05-11-2020 Entwarnung

Ges­tern sagte ich zur Toch­ter noch: “es kommt näher” - und schon ist es da, das Virus. Hier im Haus. Nein, nicht bei mir, aber direkt nebenan.

Auf Twit­ter bekam ich den Hin­weis, dass sich die War­nApps ver­schie­de­ner Geräte per Blue­tooth auch durch Wände, Decken und Böden ver­bin­den. Es könnte also sein, dass ich dem posi­tiv getes­te­ten Men­schen gar nicht direkt begeg­net bin.
Wäh­rend ich heute mor­gen mit der Haus­arzt­pra­xis tele­fo­nierte, hörte ich in der Woh­nung nebenan Geräu­sche. Ich bin also rüber, um zu fra­gen, ob die bei­den Mädels die War­nApp auch instal­liert und eine Mel­dung bekom­men haben, und erfahre, dass eine von ihnen am Frei­tag posi­tiv getes­tet wurde und krank im Bett liegt. Die andere (mit der ich gespro­chen hab) ist zwar nega­tiv, aber trotz­dem seit Mon­tag mit in frei­wil­li­ger Qua­ran­täne.
So leid mir das tut und so sehr ich hoffe, dass sie das mög­lichst gut über­ste­hen, so sehr bin ich erleich­tert, dass ich nun weiß, woher die Mel­dung kommt und dass ich mir keine Sor­gen machen muss - ich habe meine Nach­ba­rin­nen seit Wochen nicht gesehen. 

Für diese Woche hab ich The­ra­pie und Phy­sio ja schon abge­sagt, das bleibt jetzt auch so, aber nächste Woche kann ich wie­der raus und meine Ter­mine alle wahr­neh­men. Und das Tablet kommt ab jetzt immer in die Tasche.

Ich wär froh, wenn ich so eine Auf­re­gung nicht noch­mal hätte. Aber ich fürchte, das wird noch öfter pas­sie­ren. Es kommt eben doch näher und manch­mal auch ganz nah.

(Erin­ne­rung an mich selbst, die Papiere zu ord­nen, die Pati­en­ten- und Bestat­tungs­ver­fü­gung fer­tig aus­zu­fül­len und mit der Toch­ter die wich­ti­gen Ein­zel­hei­ten zu bespre­chen, ob sie will oder nicht. Ich hab das drin­gende Bedürf­nis, dass da alles gere­gelt ist, für wann auch immer es gebraucht wird.)

04-11-2020 Chronistinnenpflicht

Wenn das hier ein Tage­buch sein soll, dann wäre es viel­leicht sinn­voll, wie­der öfter zu schrei­ben und wenn es auch nur kurz und der Chro­nis­tin­nen­pflicht geschul­det ist. Heute wird es aber etwas länger.


Die Nächte sind durch­wach­sen zur Zeit. Ein Teil davon ist sicher hand­ge­macht: ich gehe manch­mal trotz Müdig­keit ein­fach viel zu spät ins Bett. In sol­chen Näch­ten schlaf ich schlecht, unru­hig, nicht tief genug und natür­lich zu wenig.
Dann wie­der gab es einige Nächte mit Träu­men vol­ler Sehn­sucht nach Liebe und Zärt­lich­keit (sehr plas­tisch, aber immer jugend­frei ;-)), die mich in die Tage beglei­ten und eigent­lich auch nichts bes­ser machen. 

Ins­ge­samt bin ich immer noch und immer wie­der aufs Neue erschöpft von den zu vie­len Begeg­nun­gen, mei­nen eige­nen Grü­be­leien und all dem, was drau­ßen und an so vie­len Stel­len der Welt vor sich geht. Die schö­nen Dinge glei­chen das nicht annä­hernd aus.


Mein Geburts­tag letz­ten Sams­tag war selt­sam. Es gab viele schöne Nach­rich­ten von Freun­din­nen und Schwes­tern, eine beson­dere Post mit einem über­ra­schen­den wun­der­ba­ren Geschenk von D. und am Abend dann den herz­wär­men­den Besuch von der Toch­ter mit Enkel und Freund. Alles war wirk­lich schön und hat mich sehr gefreut, aber die­ses ganz spe­zi­elle Geburts­tags­ge­fühl wollte sich ein­fach nicht ein­stel­len. Ist man_frau irgend­wann viel­leicht zu alt dafür? Oder liegt es doch daran, dass sol­che Sachen ja sowieso nicht rich­tig an mir hän­gen blei­ben dank der Depres­sion? Aber auch mein Gefühl für mich selbst liegt ja immer noch unter allen mög­li­chen Ver­gan­gen­heits­kis­ten begra­ben. Wie soll ich mich da als jemand füh­len, die zu fei­ern sich lohnt?


Und dann kam am Mon­tag noch eine Post­karte von der Schwes­ter, mit der ich den Kon­takt letz­tes Jahr abge­bro­chen habe. Das ärgert und freut mich gleich­zei­tig.
Einer­seits hält sie mal wie­der die Grenze nicht ein, um die ich gebe­ten habe. SIE will mir was mit­tei­len - ob ich das auch will oder was das even­tu­ell mit mir macht, danach fragt sie nicht. Wie so oft steht ihr Bedürf­nis über mei­nem, fegt sie über mei­nes weg und macht mich dadurch unwich­tig. Seit Kin­der­zei­ten geht das so, ich will das nicht mehr. Ich will mich nicht mehr dage­gen weh­ren müs­sen und dafür Ener­gie ver­brau­chen.
Ande­rer­seits ist das Fami­li­en­thema grade wie­der groß bei mir und sie ist eben genau die Schwes­ter, die mir immer am nächs­ten stand trotz allem. Ich hatte mir über­legt, ihr die­ses Jahr zu ihrem Geburts­tag in 3 Wochen eine Karte zu schrei­ben, ein­fach als klei­nes Zei­chen, dass ich trotz allem an sie denke. Ist natür­lich Pech, dass ich vor ihr Geburts­tag hab und darum nicht als erste schrei­ben konnte.
Der Hin­ter­ge­danke dabei ist auch, mit ihr und den ande­ren Schwes­tern vor­sich­tig wie­der in Kon­takt zu kom­men, um mich nicht so außen vor zu füh­len wie im Moment. Auch wenn es nicht oft ist und für mich auch nicht sein muss, aber ich würde schon gerne wis­sen, was in deren Leben los ist und wie es ihnen geht. Ja, und ich wäre gerne wie­der Teil des Schwes­tern­krei­ses. Ich hätte gerne eine Fami­lie, die nicht nur aus mir und mei­ner Toch­ter & Co. besteht. Ich weiß nur nicht, ob und wie das geht, so vor­be­las­tet, wie das alles ist.


Was rich­tig gut läuft, ist die Phy­sio­the­ra­pie, zu der ich seit 3 Wochen gehe. Ich hab zwar manch­mal danach Mus­kel­ka­ter aus der Hölle, weil ich das Bein ja drei Monate nur geschont hab und es sich jetzt natür­lich beschwert (und manch einer der wech­seln­den The­ra­peu­ten auch gerne mal etwas über­eif­rig ist). Aber: ich fahre wie­der Fahr­rad! Nur eine kurze Stre­cke bis jetzt, aber die immer­hin nahezu beschwer­de­frei. Das ist ja, was ich wollte. Dass das Knie beim Gehen manch­mal noch sehr “unrund” läuft, gibt sich hof­fent­lich mit den wei­te­ren Übun­gen (die ich natür­lich ganz brav regel­mä­ßig alleine zuhause mache … *öhm*).


Was über­haupt nicht gut war für die unter­schwel­lige, andau­ernde Vor­sicht bezüg­lich der “aktu­el­len Situa­tion” mit dem Coro­na­vi­rus, ist, dass die Warn App auf mei­nem Tablet (das ich ges­tern aus­nahms­weise mit drau­ßen hatte) heute eine rote, also erhöhte War­nung anzeigte. Angeb­lich hatte ich 11 Risiko-Begeg­nun­gen (in wel­chem Zeit­raum steht da nicht), die letzte davon vor 2 Tagen. Emp­foh­len wird, dass ich zu Hause bleibe und mich bei der Haus­ärz­tin melde.

Auf Twit­ter, wo ich erst­mal davon erzählt habe, wurde mir nun erklärt, wie das zustande kom­men kann, aber ich gestehe, dass ich es nicht wirk­lich gut ver­stehe. Wer war da jetzt posi­tiv und hab ich den_die selbst getrof­fen? Oder ist es “nur” meine Nach­ba­rin, weil die Blue­tooth­ver­bin­dung auch durch die Wand reicht, mir das aber nicht mit­teilt? Ich war ges­tern viel unter­wegs und sowohl die U-Bahn als auch der Super­markt war vol­ler Men­schen. Selbst­ver­ständ­lich trage ich mei­nen MNS an die­sen Orten, aber der Schutz ist ja auch nicht 100% da und ich gehöre mit Dia­be­tes, Über­ge­wicht und einer nach 40 Jah­ren Rau­chen sicher nicht grade per­fek­ten Lunge eben zur Risi­ko­gruppe. Das macht erst­mal unsi­cher - und ja, ich habe Angst, das Virus zu erwi­schen. Ich will weder den leich­ten Ver­lauf mit womög­lich schwe­ren Lang­zeit­fol­gen noch die schnelle, schwere Vari­ante mit Kran­ken­haus und allem. Wenn ich irgend­wann sterbe, dann bitte nicht so. Außer­dem bin ich hier noch nicht fer­tig, da sind noch einige The­men offen.

Aber Grü­be­lei hilft auch hier nicht. Erst­mal hab ich The­ra­pie und Phy­sio für diese Woche abge­sagt, allen Betrof­fe­nen Bescheid gege­ben und mor­gen werde ich bei der HÄ anru­fen, dann sehe ich wei­ter. Not­falls kann ich hier ja locker zwei Wochen in Qua­ran­täne ver­brin­gen und mich von der Toch­ter ver­sor­gen las­sen. Genug zu tun hab ich auf jeden Fall. Tage­buch­blog­gen zum Beispiel …

31-10-2020 Einundsechzig

Ein­und­sech­zig also. Das ist schon so viel älter, als ich mir jemals vor­stel­len konnte.
Ich bin gespannt, was das Jahr so bringt. Die Wün­sche der lie­ben Men­schen um mich herum (und es sind dann doch so einige!) wer­den mich auf jeden Fall beglei­ten und hof­fent­lich immer wie­der posi­tiv stimmen.

Danke für Euch. Ich bin so froh, dass es Euch gibt.

27-10-2020 It’s okay to be not okay

Heute Mit­tag wie­der ein­mal ein heil­sa­mes, erden­des Tele­fo­nat mit Frau R. vom Hilfe-Dings (für ein direk­tes Tref­fen waren mir diese Woche zu viele Termine).

Was ich dar­aus mit­nehme ist die Erin­ne­rung daran, dass es okay ist, wenn es mir nicht gut geht. Die Welt bricht nicht zusam­men davon und ich bin nicht schlecht des­we­gen. Ich darf Pause machen, wenn mir etwas zuviel war und ich muss nichts “schaf­fen” in die­ser Zeit. Es reicht völ­lig aus, dass ich jeden Tag auf­stehe, dusche, esse, mich irgend­wie beschäf­tige, vor allem: dass ich nicht im men­ta­len Loch versinke.

Was ich bis jetzt mal wie­der schön ver­drängt habe: es ist eben auch diese Zeit des Jah­res, die für mich hoch emo­tio­nal und schwie­rig ist. Kein Wun­der, dass in der The­ra­pie letzte Woche die Trä­nen flos­sen.
Ich liebe den Herbst und beson­ders den Okto­ber. Mein Monat! Mein Geburts­mo­nat, auch wenn ich für den 7. Novem­ber errech­net war. An vie­len Tagen ist es hier noch mild oder sogar warm, die Sonne scheint und gibt noch­mal alles, der Him­mel ist strah­lend blau und die Far­ben so unend­lich wohl tuend für Herz und Seele. Meine ganze Woh­nung leuch­tet gol­den, es ist ein­fach schön. Und selbst Regen ist gut, weil es dann nach Erde und Blät­tern riecht. Es ist die­ses Auf­bäu­men der Natur, bevor sie ver­geht: da steckt so viel Kraft drin, so viel Bewe­gung und auch Kampf, das hat so viel vom Phoe­nix, der ver­bren­nen muss, um aus der Asche auf­er­ste­hen zu kön­nen. Und ich kenne das so gut.

Aber da ist eben auch die andere Seite. Es fängt Mitte Okto­ber an mit dem Geburts­tag des Traum(a)mannes, der mich immer und immer wie­der an den Schmerz erin­nert. Dann die Geburts­tage von zwei der Schwes­tern (den wich­tigs­ten) und mein eige­ner, dazwi­schen noch der Todes­tag mei­ner Mut­ter und als Krö­nung am Ende die Weih­nachts­tage: das hat alles so viel mit Fami­lie zu tun und mit den Fra­gen, ob ich da noch dazu gehöre, wo ich über­haupt hin gehöre, wo mein Halt und mein Zuhause ist und warum ich mich die ganze Zeit so ver­dammt alleine fühle. 

Warum wun­dere ich mich nur jedes Jahr erneut dar­über, dass ich in die­ser Zeit so auf­ge­wühlt, so glück­lich und gleich­zei­tig so trau­rig bin? Ich sollte es lang­sam bes­ser wissen.

26-10-2020 Blockade

Ich ste­cke fest im Dickicht der unzäh­li­gen -losig­kei­ten. Bin nicht fähig, vor­wärts zu gehen, kann die Blo­ckade nicht über­win­den oder durch­bre­chen. Es geht grade nicht. Ich kann nur aus­hal­ten und war­ten. Atmen, ein und aus.

21-10-2020 Nachtrag zu Dienstag

Ges­tern war also der Ter­min beim Ortho­pä­den zur Bespre­chung des MRT-Ergeb­nis­ses. Wer mir auf Twit­ter folgt, hat mei­nen klei­nen Rant schon gele­sen. Ich bring ihn (mit klei­nen Ergän­zun­gen) in Erfül­lung der Chro­nis­tin­nen­pflicht noch­mal hierher.

Wenn der Ortho­päde meint, er könnte dir the­ra­peu­ti­sche Rat­schläge ertei­len, nur weil er eine psy­cho­so­ma­ti­sche Zusatz­aus­bil­dung hat, obwohl er nichts von dir weiß, außer dass du eine chro­ni­sche Depres­sion hast und er nie auch nur irgend­eine Frage dazu gestellt hat.

“Ver­su­chen Sie doch mal, nicht so schick­sals­er­ge­ben zu sein.”
Alter, ich geb dir gerne mal einen Abriß über mein Schick­sal und erzähl dir dann, was ich alles getan habe, um zu über­le­ben, aber dazu brauchst du halt Zeit, offene Ohren und viel­leicht mehr als ein biß­chen Küchen­psy­cho­lo­gie.

Aber ist doch prima, dann hab ich ja für die nächste The­ra­pie­stunde schon ein Thema: “Wie wehre ich mich gegen über­grif­fige Ärzte, wenn mein Selbst­be­wußt­sein sowieso wegen jedem Mist in die Knie geht.” Bes­ten Dank auch für nix.

fan­ta­siafra­gile auf Twitter

Zum Abschluß tät­schelte er dann noch wohl­wol­lend-mit­füh­lend meine Schul­ter. Ein “Ich meine es ja nur gut” konnte er sich lei­der nicht ver­knei­fen. Eigent­lich fehlte nur noch der typi­sche Ortho­pä­den­spruch, den depres­sive Men­schen so gerne hören: “Machen Sie doch mal ein biß­chen Sport, das soll ja auch helfen!”

Ich hab ihm zwar ein biß­chen was ent­ge­gen gesetzt (“Sol­che The­men bespre­che ich in mei­ner The­ra­pie” und “Sie haben keine Ahnung von mir. Sie wis­sen über­haupt nicht, ob ich kämpfe und was ich mache oder woher das alles kommt, weil Sie über­haupt nicht danach fra­gen”) und ich denke, er hat gemerkt, dass ich ange­pisst war, aber nach der Aktion steht er nun lei­der auch auf mei­ner schwar­zen Liste. Ich muss mir sowas nicht anhö­ren, wirk­lich nicht.


Nun ist er lei­der auch der Mei­nung, dass der kaputte Menis­kus vom Ver­schleiß auf­grund von Alter und Gewicht kommt und nicht ursäch­lich vom Fahr­rad­sturz, was mich natür­lich sofort an der Berech­ti­gung mei­ner Schmer­zens­geld­for­de­rung zwei­feln lässt. Ande­rer­seits hatte ich ja bis zu dem Moment des Stur­zes keine der Beschwer­den, die jetzt da sind. Klar, viel­leicht wäre der Menis­kus bei einer ande­ren blö­den Bewe­gung auch kaputt gegan­gen, aber viel­leicht hätte das auch noch ein paar Jahre gedau­ert bis dahin.

Ich muss mir selbst gut zure­den, dass ich ein Recht habe, den Antrag zu stel­len. Immer wie­der.
Und das ist eben auch das, was mich so maß­los ärgert an sol­chen ego­is­ti­schen, über­grif­fi­gen Aktio­nen wie von dem Ortho­pä­den: dass ich jetzt schon wie­der tage­lang grüble (Bin ich viel­leicht doch schick­sals­er­ge­ben? Kämpfe ich nicht genug? Bin ich nicht stark genug? Oder tu ich doch nur so und eigent­lich könnte es mir doch so gut gehen?) und mich wie­der auf meine Spur brin­gen muss, mich über­zeu­gen muss, dass mein Weg rich­tig ist und ich auch und dass das alles gar nichts mit mir, son­dern nur mit dem Blöd­mann zu tun hat. Dass ich so viel Ener­gie auf­wen­den muss, die ich für was ande­res viel bes­ser brau­chen könnte. Dass ich mich so run­ter zie­hen lasse erst­mal und mich dann müh­sam wie­der hoch arbei­ten muss. Eben weil ich mich NICHT mei­nem Schick­sal ergebe.


Und dann ist da als soooo gro­ßer Gegen­satz meine gute Frau R. vom Hil­fe­Dings, mit der ich ange­sichts mei­ner vie­len Ter­mine grade ein­fach mal tele­fo­nie­ren kann, anstatt noch ein wei­te­res Mal raus zu müs­sen. Für die ich so dank­bar bin, weil sie zuge­wandt, offen und herz­lich ist, immer ein Ohr für mich hat und 100% hin­ter mir steht. Weil sie mich nimmt, wie ich bin und weil ich bei ihr ehr­lich sein darf. Und weil sie mir tau­send­mal ver­si­chert, dass sowas wie ges­tern nicht an mir liegt und nichts mit mir zu tun hat, son­dern nur mit dem Typen - und es mir auch noch ein wei­te­res Mal sagt, wenn sie merkt, dass es erst jetzt wirk­lich ankommt bei mir.
Wie­der ein­mal: Danke von Herzen.

18-10-2020 Übervoll

Seit Tagen öffne ich spä­tes­tens am Abend den Blog - und schließe ihn wort­los wie­der. Ich bin zu müde zum schreiben.

Seit dem Unfall im Juli habe ich - für meine Ver­hält­nisse - viel zu viele fremde Men­schen getrof­fen, mit denen ich kom­mu­ni­zie­ren musste und es ist noch lange nicht vor­bei damit. Ich bin über­voll mit Ein­flüs­sen von außen, mit Ter­mi­nen, mit Begeg­nun­gen aller Art. Wenn ich nicht unter­wegs bin zu Ärzt:innen, zur Phy­sio, zur The­ra­pie und zum Hil­fe­Dings, sitze ich zu Hause und ver­su­che, mich davon zu erho­len. Dass meine Füße von den Wegen weh tun, kommt noch dazu.
Wenn das alles irgend­wann vor­bei ist, will ich auf die ein­same Insel, für min­des­tens ein Jahr.

Wenigs­tens war ich am Frei­tag zwi­schen­durch mal einen Moment draußen.

12-10-2020 Dies und Das

Sehr beschei­den war die Nacht, weil ich nach der Nach­bar­schafts­sa­che ges­tern natür­lich sehr ange­spannt war, davon Magen- und Nacken­schmer­zen hatte und dann ewig nicht ein­schla­fen konnte. Den Wecker hab ich nach dem Klin­geln darum noch­mal eine ganze Weile wei­ter gestellt.


Dafür hab ich direkt nach dem Auf­ste­hen in der Ortho­pä­die­pra­xis ange­ru­fen. Ja, die Ergeb­nisse vom MRT sind da. Und siehe da, es gibt auch – sogar noch vor Novem­ber! – einen rich­ti­gen, ech­ten, regu­lä­ren Ter­min nächste Woche. Juhu.
Und wo ich dann schon­mal am Tele­fon war, hab ich gleich noch bei der Phy­sio-Pra­xis ange­ru­fen, weil das Rezept nur noch 2 Wochen halt­bar ist. Die gute Frau wollte mir einen ers­ten Ter­min gleich heute geben, aber das war mir dann doch zu spon­tan. Jetzt ist er am Mitt­woch und die nächs­ten 5 Ter­mine gab es gleich hin­ter­her (2 pro Woche: da hab ich ja gut was zu tun).


Da die wich­ti­gen Tages­auf­ga­ben damit erle­digt waren und ich ent­ge­gen mei­ner Ver­mu­tung doch nicht aus dem Haus musste, konnte ich mich den net­ten Din­gen zuwen­den. Früh­stü­cken, Twit­ter lesen, an D. schrei­ben und spä­ter mit ihr chat­ten, Apps am Tablet updaten und ein biß­chen rum­stö­bern, den teen­ager­mä­ßig ange­schwärm­ten Sän­ger auf You­Tube wei­ter anhim­meln, twit­tern, hier und da Sachen lesen, lecker kochen, eine nette kleine Serie auf Net­flix gucken und huch, ist es wirk­lich schon so spät?


Ja, und zwi­schen­durch so Gedan­ken wie: was macht ein Zuhause eigent­lich aus? Wie kommt es, dass ich mich mit der Zeit so weit aus dem Schwes­tern­kreis ent­fernt habe, dass ich nicht mehr dazu gehöre und ja, das macht mich trau­rig. Die Schwes­ter mei­nes Vaters ist letzte Woche gestor­ben, damit ist auf die­ser Fami­li­en­seite nie­mand mehr in der Genera­tion übrig: die nächs­ten sind nun wir. Aber was ist die­ses “wir”, wenn man:frau kei­nen Kon­takt hat, nichts mehr weiß von­ein­an­der?
Wer sind wir, wenn wir uns auf nie­man­den bezie­hen, wenn wir alleine sind?

11-10-2020 Vor und zurück

Wie gut, dass ich am Don­ners­tag nach der The­ra­pie ganz ohne Absicht mehr ein­ge­kauft habe als geplant und alle Vor­räte locker bis nächste Woche rei­chen. So war die­ser Punkt wenigs­tens schon abge­hakt. Was da aber immer noch und vor allem schon wie­der viel zu lange auf der Liste stand, war die läs­tige Putzerei.

Ich hasse sie. Put­zen ist regel­recht Strafe, schon immer. Viel­leicht, weil wir zuhause schon als kleine Kin­der dazu ein­ge­teilt wur­den und gezwun­gen waren, unsere Auf­ga­ben immer alleine und bis zum bit­te­ren Ende zu machen? Es gab keine Hilfe, keine Ent­schul­di­gun­gen, kein Erbar­men. Alle muss­ten, ihrem Alter ent­spre­chend, etwas machen, aber es war immer nur läs­tige Pflicht, es hat nie auch nur im gerings­ten sowas wie Spaß gemacht.


Was ich aber trotz­dem mag, wie ver­mut­lich die meis­ten Men­schen, das ist, wenn meine Woh­nung sau­ber und ordent­lich ist. Gerade in einer depres­si­ven Phase ist das beson­ders wich­tig. Wenn es in mir drin schon düs­ter & chao­tisch ist, dann bitte nicht auch noch um mich herum.
Aber: In einer depres­si­ven Phase ist es auch extrem schwer, Ener­gie für etwas auf­zu­brin­gen, das ich auch in guten Zei­ten abgrund­tief hasse. Darum war ich ges­tern nach­mit­tag stolz auf mich. Weil ich mich auf­ge­rafft habe und nicht nur gesaugt, son­dern auch eini­ges geputzt habe. Und weil das auch ein Schritt aus dem momen­ta­nen Loch her­aus war, wenigs­tens ein kleiner.


Dafür gab es dann heute mal wie­der den übli­chen Ärger mit der Ele­fan­ten­fa­mi­lie von oben. Ich fühle mich im Recht mit mei­ner Bitte, nicht neben dem übli­chen täg­li­chen Lärm auch noch am Sonn­tag zwei Stun­den durch­gän­gi­ges Pol­tern von zwei Kin­dern ertra­gen zu müs­sen und stehe am Ende doch da als die meckernde Alte – was mir eigent­lich egal sein könnte, aber nicht ist. Weit schlim­mer wiegt aber die Befürch­tung, dass sowieso alles Meckern und Bit­ten und Appel­lie­ren nichts hel­fen wird, weil sie es ein­fach nicht ver­ste­hen. Ja, und dann bin ich manch­mal eben auch nicht mehr unbe­dingt super diplo­ma­tisch, wie man:frau an den WA-Nach­rich­ten sehen kann.

Hallo xxx, hier ist eure - inzwi­schen mal wie­der reich­lich genervte - Unter­nach­ba­rin. Dann ver­such ich es mal auf die­sem Weg: 2 Stun­den unun­ter­bro­che­nes Gepol­ter sind wirk­lich mehr als genug, bitte hört damit auf, jetzt.
(Es nervt übri­gens nicht nur dann, wenn ich was sage. Und ich seh eigent­lich auch nicht ein, dass ich immer erst was sagen muss, anstatt dass ihr das mal dau­er­haft ändert. Ich glaube, man nennt das “Rück­sicht”.)
Gruß, Ulrike

Hallo Ulrike, wir haben heute mal Besuch von Fami­lie dir wir kaum sehen. Es sind ein­fach zwei Kin­der und wir haben schon mehr­mals sie dar­auf hin­ge­wie­sen ruhi­ger zu spie­len. Ich ver­stehe dass es ner­vig sein kann, aber 2 std ein­mal die Woche finde ich nicht rück­sichts­los!!! Wäre dass Wet­ter schö­ner gewe­sen wären wir sicher nicht zuhause, natür­lich nur den Kin­der zu liebe. Wir sind über der Woche kaum zuhause! [Name des Sohns] ist bis 16 in der Kita und kommt Teil weise erst um 17-18 nach Hause. Ich erst spät Abend, von daher kann ja nicht eine dau­er­hafte Beläs­ti­gung bestehen. Ich bitte dich etwas Rück­sicht zu haben und uns nicht stän­dig beschul­di­gen dass wir deine Pri­vat­sphäre stö­ren oder nicht respektieren.

Ich hab es schon so oft gesagt: es sind nicht nur die 2 Stun­den in der Woche. Ich wache von euch auf mor­gens früh. Ich höre jeden Schritt, von euch allen. Jedes Türen­knal­len, wenn ihr den Klo­de­ckel fal­len lasst, die Stühle durch die Küche schiebt, du die Treppe run­ter rennst … Schön, dass es ein paar Stun­den am Tag ruhig ist - aber das gleicht ihr durch den Lärm in der rest­li­chen Zeit aus.

Ein Vor­schlag zur Güte: legt Tep­pich dort­hin, wo [Name des Sohns] spielt und gewöhnt euch an, nicht so hart auf­zu­tre­ten, wenn ihr durch die Woh­nung rennt. Damit wäre schon sehr viel gewon­nen.
Ich nehme so viel Rück­sicht, wie aus­halt­bar ist, indem ich eure Laut­stärke in der Regel akzep­tiere, aber es gibt Gren­zen. Es wäre ein­fach schön, wenn ihr die selbst mer­ken wür­det und nicht immer erst dann was pas­siert, wenn ich was sage.

(Und ich will euch echt nicht in eure Erzie­hung rein­re­den, aber knapp 4-jäh­rige Kin­der “dar­auf hin­zu­wei­sen”, dass sie etwas ruhi­ger sein sol­len, reicht viel­leicht nicht aus - vor allem, wenn die Reak­tion nur die ist, dass euer Sohn euch anbrüllt. Ihr seid die Erwach­se­nen: wenn ihr ihm nicht bei­bringt, wo die Gren­zen sind, wer soll es dann tun?)

Und dann denk ich: was, wenn ich umziehe, weil ich die­sen Lärm nicht mehr ertrage und dann noch schlim­mere Nach­barn habe? Diese hier sind zwar laut, aber abge­se­hen davon wenigs­tens nett. Eine Woh­nung kann ich besich­ti­gen, die Umge­bung auch, aber die Nach­barn nicht. Womög­lich komm ich vom Regen in die Traufe, dann hilft mir das auch nichts. Dann kann ich auch hier blei­ben und hof­fen, dass die Ele­fan­tis irgend­wann aus­zie­hen und lei­sere nachkommen.

Ich weiß es doch auch nicht.


Und dann fal­len mir wie­der die Flücht­linge ein, die in dem Camp auf Les­bos absau­fen und sich über meine Lus­xus­pro­bleme ver­mut­lich freuen wür­den. Dann geht es zwar weder denen noch mir wirk­lich bes­ser, aber es rela­ti­viert mal wie­der ein bißchen.

09-10-2020 Stop & Go

Letzte Nacht einer die­ser Alp­träume. Jemand hält mich fest, ich kann mich nicht bewe­gen, nicht weh­ren, nichts tun. Blanke Angst. Ich ver­su­che auf­zu­wa­chen und die­ser Jemand ist kein Traum mehr, son­dern wirk­lich da, in mei­nem Zim­mer, auf mei­nem Bett, hin­ter mir. Ich will rufen, mich befreien, ich kann nicht - und wache auf, schrei­end, mit Herz­ra­sen. Da ist nie­mand, natür­lich nicht, nur der Traum und die Angst.

(Wahr­schein­lich war ich ein­fach nur zu fest ein­ge­wi­ckelt in meine Decke, aber das nächt­li­che trau­ma­ti­sierte Hirn macht eben so was draus.)


Ges­tern in der The­ra­pie sprach ich davon, dass ich es nicht anders kenne, als dass auf ein Hoch immer prompt ein Tief kommt. Und dass ich es nicht geschafft habe, nach dem schö­nen Aus­ruh-Moment letzte Woche wie­der von der Bank auf­zu­ste­hen und wei­ter zu gehen. Es ist ein ewi­ges Stop & Go. Gehen, sit­zen, einen Schritt gehen, sit­zen blei­ben. Und je län­ger ich da sitze, desto schwe­rer wird es.
Ich sagte: warum kann es denn nicht end­lich mal wie­der eine Weile flie­ßen? Eins nach dem ande­ren, es muss ja gar nicht schnell sein, aber ein­fach mal wei­ter gehen? Und dann schaute ich hoch und sah ihren Blick und musste lachen. “Ach, ich bin schon wie­der zu unge­dul­dig?” Und sie lachte auch und sagte “Ja, vielleicht?”


Je näher ich einem Tief komme, je wei­ter es abwärts geht, desto weni­ger mag (kann) ich reden, schrei­ben, kommun­zie­ren. Je weni­ger ich kom­mu­ni­ziere, für eine:n andere:n for­mu­liere, desto mehr rut­sche ich ab. Ich stehe dane­ben, schaue zu und kann es nicht ändern. Die Worte fin­den kei­nen Weg aus den Gedan­ken heraus.

Die Dor­nen­he­cke hat mich noch immer in ihrem Griff.

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