Die Angst vor dem Draußen

Ich hab gestern in (ein paar mehr als) 280 Zeichen auf Twitter versucht in Worte zu fassen, warum ich so selten raus gehe. Es gibt noch mehr Wörter dazu zu schreiben.

Es ist Samstagnachmittag, das Wochenende kommt und ich muss nochmal raus, ein paar Sachen einkaufen. Wie eigentlich jedes Mal, nicht nur beim Einkaufen, ist da dieses riesige innerliche Sträuben dagegen. Ich will nicht raus, nicht unter Menschen, nicht sehen oder gesehen werden, nicht agieren und reagieren müssen.

Ich HASSE dieses „Draußen“, wenn ich dabei sein muss. Ich gucke es mir an durch meine geöffnete Balkontür, von meinem sicheren Platz aus, mit gebührendem Abstand. Sehe die Menschen, finde sie lustig, nervig, amüsant, spannend, langweilig, blöd, interessant, denke mir Geschichten für sie aus… – oder ignoriere sie einfach. Alles ist gut, solange ich außen vor bleiben kann. Solange ich nicht dabei sein muss.

Mitten unter fremden Menschen sein zu müssen verursacht bei mir extremes körperliches Unwohlsein. Anspannung überall im Körper, ich werde hart wie Stein, mein ganzes Ich ist darauf bedacht, niemandem zu nah zu kommen, niemanden zu berühren.
Auf der Straße werde ich angerempelt, Menschen gucken mich unverhohlen blöd an oder übersehen mich komplett, kaum jemand hält genug Abstand an der Supermarktkasse. Irgendjemand kommt immer in die Quere, drängelt sich in meinen „Tanzbereich“.
Gerüche, Geräusche, Bewegungen: alles ist zu viel, alles ist unangenehm. Manchmal bin ich noch Stunden später erschöpft, weil das Aushalten so viel Energie verbraucht.

Wie gerne würde ich so oft einfach losfahren mit meinem Rad, grade wenn so herrliches Wetter ist wie im Moment. Aber überall, wo es schön ist, sind auch Menschen. Viele Menschen.
Elbe, Alster, Planten&Blomen, Parks… : alles voll mit Menschen, händchenhaltenden Paaren, kreischenden Kindern, rücksichtslosen Radlern und Autofahrern. Laut, voll, zu viel zu viel. Also bleib ich zuhause.
Ein Konzert, ins Kino, Ausstellungen, mal wieder auf’s Elb-Vieh und den tollen Blick genießen oder mit dem Schiff über den Fluß treiben…: überall sind Menschen, die mir zu nah kommen. Also bleib ich zuhause.
Am Sonntagnachmittag zur Demo an den Landungsbrücken? Mein politisches Ich will nichts lieber als das. Weil ich nicht nur auf Twitter Stellung beziehen will, sondern auch im „echten Leben“. Aber: da sind Menschen. Verdammt viele Menschen (hoffentlich). Also bleib ich zuhause.

Bei Menschen, die ich kenne und die ich gerne hab, kann ich es aushalten, da ist die Gesellschaft wichtiger und gleicht das Unwohlsein aus, macht es manchmal sogar weg. Denn eigentlich bin ich gerne mit Menschen zusammen (solange die Anzahl überschaubar bleibt). Eigentlich liebe ich es zu reden, zu lachen, zu erzählen, zu schweigen, etwas gemeinsam zu unternehmen. Aber kaum einer der mir vertrauten Menschen wohnt in meiner Nähe, ich sehe sie also nur selten.
Um neue Menschen in meiner nahen Umgebung zu finden, die irgendwann vertraut werden, müsste ich raus gehen. Tja. Katze -> Schwanz, Teufelskreis und so.

Das sind Momente, in denen ich mich nach Malente zurück sehne. Da gab es die Bezugsgruppe – meine Menschen – und eine Handvoll andere dazu: das war überschaubar, daran hatte ich mich schnell gewöhnt. Solange ich innerhalb dieses Kreises sein konnte, waren auch die anderen Menschen auszuhalten (und im schlimmsten Fall gab es mein Einzelzimmer oder eine Bank am See).
In Hamburg bin ich allein und wie schutzlos. Also bleib ich zuhause.

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