Hinter grauen Schleiern

Die Sicht grau ver­färbt, die Aus­sicht trüb, der Blick ver­han­gen. Mut­los, kraft­los, Hoff­nung hat keine Chance gegen das Einer­lei, Glück ist nur eine ferne Erin­ne­rung.
So füh­len sich die ver­gan­ge­nen Wochen an.

Ich gehe auf Auto­pi­lot irgend­wie durch den All­tag, weil es eben sein muss. Dusche, esse, schlafe, halte meine Ter­mine ein, bemühe mich um irgend­eine Nor­ma­li­tät, aber das Gefühl kommt nicht an in mir. Meine Haut ist aus Tef­lon, alles perlt an mir ab, da ist nichts halt­ba­res. Ein­zig die Gesprä­che mit der lie­ben (lei­der so fer­nen) Freun­din sind wie kleine Licht­fle­cken in den Wolken.

Beim Ter­min mit Frau H. von OdW reden wir (wie­der­mal) über Skills: was tut mir gut, was hilft gegen Löcher, was sta­bi­li­siert? Ich zähle auf - und denke dabei: aber es hilft ja nicht. Musik? Hab ich wochen­lang nicht gehört. Schrei­ben fällt so schwer, wenn da keine Wör­ter sind. Malen, stri­cken, Speck­stein… ach, las­sen wir das.
Schla­fen. Schla­fen tut gut, sofern ich meine Angst davor über­win­den und spät nachts end­lich ins Bett gehen kann. Sofern ich dann nicht da liege und der Kopf anfängt zu rotie­ren und sich an Ver­gan­ge­nes zu erin­nern und mir schlimme Träume bringt und der nächste Tag wie­der nur grau und müde und ohne Hoff­nung ist.

An sowas wie Arbeit ist nicht zu den­ken. Die kleins­ten Dinge sind nicht zu schaf­fen. Einen Fra­ge­bo­gen aus­fül­len für OdW. Eine Mail an den Ver­mie­ter schrei­ben wegen der Dinge, die in der Woh­nung zu rich­ten sind. Eine Ergän­zung zum Hil­fe­plan schrei­ben und abschi­cken, weil es wich­tig und für mich ist. Die Toch­ter in ihrem Job unter­stüt­zen mit etwas, das ich eigent­lich kann und gerne mache.
Nichts davon schaffe ich. Statt des­sen kommt das alt­be­kannte schlechte Gewis­sen, das über­haupt nichts bewirkt außer mich schlecht und mies und wert­los zu fühlen.

Ich sehne mich nach einem Ort, wo ich mich fal­len las­sen kann.

Ges­tern Abend plötz­lich spüre ich, wie sich der Vor­hang hebt, der Schleier vor den Augen weg­ge­zo­gen wird, die Sicht kla­rer wird. Licht fällt in den Raum und in meine Seele. Viel­leicht geht es ja doch wei­ter.
Das Dumme ist: ich weiß nicht, woher es kam. Waren es meine eige­nen Gedan­ken, die auf ein­mal Fuss fas­sen konn­ten in mir? War es das ent­spannte Tele­fon­ge­spräch mit der bes­ten Toch­ter der Welt? Das Ver­ständ­nis und die Liebe von ihr, die mich berüh­ren konn­ten? Oder hatte Igor ein­fach kei­nen Bock mehr auf das ganze Grau? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich heute nicht mehr ganz so müde bin wie ges­tern, dass ich heute ein klei­nes biß­chen bes­ser den­ken kann, dass der Him­mel ein wenig strah­len­der ist als ges­tern.
Wenn ich jetzt noch wüßte, wie ich das hal­ten kann, dann wäre viel gewonnen.

Depression Notes 13-09-2019

Letz­ten Sonn­tag mit Toch­ter und Enkel an der Ost­see gewe­sen, ziem­lich spon­tan. Mit dem Zug nach Tra­ve­münde, Strand­korb gemie­tet, drei Stun­den aufs Was­ser geguckt und ver­sucht, den Kopf zu ent­schleu­ni­gen. Große Liebe zu mei­ner Fami­lie. Glück­lich zuhause ange­kom­men. Und am nächs­ten Tag wie­der ein­ge­holt worden.

Travemünde an der Ostsee: Strand und Meer, sehr blauer Himmel, von links dicke weiße Wolkenberge.
Ost­see, Travemünde

Schon wie­der war alles zuviel: was ich in der The­ra­pie und bei OdW erar­bei­tet und erreicht habe, der erneute Schwes­tern­kon­flikt, der wun­der­schöne Tag. Die Ener­gie am Limit. Aber ich kann nicht ein­fach aus­ru­hen, lang­sam machen, Kraft ein­tei­len: ich falle immer auch ins Loch. Trübste Gedan­ken, alle -losig­kei­ten auf ein­mal. Also hab ich alle Ter­mine abge­sagt für diese Woche und mich in mein Schne­cken­haus ver­zo­gen. Da ist es warm und ruhig, da bin ich sicher.
Auch das ist erlaubt und zählt als Selbst­für­sorge: mich bewußt gegen etwas zu ent­schei­den, was mir sonst gut tut.


Und dann war da diese Nach­richt auf Twit­ter, dass Einer, der vor 20 Jah­ren sich vor einen Zug fal­len ließ, seine Beine ver­lor, ein neues Leben gewann und fortan unzäh­li­gen Men­schen in glei­cher oder ähn­li­cher Lage Mut machen konnte, dass die­ser Mensch nun doch gegan­gen ist durch eige­nen Wil­len.
Das macht mich trau­rig, für ihn und alle ande­ren, dass es nicht gereicht hat zum Blei­ben, dass die dunkle Seite schwe­rer wog, die Kraft erschöpft war. Aber ob der Wunsch zu ster­ben dahin­ter steht oder eben SO nicht leben zu wol­len und kön­nen: in jedem Fall ist es die Ent­schei­dung jeder*s Ein­zel­nen, die nicht zu bewer­ten und nicht zu rich­ten ist von uns. Auch wenn wir mit dem Tod der ande­ren leben müssen.


Was mich noch trau­rig und gleich­zei­tig wütend macht: eigent­lich wäre ich jetzt beim Beach Camp in Sankt Peter-Ord­ing, wie in jedem Sep­tem­ber seit 3 Jah­ren - wenn da nicht jemand ganz bewußt Steine zwi­schen meine Füße gewor­fen hätte aus an den Haa­ren her­bei gezo­ge­nen Grün­den und mimo­sen­haf­tem Belei­digt-Sein.
Dass ich wie­der­mal auf Einen rein­ge­fal­len bin, der das Blaue vom Him­mel ver­spro­chen und nichts davon gehal­ten hat, für den Men­schen kei­nen Wert mehr haben, wenn er sie nicht mehr braucht, lässt sich nun nicht mehr ändern. Eines Tages lasse ich auch das hin­ter mir.


In der Pla­tane vor mei­nem Haus tschilpt ein klei­nes Meis­lein vor sich hin. Dabei fällt mir auf, dass ich den gan­zen Som­mer durch an der Straße außer Amseln und Schwal­ben kei­nen ein­zi­gen Vogel gehört habe. Im Hin­ter­hof tum­melt sich eini­ges, aber nach vorne raus: nichts. Ist es denen auch zu laut?

60 ist das neue 100

Mit dem rich­ti­gen Satz zur rich­ti­gen Zeit gewinne ich so man­ches Mal neue Erkennt­nisse, die dann auch dau­er­haft blei­ben und für den All­tag taugen.

So klagte ich bei mei­ner Frau H. von OdW vor eini­ger Zeit mal wie­der dar­über, dass ich im Ver­gleich zu der Zeit vor der Krank­heit nur noch höchs­tens 60% der Ener­gie übrig habe und wie sehr mich das ein­schränkt, stört, trau­rig macht.
Da kam von ihr der ent­schei­dende Satz, der meine Ein­stel­lung wirk­lich ver­än­dert hat:

Dann ver­su­chen Sie doch, die jetzt vor­han­de­nen 60% als 100% zu sehen.

So ein­fach kann das manch­mal sein.

Und so lang­sam ist die Erkennt­nis auch in mei­nem Bewußt­sein ange­kom­men. Mein Ener­gie­vor­rat hat ein bestimmte Größe, damit muss ich haus­hal­ten. Er wird nicht klei­ner oder grö­ßer dadurch, dass ich mich mit ande­ren oder mei­ner Kraft von frü­her ver­glei­che. Mein Leben ist ein ande­res als vor 10 Jah­ren. Wenn ich das nicht akzep­tiere und immer nur hadere damit, wird es mir immer schlecht gehen.
Darum gilt ab sofort: Sech­zig ist das neue Hundert!

Gegenwartsgedanken und Zukunftsfragen

In drei Mona­ten werde ich 60.

Wenn ich mich zurück erin­nere, wie schreck­lich ich damals die 50 fand, bin ich jetzt dage­gen eigent­lich rela­tiv gelas­sen. Wahr­schein­lich liegt das am Alter. 😉
Aber natür­lich hat sich seit damals viel ver­än­dert in mei­nem Leben. Nicht mehr zu arbei­ten wird mit den Jah­ren doch etwas nor­ma­ler, “erlaub­ter”. Ich hab immer noch nicht voll­stän­dig akzep­tiert, dass ich nicht mehr leis­tungs­fä­hig bin, aber die­ses drän­gende Gefühl, noch etwas Gro­ßes errei­chen, schaf­fen zu müs­sen, lässt doch nach. 

Die Zukunft wird schma­ler, die Gedan­ken gehen immer mehr in die Rich­tung “was will ich noch, was schaffe ich noch” und “wo will ich sein für den Rest der Zeit”.
Und da ent­wi­ckelt sich die­ser Tage wie­der­mal ein sehr drän­gen­des Gefühl: so sehr ich sie auch liebe - die große Stadt nervt zunehmend.

So viele Men­schen, die stur nach sich selbst schauen, keine Rück­sicht mehr neh­men. Die sich selbst am nächs­ten sind und denen alles andere egal ist. Bei denen es nicht mehr heißt “mein Ver­hal­ten stört dich? Das tut mir leid, ich ver­su­che es zu ändern, damit wir beide damit leben kön­nen” son­dern “mein Ver­hal­ten stört dich? Dann geh doch woan­ders hin”. Die ohne links und rechts zu gucken ihren Weg gehen. Bei denen ein Mit-Den­ken nicht vor­kommt.
So viel Ver­kehr, nicht nur auf den Haupt­stra­ßen. Autos, Autos, Autos, wo man hin­schaut. Unsere Straße - mit recht-vor-links-Regel, 30 h/km Begren­zung, haupt­säch­lich Woh­nun­gen mit nur weni­gen Läden dazwi­schen - wird als Abkür­zung zur par­al­le­len Haupt­straße genutzt. Die Autofahrer*innen sind hier schnel­ler als nebenan mit den Ampeln. So war das nicht geplant.
So viel Lärm. Drin­nen, manch­mal, dank der Nach­barn über mir. (Nein, ich will ihnen das Lau­fen nicht ver­bie­ten.) Drau­ßen, weil ich die fri­sche Luft will und brau­che und darum von Früh­ling bis Herbst meine Bal­kon­tür offen steht, dadurch aber auch jedes Geräusch ein­dringt. Ich bin froh, dass das Restau­rant gegen­über mon­tags Ruhe­tag hat. Ich fürchte mich schon heute vor dem jähr­lich statt­finde­nen Fest auf dem gro­ßen Platz, das am kom­men­den Wochen­ende von Frei­tag bis Sonn­tag geht und eine ein­zige musi­ka­li­sche Beläs­ti­gung sein wird. Dass die KiTa-Kids auf dem Spiel­platz im Hin­ter­hof inzwi­schen täg­lich regel­rechte Wett­be­werbe ver­an­stal­ten, wer am längs­ten am lau­tes­ten schreien kann, und die Erzieher*innen auch nach eini­ger Zeit nichts dage­gen unter­neh­men, ver­stehe ich nicht. Von dem stän­di­gen Strom an Autos, die hier durch rasen, schrieb ich bereits.
Vie­les könnte anders sein, wenn es mehr Mit­ein­an­der und mehr Rück­sicht­nahme gäbe. Ande­res ist eben, wie es ist - aber ich will es nicht mehr aus­hal­ten müs­sen. Ich will und kann meine redu­zierte Ener­gie nicht mehr für sol­che Dinge her­ge­ben. Und ich hab kei­nen Nerv mehr, mich blöd anma­chen zu las­sen, wenn ich was dage­gen sage.

Ich bin per­fekt geschult im Aus­hal­ten von unan­ge­neh­men Din­gen - es wird Zeit, mich mal im Um-mich-selbst-küm­mern zu üben.
Was will ich also noch für die letz­ten 10 oder 20 Jahre?

Wenn ich ein­fach könnte, wie ich wollte, dann würde ich aus der gro­ßen Stadt raus und in eine kleine Stadt ans Meer wol­len. In einer ruhi­gen Straße am Rand woh­nen, von wo aus ich mit dem Rad sowohl zum Ein­kau­fen, ins Zen­trum und zum Bahn­hof als auch in die Natur komme. Alleine in mei­ner Woh­nung, aber inner­halb einer Gemein­schaft, in der man sich umein­an­der küm­mert und auch was gemein­sam machen kann. In der sich Jede*r nach ihren*seinen Fähig­kei­ten und Mög­lich­kei­ten ein­bringt. Bunt gemischt, mul­ti­kul­tu­rell, jung und alt. Über­schau­bar muss es blei­ben, nicht zu groß, nicht stän­dig aktiv. Auf­ge­schlos­sen, tole­rant, respekt­voll, rück­sichts­voll. Mit­ein­an­der, nicht nur neben­ein­an­der. Zusam­men sein kön­nen, aber auch alleine, so lange ich es brau­che.
Das ganze nicht zu weit weg von der gro­ßen Stadt, damit der sicht­bare Kon­takt zu Toch­ter und Enkel bleibt. Wir sehen uns sowieso nicht so oft, mit einer gewis­sen Ent­fer­nung dann aber viel­leicht län­ger und inten­si­ver, ohne Ablen­kung vom All­tag.
Und ja, wenn ich schon hier weg ginge, dann sollte bitte das Meer in der Nähe sein. Nord- oder Ost­see, inzwi­schen nehm ich bei­des. Ich weiß, dass es dadurch schwe­rer wird, aber was bitte sollte ich denn in einem klei­nen Dorf in der Pampa, wo es weit und breit kein Was­ser gibt? Da geh ich doch ein. Also, end­lich ans Meer. Viel­leicht wird das dann noch­mal was mit der Ent­span­nung auf meine alten Tage.

Arbei­ten möchte ich noch ein biss­chen. Zuhause am Schreib­tisch sit­zen und selb­stän­dig zur Rente dazu ver­die­nen. In der ande­ren Zeit was ande­res machen, weg vom Rech­ner. Oder end­lich in Ruhe schrei­ben. Wie­der Kla­vier spie­len. Socken stri­cken, Kuchen backen, vor­le­sen, meine Ohren und Schul­tern zur Ver­fü­gung stel­len. Gebraucht wer­den, aber nicht zuviel. Gewollt wer­den: davon nie genug. Ange­nom­men wer­den im Jetzt.

Wenn nichts dazwi­schen kommt, hab ich wohl noch so 20 Jahre hier. Ein Vier­tel mei­nes gan­zen Lebens, immer­hin. Damit sollte doch noch was anzu­stel­len sein, was mir gut tut. Nicht mehr nur aus­hal­ten, weil ich es ja nicht anders ver­dient habe oder weil es halt nicht zu ändern ist. Son­dern Hilfe anneh­men und aktiv wer­den, um es bes­ser zu haben für den Rest der Zeit.
Schaff ich das? Kann ich mir das erlauben?

Depression Notes 13-08-2019

Seit Mona­ten war in mei­nem Dusch­schlauch ein Loch. Not­dürf­tig zuge­klebt mit Kle­be­band. Dann gab es bei Penny im Ange­bot Dusch­schlauch und -kopf. Hab ich natür­lich genutzt und bei­des neu besorgt.
Nächste Aktion: das alte Ding abmon­tie­ren. Tja, rührt sich nicht. Alles ver­kalkt? Also tage­lang Ent­kal­ker drauf, immer wie­der die Zange ange­setzt, nichts geht. Mist.
Was mache ich? Aus­hal­ten, was sonst. Dann bleibt es eben kaputt, ist ja typisch für mich, ich krieg das eben nicht hin und bin sowieso selbst schuld.

Am Sams­tag hab ich dann mei­nen net­ten Nach­barn getrof­fen und spon­tan gefragt, ob er viel­leicht dem­nächst ein paar Minu­ten Zeit hat für mich. Kräf­ti­ger jun­ger Mann, ihr wißt schon. Ges­tern war er da. Guckt, setzt die Zange an, dreht - und schwubb ist er ab, der olle Schlauch.
Stellt sich raus, ich hab in die fal­sche Rich­tung gedreht. Rechts rum statt links. Kann ja nichts wer­den. Ist mir ja pein­lich, aber ich steh jetzt dazu.

Aber:
das ist sooo typisch für mich, für die Depres­sion. Dass ich 100%ig davon aus­gehe, dass es natür­lich an mir liegt, dass ich das Ding nicht ab kriege. Dass ich des­we­gen auch kein Recht auf Hilfe habe oder über­haupt auf einen neuen Schlauch. Weil ich es ja selbst so weit habe kom­men las­sen, dass alles ver­kalkt ist, weil ich nicht geputzt habe und dass ich darum mit dem kaput­ten Ding leben muss für immer. Auch wenn ich mich jeden Tag ärgere. Selbst Schuld eben.
So über­zeugt bin ich von die­sen Gedan­ken, dass ich nicht ein­mal auf die Idee komme, es mal anders­rum zu versuchen.

Da frage ich mich doch: wie­viele andere Dinge ver­bau ich mir in mei­nem Leben, weil ich vor lau­ter “geschieht mir ganz recht” und “ich habs ja selbst ver­bockt” stur in eine Rich­tung gucke und nichts ande­res zulas­sen kann?

Einsturzgefahr

Vor ein paar Tagen ein Traum:

Ich stehe in mei­ner Strasse vor dem gros­sen Haus nebenan, dem mit dem Innen­hof, und baue per Lap­top neue Wände für eine neue Woh­nung davor. Als ich das Pro­gramm aktua­li­siere, wer­den die Wände real, aber sie sind nicht fest, ich könnte sie mit einem Schubs umwer­fen. Viele Men­schen sind da, Hand­wer­ker, Nach­barn, Fremde. Es ist Frei­tag­nach­mit­tag, alle wol­len Fei­er­abend machen und ins Wochen­ende gehen. Es heißt, ich solle die Wände mit Mör­tel befes­ti­gen am alten Haus, so dass sie sicher sind. Ich kann das aber nicht, ich habe das doch noch nie gemacht, ich weiß gar nicht wie das geht.
Jemand sticht Fens­ter aus den Wän­den aus, aber sie sind an der fal­schen Stelle. Eine Frau zieht mit einer Winde von außen an den Wän­den, viel zu stark, das kann nicht gut gehen. Ich sage ihr, sie soll auf­hö­ren damit, aber sie zieht wei­ter. Ich gehe ins Haus rein, weil ich den bevor­ste­hen­den Ein­sturz auf­hal­ten will, aber die Decke fällt run­ter und dicke Mau­er­plat­ten kom­men von oben auf mich zu. Ich ver­su­che, sie mit mei­nem Rücken auf­zu­hal­ten, damit sie mich nicht unter sich begra­ben. Denke “das ist mein Ende” und wache auf mit den real gespro­che­nen Wor­ten “Ich habe Angst”.


Da ist der neue Raum bei OdW, dem Hil­fe­dings. So viel unbe­kann­tes, nie erleb­tes. Men­schen, die mich unter­stüt­zen wol­len und kön­nen, die mir hel­fen, weil ich Hilfe brau­che. Neue Men­schen, die ken­nen zu ler­nen sind. Wie kann ich damit umge­hen, plötz­lich nicht mehr alleine zu sein? Aber auch die Frage, wie­viel Neues ich in mei­nem Leben noch brau­che, aus­hal­ten kann. 

Und da sind The­men in der The­ra­pie zu bear­bei­ten, die ich lange weg gescho­ben habe und die nach dem Bruch mit der Fami­lie mas­siv hoch kom­men. Erin­ne­run­gen, die mich bedrü­cken, die mir zei­gen, wie weit außen ich stand und noch immer stehe. Erin­ne­run­gen, die - laut aus­ge­spro­chen - die Fas­sade zum Ein­sturz brin­gen können.

Ich weiß nicht, wohin das füh­ren wird. Ich habe Angst, dass es mich erdrückt.

Der schwarze Hund

So eine Depres­sion hat viele Gesich­ter: min­des­tens so viele wie die Zahl der Men­schen, die diese Krank­heit mit sich tra­gen. Jede sieht anders aus, passt sich seiner*m Träger*in an. Aber auch die eigene Depres­sion kommt in ver­schie­de­nen Gestal­ten, Ver­sio­nen, Kleidern.

Meine Depres­sion heißt Igor und ist in mei­ner Vor­stel­lung ein klei­ner, schwarz-wei­ßer, abgrund­tief häss­li­cher, ewig kläf­fen­der Hund. Er liegt oft mit­ten im Weg, stän­dig muss ich ihn weg­schie­ben oder über ihn drü­ber stei­gen. Außer­dem ist er wahn­sin­nig pes­si­mis­tisch und unsi­cher und um das zu kom­pen­sie­ren, hält er mir immer wie­der unter die Nase, wie schlecht und unwür­dig ich bin und dass ich ja selbst Schuld an allem bin und sowieso nicht wert, geliebt zu wer­den. Ich weiß, dass er sich damit nur bes­ser machen will, aber ver­dammt, er ist wirk­lich überzeugend.

Nur manch­mal, wenn es mir sehr gut geht, ver­zieht er sich in seine Ecke und schmollt: Igor mag fröh­li­che und lachende Men­schen näm­lich nicht und schon gar keine, die stark und hoff­nungs­voll sind. Dann wird er klein und unschein­bar und ich könnte ihn fast mögen, wie er da so frus­triert und trau­rig rum­hängt. Die Beto­nung liegt auf “fast”.

Im Gegen­satz dazu gibt es aber auch Zei­ten (nicht mehr oft, aber beson­ders gerne nach sol­chen für ihn trau­ri­gen Pha­sen), in denen er ganz still und leise in sei­ner dunk­len Ecke wächst und wächst und sich irgend­wann fast unbe­merkt an mich dran hängt, an mei­nen Bei­nen zieht und sich über meine Schul­tern legt und immer schwe­rer und dich­ter und furcht­erre­gend wird. Dann dringt er in mich ein und blo­ckiert meine Gefühle und lähmt mich von innen her­aus. Mein gan­zer Kör­per fühlt sich an wie nach der Spritze beim Zahn­arzt: du weißt, dass er da ist, aber du spürst ihn ein­fach nicht und er gehorcht dir auch nicht. Dann geht ein­fach nichts mehr. Dann bin ich nur noch müde, müde, müde. Alles andere ist egal. Auf­ste­hen, duschen, Haus­halt, reden, andere Men­schen… zu viel, alles zu viel. Dann spüre ich nur das Gewicht von die­sem schwar­zen Hund auf mir und habe nicht genug Kraft, um ihn abzu­schüt­teln, weil er drei­mal so groß ist wie ich und ich immer noch klei­ner werde. Ich hasse die­sen Zustand, aber wer schon­mal ver­sucht hat, mit einem aus­ge­wach­se­nen Neu­fund­län­der auf dem Rücken sich die Zähne zu put­zen oder zu staub­saugen, der weiß, dass das beim bes­ten Wil­len nicht geht. Du kommst gegen diese Masse ein­fach nicht an.

Wenn ich irgend­wann rea­li­siert habe, dass das grade nicht nur eines von den nor­ma­len schwar­zen Löchern ist, in die ich immer mal wie­der falle, aus denen ich aber gelernt habe, halb­wegs gut wie­der raus zu krab­beln, son­dern dass der Rie­sen­hund sich so aus­ge­brei­tet hat, ist es schon zu spät. Dann brau­che ich viel Geduld mit uns, mit Igor und mir, und vor allem Akzep­tanz und Selbst­für­sorge. Der lässt sich nicht ein­fach abschüt­teln und dann ist es gut - das dau­ert seine Zeit, bis er sich aus mir zurück zieht. Ich habe bis­her noch kei­nen ande­ren Weg gefun­den, als ihm diese Zeit zu geben und dabei den Mut nicht zu ver­lie­ren. Und danach dau­ert es eben auch noch­mal eine Weile, bis die Betäu­bung nach­lässt und ich wie­der was fühle und sehe und mich wie­der bewe­gen kann. Das ist ein­fach so, damit muss ich klar kommen.

Das ist die Phase, in der ich jetzt grade ste­cke, nach­dem das Tref­fen mit den Lieb­lings­men­schen in Malente so unglaub­lich schön war. Wo es mir so gut wie lange nicht mehr ging, weil ich mich so akzep­tiert und sogar gemocht gefühlt hab; weil wir so nah mit­ein­an­der waren, als wür­den wir uns immer noch täg­lich sehen und weil das soo gut tut. Und wo Igor nicht mit durfte.
Ich habe es nicht kom­men sehen, es hat mich aus dem Nichts - oder bes­ser: aus dem Glück von hin­ten über­fal­len. Ich bin noch immer dabei, mich von dem Schat­ten zu lösen. Aber ich lerne daraus.

Mein Leben dreht sich inzwi­schen nicht mehr nur um Igor, trotz­dem bin ich doch bei allem, was ich tue, immer mit einem Stück Auf­merk­sam­keit bei ihm: damit ich recht­zei­tig erkenne, wenn er sich in den gro­ßen schwar­zen Hund ver­wan­deln will und dage­gen steu­ern kann. Das ver­braucht einen Teil mei­ner Ener­gie, von der ich sowieso nur noch unge­fähr 60% habe. Das ist, was keine*r sieht von außen. Das ist, was nur die ken­nen, die auch einen sol­chen Hund zuhause haben.


Ihr wollt ihn sehen, mei­nen schwar­zen Hund? Dann guckt ihr hier. Aber ich warne euch vor, er ist wirk­lich häss­lich. Sozu­sa­gen der häss­lichste Hund der Welt. Und eigent­lich heißt er auch nicht Igor, son­dern Pea­nut, aber das hab ich erst spä­ter erfah­ren, nach­dem ich beim Anblick des Fotos mei­nen Hund erkannt und ihm den Namen ver­passt habe. Jetzt gibt es ihn eben zwei­mal, das stört ja keinen.


Die Bezeich­nung stammt übri­gens aus dem sehr guten, sehr berüh­ren­den Buch “Mein schwar­zer Hund” von Mat­thew John­stone, das man in jedem loka­len Buch­la­den kau­fen oder bestel­len kann. Eine Kurz­fas­sung als Video gibt es z.B. bei You­tube.

Depression ist…

Depres­sion ist, wenn es sich anfühlt, als wären Kör­per, Herz und Seele betäubt. Wenn jede Bewe­gung Über­win­dung kos­tet, der Rücken vor Anspan­nung fast bricht und Worte eine halbe Ewig­keit brau­chen, um im Kopf einen Satz zu bil­den. Wenn das ein­zige, was fließt, die Trä­nen sind. Wenn Hoff­nung eine ferne Erin­ne­rung ist. 

Depres­sion ist auch, nach einem extrem schö­nen Tag *) mit Schall­ge­schwin­dig­keit ins schwarze Loch zu rasen und trotz vor­han­de­ner Skills ein­fach kei­nen Halt zu fin­den, um die Fahrt zu stop­pen. Weil es für die Sehn­sucht nach Liebe, nach Zusam­men­ge­hö­ren und Zusam­men­sein keine Skills und kei­nen Ersatz gibt.

Jetzt grade möchte ich nicht­mal das eine Jahr.

Aber ja, natür­lich werde ich mich wie­der zusam­men­rei­ßen, natür­lich werde ich wei­ter machen, die Trä­nen run­ter­schlu­cken, die Maske fli­cken und mich wei­ter­hin in die­sem dum­men klei­nen Leben irgend­wie durch­wüh­len. Was bleibt mir übrig.


*) Lieb­lings­men­schen in Malente tref­fen und die Orte aus dem letz­ten Jahr aufsuchen

Twitter-Großputz

Ich liebe Twit­ter. Ich mag sowieso über­haupt die­ses ganze Social Media Zeugs. Ver­bun­den zu sein mit Men­schen über­all auf der Welt, mich in Echt­zeit aus­tau­schen zu kön­nen oder nach­zu­le­sen, wenn ich Zeit und Lust habe. Gleich­ge­sinnte zu fin­den, sich zu unter­stüt­zen und Freund­schaf­ten zu schlie­ßen. Face­book ist für mich nicht mehr aktu­ell, dafür Twit­ter umso mehr. Es ist meine Tür zur Welt, an der ich teil­ha­ben kann, ohne Men­schen direkt bei mir aus­hal­ten zu müssen.

Ich mag auch - mit rech­ten Aus­nah­men - unter­schied­li­che Mei­nun­gen, Vor­lie­ben, Eigen­schaf­ten bei Men­schen. Solange kei­nem weh getan, nie­mand dis­kri­mi­niert, gemobbt oder aus­ge­grenzt wird, ist alles gut für mich. Manch­mal bin ich ver­wun­dert beim Lesen, manch­mal bringt mich etwas zum Nach- und manch­mal auch zum Über­den­ken mei­ner Ansicht. Gegen­sei­tige Tole­ranz und Respekt vor­ein­an­der gehö­ren für mich zu einem guten Zusammensein.

Was ich aber nicht mehr ertrage, ist das soge­nannte “Schmun­zelt­wit­ter”: alte und junge weiße hete­ro­se­xu­elle Män­ner mit ihrem Sexis­mus, ihrem Ableis­mus, Ras­sis­mus und ihrer toxi­schen Mas­ku­lini­tät, deren Tweets mir lei­der immer wie­der in die TL ret­wee­tet wer­den. Und genauso wenig ertrage ich die Frauen, die die­sen Typen fol­gen, um sich selbst auf­zu­wer­ten oder was immer sie damit bezwe­cken. Ich will die­sen gan­zen Mist nicht mehr lesen müs­sen.
Darum werde ich mich (noch wei­ter) befreien in den nächs­ten Tagen von diver­sen Follower*innen sol­cher Accounts, die mir auch fol­gen oder denen ich folge. Ich werde einen Groß­putz vor­neh­men und alles blo­cken, was mit damit zu tun hat. Weil es mir nicht gut tut.
Auch wenn ich es einer­seits schade finde, ist es mir ande­rer­seits inzwi­schen fast egal, wenn ich des­we­gen auch gute Leute nicht mehr lesen werde. Denn wer sowas gut heißt, indem er*sie wei­ter­hin folgt und nichts dage­gen sagt, ist mit ver­ant­wort­lich dafür, dass es nicht auf­hört. Ich will mit denen nichts mehr zu tun haben.

Und ich will das F-Wort nicht mehr lesen müs­sen, bei dem ich mich jedes­mal fast über­ge­ben muss. Nie wie­der. Wer das benutzt, wird zu mei­nem eige­nen Schutz sofort geblockt. Ich mache Twit­ter wie­der zu mei­nem siche­ren Raum. Die Anzahl der Follower*innen wird sich ver­rin­gern, aber die war mir noch nie wich­tig. Wer ein Pro­blem damit hat: oben rechts ist die Tür.

Scroll Up
%d Bloggern gefällt das: