Ich brauche Gewissheit

[Triggerwarnung: sexueller Missbrauch, Gewalt]

Ich möchte zurückreisen können in die tiefste Vergangenheit, um endlich wirklich zu wissen, was in meiner Kindheit geschehen ist. Meine Seele und mein Körper senden Zeichen, die ich nicht verstehen kann, solange das Wissen nicht da ist. Die Schwestern reden nicht, die Mutter hat bis zu ihrem Tod geleugnet. Meine Erinnerungen sind zum allergrößten Teil verschleiert bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater auszog: die wenigen, die im Gedächtnis blieben, erzeugen Gefühle zwischen Scham, Angst und Traurigkeit.

Die frühere Therapeutin ging nach meinen Berichten davon aus, dass ich sehr wahrscheinlich nicht in sein „Beuteschema passte“, weil ich zu jung war (grade 7, als er ging). Mein Körper und mein Unterbewußtsein erzählen etwas anderes. Wem traue ich?

Ich brauche Gewissheit. Ich will damit arbeiten können. Ich will, dass mein Gefühl kein vages Gefühl bleibt, sondern bestätigt oder widerlegt und anders erklärt werden kann.

Warum habe ich mit ca. 4 Jahren von jetzt auf gleich darauf bestanden, dass meine Unterhosen ab sofort so groß sein sollten, dass ich sie bis unter die Achseln ziehen konnte? Warum hatte ich Angst einzuschlafen und mitten in der Nacht wach zu werden und einen „Engel“ im Zimmer zu sehen? Warum ist eine meiner wenigen deutlichen Erinnerungen die, dass der Vater mir mit einer Pinzette einen Splitter aus dem Po pulte und ich dabei eine übermächtige Scham empfand? Warum sehe ich sein lächelndes Gesicht vor mir und verspüre so viel Angst dabei? Warum blieb der Schmerz, als der Geigenbogen bei einer seiner Bestrafungen auf meinem Po zerbrach, weniger deutlich in meinem Gedächtnis als die Scham, die ich empfand, als ich dabei bäuchlings über seinen Knien lag? Warum habe ich in meinem ganzen Erwachsenenleben keine einzige entspannte sexuelle Begegnung mit einem Mann erlebt?
Dass sich meine Schultern anspannen und ich mich dazwischen verkriechen möchte, wenn ich an die Gewalt denke, die der Vater an uns Kindern und unserer Mutter verübt hat, kann ich inzwischen gut nachvollziehen. Die Angst vor seinem Jähzorn und seinen Schlägen hat sich felsenfest eingegraben. Warum aber zieht sich auch mein ganzer Unterleib krampfartig zusammen, wenn ich über Missbrauch in der Familie lese oder höre?

Ich will Gewissheit. Hat er mich auch angefasst oder nicht? Oder habe ich „nur“ die Übergriffe meinen großen Schwestern gegenüber mitbekommen? Was ist stellvertretendes und was eigenes Erinnern?

Ich will das endlich bearbeiten und los werden können. Dazu brauche ich Gewissheit.

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