Hilfebedürftig, Teil 3 - Update

Nach dem Schwim­men war das zweite Pro­jekt bei OdW die Reit­the­ra­pie. Ich hatte mich so gefreut, dass ich keine wie auch immer gear­te­ten Vor­aus­set­zun­gen erfül­len muss, son­dern ein­fach hin­ge­hen darf. Ein­fach so, weil es zum Ange­bot gehört. Weil es jede*r in Anspruch neh­men darf, die*der will. 

Dies­mal hab ich es wenigs­tens aus­pro­biert, bevor ich es wie­der abge­sagt hab. Dies­mal war es wenigs­tens nicht die Angst, die im Weg stand, son­dern nur meine blö­den Füße mit den scheiß­ver­damm­ten chro­ni­schen Ent­zün­dun­gen. Naja, doch, viel­leicht auch ein klei­nes biß­chen ich.

Der Hof im Nor­den von Ham­burg ist ein klei­nes Idyll mit Als­ter-Quell­was­ser und Plumps­klo, vier lamm­from­men The­ra­pie­pfer­den in einem offe­nen Stall, drei Kat­zen und einem Gehege mit Hüh­nern und Enten. Die The­ra­peu­tin eine junge Frau, sym­pa­thisch und offen, ein­fach nett - und gut in dem, was sie da tut, soweit ich es beur­tei­len kann.
Beim zwei­ten Mal waren viele Men­schen da, zu viele für mich, aber das war wohl eher die Aus­nahme. Dass ich die Maske fest auf hatte und es anstren­gend war, merkte ich erst später. 

Reit­the­ra­pie besteht dar­aus, Boden­ar­beit mit dem Pferd zu machen. Dem Tier nur durch Kör­per­spra­che zu zei­gen, was es machen soll. Kein Druck, kein Zwang, auch kein Reden oder Anschauen, son­dern nur mit auf­rech­ter, kla­rer Hal­tung. “Hor­se­m­anship” nennt sich das und ist eine groß­ar­tige Sache.
Aber: das ganze fin­det auf dem Sand­platz statt und bedeu­tet, viele viele Run­den zu dre­hen mit dem Pferd. Gehen, ste­hen blei­ben, wei­ter gehen, hin und zurück, Runde um Runde auf dem unebe­nen Boden. Zu viele Run­den für meine Füße. Für eine halbe Stunde (oder spä­ter mehr) Gutes zwei Tage lang Schmer­zen zu haben gleicht sich nicht aus. 

Viel­leicht bin ich aber auch ein Stück weg­ge­lau­fen vor dem, was das in mir aus­lö­sen könnte. Schon in der ers­ten Stunde stand ich irgend­wann da und kämpfte mit den Trä­nen. Weil sie etwas wollte, was ich schon so lange nicht mehr kann, nicht mehr mache: auf­recht ste­hen. Mich groß machen, über­zeugt von mir sein. Das tat weh, außen wie innen. Weil ich nicht mehr groß bin, weil die Depres­sion und Igor und ich selbst mich klein machen, immer wie­der, immer aufs Neue.
(Das Pferd fand es übri­gens über­zeu­gend genug und ging tat­säch­lich rück­wärts, so wie es sollte. Aber das ist ja auch Leute mit so Psy­cho­zeug gewohnt.)

Was mir in den zwei Stun­den dort auch bewußt wurde: ich bin keine Mache­rin, keine Füh­re­rin. Ich bin nicht die, die Ansa­gen macht und die ande­ren kom­men mit. Ich mag Auto­ri­tät nicht, ich rebel­liere dage­gen. Einem Tier zu sagen, wo es lang geht, war noch nie meins. Meine Hün­din hat der dama­lige Freund erzo­gen, auf mich hat sie nicht wirk­lich gehört. Ich bin Kat­zen­mensch, ich mag es, wenn sie machen was sie wol­len und mit mir in gleich­be­rech­tig­ter Gemein­schaft leben. Viel­leicht wäre mir das mit den Pfer­den irgend­wann in die Quere gekommen.

Also fällt auch die­ses eigent­lich unglaub­lich schöne Pro­jekt für mich aus. Nun heißt es also, einen drit­ten Ver­such in wie­der einer ande­ren Gruppe zu star­ten, auf dass dann end­lich mal was dabei ist, von dem ich etwas habe. Hof­fent­lich kommt mir da nicht wie­der die Angst in die Quere…

Depression Notes 15-07-2019

Lieb­lings­mensch B. ist wie­der in der Kli­nik in Malente für 6 Wochen. Lieb­lings­mensch J. fragt in der WA-Gruppe nach pas­sen­dem Ter­min für einen Besuch. Ich schreibe sofort “ich komme mit!” – wie so Eine, die genug Selbst­ver­trauen [-liebe | -bewußt­sein | -ach­tung] hat und ein­fach davon aus­geht, dass die ande­ren sie auch sehen möchten.

Igor lacht leise in sei­ner Ecke.

Igor

Diese Gut-Geh-Phase dau­ert jetzt aber schon ganz schön lange, sagt Igor und holt zur Abwechs­lung mal wie­der die Trau­rig­keit aus der Ecke. Die ist zwar etwas ein­ge­staubt, aber immer noch ganz brauchbar.

Ach Igor, du dum­mer Hund, besorg doch das nächste Mal wenigs­tens genü­gend Taschentücher.

Hilfebedürftig, Teil 2

Nach Panik­aus­brü­chen, einer hunds­mi­se­ra­blen Nacht und erneu­ten Panik­schü­ben heute mor­gen habe ich das Schwimm­pro­jekt auf Eis gelegt. Ich schaffe es nicht, mein ängst­li­ches Ich schreit und pro­du­ziert Bauch­schmer­zen. Also zurück zu den Kin­der­schrit­ten.
Das bedeu­tet erst ein­mal ein wei­te­res Gespräch mit Frau H. Ende der Woche, lang­sam Ankom­men bei OdW, eins nach dem ande­ren. Aber: zum Reit­pro­jekt in 2 Wochen! Ich muss zwar noch über­le­gen, wie ich mit mei­nem ver­fluch­ten kaput­ten Fuß und mei­ner unter­ir­di­schen Kon­di­tion einen Kilo­me­ter lau­fen kann, aber da will ich hin. Lie­ber fahr ich ne Stunde frü­her los und mache alle 5 Minu­ten Pause – Schmer­zen werde ich sowieso haben für die drei Tage danach.

Ja, ich brau­che Hilfe. Und ja, ich schäme mich dafür. Ich finde die Schuld auch ohne Suchen nur bei mir. Warum hab ich es soweit kom­men las­sen mit allem? Warum hab ich nicht frü­her ange­fan­gen, mich gegen den Druck von außen zu weh­ren und bin so lange über meine Gren­zen gegan­gen? Warum hab ich so viel in mich rein­ge­fres­sen und den Kum­mer mit wei­te­rem Essen zuge­stopft? Das Gewicht des Pakets, das ich nicht mehr tra­gen konnte, umge­wan­delt in Kör­per­ge­wicht, so dass es mich jetzt behin­dert auf jedem Weg? Und warum hab ich damals in der Cadu­ceus­kli­nik nicht auf mei­nen Kör­per gehört und bin über die Schmer­zen drü­ber weg gelatscht, so dass ich nicht mehr auf mei­nen Füßen ste­hen kann?
Ich habe im wört­li­chen Sinn mei­nen Kör­per aus­ba­den las­sen, was meine Seele nicht tra­gen konnte und jetzt ist er groß und schwer und über­mäch­tig und doch am Ende und die Seele ist immer noch nicht heil. Ich schäme mich für das, was ich aus mir gemacht habe. Auch wenn ich weiß, dass es Gründe gibt für all das und ich die auch nach­voll­zie­hen und ver­ste­hen kann: die Schuld kann ich doch nur mir geben.

(Aber wofür brau­che ich immer einen Schul­di­gen? Muss immer Ursa­che und Folge und Wir­kung auf­ge­rech­net wer­den? Was pas­siert, wenn ich “ein­fach” hin­nehme, akzep­tiere, dass etwas -gekom­men- ist, wie es ist? Bleibe ich womög­lich ste­hen, wenn ich den*die Schuldige*n gefun­den habe und muss dann nicht wei­ter daran arbeiten?)

Es ist nicht mehr wie frü­her. Dadurch, dass ich der Depres­sion den nöti­gen Raum gege­ben habe, hat sich mein Leben extrem ver­än­dert. Man­ches ist gut, vie­les andere ist schwer gewor­den. Wenn ich aber die letz­ten 20 Jahre noch halb­wegs gut ver­brin­gen will, wenn ich irgend­wie auf mei­nen wenn auch wacke­li­gen Füs­sen ste­hen will, brau­che ich Hilfe. Unter­stüt­zung. Jeman­den, der für eine Weile im Hin­ter­grund steht und bereit ist, mich auf­zu­fan­gen, bevor ich wie­der falle. Ich schaffe mich, mein Leben, nicht mehr alleine. In guten Momen­ten weiß ich, dass das keine Schande ist.

Hilfebedürftig

Nach­dem die Behörde ja ihr Okay gege­ben hat, hab ich vor ein paar Tagen end­lich meine Bezugs­frau von dem Hilfe-Dings (OdW) ken­nen gelernt. Ins­ge­samt ist jetzt also etwa ein hal­bes Jahr ver­gan­gen, seit ich das erste Mal aktiv wurde in Rich­tung ASP. Zeit genug, mich damit aus­ein­an­der zu set­zen, dass ich hil­fe­be­dürf­tig bin. Eigentlich.…

Nein, ange­nehm ist der Gedanke nach wie vor nicht. Denn so im Gro­ßen und Gan­zen krieg ich mein Leben doch halb­wegs gut hin, trotz der Depres­sion. Also, meis­tens jeden­falls. Naja, es gibt halt auch blöde Tage, an denen ich beschließe, dass der Kaf­fee auch ohne Milch schmeckt und unter die Mar­me­lade aufs Knä­cke­brot nicht zwin­gend But­ter gehört und ich darum nicht mehr ein­kau­fen gehen muss, weil ich es ein­fach nicht schaffe mir was anzu­zie­hen und die Haare zu käm­men und die Men­schen im Super­markt zu ertra­gen. Und meine Woh­nung, ach, wer guckt denn da schon ob gesaugt ist oder nicht und ob sich da Spinn­we­ben in den Ecken ansam­meln und die Tapete von der Küchen­de­cke fällt und der Tep­pich sich in seine Ein­zel­teile auf­löst, weil er ein­fach so alt und abge­wetzt ist, ich meine, wen küm­mert das schon, es sieht ja kei­ner, weil ja kei­ner zu Besuch kommt, denn ich kenne ja auch nie­man­den mehr, der kom­men könnte ein­fach so.

Ich bin mir aber auch gar nicht sicher, ob ich über­haupt wirk­lich wie­der neue Men­schen ken­nen ler­nen will, denen ich mich dann wie­der zu weit öffne und sie in mein Leben lasse und dann wie immer ent­we­der ent­täuscht werde oder sie mir doch wie­der zuviel wer­den und die­ses Kom­mu­ni­zie­ren mit ande­ren ein­fach so ver­dammt anstren­gend ist, obwohl ich mich doch so sehr danach sehne. Nach Reden, nach Aus­tausch, nach gese­hen und ver­stan­den wer­den und nach sehen und ver­ste­hen und nach Aner­ken­nung und Gefüh­len. Aber ich hab es ver­lernt, das rich­tige kom­mu­ni­zie­ren, ich falle schnell mit der Tür ins Haus und mit mei­ner gan­zen Bedürf­tig­keit und Seele und werde dann wie­der zuviel. Oder bin, weil ich es nun­mal so gelernt habe, freund­lich zu allen und mag nicht nein sagen und dann ist da wie­der jemand, der mich zu sehr mag und ich nicht und ich kann nichts dage­gen machen, weil ich nicht weh tun will. Ich will nie jeman­dem weh tun und tu dann lie­ber mir weh.

Und irgend­wie ufert das hier grade ein biß­chen aus in mei­nem Kopf. Nur weil ich jetzt offi­zi­ell Teil des Pro­gramms und hil­fe­be­dürf­tig bin. Und weil mor­gen mit der diens­täg­li­chen Frauen-Schwimm­gruppe der erste rich­tige Ter­min ansteht. Und ich jetzt schon wie­der in Krei­sen denke. Wie komme ich da hin? Den Hin­weg schaff ich mit dem Fahr­rad, aber bin ich für den Rück­weg dann noch fit genug nach dem Schwim­men? Eine neue Fahr­karte für den Bus hab ich noch nicht, weil die Soz­i­k­arte noch nicht bean­tragt ist. Okay, ich kann natür­lich auch mal eine Ein­zel­fahrt bezah­len, aber dann muss ich noch ein gan­zes Stück zu Fuß gehen und das schaff ich doch nicht und wann muss ich dann über­haupt los, damit ich auf jeden Fall pünkt­lich bin und ich kenne doch die ande­ren Frauen nicht, das wird ganz furcht­bar! Ich sollte ein­fach nicht hin­ge­hen. Aber dann drück ich mich, wie immer und wie soll ich das erklä­ren, vor allem vor mir selbst, weil ich nie­man­dem aus­ser mir Rechen­schaft schul­dig bin.

Ja, doch, es scheint, als wäre ich ein biß­chen hil­fe­be­dürf­tig. Und das ist erst der Anfang. Wie soll das wei­ter gehen?

Am liebs­ten würde ich einen Ruck­sack mit den wich­tigs­ten Din­gen packen und weg gehen, weit weg, und neu star­ten für die letz­ten zwan­zig Jahre.
Sagt nichts, ich weiß es doch.

Feiertag

Mein Tweet zum heu­ti­gen Feiertag:

Das “Bitte nicht stören”-Schild an die Tür mei­nes Schne­cken­hau­ses hän­gen und dann die nächs­ten Stun­den damit ver­brin­gen, die Geräu­sche der Men­schen um mich herum aus­zu­blen­den.

Aber ich habe Apfel-Rha­bar­ber­ku­chen. Für mich allein.
*Ulrike E.* (@fantasiafragile) 30. Mai 2019

Ich mag die ita­lie­ni­sche Kleinst­fa­mi­lie (Mama, Papa, 2,5-jähriges Kind), die über mir wohnt. Wirk­lich. Also meis­tens jeden­falls. Sie sind super sym­pa­thisch, herz­lich, offen. Sie brin­gen süd­län­di­sche Atmo­sphäre ins Haus, wenn sie sich laut in ihrer Spra­che bei offe­nem Fens­ter in der Küche unter­hal­ten. Ich kann damit leben, dass der Lütte ganz schnell wegen jedem Pups weint kreischt weint. Ich finde es toll, dass der junge Mann Cajón spielt und akzep­tiere, dass er dafür oft eine Stunde übt. (Ich hab hier schließ­lich selbst jah­re­lang Musik gemacht.) Dass Papa und Sohn abends zwi­schen Arbeit und Bett noch ’ne Stunde durch die Woh­nung toben: aber klar doch.

Heute pas­siert aber alles auf ein­mal: Toben, Musik, Geschrei, Trom­mel. Heute sind sie ein­fach nur furcht­bar laut. Oder bin ich über­emp­find­lich? Viel­leicht.
Ich denke auch an die Zeit vor mehr als 30 Jah­ren, als meine Toch­ter in der Woh­nung tobte und der (ältere) Mensch in der Woh­nung unter uns ab und zu rauf brüllte, ob das denn nicht lei­ser ginge. Damals dachte ich, der soll sich doch nicht so anstel­len, Kin­der brau­chen das, dann soll er halt weg­zie­hen etc. Heute ver­stehe ich ihn. Und fühle mich alt, mecke­rig, into­le­rant, weil ich auch so gewor­den bin. Weil ich manch­mal ein­fach meine Ruhe will und kein Gepol­ter über mir mag.

Es reg­net, es ist komisch kalt, die Bal­kon­tür ist zu, ich fühl mich ein­ge­schlos­sen. Raus zu gehen ist bei die­sem Wet­ter und dem Fei­er­tag (Him­mel­fahrt = Vater­tag = grö­lende Män­ner unter­wegs) keine Option.
Aber ich hab Apfel-Rha­bar­ber­ku­chen, für mich allein. Mit Sahne!

Lebenstraum

Wenn ich beschreibe, wie und wo ich am liebs­ten leben würde, dann fällt mir neben “am Meer” und “in einer über­schau­ba­ren Gemein­schaft mit meh­re­ren Genera­tio­nen” immer das Wort “fried­lich” ein.

Darin ent­hal­ten sind: Ruhe - sowohl von der Umge­bung als auch vom Tempo und dem Umgang mit­ein­an­der her -, Gelas­sen­heit, Tole­ranz, Akzep­tanz. Wohl­wol­len. Frei von Angst und Bewer­tung. Die ande­ren neh­men, wie sie sind. 

Ich möchte so gerne in Frie­den leben.

Wenn Gutes Angst macht

Auf den Rat mei­ner The­ra­peu­tin hin habe ich mich Ende letz­ten Jah­res umge­schaut nach ambu­lan­ter Sozi­al­psych­ia­trie (ASP) in Ham­burg und mich rela­tiv schnell für einen Trä­ger (ich nenne ihn hier “OdW”) ent­schie­den. Das ist keine Tages­kli­nik oder sowas, über­haupt nicht zu ver­glei­chen, son­dern eine Anlauf­stelle für Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten / Ein­schrän­kun­gen, die Hilfe vor allem in All­tags­din­gen brau­chen, denen Anspra­che und Kon­takte feh­len, die aus der Iso­la­tion raus wol­len, in die die Krank­heit sie gebracht hat.

Das Erst­ge­spräch mit der dor­ti­gen Lei­te­rin war sehr ange­nehm, wohl­wol­lend, zuge­wandt, das Pro­gramm klang für mich pas­send. Also hab ich bei der Sozi­al­be­hörde einen Antrag auf Kos­ten­über­nahme gestellt. Als Ant­wort gab es erst­mal einen Fra­ge­bo­gen mit gefühl­ten 30tausend Sei­ten, auf denen ich Aus­kunft geben musste über meine Wohn­si­tua­tion, Finan­zen, Fami­lie, Krank­hei­ten, Berufs­lauf­bahn und eigent­lich alles aus mei­nem Leben. Dass sie nicht noch nach dem täg­li­chen Stuhl­gang gefragt haben, war eher ver­wun­der­lich.
Ich hasse es, mich vor Behör­den so nackt zu machen, auch wenn sie spä­ter Gutes tun. Hab auch ent­spre­chend lange gebraucht, das Ding aus­zu­fül­len und eine Frist­ver­län­ge­rung zu bean­tra­gen und es dann 2 Tage vor Schluss end­lich abzugeben. 

Vor eini­gen Tagen war dann also das “Gesamt­pla­nungs­ge­spräch” mit den Mit­ar­bei­te­rin­nen der Behörde. Zu mei­ner inne­ren Sicher­heit konnte ich jeman­den von OdW mit­neh­men, so war ich mit den 3 Frauen nicht alleine.
Und dann ging es von vorne los. Zwei­ein­halb Stun­den Fra­gen beant­wor­ten. Die glei­chen wie im Fra­ge­bo­gen, nur end­los viel aus­führ­li­cher. Wie ver­sor­gen Sie sich? Gehen Sie ein­kau­fen? Wie ist es mit der Kör­per­pflege? Neh­men Sie Medi­ka­mente? Was machen Sie tags­über? Ist das noch im gesun­den Rah­men mit dem Com­pu­ter? (Bei der Frage möchte ich dann immer am liebs­ten aus­ras­ten. Men­schen mei­ner Genera­tion haben anschei­nend noch immer keine Ahnung, dass man damit mehr machen kann als Spiele zu spie­len.) Wie woh­nen Sie, was muss gemacht wer­den? Den­ken Sie aber nicht, dass da jetzt jemand kommt und für Sie Fens­ter putzt! Was sind das für kör­per­li­che Beschwer­den, woher kom­men die und was machen Sie dage­gen? Ach, Sie haben eine Ärz­te­all­er­gie? Dage­gen kön­nen wir was machen. Okay, das letzte haben sie nicht aus­ge­spro­chen, aber in mei­nem Kopf klang das danach. Doch, sie waren nett. Wir haben gescherzt und gelacht, ich hatte einen guten Tag trotz Auf­re­gung und Atem­not und allem. Ich hab mich trotz­dem zwi­schen­durch schreck­lich gefühlt. Nackt. Schul­dig. Und immer wie­der die innere Frage von mir an mich, ob ich nicht simu­liere. Soo schlecht geht’s mir doch nicht, oder?

Alle meine Ant­wor­ten wur­den gewis­sen­haft notiert. Dar­aus ent­steht jetzt ein ich­weiß­nicht­wie­viel-Punkte-Plan, den ich mit mei­ner noch zu bestim­men­den Betreue­rin bei OdW abar­bei­ten darf, um die ver­ein­bar­ten Ziele zu errei­chen, deren Errei­chen in einem hal­ben Jahr wie­der über­prüft wird. Ich hab den Plan noch nicht in Hän­den, aber so etwa sehen die Punkte aus:

  • Woh­nung putzen
  • Schreib­tisch / Papiere aufräumen
  • Gel­der bean­tra­gen und Woh­nung renovieren
  • evtl. Fuß­bo­den restaurieren
  • Bade­zim­mer bar­rie­re­frei machen (keine Ahnung, wie das pas­sie­ren soll)
  • wöchent­lich an 2-3 Grup­pen­an­ge­bo­ten bei OdW teilnehmen
  • Men­schen zu mir ein­la­den, damit ich einen Grund habe zum sau­ber machen
  • Ter­mine machen bei Augenärt­ztin, Zahnärt­ztin, Frauenärtztin
  • am bes­ten sofort wie­der gesund sein, damit ich nie­man­dem mehr zur Last falle und sol­che Gesprä­che nicht mehr füh­ren und mich von nie­man­dem mehr beur­tei­len las­sen muss

Ja, der letzte Punkt stammt wie­der nur von mir. Natür­lich sagt das kei­ner. Natür­lich sind alle so ver­ständ­nis­voll und so empa­thisch und nein, Sie kön­nen ja nichts für Ihre Krank­heit und wir wol­len Ihnen ja nur hel­fen, aber eigent­lich hat kei­ner eine Ahnung wie es einem geht mit dem Scheiß und dass sich jeder Druck von außen in mir drin zu einem uner­füll­ba­ren Druck poten­tiert, so dass ich trotz allem Posi­ti­ven ein­fach nur schrei­end in mein Schne­cken­haus zurück will.

Wie soll ich das denn hin­be­kom­men? Men­schen in meine Woh­nung las­sen, die heil­lo­ses Chaos anrich­ten und meine Sachen anfas­sen und mich nöti­gen wer­den, mein Zeug zu sor­tie­ren und aus­zu­mis­ten und wer räumt das alles hin und her und wie­der ein, wenn ich es doch nicht kann und nie­man­dem ver­traue? Über­haupt vor­her bean­tra­gen, dass mir das jemand bezahlt, ohne dass ich dafür was mache? Das hab ich nicht ver­dient! So bedürf­tig bin ich nicht! Das geht nicht!
Dann das Raus­ge­hen. Grup­pen­an­ge­bote. Fremde Men­schen tref­fen, mich zei­gen, Bewer­tun­gen aus­hal­ten, Ver­trauen ent­ge­gen brin­gen ohne Garan­tie, Gren­zen set­zen, Men­schen aus­hal­ten… Das ist alles zu nah, zu viel, viel zu viel Angst. Ich kann das nicht. Ich sehne mich nach Kon­takt, aber ich kann das nicht.
Und die Ärz­te­ge­schichte kön­nen sie eh ver­ges­sen. Dass ich da zuge­stimmt hab, lag nur daran, dass ich es nicht ableh­nen konnte.
Das ein­zige, wor­auf ich mich freuen würde, ist der Hof mit den The­ra­pie­pfer­den und den ande­ren Vie­chern außer­halb von Ham­burg, aber ich hab keine Ahnung, ob ich da über­haupt hin darf. Ich weiß aller­dings auch nicht, wel­che Vor­aus­set­zun­gen man*frau da erfül­len muss, aber ich geh natür­lich wie immer davon aus, dass ich sie nicht erfülle.

Jede Außen­ste­hende würde die­ses Ange­bot ver­mut­lich mit offe­nen Armen gut­hei­ßen. Jede wird sagen, dass es sooo toll ist, dass ich da Hilfe bekom­men kann, dass ich das anneh­men soll und dass ich doch blöd wäre, wenn ich es nicht mache.
Und ich denke, was bin ich doch blöd, dass ich sol­che Angst davor habe. Dass ich das Gefühl habe, wenn ich 3mal in der Woche da was mache, dass ich dann gar keine Zeit mehr für mich habe. Dass mir das alles viel zu viel ist. Dass da nun end­lich sein kann, was ich mir wün­sche und ich es gleich­zei­tig trotz­dem nicht will.

Mor­gen wird der Anruf kom­men von der Lei­te­rin von OdW, dass wir uns dann ja mal diese Woche zusam­men set­zen und das ganze bespre­chen kön­nen. Einen Plan machen. Eine Bezugs­be­treue­rin aus­su­chen, Ter­mine machen.
Ich hab Bauch­schmer­zen, ich weine, ich lenke mich ab, um nicht dar­über nach­zu­den­ken. Ich hab Angst. Ich kann das nicht. Ich bin nicht mutig.


Aus­nahms­weise ist die Kom­men­tar­funk­tion für die­sen Bei­trag abge­stellt. Ich bin fast immer dank­bar für Auf­mun­te­rung, Mut machende Sätze, soli­da­ri­sche Grüße oder eigene Erfah­run­gen - dies­mal wäre es nicht hilf­reich, solange ich nicht selbst dran glaube. Ich würde mich bedan­ken und es nicht ehr­lich mei­nen, das will ich nicht.


Dialog im Inneren

Ohne dass es mir wirk­lich bewußt wäre, führe ich den Tag über oft Gesprä­che mit einem ima­gi­nä­ren Gegen­über. Nur in Gedan­ken, nicht laut, obwohl ich das ja könnte, schließ­lich lebe ich alleine und es ist kei­ner da, der mir zuhö­ren könnte außer Igor, und die ima­gi­nä­ren Per­so­nen, nun, die reden ja auch nur imaginär.

Jeden­falls rede ich eigent­lich den gan­zen wachen Tag. Aller­dings, das ist mir vor kur­zem mal wie­der bewußt gewor­den, sind es sehr oft Streit­ge­sprä­che, in denen ich mich gegen andere (echte oder ima­gi­näre) Mei­nun­gen ver­tei­dige. Und das ist der eigent­li­che erwäh­nens­werte Punkt, der mich zu der Frage bringt:

Bin ich wirk­lich so zutiefst unsi­cher, dass ich mich per­ma­nent ange­grif­fen fühle? Und vor allem: warum? Denn eigent­lich bin ich doch über­zeugt - nein, nicht von mir als Per­son, aber doch von mei­nen Ansich­ten, mei­ner Sicht­weise und mei­ner Meinung.

Ich glaube daran (wenn Igor nicht zuhört und dazwi­schen­funkt), dass, wenn ich etwas tue, ich es durch­dacht und rich­tig mache. Dass ich ein gutes Gefühl für opti­sche und akus­ti­sche Schön­heit habe. Ich glaube, dass mein Gespür für andere Men­schen und deren Gefühle stark und rich­tig ist. Ich glaube daran, dass meine poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen rich­tig sind. Dass ich die rich­tige Seite ver­trete, wenn ich für Tole­ranz, Gleich­be­rech­ti­gung, Acht­sam­keit und Mit­ein­an­der ein­trete. Ich bin über­zeugt, dass meine Bemü­hun­gen, Depres­sion und andere psy­chi­sche Krank­hei­ten in der Öffent­lich­keit sicht­bar zu machen, sinn­voll und gut sind.

Und eigent­lich bekomme ich zu all die­sen The­men nichts oder nur sel­ten Gegen­tei­li­ges zu hören. Das, was ich mir da in die­sen ima­gi­nä­ren Gesprä­chen aus­male, fin­det so gut wie nie statt. (Wenn doch, dann schmeißt es mich aller­dings völ­lig aus der Bahn. Aber das ist ein ande­res Thema.)

Sind es dann also meine inne­ren Kritiker*innen, mit denen ich da rede? Soll es mir womög­lich hel­fen, Sicher­heit zu fin­den? Oder liegt es doch daran, dass ich immer das Schlimmste erwarte?

(Amt­li­che Brief­um­schläge im Post­kas­ten las­sen mei­nen Herz­schlag aus­set­zen, owohl es in min­des­tens der Hälfte der Fälle irgend­eine Scheiß­wer­bung ist. Aber ich erwarte immer böse Nach­rich­ten á la “Hier ist eine Rech­nung in Höhe von unbe­zahl­bar offen” oder “Sie haben das und das falsch gemacht, bege­ben Sie sich sofort ins Gefäng­nis und gehen Sie nicht über Los”. Oder aktu­ell “Wir haben fest­ge­stellt, dass Sie simu­lie­ren, Sie bekom­men kein Geld mehr und müs­sen sofort in Ihren alten Job zurück”.
Oder: von den lie­ben Bekann­ten, denen ich grade bei einem Pro­jekt helfe, kommt eine Mail und ich denke sofort, dass ich was falsch gemacht habe und sie jetzt total sauer sind und nie wie­der auch nur irgend­ein Wort mit mir spre­chen wer­den. Das trifft natür­lich nicht zu, weil ich nichts falsch gemacht hab und C.&N. wirk­lich unglaub­lich liebe Men­schen sind und ich alles rich­tig gemacht habe, aber ich erwarte es.

Oder: mein Tele­fon klin­gelt, das kann nichts Gutes bedeu­ten.
Nur drei aktu­elle Bei­spiele, wie das aussieht.)

Das sind die Aus­wir­kun­gen, wenn Eltern mit ihrem Kind nicht über das spre­chen, was es gut gemacht, son­dern nur für das bestra­fen, was es in ihren Augen falsch gemacht hat. Das sind die Aus­wir­kun­gen, wenn ein Kind mit einem jäh­zor­ni­gen, gewalt­tä­ti­gen Vater auf­wächst, bei dem es ein­fach immer auf das Schlimmste gefasst sein muss. Dass einem das das Leben zur stän­di­gen Belas­tungs­probe macht, hat damals kei­nen inter­es­siert.
(Dass das ein Leben lang nach­wirkt, hätte ja auch kei­ner ahnen kön­nen… Aber das ist ein neues Streitgespräch.)

Ich habe noch keine wirk­li­che Ant­wort auf die Frage, wie ich diese Unsi­cher­heit und Angst end­lich los werde, aber viel­leicht ist es ein ers­ter Schritt, dass ich mir des­sen bewußt werde, wenn ich mal wie­der mit mir selbst rede.

Positives sehen

Oft ist die Tat­sa­che, dass ich nach län­ge­rem Schwei­gen wie­der Worte finde und sie auch auf­schrei­ben kann, ein Hin­weis dar­auf, dass ich auf dem Weg aus dem Loch her­aus bin. Wenn ich also Glück habe, war das ges­tern der Tief­punkt. Falls doch noch nicht, sitze ich wenigs­tens frisch geduscht da unten.

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