundern sich die Leute, dass du einfach so unendlich müde bist und nicht mehr magst und eigentlich auch nicht leben willst mit so einer Krankheit, obwohl du doch nichts lieber tätest als zu leben und zu lachen und zu lieben und einfach du selbst zu sein.

Was Depression macht (1)

Unangenehme Aufgaben erscheinen oft viel schwerer als sie eigentlich sind, darum schiebe ich sie sehr lange weg. Das macht dann aber ein extrem schlechtes Gewissen, das mich wiederum so lähmt, dass ich die Aufgabe erst recht nicht erledige.

Das schlechte Gewissen hindert mich aber auch daran, in der Zwischenzeit andere Sachen zu tun, die mir vielleicht gut tun und Energie für das Unangenehme geben würden.

(Das erinnert mich an einen Satz aus der Kindheit: „Bevor du deine Aufgabe nicht erledigt hast, gibt es nichts Gutes für dich!“)

Die Folge davon sind Tage, an denen ich so still gelegt bin, dass ich gar nichts mehr mache. Keinen Sport, kein anständiges Essen, keine Selbstfürsorge, keine Kontakte und auch keine anderen Aufgaben: es geht einfach nichts – außer den Gedanken, die sich im Kreis drehen und mit denen ich mich selbst fertig mache: die gehen immer.

Langsames Ankommen

Seit gut einer Woche bin ich nun wieder zuhause. Der Trennungsschmerz wird ganz langsam – nein, nicht weniger, nur etwas aushaltbarer. Es hilft sehr, die Handvoll Menschen und vor allem den Einen weiterhin lesen zu können und nicht ganz loslassen zu müssen.

Dennoch sind so viele Gedanken mit ihnen verknüpft und jedes Mal ist die Erinnerung ganz nah: wenn ich Fahrrad fahre oder Paprika esse, wenn ich Bilder von der Ostsee sehe, mein neues (nicht schwarzes!) T-Shirt trage oder Möwen auf Sachen sitzen.
Dann wünsche ich mich zurück in diese Gemeinschaft, in der wir zusammen unbeschwert und fröhlich sein konnten, weil wir unsere dunklen Seiten genauso miteinander trugen. Dann möchte ich wieder am runden Tisch sitzen und schweigend frühstücken oder abends über alles und nichts reden. Dann sehne ich mich nach der Nähe und den Umarmungen, die ich so lange vermisst habe.

Aber es ist auch gut, zuhause zu sein. Es gilt jetzt, das Gelernte zu vertiefen, im Alltag zu erproben und in mein Leben zu integrieren. Ich kann mir das nicht wieder entgleiten lassen: das bin ich mir schuldig, dafür habe ich zu hart darum gekämpft. Das bin ich auch den Menschen schuldig, die mich so sehr begleitet haben in den 10 Wochen. Dass wir uns gegenseitig zur Seite stehen auf diesem Weg: das ist der große Schatz, den ich in Malente gefunden habe. Den geb ich nicht mehr her.

Auf geht’s.

PMR Malenter Art

Wenn das Signalwort kommt,
aktivieren Sie bitte Ihren verkümmerten Herzmuskel.

Anspannen — jetzt.

Wie hätte ich ahnen können,
dass da mit Dir Einer sein wird,
der mir gut tut
der mich sieht
der mich gar mag?
Ich wollte das nicht.
Ich hatte ganz andere Themen.

Und halten —

Aber es tut gut
gesehen zu werden
gemocht zu werden
getragen zu werden für ein Stück Weg.

halten —-

Und es tut gut
zu sehen
zu mögen
zu tragen für ein Stück Weg.

halten —

Ich möchte behalten, was da ist.
Ich möchte mehr von dem, was da ist.
Ich möchte mitnehmen, was da ist.
Du nicht.
Du nicht?

Und lösen —-

Siehst du noch?
Magst du noch?
Trägst du noch, gemeinsam mit mir, was da ist?
Oder entfernst du dich bereits?

Nachspüren —

So schnell
so vertraut.
Bin ich zu nah?
Will ich zuviel?
Was willst Du?

Und los lassen —

Ich lasse dich
los.

Ich vermisse dich.

Malente in Sicht

Heute kam endlich der erlösende Anruf: nächsten Donnerstag kann ich in die Klinik nach Malente.

Das Warten hat ein Ende, die Aufregung kann beginnen. Was brauch ich noch, was muss mit, wie kriege ich mein Gepäck transportiert und wie werde ich die Angst los? Was wird dort geschehen, schaffe ich es, an meinem Thema zu arbeiten, werde ich vorwärts kommen, wie sehr wird es weh tun? Und die vielen anderen Menschen da, wie halte ich das aus? Will ich das überhaupt wirklich??

Unnütz, sich Gedanken zu machen vorher, das weiß ich doch. Trotzdem: das Gedankenkarussell lässt sich schwer stoppen, wenn es einmal in Gang gesetzt wurde.

Der Sisyphos-Traum

Vor ein paar Nächten war er wieder da, der Traum, den ich so oft in immer ähnlicher Form träume:

Ich sitze in einem Auto, neben mir eine Freundin, und fahre zur Schule, weil die Tochter irgendetwas braucht. Ich habe mein Ziel immer vor Augen, weiß genau, wo ich hin muss, aber die Straße verändert sich dauernd. Mal ist meine Fahrspur weg, im nächsten Moment ist sie voller Kurven, dann gerate ich in eine Sackgasse und muss wenden, einmal fahre ich direkt auf eine Wiese, wo es nicht weiter geht und zuletzt ist der Weg voll mit Geröll, Felsen und spitzen Steinen und noch dazu so steil, dass ich das Gaspedal bereits bis unten durchgedrückt habe und trotzdem in weniger als Schrittgeschwindigkeit voran komme – selbst Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, überholen mich. Ich aber bleibe im Auto sitzen und verfolge beharrlich meinen Weg; etwas anderes kommt mir gar nicht in den Sinn.

So bin ich auch im Leben unterwegs. Ich bestimme nicht selbst, wo es lang geht. Ich nehme jede Störung von außen als gegeben hin und versuche mich anzupassen. Ich verfolge ein mir aufgelegtes Ziel ohne nachzufragen, ob es Sinn hat. Ich bleibe im Auto sitzen, obwohl ich nicht vorwärts komme.

Aber auch wenn ich mich irgendwann einmal freiwillig ins Auto gesetzt habe, darf ich jederzeit überprüfen, ob es noch das passende Verkehrsmittel ist. Ich darf aussteigen und einfach mal eine Pause machen. Ich darf zurückschauen, nachdenken, entspannen, neu überlegen. Und wenn etwas keinen Sinne mehr hat, darf ich es auch sein lassen.