Depression Notes 31-03-2020

Um an die letz­ten Notes anzu­knüp­fen:
Die Ober­nach­barn sind lei­der doch genauso laut wie immer. Nur dass jetzt alle drei den gan­zen Tag zuhause sind und laut sind.
(Ges­tern stand hier noch ein lan­ger Text, in dem ich über sie geschimpft hab. Aber eigent­lich will ich das hier nicht haben, darum ist er weg.)

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An so man­chen Stel­len ist es grade zu lesen: wir alle gehen durch diese Zeit wie durch die 5 Pha­sen der Trauer. Ich pendle wei­ter­hin - manch­mal nur täg­lich, manch­mal aber auch stünd­lich - zwi­schen der ers­ten und der vier­ten Phase hin und her. Ganz sel­ten mal blitzt für einen Moment ein Gedanke auf wie “es ist eben wie es ist”. Er hält noch nicht lange.

Schaubild "Die 5 Phasen der Trauer"
Die 5 Pha­sen der Trauer

Der Schock dar­über, dass das alles jetzt da ist, dass es so welt­um­span­nend ist, dass Men­schen ster­ben und so viele nicht wis­sen, wie es wei­ter gehen soll: der sitzt tief und ist noch lange nicht über­wun­den. Begrei­fen kann ich das nicht.

Ges­tern wurde in Öster­reich und auch in Jena das Tra­gen eines Mund­schut­zes ver­ord­net. In Ham­burg sind sie erst ver­ein­zelt zu sehen, aber je mehr es wer­den und je bun­ter die selbst­ge­näh­ten Mund­schutze sind, desto nor­ma­ler wird es. Ist das ein Weg in die 5. Trau­er­phase, die Akzep­tanz?
Das blöde ist: bei allem, was über mei­nem Gesicht und eng am Hals liegt, kriege ich Panik­ge­fühle, als würde ich keine Luft mehr bekom­men. Dass ich frü­her unter der Bett­de­cke gele­sen habe, ist heute undenk­bar. Ich trage Schals und Tücher drau­ßen, aber nur, wenn sie ganz locker sind oder am bes­ten gar nicht rum­ge­wi­ckelt. Ich weiß nicht, warum es so ist, ich weiß nur, dass es so ist.

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Aber ich gehe wie­der zur The­ra­pie. Weil ich es brau­che, so sehr.
Die Bah­nen und Busse sind fast leer, alle hal­ten Abstand - ein Para­dies für uns Sozi­al­ge­stör­ten. End­lich kann ich mal ent­spannt sein in die­sem öffent­li­chen Raum und muss keine Sorge haben, wer sich als nächs­tes und vor allem wie nah neben mich setzt. Ich muss auf der Straße nicht mehr dafür sor­gen, dass ich nicht ange­rem­pelt werde, weil alle einen gro­ßen Bogen umein­an­der machen. An der Super­markt­kasse atmet mir nie­mand in den Nacken oder rammt mir den Wagen in die Füße. Kön­nen wir diese Abstands­mar­ker bitte für immer bei­be­hal­ten? Und über­haupt den Abstand zwi­schen Frem­den in der Öffentlichkeit?

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Was wun­der­schön ist in die­ser absur­den Zeit:

  • das täg­li­che Kon­zert zur Abend­stunde, das Igor Levit uns schenkt
  • all die ande­ren Kon­zerte und Lesun­gen auf allen sozia­len Kanälen
  • die vie­len Fotos zum Träu­men, die auf Twit­ter gepos­tet wer­den, weil die Seele jetzt drin­gend gute und schöne Dinge braucht
  • dass digi­tal so viel mehr mög­lich ist und gemacht wird, auch von denen, die das bis­her als unnütz oder schlecht abge­tan haben
  • dass die scheiß­ver­dammte AfD grade so wenig Gehör und Auf­merk­sam­keit bekommt wie schon lange nicht mehr
  • dass viele enger zusam­men rücken, obwohl sie weit aus­ein­an­der sind
  • dass Rad­rei­sen sogar vir­tu­ell mög­lich sind und Kunst­werke über alle Gren­zen hin­weg ent­ste­hen wie bei Irgend­link

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