AugenBlick

Innehalten
in dem was
meine Hände tun
aufschauen
mein Blick fällt
in Deinen
findet Halt
und Liebe.

Diesen Moment
noch einmal er-
leben zu dürfen
mit Dir:
ich gäbe alles.

#frapalymo 2018 18/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 18. november lautet: „meinen blick ausruhen, auf deinen händen*“ – nach einem tweet von @tschabuhjahhh

Beipackzettel

Gebrauchsanweisung
auf dem Beipackzettel:

Die bedürftige Person
mindestens 3x täglich
vor und nach dem Essen
in die Arme nehmen,
sehr festhalten für mindestens
fünf Minuten oder gerne mehr,
währenddessen süße Worte
in beide Ohren träufeln
und hin und wieder die Lippen
mit zarten Küssen bedecken.
Linderung sollte daraufhin
in kürzester Zeit eintreten.

Mit folgenden Nebenwirkungen
kann gerechnet werden:
seliges Lächeln, funkelnde Augen,
manchmal Tränen des Glücks,
starkes Herzklopfen, rote Wangen
und sehr weiche Knie.

Das Mittel ist anzuwenden
bei akuter Einsamkeit
oder in allen anderen Lebenslagen
je nach Bedarf.
Vorsicht! Macht schnell abhängig!
(aber wer will das nicht?)

#frapalymo 2018 17/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 17. november lautet: „verdichtet einen beipackzettel“

Zuversicht

Müde wandere ich
durch die engen Gassen der alten Stadt.
Der Tag war lang,
die Gedanken sind schwer.
Wo geh ich hin, wo komm ich her,
was ist der Sinn und warum bleibe ich?

Durch die verwinkelten Häuser
blinkt immer wieder
der ruhige große Fluß
und glitzert im abendlichen Sonnenlicht.
Die Luft ist sommerweich
und duftet nach frischer Wäsche.
Mein Schritt wird leichter,
ein Lächeln huscht über mein Gesicht.

Auf dem kleinen Platz vor der Kirche
verweile ich einen Moment,
lausche dem Rufen aus einem der Häuser –
    – Você está vindo? (Kommst du?)
    – Não, não posso. (Nein, ich kann nicht.)
    – Então vou sozinha! (Dann geh ich alleine!)
    – Sim, apenas vá. (Ja, geh nur.)
und mache mich dann wieder auf
dorthin, wo ich zuhause bin.

Der Weg, den wir wählen,
er wird uns schon passen.
Mit Absicht und Zufall
und allen Entscheiden:
am Ende sind wir doch die,
die wir sollten sein.

#frapalymo 2018 15/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 15. november lautet: „dichtet zur musik, dem largo aus der dritten sonate von frédéric chopin (gespielt von der wunderbaren Maria João Pires)

Utopie

Am Ende neben dir
auf der Bank
unter dem Apfelbaum zu sitzen,
meine Hand in deiner.
Zurück zu blicken
in Frieden
und sagen zu können
„weißt du noch…?“

Ein Traum.
Utopie.

Da ist keine Bank,
kein Baum,
kein Du.
Und am Ende
sind auch die Erinnerungen
nur Träume von einst.

#frapalymo 2018 13/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 13. november lautet: „utopie“.

Automaten-Gedicht

Originalversion von meinem Großvater Wilhelm Luetjens

Waage des Lebens

Sage, was der Tag dir gab!
Müh und Sorgen, ungebeten,
Blüten, die im Wind verwehten,
junges Sprießen in den Beeten,
gartenauf und gartenab.

Sage, was die Nacht dir schenkt!
Dunkles, strömendes Vergessen,
Träume, tief und unermessen,
Leben, das ich nie besessen,
das der neue Tag verdrängt.

Aber Tag und aber Nacht:
Beide halten in der Waage
Lebens Lust und leise Klage,
alle Fülle, alle Frage,
die mich reich und reifen macht.

Verwolfte Version

Klage und besessen
gartenauf leben,
Waage Lust halten
was Tag Fülle reifen.

Was aber in leise
schenkt alle Nacht,
verdrängt dunkles
und gab vergessen. 

Unermessen dir!
Und sorgen Träume
und verwehten das Tag,
die strömende Frage, dir.

Der Nacht und Beeten
sage Wind gartenab,
junges reich
beide im Tag,

aber der ich mich sage tief
nie in Lebens neue sprießen,
Müh ungebeten,
alle macht Blüten.

#frapalymo 2018 12/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 12. november lautet: „wolft einen text im automatengedichtautomaten.

Eins

Jo.
Jo?
Jo.
Jo. *)

Mehr
braucht es nicht.
Ich weiß
was du denkst
und fühlst.
Wir sind eins.

*) Das norddeutsche „Jo.“ ist ein eigenständiger Satz mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Punkt.

#frapalymo 2018 10/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 10. november lautet: „benutzt in eurem text nur einsilbige wörter“.

Dünnhäutig

Manchmal
wache ich auf und spüre,
dass sich meine Haut
über Nacht
auf ein Zehntel verdünnt hat.

Wenn mir dann einer
mit Liebe begegnet,
reißt sie genau
an der Stelle über dem Herzen
und ich ertrinke im Fühlen.

#frapalymo 2018 9/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 9. november lautet: „nächte, die einen durchsichtigen riss in der haut hinterlassen.“ – nach einem tweet vom 23.10. von @meernotizen

Vielleicht

Wie ein Einsiedlerkrebs aus seinem Haus
schält sich manchmal
aus allen Gedanken, die
Tag und Nacht hin
und her und im Kreis
durch meinen Kopf fliegen
eine kleine
Hoffnung heraus

Dass das Denken
eines Tages etwas
ändert
an meinen Gedanken
und sich das
viel von dem leicht
trennt
und das Denken
vielleicht
wieder eine gute
Richtung nimmt.

#frapalymo 2018 8/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 8. november lautet: „können sie ohne hoffnung denken?“ – inspiriert durch eine frage aus max frischs „fragebogen“.


Unsichtbar

Treppauf treppab
immer in Eile
immer beschäftigt
was als nächstes
wo fehlt es noch
die braucht das und
der will jenes
treppab treppauf
mit Wäsche, Krams und Sorgen
und ohne Ruh und Rast

Ich saß dort
in der Ecke
auf der Treppe
und habe gewartet.
Doch Mutter
hat mich
nicht gesehen.

#frapalymo 2018 7/30


Was frau paulchen schreibt: der impuls für das gedicht am 7. november lautet: „medientransfer: schreibt ein gedicht zu diesem geräusch (treppensteigen)“.