Memento mori

Bedenke, dass wir sterblich sind. Wenn du zu lange brauchst, um eine Entscheidung zu treffen, kann es sein, dass das Leben dir die Entscheidung abnimmt.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie von meinen Pateneltern P. & K. erzählt, die in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich habe sie geliebt, geachtet und gefürchtet. Sie waren streng wie meine eigenen Eltern – so streng, wie Eltern eben waren in den 1960ern – aber bei ihnen war trotzdem immer auch die Liebe zu spüren, zu ihren eigenen wie zu ihren vielen Patenkindern. Das, was ich bei meinen Eltern vermisst habe, fand ich bei ihnen, wenn ich in den Ferien zu Besuch war. Obwohl ich auch dort immer nur ein Kind unter vielen war, wurde ich gesehen und gehört.

Wenn ich an die beiden denke, kommen so viele Erinnerungen hervor. Der Geruch nach altem Haus und noch älterem, kaltem, muffigem Keller, wo die Gläser mit den eingemachten Köstlichkeiten aus dem Garten standen.
Die Holztreppe mit dem schönen Geländer, die so laut geknarzt hat, dass man sich nie unentdeckt aus dem Haus schleichen konnte.
Die Oma und die „Tante“, die auch im Haus wohnten und fast ihre ganze Lebenszeit in der Küche verbrachten, wo sie Sachen kochten und buken, von denen ich zuhause nichtmal träumen konnte. (Pfitzauf! Milchreis mit Äpfeln und Zimt als Mittagessen! Nudeln, Klöße, Fleisch mit Soße, typisch schwäbisch – selbst die Kartoffeln schmeckten.)
Himbeeren, Erdbeeren, Johannisbeeren direkt vom Strauch in den Mund. Es gibt kaum etwas köstlicheres.
Mit der ganzen großen Familie ins „Gütle“ fahren und die Obstbäume abernten. Als vollwertiges Mitglied angesehen werden und Achtung erfahren.
Meine ersten Zöpfe, die K. mir geflochten und damit auch für zuhause den verhassten Pferdeschwanz abgschafft hat.
Musik, die von überall klingt und mit Freude und Lachen verbunden ist und nicht – wie zuhause – mit Pflicht und Zwang und Ohrfeigen.
P., wenn er das Klavier stimmt und zufrieden lacht, wenn es passt.
K., die mich ganz fest in ihrem Arm hält und tröstet, wenn ich mich alleine fühle.
Und: endlich mal nicht mit den Schwestern teilen müssen. Für die beiden Söhne die große Schwester sein dürfen.

Aber auch P., der fast immer laut und grob ist, ob er lacht oder schimpft, und mir damit Angst macht. Der mir so glaubhaft erzählt, dass die Fische im Naturschwimmbad meine Zehen anknabbern, dass ich heute noch Angst habe, im See oder im Meer zu schwimmen. Bei dem dank seiner religiösen Überzeugung nicht sein kann, was nicht sein darf. Der gesehen hat, was mein Vater tat und (auch) nicht eingeschritten ist. Der ihn noch dann verteidigt und entschuldigt, als er schon wußte, was das mit uns Schwestern gemacht hat. Der nicht ernst nehmen kann, was „nur“ auf der Seele sichtbar ist. Und K., die dazu schweigt.

Als ich 2013 in der Caduceusklinik anfing, mich mit den Taten meines Vaters auseinander zu setzen, landete ich auch bei P. & K. als Teil der Vergangenheit. Irgendwann wurde mir klar, dass ich, wenn ich diese Zeit hinter mir lassen will, auch Kontakte von damals abbrechen muss, weil sie sonst immer wieder alles von neuem hervor holen.
Ich habe einmal versucht, mit P. zu reden über all das, aber nur Unverständnis oder Bibelsprüche zu hören bekommen. Das brauchte ich nicht nochmal. Die jährlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstag hat dann der Anrufbeantworter aufgenommen; ich konnte nicht mehr mit ihnen sprechen. Dennoch gibt es einen Platz in meinem Herzen, ganz tief innen, an dem sie fest verwurzelt sind.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie über die beiden gesprochen und darüber, dass ich all die Jahre immer vor hatte, ihnen einen Brief zu schreiben und das alles zu erklären. Letzen Donnerstag ist K. gestorben.

Wenn du zu lange brauchst, um etwas in die Tat umzusetzen, trifft das Leben manchmal selbst eine Entscheidung.

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