Verlorene Tage

Heute morgen aufgewacht durch unaufhörlich fließende Tränen, mit hinüber genommen vom Traum in die wache Wirklichkeit.
Wieder einmal der Traum von M.: dem zweiten Mann in meinem Leben, der mich – nach meinem Vater – zusammen mit meiner verzweifelten Sehnsucht nach Liebe so bitter verraten hat.

Dies wird einer der Tage, an denen ich verfluche, was aus mir geworden ist.

Ich bin vier

Eine, die noch klein ist und nur mit dem Herzen fühlt, weil der Kopf noch nicht weiß.
Sie möchte geliebt werden, weil Liebe Nahrung ist und Wachsen möglich macht.
Sie möchte beachtet werden, weil Aufmerksamkeit Größe und Stärke gibt.
Sie möchte versorgt werden, weil Zuwendung notwendig für die innere und äußere Gesundheit ist.
Aber sie hat schnell gelernt, dass sie von alldem nur kleine Häppchen bekommt und nimmt es meistens klaglos hin, auch wenn es sich falsch anfühlt.

Eine, die nicht mehr ganz so klein ist und schon viel zu viel gesehen hat, was sie nicht verstehen kann.
Aber keiner spricht mit ihr, keiner erklärt ihr was, keiner tröstet sie. Darum verschließt sie den Schmerz und die Fragen und die Einsamkeit hinter dicken Stahlwänden und ihr Innerstes gleich mit. Damit ihr keiner mehr zu nahe kommen kann. Damit ihr keiner mehr weh tun kann. Damit keiner sie sehen kann.
Aber sie sieht sich nun selbst nicht mehr, spürt nicht mehr Liebe und Freude und Stolz und Größe. Vertrauen schwindet und Traurigkeit, Bitterkeit und Einsamkeit drücken auf ihr Herz.

Eine, die weiter macht. Die rebelliert gegen Alle und Alles. Die keine große Hoffnung hat, aber viel Trotz und Wut im Bauch.
Sie weiß nicht, woher diese Wut kommt. Sie weiß nicht, warum sie so bitter ist und so sarkastisch und zynisch und warum sie jeden Menschen wegbeißt, der ihren Gefühlen zu nahe kommt. Sie kann es nicht wissen: sie hat den Tresor, in dem ihr Innerstes und der Schmerz eingeschlossen sind, weit weggeschoben, weil die Last sie sonst erdrücken würde.
Darum macht sie weiter und tut so, als wäre das alles normal.

Und dann noch die, die sich bemüht, alles zusammen zu halten. Die keinen hinter die Mauern blicken lässt. Die mit allen Mitteln die Fassade aufrecht erhält, weil sie sonst keinen Halt hat.
Die übervoll mit Liebe ist, aber sich nicht lieben (lassen) kann.
Die Angst vor jeder neuen Entscheidung und jedem unbekannten Schritt hat, weil sie kein Vertrauen zu sich selbst hat.
Deren Herz vor Sehnsucht schon tausendmal zersprungen ist, für die Bitterkeit der Geschmack des Lebens ist und die ertrinkt in dem salzigen Fluß ihrer ungeweinten Tränen. Die sich die Haut abschält, weil ihr ohne den gewohnten Schmerz etwas fehlen würde.
Aber auch: Die überlebt hat. Die Mut hat und einen großen Willen, die weiß wo es lang geht und das auch anderen zeigt.

Wir vier: das bin ich, jetzt, heute.

Zweieinhalb Jahre nach dem großen Bruch und einer Unmenge an harter Arbeit sehe ich uns nun in großer Deutlichkeit. Ich erkenne, welchen großen Einfluss die drei versteckt geglaubten Anteile immer an meinem Leben hatten und wer wer ist und wer wie agiert und reagiert.
Ich lerne, diese Anteile anzuerkennen und zu befürworten: sie enthalten Kraft, die ich – als Vereinigung von uns vieren – brauche, um den Weg weiter gehen zu können. Um ihn aufrecht und in mir ruhend gehen zu können.
Um nicht mehr nur zu überleben, sondern um zu leben.

Die Kraft der Musik

Unerwartet läuft mir neue Musik über den Weg.
Zieht mich in ihren Bann, hält mich fest, für eine kleine Ewigkeit.
Und auf einmal ist das Leben ein großes Stück heller, reicher, leichter.

(Estas Tonne – Between Fire and Water – Stadtspektakel Landshut 2012)

Tonnenschwer

„…die seele wiegt ein und ‘n halben kilo“ sagt ein kleines Mädchen an anderer Stelle.

Mein Leben wiegt so circa ungefähr 437,8 Tonnen, mehr oder weniger. Es ist wie ein Zug, der stur vor sich hinrollt und immer neue Waggons anhängt, in denen sich die Vergangenheit befindet. Wenn ich gut aufräume darin, kann ich manchmal einen dieser Waggons abhängen. Allerdings kann es dabei auch passieren, dass neue Waggons sichtbar werden, die dahinter versteckt waren. Bis ich es geschafft habe, den Inhalt darin zu sichten und zu ordnen, ziehen sie an mir mit ihrem ganzen Gewicht und bremsen mich aus.

Leider gibt es keinen Ausbildungsplatz für Lokführerinnen dieser Art. Ich kann nur improvisieren und immer wieder versuchen, damit klar zu kommen. Oder den Zug alleine fahren lassen.

Endlos

Mit der Arbeit an mir, meinem Kind und den alten Mustern ist es wie mit diesen russischen Puppen: kaum öffne ich eine, um damit zu arbeiten, entdecke ich darin eine weitere und noch eine und noch eine. Es scheint einfach kein Ende zu nehmen.

Schweres Herz

Zuneigung empfinden und zeigen, lachen und weinen über die gleichen Dinge, stützen und Halt finden, sich auf Augenhöhe begegnen und die Andere nicht kleiner wollen. Das macht Freundschaft aus.

Sich nicht zu verletzen, ob mit Absicht oder nicht: das macht den Unterschied.

Mit neuen Wunden und schwerem Herz breche ich das Band. Bedecke die zerissene Freundschaft mit einer Decke aus Tränen und dunklen Tönen.

Vertrauen fällt mit jedem Bruch schwerer. Und am Ende bin ich doch immer allein.

Schweigen

Jahrzehntelanges Schweigen verdichtet sich zu tonnenschwerem Stahl, der alles einschließt. Keine Bewegung ist möglich, keine Emotion kann entstehen, kein Schmerz ist fühlbar. Nur Schweigen und Stille: still halten.

Und dann öffnet sich die Tresortür.

Nein, ich möchte das Paket auch nicht mehr tragen. Ich breche das Schweigen und suche das Leben. Jetzt.

Entscheidung

Was wäre wenn…?

Was wäre, wenn ich zu irgendeinem Zeitpunkt in meinem Leben einen anderen Weg genommen hätte? Nicht links, sondern geradeaus gegangen wäre, mich nicht von M. getrennt hätte, nicht die Musik zum Beruf gewählt hätte?
Es ist müßig, das zu fragen. Denn ich würde nicht vermissen, was ich jetzt habe, weil ich nicht hätte, was ich jetzt habe. Vielleicht würde ich zur gleichen Zeit an einem anderen Ort stehen und mich fragen: was wäre wenn…?

Dennoch bleibt da die Frage: entscheidet der Weg, wer ich bin und sein werde?

Schicht um Schicht

Schicht um Schicht habe ich mich eingewoben in einen Kokon aus Mauersteinen, Bäumen, Dornenhecken. Mit jeder Verletzung, mit jedem Nicht-gesehen-Werden, mit jeder Missachtung kam eine weitere Schicht hinzu.
In der Hoffnung auf und der Sehnsucht nach Liebe habe ich Löcher geschlagen in meine Wände, nur um sie eine Enttäuschung später wieder zu stopfen.
Immer weniger Raum habe ich mir gegeben innerhalb meiner Hülle, mich immer mehr verloren. Kratzer im Gesicht und Narben auf der Seele bleiben zurück, verändern mich innen und aussen, bis ich mich selbst nicht mehr erkenne.

Ist es zu spät? Reicht das, was noch da ist, um mich noch einmal zurück zu finden?

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