Entzug

Fünf Jahre war ich “auf Droge”. Citalo­pram, eines der am häu­figs­ten ver­schrie­be­nen Anti-Depres­siva. Am Anfang der Depres­sion für kurze Zeit 40mg, dann 20 und in den letz­ten ca. 2 Jahen nur noch 10 mg am Tag.
Es lässt die Depres­sion nicht ver­schwin­den und es macht auch nicht glück­lich, aber es hilft dabei, dass selbst in tief­dunk­len Zei­ten eine Brü­cke meis­tens nur wie eine Brü­cke aus­sieht und nicht wie etwas, was ein unge­lieb­tes Leben been­den könnte.
Irgend­wann gewöhnt man sich dann dran. Gewöhnt den Kör­per, den Kopf daran. Denkt nicht viel dar­über nach - bes­ser nicht: wer weiß, was da für Gedan­ken kämen. Mor­gens eine halbe Tablette und fertig.

Als ich vor knapp zwei Mona­ten den letz­ten Blis­ter der 100er Packung anbrach, über­legte ich einen Moment, ob das der letzte sein könnte. Ich schob den Gedan­ken wie­der weg, es war ja nicht eilig. So weit weg, dass ich sogar dachte, es wäre noch ein Blis­ter da, als der eine lang­sam zu Ende ging. Letz­ten Sams­tag dann die große “Über­ra­schung”: das war’s. Noch eine Tablette für Sams­tag und Sonn­tag, fertig.

Da stand sie, die Ent­schei­dung. Am Mon­tag ein neues Rezept holen oder auf­hö­ren? Sie war schnell getrof­fen. Schluss damit, ich will end­lich ohne Dro­gen sein. Ich will wis­sen, wer ich ohne Hilfs­mit­tel bin. Hab ich genug gelernt in den letz­ten fünf Jah­ren, alleine zu ste­hen? Wie­viel mei­ner erkämpf­ten Sta­bi­li­tät grün­det auf Che­mie und wie­viel auf mir selbst?

Auf in den Kampf.


Tag 1
Alles nor­mal, die Rest­do­sis in mei­nem Kör­per ist hoch genug, als dass ich einen Unter­schied mer­ken würde.

Tag 2
Die­ses “Knis­tern” im Kopf, das ich immer mal wie­der gespürt hab in den letz­ten Jah­ren, nimmt zu. Es ist ein biß­chen, als wür­den kleine Strom­stöße durch irgend­wel­che Bah­nen geschickt. Ein paar Minu­ten geht das so, alle 10 Sekun­den ein Knis­tern, dann ist es wie­der vorbei.

Tag 3
Anschei­nend müs­sen die Syn­ap­sen in mei­nem Kopf neu ver­drah­tet und ver­lö­tet wer­den: das strom­stoß­ar­tige Knis­tern wird immer mehr. Lau­ter, ner­vi­ger. Der Tin­ni­tus wird eben­falls lau­ter, dazu kommt Schwin­del. Die kör­per­li­chen Reak­tio­nen fin­den also alle im Kopf statt.
Die Trä­nen sit­zen weit vorne und flie­ßen schnell aus nich­ti­gen Anläs­sen. Die Nacht brachte selt­same Träume, inten­siv, beängs­ti­gend zum Teil.

Tag 4
Mir ist sehr schwin­de­lig, das Zeug im Kopf nervt nervt nervt.

Tag 5
Siehe oben. Wenigs­tens waren die Träume nicht von der Angst-Sorte, wenn auch genauso inten­siv und dies­mal trau­rig - aber das kenn ich ja.
Ich hoffe, diese kör­per­li­chen Ent­zugs­er­schei­nun­gen sind bald vor­bei. Auf­ge­ben ist aber keine Option, ich will jetzt weg von den Scheiß Medikamenten.

Tag 6
Ganz lang­sam wird es weni­ger mit dem Schwin­del und dem Knis­tern. Dass die Stim­mung all­ge­mein nicht die beste ist, liegt nicht am Ent­zug: das war auch vor­her schon so. Auf jeden Fall fühlt es sich gut an, die Tablet­ten nicht mehr zu nehmen.


Update Tag 9
Besuch bei der (immer noch neuen, nicht ver­trau­ten) Haus­ärz­tin, vom Abset­zen der Tabs erzählt. Auch davon, dass ich mich emo­tio­nal / psy­chisch gestresst fühle wegen diver­ser Dinge in mei­nem Leben. Ihre erstaunte Frage “Und dann set­zen Sie das Anti-D. ab?” fühlte sich wie ein Vor­wurf an, war aber dann doch kei­ner. Wenn ich es so ent­schie­den habe, dann ist es gut. Wenn ich doch nicht ohne Medis klar kom­men sollte, kann ich jeder­zeit ein Rezept bekommen.
Zu den Neben­wir­kun­gen - Knis­tern im Kopf - sagte sie: “Sie ste­hen im wahrs­ten Sinn unter Strom.” Ja, ich muss drin­gend meine Ent­span­nungs­tech­ni­ken auf­mö­beln. Die Not­fall­kiste neu befül­len. Mich ernst neh­men. Für mich sorgen.

Tag 13
Oh. Will­kom­men zurück, Hit­ze­wal­lun­gen. Und ich dachte, über die­ses Thema sei ich längst hin­aus. Aber solange sich das nicht zurück ent­wi­ckelt, nehm ich es in Kauf 😉

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