Dialog im Inneren

Ohne dass es mir wirklich bewußt wäre, führe ich den Tag über oft Gespräche mit einem imaginären Gegenüber. Nur in Gedanken, nicht laut, obwohl ich das ja könnte, schließlich lebe ich alleine und es ist keiner da, der mir zuhören könnte außer Igor, und die imaginären Personen, nun, die reden ja auch nur imaginär.

Jedenfalls rede ich eigentlich den ganzen wachen Tag. Allerdings, das ist mir vor kurzem mal wieder bewußt geworden, sind es sehr oft Streitgespräche, in denen ich mich gegen andere (echte oder imaginäre) Meinungen verteidige. Und das ist der eigentliche erwähnenswerte Punkt, der mich zu der Frage bringt:

Bin ich wirklich so zutiefst unsicher, dass ich mich permanent angegriffen fühle? Und vor allem: warum? Denn eigentlich bin ich doch überzeugt – nein, nicht von mir als Person, aber doch von meinen Ansichten, meiner Sichtweise und meiner Meinung.

Ich glaube daran (wenn Igor nicht zuhört und dazwischenfunkt), dass, wenn ich etwas tue, ich es durchdacht und richtig mache. Dass ich ein gutes Gefühl für optische und akustische Schönheit habe. Ich glaube, dass mein Gespür für andere Menschen und deren Gefühle stark und richtig ist. Ich glaube daran, dass meine politischen Überzeugungen richtig sind. Dass ich die richtige Seite vertrete, wenn ich für Toleranz, Gleichberechtigung, Achtsamkeit und Miteinander eintrete. Ich bin überzeugt, dass meine Bemühungen, Depression und andere psychische Krankheiten in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, sinnvoll und gut sind.

Und eigentlich bekomme ich zu all diesen Themen nichts oder nur selten Gegenteiliges zu hören. Das, was ich mir da in diesen imaginären Gesprächen ausmale, findet so gut wie nie statt. (Wenn doch, dann schmeißt es mich allerdings völlig aus der Bahn. Aber das ist ein anderes Thema.)

Sind es dann also meine inneren Kritiker*innen, mit denen ich da rede? Soll es mir womöglich helfen, Sicherheit zu finden? Oder liegt es doch daran, dass ich immer das Schlimmste erwarte?

(Amtliche Briefumschläge im Postkasten lassen meinen Herzschlag aussetzen, owohl es in mindestens der Hälfte der Fälle irgendeine Scheißwerbung ist. Aber ich erwarte immer böse Nachrichten á la „Hier ist eine Rechnung in Höhe von unbezahlbar offen“ oder „Sie haben das und das falsch gemacht, begeben Sie sich sofort ins Gefängnis und gehen Sie nicht über Los“. Oder aktuell „Wir haben festgestellt, dass Sie simulieren, Sie bekommen kein Geld mehr und müssen sofort in Ihren alten Job zurück“.
Oder: von den lieben Bekannten, denen ich grade bei einem Projekt helfe, kommt eine Mail und ich denke sofort, dass ich was falsch gemacht habe und sie jetzt total sauer sind und nie wieder auch nur irgendein Wort mit mir sprechen werden. Das trifft natürlich nicht zu, weil ich nichts falsch gemacht hab und C.&N. wirklich unglaublich liebe Menschen sind und ich alles richtig gemacht habe, aber ich erwarte es.

Oder: mein Telefon klingelt, das kann nichts Gutes bedeuten.
Nur drei aktuelle Beispiele, wie das aussieht.)

Das sind die Auswirkungen, wenn Eltern mit ihrem Kind nicht über das sprechen, was es gut gemacht, sondern nur für das bestrafen, was es in ihren Augen falsch gemacht hat. Das sind die Auswirkungen, wenn ein Kind mit einem jähzornigen, gewalttätigen Vater aufwächst, bei dem es einfach immer auf das Schlimmste gefasst sein muss. Dass einem das das Leben zur ständigen Belastungsprobe macht, hat damals keinen interessiert.
(Dass das ein Leben lang nachwirkt, hätte ja auch keiner ahnen können… Aber das ist ein neues Streitgespräch.)

Ich habe noch keine wirkliche Antwort auf die Frage, wie ich diese Unsicherheit und Angst endlich los werde, aber vielleicht ist es ein erster Schritt, dass ich mir dessen bewußt werde, wenn ich mal wieder mit mir selbst rede.

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