Gegenwartsgedanken und Zukunftsfragen

In drei Mona­ten werde ich 60.

Wenn ich mich zurück erin­nere, wie schreck­lich ich damals die 50 fand, bin ich jetzt dage­gen eigent­lich rela­tiv gelas­sen. Wahr­schein­lich liegt das am Alter. 😉
Aber natür­lich hat sich seit damals viel ver­än­dert in mei­nem Leben. Nicht mehr zu arbei­ten wird mit den Jah­ren doch etwas nor­ma­ler, “erlaub­ter”. Ich hab immer noch nicht voll­stän­dig akzep­tiert, dass ich nicht mehr leis­tungs­fä­hig bin, aber die­ses drän­gende Gefühl, noch etwas Gro­ßes errei­chen, schaf­fen zu müs­sen, lässt doch nach. 

Die Zukunft wird schma­ler, die Gedan­ken gehen immer mehr in die Rich­tung “was will ich noch, was schaffe ich noch” und “wo will ich sein für den Rest der Zeit”.
Und da ent­wi­ckelt sich die­ser Tage wie­der­mal ein sehr drän­gen­des Gefühl: so sehr ich sie auch liebe - die große Stadt nervt zunehmend.

So viele Men­schen, die stur nach sich selbst schauen, keine Rück­sicht mehr neh­men. Die sich selbst am nächs­ten sind und denen alles andere egal ist. Bei denen es nicht mehr heißt “mein Ver­hal­ten stört dich? Das tut mir leid, ich ver­su­che es zu ändern, damit wir beide damit leben kön­nen” son­dern “mein Ver­hal­ten stört dich? Dann geh doch woan­ders hin”. Die ohne links und rechts zu gucken ihren Weg gehen. Bei denen ein Mit-Den­ken nicht vor­kommt.
So viel Ver­kehr, nicht nur auf den Haupt­stra­ßen. Autos, Autos, Autos, wo man hin­schaut. Unsere Straße - mit recht-vor-links-Regel, 30 h/km Begren­zung, haupt­säch­lich Woh­nun­gen mit nur weni­gen Läden dazwi­schen - wird als Abkür­zung zur par­al­le­len Haupt­straße genutzt. Die Autofahrer*innen sind hier schnel­ler als nebenan mit den Ampeln. So war das nicht geplant.
So viel Lärm. Drin­nen, manch­mal, dank der Nach­barn über mir. (Nein, ich will ihnen das Lau­fen nicht ver­bie­ten.) Drau­ßen, weil ich die fri­sche Luft will und brau­che und darum von Früh­ling bis Herbst meine Bal­kon­tür offen steht, dadurch aber auch jedes Geräusch ein­dringt. Ich bin froh, dass das Restau­rant gegen­über mon­tags Ruhe­tag hat. Ich fürchte mich schon heute vor dem jähr­lich statt­finde­nen Fest auf dem gro­ßen Platz, das am kom­men­den Wochen­ende von Frei­tag bis Sonn­tag geht und eine ein­zige musi­ka­li­sche Beläs­ti­gung sein wird. Dass die KiTa-Kids auf dem Spiel­platz im Hin­ter­hof inzwi­schen täg­lich regel­rechte Wett­be­werbe ver­an­stal­ten, wer am längs­ten am lau­tes­ten schreien kann, und die Erzieher*innen auch nach eini­ger Zeit nichts dage­gen unter­neh­men, ver­stehe ich nicht. Von dem stän­di­gen Strom an Autos, die hier durch rasen, schrieb ich bereits.
Vie­les könnte anders sein, wenn es mehr Mit­ein­an­der und mehr Rück­sicht­nahme gäbe. Ande­res ist eben, wie es ist - aber ich will es nicht mehr aus­hal­ten müs­sen. Ich will und kann meine redu­zierte Ener­gie nicht mehr für sol­che Dinge her­ge­ben. Und ich hab kei­nen Nerv mehr, mich blöd anma­chen zu las­sen, wenn ich was dage­gen sage.

Ich bin per­fekt geschult im Aus­hal­ten von unan­ge­neh­men Din­gen - es wird Zeit, mich mal im Um-mich-selbst-küm­mern zu üben.
Was will ich also noch für die letz­ten 10 oder 20 Jahre?

Wenn ich ein­fach könnte, wie ich wollte, dann würde ich aus der gro­ßen Stadt raus und in eine kleine Stadt ans Meer wol­len. In einer ruhi­gen Straße am Rand woh­nen, von wo aus ich mit dem Rad sowohl zum Ein­kau­fen, ins Zen­trum und zum Bahn­hof als auch in die Natur komme. Alleine in mei­ner Woh­nung, aber inner­halb einer Gemein­schaft, in der man sich umein­an­der küm­mert und auch was gemein­sam machen kann. In der sich Jede*r nach ihren*seinen Fähig­kei­ten und Mög­lich­kei­ten ein­bringt. Bunt gemischt, mul­ti­kul­tu­rell, jung und alt. Über­schau­bar muss es blei­ben, nicht zu groß, nicht stän­dig aktiv. Auf­ge­schlos­sen, tole­rant, respekt­voll, rück­sichts­voll. Mit­ein­an­der, nicht nur neben­ein­an­der. Zusam­men sein kön­nen, aber auch alleine, so lange ich es brau­che.
Das ganze nicht zu weit weg von der gro­ßen Stadt, damit der sicht­bare Kon­takt zu Toch­ter und Enkel bleibt. Wir sehen uns sowieso nicht so oft, mit einer gewis­sen Ent­fer­nung dann aber viel­leicht län­ger und inten­si­ver, ohne Ablen­kung vom All­tag.
Und ja, wenn ich schon hier weg ginge, dann sollte bitte das Meer in der Nähe sein. Nord- oder Ost­see, inzwi­schen nehm ich bei­des. Ich weiß, dass es dadurch schwe­rer wird, aber was bitte sollte ich denn in einem klei­nen Dorf in der Pampa, wo es weit und breit kein Was­ser gibt? Da geh ich doch ein. Also, end­lich ans Meer. Viel­leicht wird das dann noch­mal was mit der Ent­span­nung auf meine alten Tage.

Arbei­ten möchte ich noch ein biss­chen. Zuhause am Schreib­tisch sit­zen und selb­stän­dig zur Rente dazu ver­die­nen. In der ande­ren Zeit was ande­res machen, weg vom Rech­ner. Oder end­lich in Ruhe schrei­ben. Wie­der Kla­vier spie­len. Socken stri­cken, Kuchen backen, vor­le­sen, meine Ohren und Schul­tern zur Ver­fü­gung stel­len. Gebraucht wer­den, aber nicht zuviel. Gewollt wer­den: davon nie genug. Ange­nom­men wer­den im Jetzt.

Wenn nichts dazwi­schen kommt, hab ich wohl noch so 20 Jahre hier. Ein Vier­tel mei­nes gan­zen Lebens, immer­hin. Damit sollte doch noch was anzu­stel­len sein, was mir gut tut. Nicht mehr nur aus­hal­ten, weil ich es ja nicht anders ver­dient habe oder weil es halt nicht zu ändern ist. Son­dern Hilfe anneh­men und aktiv wer­den, um es bes­ser zu haben für den Rest der Zeit.
Schaff ich das? Kann ich mir das erlauben?

4 Kommentare

  1. du schreibst mir aus der Seele. Nur mein meer ist kein Meer mehr, So weit abseits für die Bröt­chen Arbeit.
    aber diese Sehn­sucht, diese Sehn­sucht, bleibt. Dir alles Gute und gutes Gelingen
    liebe Grüße Dagmar

    1. Das Meer ist mein Kraft­ort, darum bin ich ja aus dem Süden schon in die Nähe gezo­gen. Aber Träume las­sen sich viel­leicht auch anderswo ver­wirk­li­chen, wenn die Sehn­sucht groß genug ist…?
      Danke für deine Wün­sche - dir auch!

  2. Auch mir schreibst du mit dei­nen Bedürf­nis­sen aus der Seele, aber das weißt du ja schon.
    [Wäre das Meer doch von mir aus nicht so weit weg. Hier bin ich eben auch gern.]

    Aber wer weiß

    Ich sehe mich manch­mal mei­nen Lebens­abend im Nor­den ver­brin­gen. Däne­mark, Schwe­den, Nor­we­gen? Träume ähn­lich dei­nen, nur mit noch ein biss­chen weni­ger Men­schen als bei dir. Noch ein biss­chen abge­schie­de­ner viel­leicht sogar. 

    Vor allem Ruhe ist es, nach der ich mich sehne. Und nach Akzeptanz.

    1. Ich weiß, ja. <3

      Die Anzahl der Men­schen, die ich um mich herum sehe, vari­iert je nach Befin­den. Beim Schrei­ben hab ich aber gemerkt: solange ich auch für viele Tage meine Ruhe haben kann, dür­fen es auch ein oder zwei Men­schen mehr sein. Aller­dings gibt es auch für mich eine Höchst­grenze und die liegt bei 10 bis 15 Leu­ten, solange die sich weit­räu­mig verteilen.
      Skan­di­na­vien, hach. So weit trau ich mich (noch) nicht, aber die Vor­stel­lung ist wunderbar.

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