Vergleich oder Meine Krankheit ist weniger wert

In der letzten Zeit hab ich wieder vermehrt zum Thema Depression gelesen. Studien, Reportagen, vor allem Blogs von Menschen mit Depressionen. Abgesehen davon, dass es mich schnell auch mal runter zieht, steht da immer die Frage im Raum:

Ist meine Krankheit genauso viel wert wie die von Anderen? Oder steigere ich mich wiedermal in etwas rein? Kann ich nur nicht los lassen, müsste ich nicht längst gesund sein?

Eine meiner Schwestern ist Borderlinerin, eine zweite hat auch Depressionen, die beiden anderen schleppen ebenfalls an unserer gemeinsamen Familiengeschichte. Sie leben ihr Leben, arbeiten, haben Freund*innen und Familie… bis auf die Mittlere geht es ihnen anscheinend relativ gut.
Warum hab ich immer das Gefühl, dass es mir nicht schlecht gehen darf?

Und dann all die anderen Menschen, die im Vergleich zu mir soviel Schlimmeres erlebt haben und / oder noch andere Krankheiten zusätzlich haben: Wer bin ich schon dagegen? Was ist meine verkorkste Kindheit schon dagegen? Darf es mir trotzdem schlecht gehen?

Warum krieg ich das alles – Selbstbewußtsein und -vertrauen, Optimismus, wirkliche Freude, Akzeptanz meiner/s Selbst… – einfach nicht hin?

Update zum Entzug

Seit 3 Wochen bin ich ohne Citalopram. Die körperlichen Nebenwirkungen sind wohl vorbei, jedenfalls ist das Schwindelgefühl weg, der Magen wieder normal und das Knistern im Kopf nur noch selten vorhanden. Vermutlich hängt das also doch eher mit der Psyche zusammen, denn es taucht immer dann noch auf, wenn ich mich besonders angespannt oder unter Druck fühle. Gleichzeitig wird der Tinnitus lauter, was ja sowieso immer schon Anzeichen für Spannung ist. In den letzten Tagen versuche ich, darauf sehr acht zu geben und immer wieder Entspannungsübungen zu machen. Ja, liebe Schultern, das könnte regelmäßiger passieren, ich weiß.

Deutlich hat sich mein psychischer Zustand verändert: alles fühlt sich klarer an als vorher. Auch wenn es abgedroschen klingt – es ist tatsächlich so, als wäre ich in Watte gepackt gewesen und hätte einen Schleier über mir gehabt und beides ist jetzt weg. Ich bin näher dran an den Emotionen, an den Gedanken, an mir. Die Tränen fließen zwar dadurch auch schneller, aber das stört mich nicht: ich bin eh ’ne sentimentale Kuh *gg*.

Ich bin wirklich froh, dass ich jetzt weg bin von dem Zeug. Es hat geholfen am Anfang, als gar nichts mehr ging, keine Frage. Rückwirkend würde ich es wieder so machen. Aber jetzt ist es gut, ab jetzt geh ICH ALLEINE weiter.

Zu wenig Zeit

Ein sonniger Sommersonntagnachmittag, die Balkontür weit offen, aus meinen Lautsprechern klingt David Fray, der Ravel spielt.

Dabei wird mir bewußt, dass, selbst wenn ich in jeder meiner verbleibenden Minuten Musik hören würde, ich nicht mehr alles hören könnte, was ich noch nicht kenne. Noch nicht eingerechnet ist dabei, dass ich Musik weit mehr als nur einmal höre, wenn sie meine Seele tief berührt.

Ich sollte viel weniger Zeit ohne Musik verbringen.

Allein

In den letzten Tagen bin ich wieder sehr im Thema Depression, sicher auch dank des Entzugs. Ich lese Beiträge auf Twitter und in Blogs, schaue Videos, suche nach Infos.

Heute ein weiterer Film über Menschen mit Depressionen und deren Geschichte. Ich verstehe so vieles, kann es nachvollziehen, fühle mit. Im Hintergrund lauern, das war klar, die Tränen.

Eine junge Frau kämpft mit / gegen ihre Angst, wieder an den Arbeitsplatz zurück zu müssen. Sie probt den Weg dorthin, um die Panik in den Griff zu bekommen. Gibt kurz vor Erreichen des Ziels auf. Ihre Chefin hat es gesehen, kommt auf die Straße um ihr zu helfen, nimmt sie in den Arm.

Das ist der Moment, in dem meine Tränen überfließen.

Ich fühle mich so alleine, allein gelassen. Es gibt keine Hand, keine Schulter, keine Stütze – keinen Menschen in meinem Leben, der einfach da ist für mich. Der nicht helfen will, sondern trösten, zuhören, lachen, weinen, reden, schweigen. Da sein. Dem ich nicht zuviel bin mit meinem Schmerz, meinem Nicht Können, meinen Selbstzweifeln. Der mich mag, nicht „trotz“ und auch nicht „weil“, sondern nur „so“. Der nicht erwartet und nicht geben will um jeden Preis.

Wie schon mein Leben lang bin ich damit allein.

Warten

Manchmal
stehe ich stundenlang
am Fenster
und warte auf einen Menschen
der mich rausholt
aus meinem
Gedanken-Labyrinth

dabei
bin ich doch schon lange da.

(geschrieben am 04.06.1983, noch immer gültig)

Prokrastinationslevel 97 3/4

Ich schiebe.

Schiebe auf, schiebe weg, schiebe hinter etwas, schiebe vor.
Aufgaben, Dinge, Pläne, Pflichten, Gründe:
was auch immer mir in den Weg kommt, wird geschoben.

Als letztes bleibt, mich selbst zu schieben. Wenn ich doch nur wüßte, wohin.
Wenn ich doch nur nicht alles wegschieben würde, was mir helfen würde, das Ziel zu finden.

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