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Kategorie: Kindheit

Wer bist du?

Wer bist du?

– Hallo, du!
– Hoppla! Wo kommst du denn her?
– Na, von da hinten!
– Und wer bist du?
– Ich bin doch du! Die, die du aus dem alten Tresor befreit hast, in dem ich so lange einsam und ängstlich gewartet hab.
– Stimmt, ich erinnere mich. Das war ganz schön schwer, damals.
– Ja. Tonnenschwer.
– *seufz*
– Ich hab gewartet auf dich. Wieso bist du nicht wieder gekommen? Wir wollten doch spielen!
– Ach, es gab so viel zu tun. Aufräumen, wegsortieren, los lassen. Da verschwindet die Zeit manchmal so schnell, dass man es gar nicht merkt.
– Und, ist es jetzt besser?
– Eigentlich, naja, also…. ja und nein. Ich glaub, es ist einfach noch nicht zu Ende.
– Können wir dann trotzdem was zusammen spielen? Immer arbeiten ist doch blöd.
– Ja, da hast du Recht. Komm, lass uns Unsinn machen!

Das Loch im Bauch

Das Loch im Bauch

Sie müssen Ihr Gewicht reduzieren, sagt meine Ärztin.
Sie hat Recht! nicken mein Herz und meine Lunge.
Och jo, wär nicht schlecht, ächzen meine Knie.
Krr krr, macht mein Rücken.

Und was wird aus uns? sorgen sich die kleinen zappeligen Wesen, die in den Seelentröstern versteckt sind.

Die Erwachsene, die so gerne Therapeutin spielt, verlangt Aufklärung. Warum ist bestimmtes Essen in bestimmten Zeiten Belohnung? Warum tröstet Schokolade und warum machen Nudeln glücklich? Warum kochst du noch immer zu viel und isst es dann auf, obwohl es dir doch keiner mehr wegnehmen kann? Warum steckt die Angst vor dem hungrig sein so unendlich tief und fest?

Während das Loch im Bauch – Stellvertreter für das Loch im Herzen – still und leise immer weiter wächst.

Traumdeutung

Traumdeutung

Wie Schuppen von den Augen fiel es heute morgen. Der immer wiederkehrende Traum hat sich von selbst erklärt. Manchmal liegen einfach zu viele Emotionen im Weg…

Lissabon, meine Herzensstadt, steht für meine Gefühle. Immer wieder träume ich davon, jedes Mal wieder verlaufe ich mich in den kleinen Gassen und finde nur schwer zu dem Ort, an den ich will und an dem alles einfach und gut strukturiert ist. Meistens verstehe ich kein Wort portugiesisch und nur  selten kann ich mich verständlich machen.

Meine Tochter steht für mich als Kind. In vielen Träumen werde ich begleitet von ihr und immer wieder übernimmt sie die Führung oder läuft einfach weg und macht, was sie will. Dann fühle ich mich hilflos und verloren oder werde wütend. Die Kontrolle bekomme ich deshalb aber trotzdem nicht.

Immer wieder wache ich aus solchen Träumen auf und bin endlos traurig. Das könnte sich jetzt ändern.

Ich bin vier

Ich bin vier

Eine, die noch klein ist und nur mit dem Herzen fühlt, weil der Kopf noch nicht weiß.
Sie möchte geliebt werden, weil Liebe Nahrung ist und Wachsen möglich macht.
Sie möchte beachtet werden, weil Aufmerksamkeit Größe und Stärke gibt.
Sie möchte versorgt werden, weil Zuwendung notwendig für die innere und äußere Gesundheit ist.
Aber sie hat schnell gelernt, dass sie von alldem nur kleine Häppchen bekommt und nimmt es meistens klaglos hin, auch wenn es sich falsch anfühlt.

Eine, die nicht mehr ganz so klein ist und schon viel zu viel gesehen hat, was sie nicht verstehen kann.
Aber keiner spricht mit ihr, keiner erklärt ihr was, keiner tröstet sie. Darum verschließt sie den Schmerz und die Fragen und die Einsamkeit hinter dicken Stahlwänden und ihr Innerstes gleich mit. Damit ihr keiner mehr zu nahe kommen kann. Damit ihr keiner mehr weh tun kann. Damit keiner sie sehen kann.
Aber sie sieht sich nun selbst nicht mehr, spürt nicht mehr Liebe und Freude und Stolz und Größe. Vertrauen schwindet und Traurigkeit, Bitterkeit und Einsamkeit drücken auf ihr Herz.

Eine, die weiter macht. Die rebelliert gegen Alle und Alles. Die keine große Hoffnung hat, aber viel Trotz und Wut im Bauch.
Sie weiß nicht, woher diese Wut kommt. Sie weiß nicht, warum sie so bitter ist und so sarkastisch und zynisch und warum sie jeden Menschen wegbeißt, der ihren Gefühlen zu nahe kommt. Sie kann es nicht wissen: sie hat den Tresor, in dem ihr Innerstes und der Schmerz eingeschlossen sind, weit weggeschoben, weil die Last sie sonst erdrücken würde.
Darum macht sie weiter und tut so, als wäre das alles normal.

Und dann noch die, die sich bemüht, alles zusammen zu halten. Die keinen hinter die Mauern blicken lässt. Die mit allen Mitteln die Fassade aufrecht erhält, weil sie sonst keinen Halt hat.
Die übervoll mit Liebe ist, aber sich nicht lieben (lassen) kann.
Die Angst vor jeder neuen Entscheidung und jedem unbekannten Schritt hat, weil sie kein Vertrauen zu sich selbst hat.
Deren Herz vor Sehnsucht schon tausendmal zersprungen ist, für die Bitterkeit der Geschmack des Lebens ist und die ertrinkt in dem salzigen Fluß ihrer ungeweinten Tränen. Die sich die Haut abschält, weil ihr ohne den gewohnten Schmerz etwas fehlen würde.
Aber auch: Die überlebt hat. Die Mut hat und einen großen Willen, die weiß wo es lang geht und das auch anderen zeigt.

Wir vier: das bin ich, jetzt, heute.

Zweieinhalb Jahre nach dem großen Bruch und einer Unmenge an harter Arbeit sehe ich uns nun in großer Deutlichkeit. Ich erkenne, welchen großen Einfluss die drei versteckt geglaubten Anteile immer an meinem Leben hatten und wer wer ist und wer wie agiert und reagiert.
Ich lerne, diese Anteile anzuerkennen und zu befürworten: sie enthalten Kraft, die ich – als Vereinigung von uns vieren – brauche, um den Weg weiter gehen zu können. Um ihn aufrecht und in mir ruhend gehen zu können.
Um nicht mehr nur zu überleben, sondern um zu leben.

Tonnenschwer

Tonnenschwer

„…die seele wiegt ein und ‘n halben kilo“ sagt ein kleines Mädchen an anderer Stelle.

Mein Leben wiegt so circa ungefähr 437,8 Tonnen, mehr oder weniger. Es ist wie ein Zug, der stur vor sich hinrollt und immer neue Waggons anhängt, in denen sich die Vergangenheit befindet. Wenn ich gut aufräume darin, kann ich manchmal einen dieser Waggons abhängen. Allerdings kann es dabei auch passieren, dass neue Waggons sichtbar werden, die dahinter versteckt waren. Bis ich es geschafft habe, den Inhalt darin zu sichten und zu ordnen, ziehen sie an mir mit ihrem ganzen Gewicht und bremsen mich aus.

Leider gibt es keinen Ausbildungsplatz für Lokführerinnen dieser Art. Ich kann nur improvisieren und immer wieder versuchen, damit klar zu kommen. Oder den Zug alleine fahren lassen.

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