Ein gutes, volles Jahr

Eigent­lich wollte ich die­ses Mal einen aus­führ­li­chen Jah­res­rück­blick schrei­ben, so rich­tig für jeden Monat und mit Fotos und so. Auch über die Wochen in Malente und die The­ra­pien wollte ich schrei­ben, bevor alles aus dem Gedächt­nis ver­schwun­den ist. Und über­haupt schrei­ben, öfter. Die Zeit wäre auch da gewe­sen, weil ich seit inzwi­schen 10 Tagen ter­min­frei habe und nur zuhause bin. Und dann fehlte die Lust, die Ener­gie, die Moti­va­tion. Seit dem Som­mer war ich (für meine Ver­hält­nisse) durch­gän­gig so aktiv, dass ich mich nur noch nach Ruhe und Nichts­tun sehnte - und das hab ich mir dann auch gegönnt. Spät (sehr spät) ins Bett, lange schla­fen, lange früh­stü­cken, lesen, rum­gam­meln, schla­fen, essen, gam­meln und am nächs­ten Tag von vorne. Das war echt so nötig. Jetzt ist nur die Frage, wie ich wie­der in den nor­ma­len Rhyth­mus finde …

Aber bevor hier nun gar kein Rück­blick kommt, kram ich wie­der die bekann­ten Fra­gen raus und schreib wenigs­tens ein biß­chen was. Für das andere hab ich ja noch Zeit.


15 Fragen für einen persönlichen Jahresrückblick

(Dis­clai­mer: Die Fra­gen sind teil­weise durch die bekann­ten Fra­ge­bö­gen von Max Frisch und Mar­cel Proust inspiriert.)

  1. Wofür bist du dankbar?

Für Malente. Dass es die­ses Jahr geklappt hat, dass ich zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort war, wun­der­bare Men­schen getrof­fen und uner­mess­lich viel gelernt habe, das ich anwen­den kann. Es war ein­fach perfekt.

Dank­bar bin ich auch immer wie­der für die ande­ren Men­schen in mei­nem Umfeld, die mich stär­ken und stüt­zen und denen ich etwas bedeute (ja, das zu erken­nen und anzu­neh­men hab ich auch die­ses Jahr gelernt). Sie sind mein sozia­les Netz, auf das ich mich ver­las­sen kann.

Außer­dem bin ich mei­ner The­ra­peu­tin dank­bar, die mich seit 2018 mit unend­lich viel Geduld und Herz­wärme über alle Berge und durch alle Täler beglei­tet hat. Auch wenn ich die meiste Arbeit geleis­tet hab, hat sie mir doch den Raum gege­ben, in dem ich den­ken, for­mu­lie­ren, erken­nen, wei­nen, lachen, wütend sein, ler­nen und wach­sen konnte. Mit ihr zusam­men hab ich die Sicher­heit gefun­den, dass ich ab jetzt ohne sie wei­ter gehen kann.

  1. Was war in die­sem Jahr deine Lieblingsbeschäftigung?

For­mu­lare aus­fül­len.
Haha, nein, natür­lich nicht. Es musste trotz­dem sein für alles mög­li­che. Unter ande­rem weil ich ab mor­gen Rent­ne­rin bin, was sich finan­zi­ell lei­der nicht bemerk­bar macht, aber wenigs­tens bin ich nicht mehr vom Job­cen­ter abhängig.

  1. Was war dein größ­ter Fehler?

Nicht alles war gut, aber rich­tig falsch war nichts.

  1. Wann warst du glücklich?

Wenn es schöne Begeg­nun­gen mit den Men­schen von Frage 1 gab - und wenn ich danach wie­der allein war.
Als ich gemerkt habe, wie die Erkennt­nisse aus acht Jah­ren ambu­lan­ter The­ra­pie und denen in Malente zu wir­ken anfin­gen und ich immer auf­rech­ter, kla­rer und ruhi­ger wurde.
Drau­ßen in der Natur.
Als ich mein gedruck­tes Gedicht­buch aus­ge­packt hab.

  1. Warum hast du das nicht öfter gemacht?

Das mit dem Drau­ßen hätte ich wirk­lich öfter machen sol­len, auch wenn der olle Kör­per “och nö” sagte. Alles andere war, wie es war und hält an.

  1. Was hat sich verändert?

Alles. Ich.
Igor ist jetzt ein stol­zer Assistenzhund.

  1. Wor­auf bist du stolz?

Auf mich.

  1. Wer waren in die­sem Jahr die 3 wich­tigs­ten Men­schen für dich?

Die Toch­ter, Freun­din D. und die The­ra­peu­tin. Direkt dahin­ter alle aus Frage 1.

  1. Wis­sen diese Men­schen das?

Ja.

  1. Mit wem hät­test du gern mehr Zeit verbracht?

Mit Freun­din B. und der Katze. Mit den Therapeut:innen in Malente.

  1. Und mit wem weniger?

Mit Behör­den und For­mu­la­ren. Ich hasse es, das ändert sich nicht.

  1. Was hast du zum ers­ten Mal gemacht?

Ich war Anfang Februar seit min­des­tens 20 Jah­ren das erste Mal wie­der auf einer Demo und kurz danach gleich noch­mal.
Außer­dem hab ich große Män­ner ange­brüllt *ggg*, Sport gut gefun­den, mich selbst als schön gese­hen und einen Teil mei­ner Gedichte ver­öf­fent­licht dru­cken lassen.

  1. Magst du dein Leben?

Es gibt noch Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten, aber ja, meis­tens schon.

  1. Was sind die drei wich­tigs­ten Dinge, die du in die­sem Jahr gelernt hast?

Woher meine Wut kommt und dass ich sie selbst regu­lie­ren kann. Dass ich nicht mehr hilf­los aus­hal­ten muss.
Dass Sport gut tun kann.
Dass ich für mich an ers­ter Stelle ste­hen darf. Ich nehme des­halb nie­mand ande­rem etwas weg.

  1. Mit wel­chem Satz lässt sich dein Jahr zusammenfassen?

Ich darf jetzt ern­ten, was ich in den Jah­ren vor­her mit har­ter Arbeit gesät habe.

Igors Beförderung

Mei­nen schwar­zen Hund Igor hab ich hier ja schon sehr oft erwähnt. Vor­ge­stellt hab ich ihn auch schon­mal, sogar mit Foto - und einer War­nung, weil er wirk­lich rich­tig häss­lich ist.
Sehr lange hat er mich beglei­tet, mich genervt, gestört, von ganz vie­lem abge­hal­ten, weil er sich immer wie­der so breit und schwer gemacht hat auf mir. Keine Ahnung, wie oft ich ihn vor die Tür gesetzt hab und wie oft er wie­der kam, immer unge­be­ten. Stand vor mir, kläffte mich an, lief mir zwi­schen die Füße, so dass ich über ihn stol­perte und auf den Boden fiel. Dann kam er zwar und ver­suchte zu trös­ten, aber er stank ein­fach nach nas­sem Fell und altem Fisch und war keine Hilfe. Das ein­zig Gute an ihm war, dass ich mir meine Depres­sion bild­lich vor­stel­len konnte und Bil­der hel­fen mir ja so gut wie immer.

Irgend­wann im Lauf der The­ra­pien hab ich gelernt, mit ihm umzu­ge­hen. Ich wurde stär­ker, ich fing an, Nein zu sagen zu vie­lem, was mir nicht gut tat - auch zu Igor. Anfangs schickte ich ihn zurück in sein Körb­chen, wenn er wie­der auf­dring­lich wurde. Dann schmiss ich ihn wirk­lich raus und ver­bar­ri­ka­dierte meine Tür. Er kam trotz­dem wie­der. Und so lang­sam begriff ich, dass er ein­fach zu mir gehört, dass er immer da sein wird an mei­ner Seite. Noch eine ganze Weile spä­ter ver­stand ich, dass er mir gar nichts Böses tun will.
Er will mich nicht ersti­cken, wenn er nachts auf mei­nem Brust­korb liegt: er wärmt mich. Er will mich nicht zu Fall brin­gen, wenn er um mich herum wuselt: er will, dass ich ste­hen bleibe und inne halte, dass ich auf­passe. Er will mich nicht stö­ren und ärgern, wenn er mit sei­nem Gebell alle meine Gedan­ken stört: er will, dass ich rich­tig hin­schaue, wo es grade wirk­lich hakt. Er ist kein Hin­der­nis, son­dern ein Mah­ner und Auf­pas­ser. Er zeigt mir, dass etwas nicht stimmt, wenn ich es noch gar nicht merke. Er weiß, wo der Weg schwie­rig wird und führt mich durch. Und wenn ich doch gestürzt bin, fällt er mit ins Loch und war­tet gedul­dig, bis ich soweit bin, um raus zu klet­tern. Er ist mein ste­ti­ger und treuer Beglei­ter geworden.

Jetzt ist die Zeit gekom­men, ihn offi­zi­ell und aus­drück­lich zu mei­nem Assis­tenz­hund zu beför­dern und ihm außer­dem ein Make-Over zu spen­die­ren, damit er nicht mehr so furcht­erre­gend und herz­zer­bre­chend aus­sieht.
Ich darf also vor­stel­len: der neue Igor. Ja, er ist schon etwas älter, hat graue Haare und rennt nicht mehr so schnell. Aber damit sind wir uns so ähn­lich, dass wir bes­tens zuein­an­der passen.

(Schon klar, dass das nicht echt mein Hund ist, oder? Aber er ent­spricht mei­ner Vor­stel­lung. Und noch dazu erin­nert er mich an meine Hün­din Josi, die 14 Jahre bei mir war, lange vor der Depression.)

Zur Wiedervorlage bei Bedarf

Ich bin nicht per­fekt und muss es auch nicht sein. (Nie­mand ist per­fekt!)
Ich darf Feh­ler machen.
Ich darf mir so viel Zeit neh­men und las­sen, wie ich brau­che.
Ich habe ein Recht auf meine Gefühle. Was ich fühle, ist rich­tig, weil ich es fühle.
Ich muss nicht lieb sein, nur um zu gefallen.

In mei­nem nahen Umfeld gibt es nie­man­den mehr, der:die mir nicht wohl geson­nen ist, mich ver­än­dern will, mich nicht akzep­tiert wie ich bin. Die Sätze, die mich abwer­ten und klein machen, exis­tie­ren nur noch in mei­nem Kopf - die Men­schen, die sie zu mir gesagt haben, sind längst nicht mehr da. Nie­mand hat das Recht, mich abzu­wer­ten und klein zu machen, erst recht nicht ich selbst. Die Ver­gan­gen­heit ist vor­bei, was heute zählt, bin ich.

Ich habe einen Wert. Ich bin wert­voll. Ich bin es mir wert. Ich bin mir etwas wert.
Ich darf an mich glau­ben. Ich darf ande­ren glau­ben, die an mich glau­ben. Ich darf anneh­men, dass ich gemocht und geschätzt werde.

Ich bin erwach­sen. Ich weiß, was ich will.
Ich bin, wie ich bin. Ich bin jemand. Ich bin rich­tig so.

Die Erlaubnis zu trauern

Vor kur­zem sagte ich zu mei­ner The­ra­peu­tin, ich hätte gerne meine Depres­sion zurück, weil sich das mit der Ess­stö­rung und allem drum herum im Ver­gleich dazu so schwie­rig anfühlt. Ich hätte es nicht sagen sol­len. Ess­stö­rung mit depres­si­ver Phase ist noch blö­der als ohne.

Ein Grund für das gegen­wär­tige Loch ist wahr­schein­lich, dass ich mir das Trau­ern nicht erlaube. Ich bin doch schon seit 6 Wochen wie­der zuhause, lang­sam muss es doch mal gut sein mit der Trau­rig­keit dar­über, dass ich nicht mehr in Malente bin. Aber es ist eben so: ich bin trau­rig. Neben allem glück­lich sein über das was war, feh­len mir ein paar bestimmte Dinge und Men­schen so sehr. Das Wis­sen, dass ich das nie wie­der erle­ben und sie nie wie­der sehen werde, weil das eben eine ein­ma­lige Sache war: das macht trau­rig. Ich kann das nicht ein­fach weg­ste­cken, ich muss auch das aus­hal­ten und abwar­ten, bis es weni­ger wird. Vor allem aber darf ich es mir erlauben. 

Was mir am meis­ten fehlt grade, sind die inten­si­ven Gesprä­che in den DBT Stun­den mit den Mitpatient:innen und der Input von Herrn S., dem Psy­cho­the­ra­peu­ten. Nach­den­ken über sich selbst, Emo­tio­nen ana­ly­sie­ren, Unbe­wuß­tem auf die Spur kom­men, Ver­än­de­rung pro­bie­ren: das alles geht leich­ter, wenn man nicht alleine ist damit. Wenn Feed­back kommt von jeman­dem, der sich aus­kennt oder von ande­ren, die es auch ken­nen und tun.
(Und ja, ich geb es zu, auch Herr S. selbst fehlt mir, als Mensch. Wie gerne würde ich mich mit ihm wei­ter unter­hal­ten, nicht nur über Psy­cho­sa­chen. Ich glaube, wir hät­ten uns viel zu sagen.)
Zum ande­ren sind es die Stun­den mit der Kör­per­the­ra­peu­tin, weil ich da so sehr bei mir und in mir war, wie ich es hier zuhause nicht schaffe. Ich war so stark, so gelas­sen und ruhig in Malente. Ich fühlte mich schön (!), seit so lan­ger Zeit wie­der. Ges­tern, als ich von der Phy­sio raus kam und auf die Straße ging, konnte ich es für einen Moment wie­der füh­len. War in mei­nem Kör­per zuhause. Ging auf­recht, war leicht. Und dann war der Moment wie­der weg und ich wie­der voll mit allen Zwei­feln. Werde ich das je schaf­fen? Was bin ich mir selbst wert, hab ich einen Wert, kann ich mich so wert­schät­zen, dass ich mich wirk­lich gut um mich küm­mern kann? Und kann ich auch irgend­wann mei­nen Kör­per schät­zen und womög­lich sogar mögen?

Des­we­gen der Ver­gleich mit Depres­sion und Ess­stö­rung. Die Depres­sion fin­det in mir statt, in mei­nen Gedan­ken, Gefüh­len und Erin­ne­run­gen. Damit kenn ich mich aus, da bin ich ich, da mag ich mich sogar. Aber die Ess­stö­rung hat dazu die kör­per­li­che Seite und die hab ich fast das ganze Leben aus­ge­blen­det, weil sie zu nega­tiv belas­tet war/ ist.
Viel­leicht fühlt es sich aber auch nur so an, weil ich mich das erste Mal wirk­lich damit beschäf­tige. Die Depres­sion war am Anfang und für viele Jahre ja auch schwer, der Weg bis da, wo ich jetzt bin, hart und stei­nig. Ich will nur nicht noch­mal 10 Jahre oder mehr für die Ess-/ Kör­per­ge­schichte brau­chen. Ich will nicht mehr lei­den, ich will leben. Ich will end­lich gut mit mir sein kön­nen, über andere Dinge nach­den­ken, tun kön­nen. Und ich will, dass es län­ger als nur einen Moment anhält.

Aber jetzt, jetzt grade bin ich trau­rig, weil ver­gan­gen ist, was gut war. Weil die Erin­ne­rung daran noch nicht alleine reicht.

Wenn die eigenen Phänomene einen Namen bekommen

Ziem­lich oft schon hab ich hier geschrie­ben, dass ich schlechte, ver­rückte, wirre und vor allem anstren­gende Träume hatte. Heute war im Blog von Maxi­mi­lian Bud­den­bohm ein Link zu einem Bei­trag im Deutsch­land­funk über ver­schie­dene Schlaf­phä­no­mene, von denen ich zwei ziem­lich gut kenne. Ich weiß jetzt, dass diese Träume nicht an mei­ner blü­hen­den Phan­ta­sie lie­gen, son­dern sogar Namen haben. Das Wis­sen, dass ich damit nicht alleine bin, macht es nicht weni­ger doof, hat aber auch was beruhigendes.

Das eine Phä­no­men ist das “Explo­ding Head Syn­drome” und drückt sich bei den meis­ten Men­schen, die es erle­ben, als lau­ter Knall im Kopf oder als Explo­sio­nen und Licht­blitze vor den Augen aus. Es tritt bei mir sel­ten auf und wenn, dann nur zwi­schen Wachen und Schla­fen; es tut nicht weh oder sowas, ist aber sehr unan­ge­nehm und erschre­ckend. Meis­tens wache ich dann noch­mal auf und brau­che eine Weile, um wie­der ein­schla­fen zu können.

Das andere nennt sich “Epic Dre­a­ming” und bedeu­tet, dass die Träume einer­seits lang­at­mig, aus­ufernd und manch­mal dra­ma­tisch sind, ande­rer­seits aber auch durch­zo­gen von Tätig­kei­ten oder Hand­lun­gen, die sich end­los wie­der­ho­len. Vor allem dau­ern sie gefühlt die ganze Nacht, man fällt nach jedem kur­zen Erwa­chen (oder manch­mal sogar nach einem Toi­let­ten­gang im Halb­schlaf) sofort wie­der zurück in den Traum und fühlt sich nach dem Auf­ste­hen total erschöpft und über­haupt nicht erholt.

Sol­che Träume kenne ich nur zu gut, den letz­ten die­ser Sorte hatte ich grade eben in der ver­gan­ge­nen Nacht. Wie­der ein­mal lief ich end­los durch die Gänge eines Gebäu­des (mal ist es eine Schule, mal die Psy­cho­kli­nik in Bad B.; bei­des sieht im Traum natür­lich völ­lig anders aus als in der Wirk­lich­keit), fand den Raum nicht, wo ich hin sollte, stieg unzäh­lige Trep­pen rauf und run­ter, eine Zeit­lang in Beglei­tung der Toch­ter, dann wie­der allein, aber über­all waren wahn­sin­nig viele fremde Men­schen und der, zu dem ich sollte, durfte mich nicht sehen. Dies­mal kam zu allem sogar noch eine Schie­ße­rei im Matrix-Stil dazu, d.h. die Kugeln flo­gen nur so um mich herum, aber ich bin allen durch äußerst selt­same Ver­ren­kun­gen aus­ge­wi­chen.
Beim Auf­wa­chen konnte ich mich an kei­nen ande­ren Traum als die­sen erin­nern und war so erle­digt, als wäre ich wirk­lich die ganze Nacht kilo­me­ter­lang gerannt.

Andere Sze­na­rien sind bekannte oder fremde Städte, durch die ich end­los wan­dere, auf der Suche nach etwas, das ich im Traum selbst nicht genau weiß. Meis­tens sind es immer wie­der die glei­chen Städte - ich kann gar nicht mehr zäh­len, wie oft ich schon durch Ber­lin und Lis­sa­bon gelau­fen bin. Oder es ist ein laby­rinth­ar­ti­ges U- und S-Bahn-Sys­tem, bei dem ich das rich­tige Gleis suche, Fahr­pläne zu hoch ange­bracht und in einer frem­den Spra­che beschrif­tet sind, Züge woan­ders hal­ten als ange­kün­digt und ich ein­fach nie da ankomme, wo ich hin will.

Eine wei­tere Vari­ante, die ich vor­hin ver­ges­sen hatte, ist: ich muss Tiere - meis­tens Mäuse oder Hams­ter, manch­mal Kat­zen­kin­der - in rie­si­ger Menge von einem Behält­nis in ein ande­res oder auch meh­rere umsor­tie­ren, aber wäh­rend ich das mache, bre­chen die ers­ten wie­der aus und hauen ab oder gehen in den alten Käfig zurück und ich bin am ver­zwei­feln, weil das ein­fach kein Ende nimmt und die Vie­cher nur so um mich rum­wu­seln und manch­mal ster­ben und nie­mand hilft mir.

Und wenn ich mir das alles so angu­cke, dann ähneln sich alle diese Träume in zwei Punk­ten. Ers­tens: sie dau­ern die ganze Nacht und erschöp­fen extrem, kör­per­lich und men­tal.
Zwei­tens: ich habe ein Ziel vor Augen und komme nicht an oder schaffe es nicht.
Womög­lich sollte ich das mal in die The­ra­pie mit­neh­men. Aber wenigs­tens hab ich jetzt einen Namen dafür, das ist ja auch was.

***

Als ich dar­über heute auf mei­nem sozia­len Medium schrieb, bekam ich von Chris­tian Tipps, wie ich sol­che (epi­schen) Träume ler­nen kann zu ändern. Sie klin­gen erst­mal her­aus­for­dernd, aber gut und auf jeden Fall mach­bar. Ich denke, ich werde das ver­su­chen.
(Noch­mal Dank an die­ser Stelle!)

Ich habe kurze Geschich­ten (als MP3) für Traum­rei­sen, Geschich­ten, die aber irgendwo kip­pen (Som­mer­tag kippt in schlim­mes Gewit­ter o.ä.) und habe damit a) meine Phan­ta­sie geübt und b) in dem Moment des Kip­pens geübt, die Situa­tion in der Phan­ta­sie zu steu­ern und vom äuße­ren Reiz (der Erzäh­ler­stimme zu lösen). Also zB in der Traum­reise am Strand die Kon­trolle zu über­neh­men und in der Phan­ta­sie unter ein Dach/zum Auto zu gehen, auch wenn die Stimme noch was von Strand und Gewit­ter erzählt.
Außer­dem habe ich im Traum – sicher hilf­reich – Mus­ter, die sich wie­der­ho­len. ZB lässt sich in mei­nen Träu­men nie­mals ein Handy bedie­nen. Aus dem Wis­sen habe ich mir ein Ein­schlaf-Man­tra gebaut: Wenn das Handy nicht geht, ist es ein Traum (ein­fa­cher Satz). Es gibt natür­lich wei­tere Mus­ter und wei­tere Man­tren. Folge: Und wenn ich im Traum zur Handy-Nut­zung komme, spre­che ich im Traum „Es ist nur ein Traum, ich wache jetzt auf“. Funk­tio­niert sehr oft.

https://bonn.social/@jawl/115203045222952663

Mit Ima­gi­na­tio­nen kenne ich mich ja gut aus und konnte frü­her schon Alp­träume ver­än­dern oder been­den. Jetzt muss ich nur noch ent­spre­chende Texte fin­den - oder ich schreib sie ein­fach selbst und lass sie mir vorlesen 😉

#Bloglikenooneisreading

BLNOIR
Das ist als Hash­tag zu lang und zu sper­rig und Hash­tags auf einem Blog erge­ben ja eh nur mini­mal Sinn. Daher ist es eher eine Erin­ne­rung an mich selbst. Das ist mein Blog. Mein Tage­buch. Weni­ger Per­fek­tion. Mehr Bana­li­tät. Mehr Belang­lo­ses. Denn unser Leben ist nicht immer auf­re­gend, unsere Gedan­ken nicht immer tief­schür­fend, die Sätze nicht immer aus­ba­lan­ciert, ein Fazit nur sel­ten vorhanden.

Das schreibt Clau­dia Haessy im Juli 2025 in ihrem Blog und soll auch für mich wie­der die Erin­ne­rung sein, dass hier nie­mand Druck macht. Schon gar nicht ich selbst, auch wenn ich so oft ein schlech­tes Gewis­sen hab, dass ich so wenig schreibe, obwohl ich so viel sagen will.

***

Einer­seits bin ich inzwi­schen wie­der voll­stän­dig zuhause ange­kom­men, ande­rer­seits aber auch immer noch ein Stück im Trau­er­mo­dus. Aber die Abreise aus Malente ist auch erst drei­ein­halb Wochen her, ich “darf” noch trau­ern und ver­mis­sen. Bestimmt wäre es gut, die Erleb­nisse aus der Zeit auf­zu­schrei­ben, aber eben das fühlt sich so end­gül­tig nach Abschied neh­men an, dass ich es weg schiebe. Solange ich es in mir bewahre und nicht raus gebe in den Blog, ist es noch nicht ganz ver­gan­gen. Solange gehört es noch ganz mir.
Ist natür­lich Quatsch, denn es gehört auch danach nur mir, aber das Gefühl ist eben da und als Gefühls­mensch tu ich das, was der Bauch sagt.

Aber ich hab seit letz­ter Woche wie­der The­ra­pie (erst­mal 12 Stun­den, bei Bedarf noch­mal so viel) und arbeite kon­kret wei­ter an den The­men. Das ist ein Anfang und das ist gut.

Vermissenskatzenjammer

Seit genau zwei Wochen bin ich wie­der zuhause, aber so rich­tig gut fühlt sich das grade nicht an. Die erste Woche mit meh­re­ren Ter­mi­nen und viel Erzäh­len über­all hat die eupho­ri­sche Stim­mung, mit der ich aus Malente kam, noch auf­recht gehal­ten. Jetzt ebbt sie ab, die Glas­glo­cke löst sich auf und übrig bleibt ein selt­sa­mes Gefühl der Ver­lo­ren­heit – und ganz große Sehn­sucht: nach bestimm­ten Men­schen, dem gere­gel­ten Kli­nik­all­tag, der The­ra­pie­bank, dem See und der Katze. Ein­fach nach die­sem geschütz­ten Ort. 

Außer­dem fehlt der Aus­tausch in den The­ra­pie­grup­pen. Die ande­ren zu sehen und zu wis­sen, dass wir im glei­chen Boot sit­zen. Die Unter­stüt­zung und gegen­sei­tige Moti­va­tion. Das Reden und das Feed­back der Therapeut:innen und der Mitpatient:innen. Das ist so wert­voll und hilf­reich bei der Arbeit an den eige­nen The­men.
Ich weiß, dass das ein Pri­vi­leg war. Ich wußte, dass es das zuhause nicht mehr gibt in die­ser Form. Aber ich ver­misse es so sehr. (Allein sein ist scheisse.)

Und nicht­mal meine Res­source, das Schrei­ben, funk­tio­niert, weil es die Erin­ne­run­gen vor­holt und das Ver­mis­sen ver­stärkt und weh tut.

Aber ich weiß es ja: ich bin wie­der ein­mal zu unge­dul­dig, denke nur in “ganz oder gar nicht”. Und ver­gesse dabei, dass die Kli­nik­zeit erst zwei Wochen her ist. So schnell funk­tio­nie­ren Ände­run­gen nicht, nicht nur bei mir. Und, wie B. mich vor ein paar Tagen erin­nerte: ich bin in einem Pro­zeß, der in Malente begann und hier wei­ter geht. Dran zu blei­ben erfor­dert Hoff­nung, Mut und Zuver­sicht - und kleine Schritte.

Ich könnte mich daran machen, meine Auf­zeich­nun­gen aus Malente zu über­tra­gen in den Blog. Viel­leicht geht es mir bes­ser, wenn ich mich aktiv damit beschäf­tige und die Sehn­sucht nicht ver­su­che zu ver­drän­gen, son­dern umwandle in was Positives.

Zwischenwelt

Ges­tern, 06.08.

Um Mit­ter­nacht ins Bett, in der Nacht 3 mal auf­ge­wacht und auf den Wecker geguckt. Vor dem Klin­geln um 6 Uhr auf­ge­stan­den, geduscht und ange­zo­gen. Die rest­li­chen Sachen in Tasche und Ruck­sack gepackt - und dann war noch so viel Zeit und so schö­nes Wet­ter, dass ich noch­mal an den See gegan­gen bin. Noch ein­mal den Blick, den Geruch, die Geräu­sche der Tiere, des Was­sers und der Natur genie­ßen und tief in mich auf­neh­men, auf dass ich die Magie die­ses Ortes nicht vergesse.

Zum letz­ten Früh­stück an den gro­ßen Tisch zusam­men mit lie­ben Men­schen (und Gus­tav, dem wun­der­ba­ren Assis­tenz­hund von A.). Ich kann nicht wirk­lich essen, nehme mir Bröt­chen und Eier lie­ber mit.
Viele herz­li­che Umar­mun­gen zum Abschied, von und zu allen Sei­ten gute Wün­sche, ich bin sehr be- und gerührt. Wie viele mich hier gese­hen haben außer­halb von mei­nen Grup­pen, es war mir nicht wirk­lich bewußt. Ich möchte sie alle mit­neh­men, nicht los las­sen müs­sen, da bleiben.

Die letzte große Umar­mung mit B., die erst mor­gen nach Hause fährt. “Ich hab dich lieb” sagen und es so mei­nen. Ich, die am Anfang so vehe­ment betonte, dass sie hier keine Freund­schaf­ten schlie­ßen will. “Ich dich auch” hören und wis­sen, dass es so gemeint ist.
Danke, ihr “ollen Schach­teln”, es war groß­ar­tig mit uns. Wir sehen uns wieder.

Noch kurz ins Sta­ti­ons­zim­mer, dann zum Abschluß­ge­spräch mit Frau A., mei­ner wun­der­ba­ren The­ra­peu­tin auf Zeit. Eigent­lich gibt es nicht mehr viel zu sagen, weil ich sie ges­tern im Kurz­ge­spräch schon über­rollt habe mit allem, was wäh­rend ihrer Urlaubs­wo­che pas­siert ist. Aber ihre Abschieds­worte und die Umar­mung nehme ich von Her­zen gerne mit.

Weil ich noch Zeit habe, gehe ich für einen letz­ten Kaf­fee in den Spei­se­raum - und werde auf dem Weg von B. ein­ge­holt, die dann mit mir am Tisch sitzt und einen Tee trinkt, bis ich los muss.
Ich hole mein Fahr­rad, lade mein Gepäck auf und gehe in Ruhe zum Bahn­hof. Das ist jetzt wirk­lich der Abschied. Acht lange Wochen war das mein Zuhause, mein geschütz­ter Ort, meine kleine große Welt. Ich habe gelernt und geübt, geweint und viel gelacht, hart gear­bei­tet, eini­ges ver­än­dert, mich geöff­net und gezeigt, wurde und habe gese­hen und gefühlt. Es war gut.

***

Im “ech­ten” Zuhause werde ich schon auf der Treppe drau­ßen von dem Nach­barn begrüßt, der mei­nen Schlüs­sel hat und für mich ein­kau­fen war, so dass ich in den ers­ten zwei Tagen ver­sorgt bin und noch nicht raus muss.
Erste Hand­lun­gen: alle Fens­ter und die Bal­kon­tür auf machen. Kaf­fee kochen (8 Wochen altes, bereits gemah­le­nes Kaf­fee­pul­ver schmeckt übri­gens rich­tig mies. Ganze Boh­nen, die diese Zeit im Kühl­schrank ver­brin­gen durf­ten, sind aber okay), die Taschen lee­ren, eine Wasch­ma­schine fül­len. Die Zim­mer abge­hen und ver­su­chen, mich wie­der hei­misch zu füh­len. Es ist ver­traut, aber den­noch irgend­wie fremd. Acht Wochen sind eine lange Zeit und ich fühle mich wie in einer Zwi­schen­welt: schon weg, aber noch nicht da.

***

Heute, 07.08.

Aus­schla­fen! Also bis kurz nach sie­ben jeden­falls, aber nach dem Blick auf die Uhr hab ich mich zufrie­den umge­dreht und immer­hin bis halb zehn geschla­fen. Das ist eine gute Zeit, in den Tag zu star­ten, auch für die Zukunft.
Früh­stück, eige­ner Kaf­fee, offene Bal­kon­tür, Sozia­les Medium mal wie­der zeit­nah. Lang­sam wie­der an die Geräu­sche von drau­ßen gewöh­nen, mög­lichst ohne mich zu ärgern. Ich will und muss hier noch eine ganze Zeit leben, ich muss das können.

Nach­wir­kung der letz­ten, bereits auf den Abschied aus­ge­rich­te­ten Tage zei­gen sich: ich bin unend­lich müde, lege mich nach eini­gen Stun­den wie­der hin, schlafe tief und fest. Das wird noch ein biß­chen dau­ern, bis ich wirk­lich wie­der hier bin. Aber ich muss ja noch nichts.
Es ist gut.

Wertschätzung oder: meinen die wirklich mich?

Sie sagen: Du hast dich sehr ver­än­dert in den letz­ten Wochen, man kann es sehen.
Sie sagen: Du bist weich gewor­den, du hast dich geöff­net.
Sie sagen: Du strahlst so viel Ruhe aus.
Frau Sp. sagt: Sie sind ein tol­ler Mensch, Sie haben der Gruppe gut getan.
Frau Sch. sagt: Sie haben der Gruppe so viel gege­ben, Sie sind eine wun­der­bare Frau, ich werde Sie ver­mis­sen.
Herr S. sagt: Was mach ich denn ohne Sie?
L. sagt: Ganz viele der Sätze, die ich auf­ge­schrie­ben habe, sind von dir.
D. sagt: Ich habe viel von dir gelernt.
M. sagt: Du hast so viele tolle Sachen gesagt und so viel bei­getra­gen, was uns wei­ter brachte.

Und ich stehe da, gucke sie an und frage mich: mei­nen die wirk­lich mich? Ich habe doch gar nichts getan. Ich war doch nur ich.

Werde ich die Wert­schät­zung hin­ter die­sen Sät­zen jemals anneh­men können?

Müde und erschöpft

Vor­ges­tern mor­gen, als der Wecker um 10 vor 7 klin­gelte, weil ich um sie­ben beim Ergo­me­ter­trai­ning sein sollte, saß ich auf dem Bett­rand und merkte plötz­lich sehr deut­lich, dass ich nicht mehr kann. Dass ich total erschöpft bin und grade keine Kraft mehr habe.

Mit Ankunft in der Kli­nik - nein, eigent­lich schon mit dem Anruf 5 Tage vor­her, dass ich kom­men kann, stieg mein Akti­vi­täts­le­vel von ca. 30 auf 180. Seit­dem gebe ich Voll­gas mit einem kom­plett durch­ge­tak­te­ten Ter­min­plan (Sport, Grup­pen, The­ra­pie und Essens­zei­ten) und einer für mich irr­wit­zig hohen Anzahl an frem­den Men­schen. Und dann gehe ich auch noch in Ver­län­ge­rung.
Natür­lich gibt es Pau­sen zwi­schen den ein­zel­nen Sachen (meis­tens jeden­falls, manch­mal reicht die Zeit auch grade eben zum duschen und umzie­hen) und am Wochen­ende ist frei bis auf die fes­ten Essens­zei­ten, aber da ich so lange vor­her im Ver­hält­nis so wenig getan hab und unter­wegs war, wun­dere ich mich eigent­lich, dass ich immer noch irgend­wie durch­halte und wei­ter mache. Aber ich bin jetzt wirk­lich müde und hart an mei­ner Grenze.

Eine Woche und zwei Tage habe ich noch hier. Natür­lich gebe ich nicht auf so kurz vor Schluss, aber ich werde das Pro­gramm eigen­mäch­tig etwas redu­zie­ren und auf jeden Fall die bei­den Ergo­me­ter­ter­mine am Mor­gen aus­fal­len las­sen. Die PMR steht schon nicht mehr auf dem Plan, die brau­che ich auch nicht mehr. In der MTT gibt es nur noch 5 Minu­ten Rad­fah­ren zum Auf­wär­men und danach nur Gerä­te­trai­ning. Ich brau­che die Kraft für die Grup­pen­the­ra­pien, weil die mir rich­tig gut tun. Da am Don­ners­tag zwei Men­schen aus der Ankom­mens­gruppe abrei­sen und wir dann nur noch zu zweit sind, wird es eben­falls ruhiger.

Und zuhause brauch ich erst­mal Urlaub.

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