Abwärts

Psy­chisch anstren­gende Wochen lie­gen hin­ter mir. Ich habe äußerst unan­ge­nehme finan­zi­elle Dinge erwach­sen gere­gelt. Mich neuen Situa­tio­nen und Men­schen gestellt. Aus­ge­hal­ten, dass mich etwas sehr wütend und etwas ande­res sehr trau­rig gemacht hat. Von mir aus eine Ver­ab­re­dung getrof­fen und sie ein­ge­hal­ten. Bin jeden Tag auf­ge­stan­den und habe Dinge gemacht, bis ich wie­der ins Bett gehen konnte.

Wie so ein erwach­se­ner Mensch, der ein Leben hat. 

Und jetzt ist die kaputte Bat­te­rie wie­der leer. Seit ein paar Tagen schau ich mir selbst wie­der­mal zu, wie ich abrut­sche. Lang­sam und ste­tig ins dunkle Loch ver­schwinde. Möchte nicht auf­ste­hen, wozu auch. Der mit Hoff­nung und Mut geschrie­bene Wochen­plan: Blöd­sinn. (Wie konnte ich glau­ben, dass ich sowas alleine durch­zie­hen könnte?) Kom­mu­ni­ka­tion ist so anstren­gend. Far­ben suchen im Schwarz oder Weiß sinn­los. Habe Hun­ger, aber mir ist so schlecht vom Essen. Meine Haare tun weh. Alles tut weh. Ich möchte wei­nen und kann nicht, bin inner­lich tro­cken wie Schleif­pa­pier. In ande­ren Momen­ten möchte ich schreien und toben und wütend sein, aber es ist zu anstrengend. 

Ich lerne, es zu akzeptieren.


P.S., haupt­säch­lich für Fami­li­en­mit­glie­der:
Das ist eine Moment­auf­nahme. Es geht auch wie­der vor­bei.
Seit Jah­ren kenne ich es schon, dass ich nach sol­chen anstren­gen­den Zei­ten inner­lich völ­lig leer bin und dann zulasse, dass Igor sich die­sen Raum nimmt. Natür­lich ist das nicht schön. Aber ich kann ruhig blei­ben dabei und zuse­hen, weil ich inzwi­schen weiß, dass es vor­bei geht. Ich mag die­sen Zustand nicht, aber ich kann ihn nicht ändern. Ja, ich habe genug Skills zur Ver­fü­gung, ich weiß, was ich tun könnte, ich brau­che keine neuen Ideen. Nein, es hilft wirk­lich nichts. Ich geh da durch, ich halte aus, ich atme wei­ter, bis ich unten bin, denn unten zu sein heißt auch, wie­der fes­ten Boden unter den Füßen zu haben. Erst dann kann ich den Weg nach oben suchen. Erst dann kann ich wie­der Wör­ter schrei­ben und acht­sam sein und mich akzep­tie­ren und wie­der Far­ben suchen im Schwarzweiß.

Ich ahne, dass Außen­ste­hende das befremd­lich fin­den oder sich Sor­gen machen. Aber ich brau­che und will diese Sor­gen nicht, grade in die­sem Zustand nicht. Genau dann kann ich damit näm­lich erst recht nicht umge­hen, weil ich wirk­lich genug damit zu tun habe, ein­fach nur zu atmen.
Wer etwas tun will, setzt sich (in Gedan­ken und / oder Wor­ten) still neben mich und redet über banale Dinge oder schweigt und strickt dabei Socken. Sonst nichts. (Danke, D.! <3)

Es geht wie­der vorbei.

Und draußen wartet das Leben

Ich bin schon wie­der so müde, so unfass­bar müde und ener­gie­los. Die Tage sind zer­brech­li­che Kon­strukte: funk­ti­ons­fä­hig bis gut, wenn alles nach Plan läuft, aber sofort aus den Fugen, sobald etwas außer­plan­mä­ßi­ges von außen kommt. Eine Sache kann ich dann meis­tens doch irgend­wie hän­deln, wenn ich den Panik­mo­ment hin­ter mir habe - sobald es zwei oder mehr Dinge sind, um die ich mich küm­mern muss, möchte ich mich nur noch verkriechen.

Das Blöde am Allein­sein ist, dass ich auch alles alleine machen musst, ob ich es kann oder nicht. Und die­ses blöde Leben nimmt dar­auf keine Rück­sicht. Es klopft ein­fach an die Haus­tür mei­nes Ichs, ver­langt Auf­merk­sam­keit, geht nicht von alleine wie­der weg. Es war­tet drau­ßen, ich kann es sehen durch die Rit­zen in den Bret­tern, mit denen ich das Fens­ter zuge­na­gelt habe, damit mich drin­nen kei­ner sieht.

Aber mit die­ser ein­ge­schränk­ten Sicht sehe ich eben auch nicht das ganze Drau­ßen. Ich weiß nicht, ob das Pro­blem bären­groß ist oder doch nur käfer­k­lein. Ich weiß nicht, ob noch was hin­ter­her kommt oder ob das eine schon alles ist. Ich weiß auch nicht, ob es da drau­ßen nicht doch irgendwo Hilfe für mich gibt.
Weil ich seit frü­hes­ter Kind­heit gelernt habe, immer mit dem Schlimms­ten zu rech­nen, reagiere ich ent­spre­chend. Vor lau­ter Angst ist alles über­groß und mäch­tig und ich bin nur ein klei­nes Kind, das sich nicht weh­ren kann und auch gar nicht wüßte, wie.

Und wäh­rend das Leben schon ganz behut­sam die Haus­tür zu mei­nem Ich auf­macht und mich ein­lädt, mit ihm zusam­men das Drau­ßen anzu­schauen, bin ich nur damit beschäf­tigt, die ollen Bret­ter vor den Fens­tern abzu­rei­ßen und wie­der dran zu nageln und abzu­rei­ßen und dran zu nageln und kann gar nicht sehen, was da drau­ßen eigent­lich wartet.

Der Plan für mor­gen sieht nach der heu­ti­gen The­ra­pie­stunde also vor, dass ich mein ängst­li­ches klei­nes Kind an die Hand nehme, mit ihr zusam­men zu der Stelle fahre, an der das aktu­elle Pro­blem ange­gan­gen wer­den muss und ihr (und mir) damit zeige, wie wir etwas auf erwach­sene Art lösen kön­nen. Damit sie es lernt und ich viel­leicht irgend­wann meine Panik und meine nega­ti­ven Erwar­tun­gen able­gen kann.

Gute gedank­li­che Beglei­tung nehm ich gerne an…

In Bewegung | Wochenrückblick

Die erste Woche mit den neuen Gewohn­hei­ten ist vor­bei, mehr oder weni­ger erfolg­reich.

Defi­ni­tiv gut ist das regel­mä­ßige Auf­ste­hen zur ziem­lich glei­chen Uhr­zeit und das Medi­tie­ren direkt danach. Im Moment nutze ich die Handy-App “7 Minds” und lasse mich durch den ers­ten Ein­füh­rungs­kurs füh­ren. Das ist gut, weil es Struk­tur gibt und weil ich jeman­den brau­che, der mir erzählt, was ich machen soll. Es sind kurze Übun­gen, jede ca. 10 Minu­ten, die ein­fach erst­mal aufs Atmen und Spü­ren fokus­sie­ren sol­len. Mir hilft das, von den mor­gens oft sehr unru­hi­gen Träu­men in mein waches Ich zu kom­men und gelas­se­ner in den Tag zu starten.

Die Gelas­sen­heit brau­che ich vor allem an den Tagen, an denen es anschlie­ßend auf den Ergo­me­ter geht. Ich hasse die­ses Ding so unsag­bar. Es führt an meine Gren­zen, es zeigt mir so deut­lich, wie wenig ich Kämp­fe­rin bin, es mal­trä­tiert mich. Ich sitze auf dem Rad und starre auf die Kilo­me­ter- und die Zeit­an­zeige und flu­che. Und Igor fletscht die Zähne und knurrt zurück. Es ist nur Druck, Zwang, Kampf - bis ich mein Ziel erreicht habe und sich ganz manch­mal ein ganz klit­ze­klei­nes Gefühl von Macht, von Stolz, von Gewinn zeigt.
In Malente hab ich in der Gruppe die 10 km geschafft und mich gut gefühlt dabei. Da will ich wie­der hin. Heute waren es immer­hin schon wie­der 5 km.

Das ist der Tagesan­fang - alles danach läuft noch nicht, wie ich es mir so schön vor­ge­stellt hatte. Ich ver­schiebe die geplante Arbeit noch viel zu sehr hin und her, lasse andere Dinge dazwi­schen kom­men (auch wenn sie, so wie der Brief und die Blu­men­or­ga­ni­sa­tion zu K.s Beer­di­gung, wich­tig sind) oder bin so müde, dass ich lie­ber schlafe als zu arbei­ten. Den Don­ners­tag als The­ra­pietag frei zu hal­ten ist auf jeden Fall wich­tig und gut, wenn es sich dann aber über den Frei­tag hin­zieht, werd ich unzu­frie­den und gran­tig und mach dann aber erst recht nichts. Daran muss ich arbei­ten, wenn ich wie­der wenigs­tens ein klei­nes Stück zurück in ein Berufs­le­ben will.

Nein, Kämp­fe­rin bin ich nicht. Auch Geduld, Beharr­lich­keit und Aus­dauer waren eigent­lich nie so meins nur dann vor­han­den, wenn mich etwas wirk­lich inter­es­siert hat. Ab hier wird es wie­der kom­pli­ziert: klar will ich das schaf­fen mit dem Wochen­plan, dem Ryth­mus, den Auf­ga­ben. Aber will ich es genug, um über die Hür­den weg zu kom­men, die dazwi­schen lie­gen? Was mache ich in den Flau­ten, wenn es nicht läuft, wenn ich den Wil­len ver­liere? Ich kenne mich, ich weiß, dass diese Pha­sen kom­men. Wie kann ich mich ohne Kampf­geist motivieren?

Meine The­ra­peu­tin sagt: das ist schön, da kommt etwas in Bewe­gung. Und mein ers­ter Reflex ist - obwohl ich es mir selbst aus­ge­sucht habe! - mich unter der Decke ver­ste­cken zu wol­len. Wie kann das sein?

Warum kann ich das Gute nicht zulassen?

Neustart

Ab heute starte ich eine neue Chal­lenge: Regel­mä­ßig­keit in mei­nen All­tag bringen.

Ich werde ver­su­chen - nein: ich werde! an Wochen­ta­gen feste Auf­ga­ben zu fes­ten Zei­ten erle­di­gen. Ins Bett gehen, auf­ste­hen, essen, arbei­ten *), den Ergo­me­ter mal­trä­tie­ren… sowas eben. Es ent­spricht über­haupt nicht mei­nem Natu­rell und ich werde mich zeit­weise ver­mut­lich abgrund­tief dafür has­sen, dass ich mir sowas vor­ge­nom­men habe - aber ich weiß aus allen Kli­nik­zei­ten, dass es gut tut. 

 *) “Arbeit” meint: Schrei­ben / Blog­gen, Web­sei­ten- und Gra­fik­ar­bei­ten für mich und andere, wei­ter­bil­den in mei­nem Beruf, auch wenn ich ihn ver­mut­lich nie offi­zi­ell aus­üben werde. 

Es gibt also einen Wochen­plan (mit der “Arbeit”, den zu schrei­ben, las­sen sich andere Auf­ga­ben übri­gens her­vor­ra­gend pro­kras­ti­nie­ren und es ent­steht ein woh­lig-war­mes Gefühl von “ich hab was getan!”), der auf meine Bedürf­nisse und Mög­lich­kei­ten abge­stimmt ist, der aber auch Her­aus­for­de­run­gen beinhal­tet.
Mor­gen­kaf­fee und Mor­gen­me­di­ta­tion sol­len fes­tes Ritual wer­den, um ruhig und posi­tiv gestimmt den Tag zu begin­nen. Sport ist fest ein­ge­plant, aber es wird kein Rad-Mara­thon von 0 auf 100, son­dern ein sanf­ter Wie­der­ein­stieg. Der Don­ners­tag als The­ra­pietag bleibt - abge­se­hen vom Mor­gen­ri­tual - mein freier Tag, weil ich nie weiß, wie es mir danach geht.
Feste Arbeits­zei­ten sol­len mir hel­fen, Kon­zen­tra­tion und Aus­dauer wie­der zu ler­nen. Die Arbeit soll bewir­ken, dass ich mein Selbst­wert­ge­fühl wie­der raus­krame und neu auf­baue und dass ich nicht aus der Übung komme.

In der Gemein­schaft in Malente war es nach einer kur­zen Ein­ge­wöh­nungs­zeit rela­tiv leicht, mich an den fes­ten Plan zu hal­ten - ob ich das auch alleine schaffe? 

Memento mori

Bedenke, dass wir sterb­lich sind. Wenn du zu lange brauchst, um eine Ent­schei­dung zu tref­fen, kann es sein, dass das Leben dir die Ent­schei­dung abnimmt. 

Letz­ten Don­ners­tag habe ich in der The­ra­pie von mei­nen Paten­el­tern P. & K. erzählt, die in mei­ner Kind­heit eine wich­tige Rolle gespielt haben. Ich habe sie geliebt, geach­tet und gefürch­tet. Sie waren streng wie meine eige­nen Eltern - so streng, wie Eltern eben waren in den 1960ern - aber bei ihnen war trotz­dem immer auch die Liebe zu spü­ren, zu ihren eige­nen wie zu ihren vie­len Paten­kin­dern. Das, was ich bei mei­nen Eltern ver­misst habe, fand ich bei ihnen, wenn ich in den Ferien zu Besuch war. Obwohl ich auch dort immer nur ein Kind unter vie­len war, wurde ich gese­hen und gehört.

Wenn ich an die bei­den denke, kom­men so viele Erin­ne­run­gen her­vor. Der Geruch nach altem Haus und noch älte­rem, kal­tem, muf­fi­gem Kel­ler, wo die Glä­ser mit den ein­ge­mach­ten Köst­lich­kei­ten aus dem Gar­ten stan­den.
Die Holz­treppe mit dem schö­nen Gelän­der, die so laut geknarzt hat, dass man sich nie unent­deckt aus dem Haus schlei­chen konnte.
Die Oma und die “Tante”, die auch im Haus wohn­ten und fast ihre ganze Lebens­zeit in der Küche ver­brach­ten, wo sie Sachen koch­ten und buken, von denen ich zuhause nicht­mal träu­men konnte. (Pfitz­auf! Milch­reis mit Äpfeln und Zimt als Mit­tag­essen! Nudeln, Klöße, Fleisch mit Soße, typisch schwä­bisch - selbst die Kar­tof­feln schmeck­ten. Men­schen, die mich ken­nen, wis­sen was das heißt.)
Him­bee­ren, Erd­bee­ren, Johan­nis­bee­ren direkt vom Strauch in den Mund. Es gibt kaum etwas köst­li­che­res.
Mit der gan­zen gro­ßen Fami­lie ins “Gütle” fah­ren und die Obst­bäume abern­ten. Als voll­wer­ti­ges Mit­glied ange­se­hen wer­den und Ach­tung erfah­ren.
Meine ers­ten Zöpfe, die K. mir gefloch­ten und damit auch für zuhause den ver­hass­ten Pfer­de­schwanz abg­schafft hat.
Musik, die von über­all klingt und mit Freude und Lachen ver­bun­den ist und nicht - wie zuhause - mit Pflicht und Zwang und Ohr­fei­gen.
P., wenn er das Kla­vier stimmt und zufrie­den lacht, wenn es passt.
K., die mich ganz fest in ihrem Arm hält und trös­tet, wenn ich mich alleine fühle.
Und: end­lich mal nicht mit den Schwes­tern tei­len müs­sen. Für die bei­den Söhne die große Schwes­ter sein dürfen.

Aber auch P., der fast immer laut und grob ist, ob er lacht oder schimpft, und mir damit Angst macht. Der mir so glaub­haft erzählt, dass die Fische im Natur­schwimm­bad meine Zehen anknab­bern, dass ich heute noch Angst habe, im See oder im Meer zu schwim­men. Bei dem dank sei­ner reli­giö­sen Über­zeu­gung nicht sein kann, was nicht sein darf. Der gese­hen hat, was mein Vater tat und (auch) nicht ein­ge­schrit­ten ist. Der ihn noch dann ver­tei­digt und ent­schul­digt, als er schon wußte, was das mit uns Schwes­tern gemacht hat. Der nicht ernst neh­men kann, was “nur” auf der Seele sicht­bar ist. Und K., die dazu schweigt.

Als ich 2013 in der Cadu­ceus­kli­nik anfing, mich mit den Taten mei­nes Vaters aus­ein­an­der zu set­zen, lan­dete ich auch bei P. & K. als Teil der Ver­gan­gen­heit. Irgend­wann wurde mir klar, dass ich, wenn ich diese Zeit hin­ter mir las­sen will, auch Kon­takte von damals abbre­chen muss, weil sie sonst immer wie­der alles von neuem her­vor holen.
Ich habe ein­mal ver­sucht, mit P. zu reden über all das, aber nur Unver­ständ­nis oder Bibel­sprü­che zu hören bekom­men. Das brauchte ich nicht noch­mal. Die jähr­li­chen Glück­wün­sche zu mei­nem Geburts­tag hat dann der Anruf­be­ant­wor­ter auf­ge­nom­men; ich konnte nicht mehr mit ihnen spre­chen. Den­noch gibt es einen Platz in mei­nem Her­zen, ganz tief innen, an dem sie fest ver­wur­zelt sind.

Letz­ten Don­ners­tag habe ich in der The­ra­pie über die bei­den gespro­chen und dar­über, dass ich all die Jahre immer vor hatte, ihnen einen Brief zu schrei­ben und das alles zu erklä­ren. Letz­ten Don­ners­tag ist K. gestorben.

Wenn du zu lange brauchst, um etwas in die Tat umzu­set­zen, trifft das Leben manch­mal selbst eine Entscheidung.

Alptraumnacht

Dass mir das so nach­ge­hen würde, dass ich gleich zwei­mal in der Nacht aus Alp­träu­men auf­wa­che, hätte ich nicht erwar­tet, als ich ges­tern “mal eben schnell” ein paar Sätze aus mei­ner Kind­heit bei Twit­ter schrieb.

#SagNie­Ei­nem­Kind “Sei doch nicht immer so bockig”, wenn es doch nur ver­sucht, sich gegen die Schläge und die Über­griffe des Erzeu­gers zu schützen. 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Willst du jetzt wie­der lieb sein?”, nach­dem du es 2 Stun­den in sei­nem Zim­mer alleine hast wei­nen las­sen, weil es ver­geb­lich ver­sucht hat, gehört zu wer­den und darum laut wurde. 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Es wird geges­sen, was auf den Tisch kommt” und stell ihr*m abends das kalte Essen wie­der hin, was am Mit­tag schon furcht­bar schmeckte (und stopf dich dann selbst voll mit Süßkram). 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Stell dich nicht so an”, wenn es doch nur vor­sich­tig um Hilfe bit­tet, weil es alleine mit etwas nicht klar kommt. 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Ich hab dich nicht mehr lieb”, weil es aus Ver­se­hen beim Spie­len etwas kaputt gemacht hat. 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Nimm dir ein Bei­spiel an dei­nen Geschwis­tern”, nur weil die älter sind und schon kön­nen, was das Kleine noch nicht kann. 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Das schaffst du nie, du bist ein­fach zu dumm dafür”, nur weil es für eine Sache kein Talent oder kein Inter­esse hat. 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Mach du mir nicht auch noch Pro­bleme”, nur weil es die ganze Scheisse in der Fami­lie nicht mehr erträgt und darum *auf­fäl­lig* wird. 

#SagNie­Ei­nem­Kind “Du stu­dierst xy, dar­über wird nicht dis­ku­tiert”, nur weil du es nicht durf­test und dein Kind jetzt stell­ver­tre­tend deine Träume leben muss. 

Aber da kamen sie dann ange­schli­chen in die Nacht, die Gestal­ten, die mich gegen mei­nen Wil­len fest hiel­ten, die Feuer leg­ten, mich aus dem Fens­ter war­fen und mein Zuhause zer­stör­ten.
Die Angst lag den gan­zen Tag noch wie ein Tuch auf mei­ner Schulter.

So lange kön­nen sol­che Sätze nach­hal­len, trotz The­ra­pie und aller Arbeit an mir selbst. Und auch wenn ich sie heute nicht mehr glaube (oder zumin­dest meis­tens glaube, dass ich das nicht mehr tu), schmei­ßen sie mich so geballt auf einem Hau­fen doch mal eben in die Ecke. Dabei sind es noch lange nicht alle Sätze…

Aber es gab kurz vor dem Schlaf auch eine plötz­li­che Erkennt­nis zu einem Thema, das mich schon lange schwer beschäf­tigt, die mich hof­fent­lich wei­ter bringt. Dazu ein ande­res Mal mehr.

Von alten und neuen Mustern

Ich denke, dass fast alles, was wir als Erwach­sene (unbe­wußt) tun, auf Mus­tern beruht, die wir als Kin­der in unse­rem Lebens­um­feld gelernt haben. Ob wir sie Mus­ter nen­nen oder Glau­bens­sätze oder ganz anders, ist nicht wich­tig dabei.
Es sind die Erkennt­nisse, die wir aus nega­ti­ven und posi­ti­ven Erleb­nis­sen zie­hen: “wenn das oder das pas­siert, ver­halte ich mich am bes­ten so und so” oder umge­dreht: “damit das oder das nicht pas­sie­ren kann, ver­halte ich mich so und so”. Selbst wenn wir uns damit scha­den, ist es ein­fa­cher, an den Mus­tern fest zu hal­ten: weil sie ver­traut sind, weil wir wis­sen, was pas­siert. Weil alles Neue oft erst­mal auch Angst macht.
Um die Mus­ter ändern, neu malen zu kön­nen - oder um uns dafür zu ent­schei­den, sie bei­zu­be­hal­ten, weil sie rich­tig sind - müs­sen wir sie erken­nen und von allen Sei­ten begu­cken. Wie sind sie ent­stan­den, wie haben sie sich ver­fes­tigt, an was hin­dern sie mich bis heute? Aber auch - und das fällt mir beson­ders schwer - wo haben sie mir even­tu­ell Schutz gege­ben bis jetzt?

Von mei­ner Mut­ter z.B. habe ich gelernt, nicht zu sehr zu lie­ben, denn der*die andere geht ja doch wie­der. Das habe ich unbe­wußt auf­ge­so­gen und in mei­nen eige­nen Bezie­hun­gen zu mei­nem eige­nen fes­ten Mus­ter ver­webt. Es hin­dert mich zwar bis heute daran, mich auf Men­schen wirk­lich ein­zu­las­sen oder ihnen zu ver­trauen, aber es schützt mich natür­lich auch vor Ent­täu­schung.

Die Frage ist: brau­che ich das Mus­ter heute noch? Gibt es die “Bedro­hung” noch oder ist es eine selbst­er­fül­lende Pro­phe­zei­ung?
Wenn ich mich gar nicht erst auf andere Men­schen ein­lasse oder sie auf­grund mei­ner Mus­ter von mir weg­stoße (wie ich das lei­der immer wie­der mache), werde ich nie erfah­ren, ob sie nicht viel­leicht doch von sich aus geblie­ben wären.
Wenn ich angst­ma­chende Situa­tio­nen immer ver­meide, werde ich nie wis­sen, ob die Angst begrün­det war oder ob ich nicht doch in der Lage bin, sie zu überwinden.

Einige andere mei­ner Glau­bens­sätze gehö­ren zusam­men: “Stell dich nicht in den Mit­tel­punkt!” - “Du bist selbst Schuld, wenn du nichts bekommst / etwas nicht geklappt hat” - “Mach du nicht auch noch Pro­bleme!” - “Kin­der mit ’nem Wil­len krie­gen was auf die Bril­len!”
Was aus ihnen folgt, ist ein neuer Glau­bens­satz: “Ich bin nicht wich­tig, ich stehe für nie­man­den an ers­ter Stelle, ich bin immer nur 2te, 3te, 4te… Wahl.” und die Über­zeu­gung, dass ich es nicht wert bin und nicht ver­dient habe, geliebt zu werden.

Diese alten Mus­ter sind so ver­dammt über­zeu­gend und sie kämp­fen so hart­nä­ckig in mir ums Über­le­ben, dass es wahn­sin­nig viel Kraft kos­tet, sie aus mir zu ent­fer­nen. Ich wünschte, sie wür­den sich ein­fach mit regel­mä­ßi­ger Medi­ta­tion oder ein paar Stun­den Ergo­the­ra­pie über­ma­len las­sen. Ich wünschte so sehr, ich könnte sie ein­fach aus­knip­sen und die neuen Gedan­ken anneh­men, von denen ich weiß, dass sie rich­tig und bes­ser sind für mich. Aber so unge­übt wie ich im Malen bin, so unge­übt bin ich auch immer noch darin, mich zu akzep­tie­ren und wohl­wol­lend anzu­neh­men in all mei­ner Unzu­läng­lich­keit. Die neuen Mus­ter sind immer noch nur im Kopf und fin­den schwer den Weg nach drau­ßen in mein Leben.

Viel­leicht hilft (mir) das Schrei­ben darüber.

Ambivalenz oder Das ewige Hin und Her der Gefühle

Schwarz-weiß oder Farbe? Drauf los gehen oder flüch­ten? Risiko oder Sicher­heit? Höhle oder Bühne? Das Dilemma mei­nes Lebens: ich kann mich nicht ent­schei­den, was ich will, was bes­ser für mich ist, womit ich mich woh­ler fühle.

Bei man­chen Din­gen im nor­ma­len All­tag ist das kein Pro­blem. Ich kann bei der h-moll Messe von Bach genauso wei­nen wie bei Dark Side of the Moon. Ich mag Scho­ko­lade genauso gern wie Toma­ten­soße mit viel Knob­lauch zu den Spa­ghetti. Ich bin eine Nacht­eule und genieße die Son­nen­tage. Ich liebe die Hitze in Por­tu­gal und möchte wahn­sin­nig gerne mal nach Alaska.

Bei all dem muss ich mich jedoch nicht zwin­gend für eins ent­schei­den: bei­des ist jeweils mög­lich, das macht es rela­tiv ein­fach. Schwie­rig wird es, wenn sich die Bedürf­nisse wider­spre­chen. Denn auch das trifft zu:

Ich bin eine men­sche­neue Ein­sied­le­rin mit Sehn­sucht nach Gesell­schaft. Ich suche Aner­ken­nung von ande­ren und bleibe doch lie­ber im dunk­len Hin­ter­grund. Ich möchte gese­hen wer­den und schäme mich für alles, was ich bin. Ich habe Angst vor der Liebe und wün­sche mir nichts mehr als einen Part­ner an mei­ner Seite. Ich will mich nicht lösen von den alten Mus­tern aus der Kind­heit und ver­ab­scheue sie gleich­zei­tig zutiefst, weil sie mich hin­dern, die Ver­gan­gen­heit los zu lassen.

Manch­mal zer­reißt es mich fast zwi­schen die­sen Gegen­sät­zen. Denn da gibt es kein “Bei­des”, kein Hin und Her und kein “heute so und mor­gen anders”. Es gibt nur ein Ent­we­der - Oder. Reden oder schwei­gen, ein­sam oder mit ande­ren, hell oder dun­kel. Aber weil ich mich nicht ent­schei­den kann, stehe ich in der grauen Mitte. Bin ein­sam und sehne mich, rede nicht, lache nicht, fühle nicht mehr.

Wie kann ich ler­nen, mit die­ser Ambi­va­lenz mei­ner Gefühle umzu­ge­hen? Wie kann ich ler­nen, mich zu ent­schei­den? Muss ich das über­haupt? Wird es wirk­lich leich­ter, wenn ich eine Wahl treffe?

C. G. Jung bezeich­nete die “…Fähig­keit, das Wider­sprüch­li­che der eige­nen Per­sön­lich­keit zu erken­nen, anzu­neh­men und zu beja­hen als wesent­li­ches Ziel des mensch­li­chen Reifungsprozesses.” *)

Ich fürchte, davon bin ich noch Mei­len ent­fernt. Wie geht es Euch damit?


*) Quelle: BR, Sen­de­reihe zum Thema Ambi­va­lenz mit vie­len guten, kur­zen Artikeln

Eigenlob tut gut

Mein Rücken tut sau­weh, die Seh­nen­schei­den­ent­zün­dung im Fuß zeigt vehe­ment, dass sie immer da ist, der Tin­ni­tus piept im Kopf wie blöd. Kör­per­lich geht’s mir heute rich­tig mies, zudem bin ich men­tal aus­ge­laugt und hun­de­müde - und doch hab ich vor­hin meine Stim­mung auf der App mit “gut” = 2 von 5 angegeben.

Weil ich heute mor­gen mit Voll­dampf und ohne nach­zu­den­ken gegen meine Angst und drü­ber raus gerannt bin. Weil ich die Heul­krämpfe und Panik­at­ta­cken der letz­ten Wochen für einen Moment igno­riert und den einen Anruf erle­digt hab. 

Und weil ich Igor danach ver­bo­ten habe, Sätze zu sagen wie: “siehste, geht ja doch, wenn du nur willst”, “und, jetzt geht’s dir bes­ser, oder? Hab ich dir doch gleich gesagt!” und “aber vor­her so’n Dings draus machen, typisch du”, die mir alles nur wie­der klein gemacht hätten.

Statt des­sen war ich erleich­tert. Nichts sonst. Nicht stolz, nicht mutig, nicht über­zeugt, son­dern ein­fach nur erleich­tert. Und manch­mal reicht das auch. Dafür gibt es heute ein Lob, von mir für mich. Und ein “GUT” in der Stimmungs-App.

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