Hoffnungslos überfordert

Eine der schlimms­ten Aus­wir­kun­gen der Depres­sion ist für mich, dass ich mich von der kleins­ten Klei­nig­keit so hoff­nungs­los über­for­dert fühle. Irgend­wann und irgend­wie krieg ich mei­nen Kram schon hin (vie­les davon jeden­falls), aber bis dahin muss ich immer durch ein tie­fes Tal aus “ich kann das nicht” und “ich will das nicht” und “ich bin so unfä­hig”. Jedes ein­zelne ver­fluchte Mal, weil die Depres­sion ja lei­der auch die Lern­fä­hig­keit verhindert.

Ganz aktu­ell sind das sol­che Situationen:

* Vom Job­cen­ter liegt seit 4 Wochen hier ein Schrei­ben, dass ich doch bitte Bescheid geben soll, was sich denn so tut bei mir und ob der medi­zi­ni­sche Dienst noch­mal begut­ach­ten soll, ob ich arbeits­fä­hig bin oder nicht. Meine Bezugs­frau dort ist lieb und nett und will mir über­haupt nichts Böses, aber ich schiebe die Ant­wort wei­ter und wei­ter und jedes Mal, wenn ich dran denke (also eigent­lich meis­tens, weil der Brief sinn­vol­ler­weise direkt vor mei­ner Nase auf dem Schreib­tisch liegt), rutscht mein Herz eine Etage tie­fer und ich möchte weg ren­nen, obwohl schrei­ben und for­mu­lie­ren für mich doch nun wirk­lich nicht fremd und schwer ist. Nein, es gibt kei­nen Grund für die Über­for­de­rung, das scheint die Depres­sion aber nicht zu wis­sen. Oder es passt eben mal wie­der “in ihr Kon­zept”. (Blö­des Ding.)

* Seit letz­tem Herbst dachte ich immer mal wie­der daran, dass ich drin­gend mein altes EMMA-Abo kün­di­gen muss. Irgend­wann hab ich auch mal geguckt nach der Adresse, wo ich das hin­schi­cke, und nach mei­ner Abo­num­mer und so. Und dann “ver­lief” es sich wie­der (Pro­kras­ti­na­tion: als depres­si­ver Mensch beherr­sche ich das per­fekt) - bis zur Abbu­chung vom Jah­res­be­trag. Den hab ich dann zwar zurück gebucht und auch eine Kün­di­gung per Mail geschrie­ben, aber als Ant­wort ein paar Tage spä­ter nur die Mah­nung bekom­men. Das ist dann so ein Moment, in dem die D. ihre Chance sieht und mich in Schock­starre ver­setzt. Dann ver­steck ich mich und kann das nicht und weiß nicht, was ich tun soll. Ich könnte anru­fen, das ist ver­mut­lich der ein­fachste Weg zur Lösung, aber bitte, tele­fo­nie­ren? ich? Panik im Anmarsch in 3,2,1 … Ich fühle mich hoff­nungs­los über­for­dert und womög­lich endet das damit, dass ich die Rech­nung bezahle, für die ich abso­lut kein Geld habe.

* Mein Fahr­rad ist schon seit län­ge­rem nicht mehr in Ord­nung. Die Kette braucht eine Ölung, ers­ter und drit­ter Gang gehen nicht, die Lampe ist kaputt und am Frei­tag ist dann auch noch die Feder vom Sat­tel abge­bro­chen. Ohne Fahr­rad bin ich aller­dings auf­ge­schmis­sen, weil ich nicht mehr mobil bin. Ich brau­che es zum Ein­kau­fen, mit dem HVV brau­che ich zu vie­len Zie­len drei­mal so lang, die Bewe­gung tut mir gut usw. Gehen ist dank der Ent­zün­dung im Fuß keine Option.
Inzwi­schen ist da wirk­lich viel dran zu machen, damit es wie­der fahr­tüch­tig und ver­kehrs­taug­lich ist. Ich hab aber kein Geld, um die Repa­ra­tur zu bezah­len. Ich selbst kann kein Fahr­rad repa­rie­ren. Nein, ich kann es wirk­lich nicht, auch nicht mit Hilfe. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Fühle mich wie­der ein­mal abso­lut über­for­dert, die Situa­tion irgend­wie zu meistern.

Manch­mal sind es ganz kleine Dinge, die ich ein­fach nicht schaffe. Jeder gesunde Mensch würde nur den Kopf schüt­teln, weil es so absurd ist.
Ich brau­che zwei Stun­den, bevor ich am Sams­tag Nach­mit­tag noch zum Ein­kau­fen fahre: weil ich nicht weiß, was ich anzie­hen soll, kochen und ein­kau­fen soll, die ande­ren Leute abweh­ren soll, weil ich mich scheuß­lich finde, kein Geld habe, mich noch scheuß­li­cher finde und sowieso ist das alles ein­fach zu viel.
Ich sitze mor­gens mehr als eine halbe Stunde im Bad, weil mich schon der Gedanke, wie­der einen gan­zen Tag rum­brin­gen zu müs­sen, ein­fach so müde macht.

Ich brau­che Wochen, um eine Ent­schei­dung zu tref­fen. Ich ste­cke den Kopf in den Sand, wenn etwas schwie­ri­ger wird. Mein ers­ter Impuls ist der Wunsch, dass jemand ande­res das für mich macht. Das geht soweit, dass ich mir Dinge ver­sage oder nicht in Anspruch nehme, weil ich die Hürde davor nicht über­win­den kann.
Das Schlimme dabei ist auch, dass ich mich so gut dran erin­nere, dass das ein­mal anders war. Das bringt die Fähig­keit, Dinge zu tun, aber nicht zurück. Die Depres­sion hat eine Mauer errich­tet, die ich nicht über­win­den kann, so sehr ich es will.

Ist es ver­wun­der­lich, dass ich diese Krank­heit nicht akzep­tie­ren kann?

1 Kommentar

  1. Hallo Ulrike, wer kann schon ein Fahr­rad reparieren. 🙈

    Mein Tipp:. Über nebenan . de einen Tausch anbie­ten. Z. B. Backe Kuchen gegen Fahr­rad Reperatur. 😊🤔. 

    Fürs Abo habe ich keine Idee. 

    LG Chris­tine

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