Depression Notes 16-04-2020

Es war eine volle Woche, die ver­gan­gene Woche. Nein, eigent­lich waren es zwei Wochen. Was ich fest­stelle, ist: ich kann über­haupt nicht mehr gut mit Spon­ta­nei­tät, offe­nen Ter­mi­nen, umge­schmis­se­nen Plä­nen umge­hen. Dar­auf zu reagie­ren ver­braucht alle Ener­gie und es bleibt nichts für ande­res übrig.

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Frau R. vom Hil­fe­dings hat für mich eine finan­zi­elle Spende orga­ni­siert, von der ich einen neuen Kühl- / Gefrier­schrank kau­fen konnte. Der letzte, den ich im Dezem­ber 2019 2018 (die Zeit rennt …) von der Toch­ter geschenkt bekam, hatte einen Defekt, was ich aber lei­der erst nach einem Jahr anhand der über 300.- Euro Strom­nach­zah­lung fest­stellte. Nun also einen neuen, höchste Ener­gie­ef­fi­zi­enz­klasse, inkl. Lie­fe­rung und Abho­lung des alten Geräts. Das macht schon sehr glück­lich, sowas.
Bestellt war er schnell, gelie­fert wurde er 3 Werk­tage danach und trotz Corona immer­hin bis nach oben vor die Haus­tür gebracht. Gut war auch, dass ich erst einen zwar grö­ße­ren, aber begrenz­ten Zeit­raum hatte für die Lie­fe­rung. Am Tag selbst gab es dann einen Tra­cker, der Ter­min wurde immer genauer und eine gute halbe Stunde vor­her gab es noch einen Anruf, dass sie in einer guten hal­ben Stunde da sind. Dass ich den Rest des Nach­mit­tags und bis in den Abend hin­ein damit beschäf­tigt sein würde, das Ding erst­mal aus der Ver­pa­ckung zu krie­gen und dann noch die Türen von Rechts- nach Links­öff­nung umzu­mon­tie­ren und des­halb auf kei­nen Fall mehr den Oster- / Wochen­ein­kauf noch vor dem Ansturm am Grün­don­ners­tag erle­di­gen könnte: das hatte ich vor­her nicht auf dem Plan.
Aber gut, er steht, wackelt nicht, alle Schrau­ben sind wie­der drin und er ver­rich­tet seine Arbeit, wie er es soll. Und ich hab noch dazu die Erfah­rung gemacht, dass etwas von der frü­he­ren Kraft und Ent­schlos­sen­heit noch da ist. So hatte ich am nächs­ten Mor­gen zwar Mus­kel­ka­ter vom Feins­ten, aber auch ein sehr befrie­di­gen­des Gefühl.

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Das zweite wirk­lich unglaub­lich Gute in der letz­ten Woche war die Nach­richt, die vom Malen­ter Lieb­lings­men­schen (dem welt­bes­ten Vor­aus­fah­rer) kam: “Geh zum Fahr­rad­la­den, lass dein Rad repa­rie­ren, die Rech­nung über­nehme ich.” Und das an einem Tag, an dem ich eh schon die ganze Zeit am Heu­len war.
Da wir­bel­ten die Gedan­ken und Gefühle ordent­lich durch­ein­an­der. “Das wäre soooo toll!” - “Aber das kann ich doch nicht anneh­men!” - “Der ist doch ver­rückt, das geht doch nicht!” - “Hach, ich käme wie­der in die Natur und könnte über­haupt wie­der rich­tig fah­ren!” - “Aber das kann ich doch nicht ein­fach anneh­men!“
Aber dann kam der eine Satz von der Bes­ten: “Der ist nicht ver­rückt, der mag dich” und das ist auch schwer aus­zu­hal­ten, aber letz­ten Endes doch anzu­neh­men.
Nach eini­gem Hin und Her mit dem Fahr­rad­men­schen steht das Rad nun seit heute in sei­ner Werk­statt und kann mor­gen heil und fast wie neu abge­holt wer­den. Und ich freu mich wie blöd!!
Lie­ber J., das werd ich dir nie ver­ges­sen! 1000 Dank dafür! Und auch dafür, dass das Fahr­rad wei­ter­hin irgend­wie unsere Ver­bin­dung bleibt. Das fühlt sich gut an. <3

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Die The­ra­pie­stunde am Don­ners­tag war wie­der eine von der Sorte, bei der ich am Ende auf­stehe und mich sehr schwer fühle. Trotz­dem war sie erleich­ternd und brachte dann noch ein sehr kla­res Bild von dem, was ich in naher Zukunft mit ihr zusam­men erar­bei­ten will.
Und wie­der ein­mal bin ich so dank­bar, dass ich genau diese The­ra­peu­tin gefun­den habe und sie für mich da ist.

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So ins­ge­samt ist es wei­ter­hin eine durch­wach­sene Zeit mit die­sem Coro­na­zeug und ich fühle mich oft ein­fach nur auf­ge­rie­ben zwi­schen all den Mei­nun­gen und Pro­gno­sen und Befürch­tun­gen und dem Hick­hack der Poli­ti­ke­rIn­nen, die das zum Wahl­kampf nut­zen und dann noch allen ande­ren, die mei­nen, irgend­was dazu sagen zu müs­sen.
Ich bin wie vor­her auch schon wenig drau­ßen, aber jedes Raus­ge­hen hat jetzt was Selt­sa­mes an sich, als würde ich was Ver­bo­te­nes tun, dabei ist es das doch gar nicht. Und wenn ich mei­nen Schal als Schutz über Nase und Mund ziehe, werd ich komisch ange­guckt - aber wenn ich es nicht mache, weil ich unter dem Ding keine Luft kriege son­dern Panik, dann fühl ich mich schul­dig.
Manch­mal dachte ich schon, die Depres­sion hat gemacht, dass ich nichts mehr füh­len kann und dass das Lei­den ande­rer Men­schen des­halb so an mir abprallt, aber das stimmt nicht. Ich schiebe das alles im Gegen­teil von mir weg, weil ich es sonst viel zu viel fühle und nicht ertra­gen kann. Und ich baue mir wie­der einen Pan­zer, weil ich mei­nen eige­nen Schmerz, meine Unsi­cher­heit und Dünn­häu­tig­keit nicht aus­halte.
Was es so schwie­rig macht, ist, dass es nicht sicht­bar ist. Ich seh den Virus nicht drau­ßen rum­lau­fen. Ich weiß, dass viele Men­schen krank sind und dass viel zu viele daran ster­ben über­all auf der Welt, aber ich sehe sie nicht. Für mich ist es immer noch abs­trakt, nicht zu begrei­fen. Nicht, dass ich es anders haben wollte, aber genauso gut könnte mir jemand sagen, dass es da drau­ßen rote Wol­ken gibt, an denen Leute ster­ben, nur dass ich sie halt nicht sehe. Das ist so sur­real. Darum bin ich noch lange nicht in Phase 5 ange­kom­men. Ich kann nur jeden Tag neu anfan­gen und meine Sachen wei­ter machen und hof­fen, dass wir da irgend­wie heil raus kommen.

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Und so lange höre ich wei­ter jeden Abend Igor Levit bei sei­nen Haus­kon­zer­ten zu und bin sehr sehr dank­bar dafür.

4 Kommentare

  1. Halt die Ohren steiff. Du bist nicht die ein­zige, die sich so fühlt. Das ganze ist ein­fach zu gross. Mein Mann und ich sit­zen grade jeden Abend mit Trä­nen in den Augen da und umar­men uns nur sprach­los. Und dann gehts wei­ter und wir fin­den was lus­ti­ges, um uns eine Pause in dem Gan­zen zu geneh­mi­gen. Viel Spass mit Dei­nem Fahr­rad und ich denk and Dich 🙋‍♀️🐝

  2. Dass ich nicht alleine so fühle, ist mir ehr­lich gesagt grade nicht wirk­lich Trost, denn das heißt, dass viele andere Men­schen auch lei­den - zu viele davon viel mehr als ich. Mir geht’s ja noch gut: ich hab keine klei­nen Kin­der zuhause, ich muss nicht arbei­ten, ich hab kei­nen Ver­dienst­aus­fall und ich komm meis­tens gut alleine klar. Aber ich weiß natür­lich, was du meinst und bin froh über den Aus­tausch mit Gleichgesinnten.
    Wir ste­hen das durch! <3

  3. Ach du Liebe, du triffst es exakt auf den Punkt, also auch auf meinen. 

    (Pssst, wars nicht Dez 18, wo du den alten Kühl­schrank bekamst? 😉)

    Was bin ich stolz dar­auf, wie du sol­che Gedan­ken zusam­men­fas­sen und ana­ly­sie­ren kannst. Das ist eine umschätz­bare Res­souce, don‘t forget! 😘

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