Feiertag

Mein Tweet zum heutigen Feiertag:

Das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür meines Schneckenhauses hängen und dann die nächsten Stunden damit verbringen, die Geräusche der Menschen um mich herum auszublenden.

Aber ich habe Apfel-Rhabarberkuchen. Für mich allein.
*Ulrike E.* (@fantasiafragile) 30. Mai 2019

Ich mag die italienische Kleinstfamilie (Mama, Papa, 2,5-jähriges Kind), die über mir wohnt. Wirklich. Also meistens jedenfalls. Sie sind super sympathisch, herzlich, offen. Sie bringen südländische Atmosphäre ins Haus, wenn sie sich laut in ihrer Sprache bei offenem Fenster in der Küche unterhalten. Ich kann damit leben, dass der Lütte ganz schnell wegen jedem Pups weint kreischt weint. Ich finde es toll, dass der junge Mann Cajón spielt und akzeptiere, dass er dafür oft eine Stunde übt. (Ich hab hier schließlich selbst jahrelang Musik gemacht.) Dass Papa und Sohn abends zwischen Arbeit und Bett noch ’ne Stunde durch die Wohnung toben: aber klar doch.

Heute passiert aber alles auf einmal: Toben, Musik, Geschrei, Trommel. Heute sind sie einfach nur furchtbar laut. Oder bin ich überempfindlich? Vielleicht.
Ich denke auch an die Zeit vor mehr als 30 Jahren, als meine Tochter in der Wohnung tobte und der (ältere) Mensch in der Wohnung unter uns ab und zu rauf brüllte, ob das denn nicht leiser ginge. Damals dachte ich, der soll sich doch nicht so anstellen, Kinder brauchen das, dann soll er halt wegziehen etc. Heute verstehe ich ihn. Und fühle mich alt, meckerig, intolerant, weil ich auch so geworden bin. Weil ich manchmal einfach meine Ruhe will und kein Gepolter über mir mag.

Es regnet, es ist komisch kalt, die Balkontür ist zu, ich fühl mich eingeschlossen. Raus zu gehen ist bei diesem Wetter und dem Feiertag (Himmelfahrt = Vatertag = grölende Männer unterwegs) keine Option.
Aber ich hab Apfel-Rhabarberkuchen, für mich allein. Mit Sahne!

Lebenstraum

Wenn ich beschreibe, wie und wo ich am liebsten leben würde, dann fällt mir neben „am Meer“ und „in einer überschaubaren Gemeinschaft mit mehreren Generationen“ immer das Wort „friedlich“ ein.

Darin enthalten sind: Ruhe – sowohl von der Umgebung als auch vom Tempo und dem Umgang miteinander her -, Gelassenheit, Toleranz, Akzeptanz. Wohlwollen. Frei von Angst und Bewertung. Die anderen nehmen, wie sie sind.

Ich möchte so gerne in Frieden leben.

Wenn Gutes Angst macht

Auf den Rat meiner Therapeutin hin habe ich mich Ende letzten Jahres umgeschaut nach ambulanter Sozialpsychiatrie (ASP) in Hamburg und mich relativ schnell für einen Träger (ich nenne ihn hier „OdW“) entschieden. Das ist keine Tagesklinik oder sowas, überhaupt nicht zu vergleichen, sondern eine Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Krankheiten / Einschränkungen, die Hilfe vor allem in Alltagsdingen brauchen, denen Ansprache und Kontakte fehlen, die aus der Isolation raus wollen, in die die Krankheit sie gebracht hat.

Das Erstgespräch mit der dortigen Leiterin war sehr angenehm, wohlwollend, zugewandt, das Programm klang für mich passend. Also hab ich bei der Sozialbehörde einen Antrag auf Kostenübernahme gestellt. Als Antwort gab es erstmal einen Fragebogen mit gefühlten 30tausend Seiten, auf denen ich Auskunft geben musste über meine Wohnsituation, Finanzen, Familie, Krankheiten, Berufslaufbahn und eigentlich alles aus meinem Leben. Dass sie nicht noch nach dem täglichen Stuhlgang gefragt haben, war eher verwunderlich.
Ich hasse es, mich vor Behörden so nackt zu machen, auch wenn sie später Gutes tun. Hab auch entsprechend lange gebraucht, das Ding auszufüllen und eine Fristverlängerung zu beantragen und es dann 2 Tage vor Schluss endlich abzugeben.

Vor einigen Tagen war dann also das „Gesamtplanungsgespräch“ mit den Mitarbeiterinnen der Behörde. Zu meiner inneren Sicherheit konnte ich jemanden von OdW mitnehmen, so war ich mit den 3 Frauen nicht alleine.
Und dann ging es von vorne los. Zweieinhalb Stunden Fragen beantworten. Die gleichen wie im Fragebogen, nur endlos viel ausführlicher. Wie versorgen Sie sich? Gehen Sie einkaufen? Wie ist es mit der Körperpflege? Nehmen Sie Medikamente? Was machen Sie tagsüber? Ist das noch im gesunden Rahmen mit dem Computer? (Bei der Frage möchte ich dann immer am liebsten ausrasten. Menschen meiner Generation haben anscheinend noch immer keine Ahnung, dass man damit mehr machen kann als Spiele zu spielen.) Wie wohnen Sie, was muss gemacht werden? Denken Sie aber nicht, dass da jetzt jemand kommt und für Sie Fenster putzt! Was sind das für körperliche Beschwerden, woher kommen die und was machen Sie dagegen? Ach, Sie haben eine Ärzteallergie? Dagegen können wir was machen. Okay, das letzte haben sie nicht ausgesprochen, aber in meinem Kopf klang das danach. Doch, sie waren nett. Wir haben gescherzt und gelacht, ich hatte einen guten Tag trotz Aufregung und Atemnot und allem. Ich hab mich trotzdem zwischendurch schrecklich gefühlt. Nackt. Schuldig. Und immer wieder die innere Frage von mir an mich, ob ich nicht simuliere. Soo schlecht geht’s mir doch nicht, oder?

Alle meine Antworten wurden gewissenhaft notiert. Daraus entsteht jetzt ein ichweißnichtwieviel-Punkte-Plan, den ich mit meiner noch zu bestimmenden Betreuerin bei OdW abarbeiten darf, um die vereinbarten Ziele zu erreichen, deren Erreichen in einem halben Jahr wieder überprüft wird. Ich hab den Plan noch nicht in Händen, aber so etwa sehen die Punkte aus:

  • Wohnung putzen
  • Schreibtisch / Papiere aufräumen
  • Gelder beantragen und Wohnung renovieren
  • evtl. Fußboden restaurieren
  • Badezimmer barrierefrei machen (keine Ahnung, wie das passieren soll)
  • wöchentlich an 2-3 Gruppenangeboten bei OdW teilnehmen
  • Menschen zu mir einladen, damit ich einen Grund habe zum sauber machen
  • Termine machen bei Augenärtztin , Zahnärtztin , Frauenärtztin
  • am besten sofort wieder gesund sein, damit ich niemandem mehr zur Last falle und solche Gespräche nicht mehr führen und mich von niemandem mehr beurteilen lassen muss

Ja, der letzte Punkt stammt wieder nur von mir. Natürlich sagt das keiner. Natürlich sind alle so verständnisvoll und so empathisch und nein, Sie können ja nichts für Ihre Krankheit und wir wollen Ihnen ja nur helfen, aber eigentlich hat keiner eine Ahnung wie es einem geht mit dem Scheiß und dass sich jeder Druck von außen in mir drin zu einem unerfüllbaren Druck potentiert, so dass ich trotz allem Positiven einfach nur schreiend in mein Schneckenhaus zurück will.

Wie soll ich das denn hinbekommen? Menschen in meine Wohnung lassen, die heilloses Chaos anrichten und meine Sachen anfassen und mich nötigen werden, mein Zeug zu sortieren und auszumisten und wer räumt das alles hin und her und wieder ein, wenn ich es doch nicht kann und niemandem vertraue? Überhaupt vorher beantragen, dass mir das jemand bezahlt, ohne dass ich dafür was mache? Das hab ich nicht verdient! So bedürftig bin ich nicht! Das geht nicht!
Dann das Rausgehen. Gruppenangebote. Fremde Menschen treffen, mich zeigen, Bewertungen aushalten, Vertrauen entgegen bringen ohne Garantie, Grenzen setzen, Menschen aushalten… Das ist alles zu nah, zu viel, viel zu viel Angst. Ich kann das nicht. Ich sehne mich nach Kontakt, aber ich kann das nicht.
Und die Ärztegeschichte können sie eh vergessen. Dass ich da zugestimmt hab, lag nur daran, dass ich es nicht ablehnen konnte.
Das einzige, worauf ich mich freuen würde, ist der Hof mit den Therapiepferden und den anderen Viechern außerhalb von Hamburg, aber ich hab keine Ahnung, ob ich da überhaupt hin darf. Ich weiß allerdings auch nicht, welche Voraussetzungen man*frau da erfüllen muss, aber ich geh natürlich wie immer davon aus, dass ich sie nicht erfülle.

Jede Außenstehende würde dieses Angebot vermutlich mit offenen Armen gutheißen. Jede wird sagen, dass es sooo toll ist, dass ich da Hilfe bekommen kann, dass ich das annehmen soll und dass ich doch blöd wäre, wenn ich es nicht mache.
Und ich denke, was bin ich doch blöd, dass ich solche Angst davor habe. Dass ich das Gefühl habe, wenn ich 3mal in der Woche da was mache, dass ich dann gar keine Zeit mehr für mich habe. Dass mir das alles viel zu viel ist. Dass da nun endlich sein kann, was ich mir wünsche und ich es gleichzeitig trotzdem nicht will.

Morgen wird der Anruf kommen von der Leiterin von OdW, dass wir uns dann ja mal diese Woche zusammen setzen und das ganze besprechen können. Einen Plan machen. Eine Bezugsbetreuerin aussuchen, Termine machen.
Ich hab Bauchschmerzen, ich weine, ich lenke mich ab, um nicht darüber nachzudenken. Ich hab Angst. Ich kann das nicht. Ich bin nicht mutig.


Ausnahmsweise ist die Kommentarfunktion für diesen Beitrag abgestellt. Ich bin fast immer dankbar für Aufmunterung, Mut machende Sätze, solidarische Grüße oder eigene Erfahrungen – diesmal wäre es nicht hilfreich, solange ich nicht selbst dran glaube. Ich würde mich bedanken und es nicht ehrlich meinen, das will ich nicht.


Dialog im Inneren

Ohne dass es mir wirklich bewußt wäre, führe ich den Tag über oft Gespräche mit einem imaginären Gegenüber. Nur in Gedanken, nicht laut, obwohl ich das ja könnte, schließlich lebe ich alleine und es ist keiner da, der mir zuhören könnte außer Igor, und die imaginären Personen, nun, die reden ja auch nur imaginär.

Jedenfalls rede ich eigentlich den ganzen wachen Tag. Allerdings, das ist mir vor kurzem mal wieder bewußt geworden, sind es sehr oft Streitgespräche, in denen ich mich gegen andere (echte oder imaginäre) Meinungen verteidige. Und das ist der eigentliche erwähnenswerte Punkt, der mich zu der Frage bringt:

Bin ich wirklich so zutiefst unsicher, dass ich mich permanent angegriffen fühle? Und vor allem: warum? Denn eigentlich bin ich doch überzeugt – nein, nicht von mir als Person, aber doch von meinen Ansichten, meiner Sichtweise und meiner Meinung.

Ich glaube daran (wenn Igor nicht zuhört und dazwischenfunkt), dass, wenn ich etwas tue, ich es durchdacht und richtig mache. Dass ich ein gutes Gefühl für optische und akustische Schönheit habe. Ich glaube, dass mein Gespür für andere Menschen und deren Gefühle stark und richtig ist. Ich glaube daran, dass meine politischen Überzeugungen richtig sind. Dass ich die richtige Seite vertrete, wenn ich für Toleranz, Gleichberechtigung, Achtsamkeit und Miteinander eintrete. Ich bin überzeugt, dass meine Bemühungen, Depression und andere psychische Krankheiten in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, sinnvoll und gut sind.

Und eigentlich bekomme ich zu all diesen Themen nichts oder nur selten Gegenteiliges zu hören. Das, was ich mir da in diesen imaginären Gesprächen ausmale, findet so gut wie nie statt. (Wenn doch, dann schmeißt es mich allerdings völlig aus der Bahn. Aber das ist ein anderes Thema.)

Sind es dann also meine inneren Kritiker*innen, mit denen ich da rede? Soll es mir womöglich helfen, Sicherheit zu finden? Oder liegt es doch daran, dass ich immer das Schlimmste erwarte?

(Amtliche Briefumschläge im Postkasten lassen meinen Herzschlag aussetzen, owohl es in mindestens der Hälfte der Fälle irgendeine Scheißwerbung ist. Aber ich erwarte immer böse Nachrichten á la „Hier ist eine Rechnung in Höhe von unbezahlbar offen“ oder „Sie haben das und das falsch gemacht, begeben Sie sich sofort ins Gefängnis und gehen Sie nicht über Los“. Oder aktuell „Wir haben festgestellt, dass Sie simulieren, Sie bekommen kein Geld mehr und müssen sofort in Ihren alten Job zurück“.
Oder: von den lieben Bekannten, denen ich grade bei einem Projekt helfe, kommt eine Mail und ich denke sofort, dass ich was falsch gemacht habe und sie jetzt total sauer sind und nie wieder auch nur irgendein Wort mit mir sprechen werden. Das trifft natürlich nicht zu, weil ich nichts falsch gemacht hab und C.&N. wirklich unglaublich liebe Menschen sind und ich alles richtig gemacht habe, aber ich erwarte es.

Oder: mein Telefon klingelt, das kann nichts Gutes bedeuten.
Nur drei aktuelle Beispiele, wie das aussieht.)

Das sind die Auswirkungen, wenn Eltern mit ihrem Kind nicht über das sprechen, was es gut gemacht, sondern nur für das bestrafen, was es in ihren Augen falsch gemacht hat. Das sind die Auswirkungen, wenn ein Kind mit einem jähzornigen, gewalttätigen Vater aufwächst, bei dem es einfach immer auf das Schlimmste gefasst sein muss. Dass einem das das Leben zur ständigen Belastungsprobe macht, hat damals keinen interessiert.
(Dass das ein Leben lang nachwirkt, hätte ja auch keiner ahnen können… Aber das ist ein neues Streitgespräch.)

Ich habe noch keine wirkliche Antwort auf die Frage, wie ich diese Unsicherheit und Angst endlich los werde, aber vielleicht ist es ein erster Schritt, dass ich mir dessen bewußt werde, wenn ich mal wieder mit mir selbst rede.

Positives sehen

Oft ist die Tatsache, dass ich nach längerem Schweigen wieder Worte finde und sie auch aufschreiben kann, ein Hinweis darauf, dass ich auf dem Weg aus dem Loch heraus bin. Wenn ich also Glück habe, war das gestern der Tiefpunkt. Falls doch noch nicht, sitze ich wenigstens frisch geduscht da unten.

Abwärts

Psychisch anstrengende Wochen liegen hinter mir. Ich habe äußerst unangenehme finanzielle Dinge erwachsen geregelt. Mich neuen Situationen und Menschen gestellt. Ausgehalten, dass mich etwas sehr wütend und etwas anderes sehr traurig gemacht hat. Von mir aus eine Verabredung getroffen und sie eingehalten. Bin jeden Tag aufgestanden und habe Dinge gemacht, bis ich wieder ins Bett gehen konnte.

Wie so ein erwachsener Mensch, der ein Leben hat.

Und jetzt ist die kaputte Batterie wieder leer. Seit ein paar Tagen schau ich mir selbst wiedermal zu, wie ich abrutsche. Langsam und stetig ins dunkle Loch verschwinde. Möchte nicht aufstehen, wozu auch. Der mit Hoffnung und Mut geschriebene Wochenplan: Blödsinn. (Wie konnte ich glauben, dass ich sowas alleine durchziehen könnte?) Kommunikation ist so anstrengend. Farben suchen im Schwarz oder Weiß sinnlos. Habe Hunger, aber mir ist so schlecht vom Essen. Meine Haare tun weh. Alles tut weh. Ich möchte weinen und kann nicht, bin innerlich trocken wie Schleifpapier. In anderen Momenten möchte ich schreien und toben und wütend sein, aber es ist zu anstrengend.

Ich lerne, es zu akzeptieren.


P.S., hauptsächlich für Familienmitglieder:
Das ist eine Momentaufnahme. Es geht auch wieder vorbei.
Seit Jahren kenne ich es schon, dass ich nach solchen anstrengenden Zeiten innerlich völlig leer bin und dann zulasse, dass Igor sich diesen Raum nimmt. Natürlich ist das nicht schön. Aber ich kann ruhig bleiben dabei und zusehen, weil ich inzwischen weiß, dass es vorbei geht. Ich mag diesen Zustand nicht, aber ich kann ihn nicht ändern. Ja, ich habe genug Skills zur Verfügung, ich weiß, was ich tun könnte, ich brauche keine neuen Ideen. Nein, es hilft wirklich nichts. Ich geh da durch, ich halte aus, ich atme weiter, bis ich unten bin, denn unten zu sein heißt auch, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Erst dann kann ich den Weg nach oben suchen. Erst dann kann ich wieder Wörter schreiben und achtsam sein und mich akzeptieren und wieder Farben suchen im Schwarzweiß.

Ich ahne, dass Außenstehende das befremdlich finden oder sich Sorgen machen. Aber ich brauche und will diese Sorgen nicht, grade in diesem Zustand nicht. Genau dann kann ich damit nämlich erst recht nicht umgehen, weil ich wirklich genug damit zu tun habe, einfach nur zu atmen.
Wer etwas tun will, setzt sich (in Gedanken und / oder Worten) still neben mich und redet über banale Dinge oder schweigt und strickt dabei Socken. Sonst nichts. (Danke, D.! <3)

Es geht wieder vorbei.

Und draußen wartet das Leben

Ich bin schon wieder so müde, so unfassbar müde und energielos. Die Tage sind zerbrechliche Konstrukte: funktionsfähig bis gut, wenn alles nach Plan läuft, aber sofort aus den Fugen, sobald etwas außerplanmäßiges von außen kommt. Eine Sache kann ich dann meistens doch irgendwie händeln, wenn ich den Panikmoment hinter mir habe – sobald es zwei oder mehr Dinge sind, um die ich mich kümmern muss, möchte ich mich nur noch verkriechen.

Das Blöde am Alleinsein ist, dass ich auch alles alleine machen musst, ob ich es kann oder nicht. Und dieses blöde Leben nimmt darauf keine Rücksicht. Es klopft einfach an die Haustür meines Ichs, verlangt Aufmerksamkeit, geht nicht von alleine wieder weg. Es wartet draußen, ich kann es sehen durch die Ritzen in den Brettern, mit denen ich das Fenster zugenagelt habe, damit mich drinnen keiner sieht.

Aber mit dieser eingeschränkten Sicht sehe ich eben auch nicht das ganze Draußen. Ich weiß nicht, ob das Problem bärengroß ist oder doch nur käferklein. Ich weiß nicht, ob noch was hinterher kommt oder ob das eine schon alles ist. Ich weiß auch nicht, ob es da draußen nicht doch irgendwo Hilfe für mich gibt.
Weil ich seit frühester Kindheit gelernt habe, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, reagiere ich entsprechend. Vor lauter Angst ist alles übergroß und mächtig und ich bin nur ein kleines Kind, das sich nicht wehren kann und auch gar nicht wüßte, wie.

Und während das Leben schon ganz behutsam die Haustür zu meinem Ich aufmacht und mich einlädt, mit ihm zusammen das Draußen anzuschauen, bin ich nur damit beschäftigt, die ollen Bretter vor den Fenstern abzureißen und wieder dran zu nageln und abzureißen und dran zu nageln und kann gar nicht sehen, was da draußen eigentlich wartet.

Der Plan für morgen sieht nach der heutigen Therapiestunde also vor, dass ich mein ängstliches kleines Kind an die Hand nehme, mit ihr zusammen zu der Stelle fahre, an der das aktuelle Problem angegangen werden muss und ihr (und mir) damit zeige, wie wir etwas auf erwachsene Art lösen können. Damit sie es lernt und ich vielleicht irgendwann meine Panik und meine negativen Erwartungen ablegen kann.

Gute gedankliche Begleitung nehm ich gerne an…

In Bewegung | Wochenrückblick

Die erste Woche mit den neuen Gewohnheiten ist vorbei, mehr oder weniger erfolgreich.

Definitiv gut ist das regelmäßige Aufstehen zur ziemlich gleichen Uhrzeit und das Meditieren direkt danach. Im Moment nutze ich die Handy-App „7 Minds“ und lasse mich durch den ersten Einführungskurs führen. Das ist gut, weil es Struktur gibt und weil ich jemanden brauche, der mir erzählt, was ich machen soll. Es sind kurze Übungen, jede ca. 10 Minuten, die einfach erstmal aufs Atmen und Spüren fokussieren sollen. Mir hilft das, von den morgens oft sehr unruhigen Träumen in mein waches Ich zu kommen und gelassener in den Tag zu starten.

Die Gelassenheit brauche ich vor allem an den Tagen, an denen es anschließend auf den Ergometer geht. Ich hasse dieses Ding so unsagbar. Es führt an meine Grenzen, es zeigt mir so deutlich, wie wenig ich Kämpferin bin, es malträtiert mich. Ich sitze auf dem Rad und starre auf die Kilometer- und die Zeitanzeige und fluche. Und Igor fletscht die Zähne und knurrt zurück. Es ist nur Druck, Zwang, Kampf – bis ich mein Ziel erreicht habe und sich ganz manchmal ein ganz klitzekleines Gefühl von Macht, von Stolz, von Gewinn zeigt.
In Malente hab ich in der Gruppe die 10 km geschafft und mich gut gefühlt dabei. Da will ich wieder hin. Heute waren es immerhin schon wieder 5 km.

Das ist der Tagesanfang – alles danach läuft noch nicht, wie ich es mir so schön vorgestellt hatte. Ich verschiebe die geplante Arbeit noch viel zu sehr hin und her, lasse andere Dinge dazwischen kommen (auch wenn sie, so wie der Brief und die Blumenorganisation zu K.s Beerdigung, wichtig sind) oder bin so müde, dass ich lieber schlafe als zu arbeiten. Den Donnerstag als Therapietag frei zu halten ist auf jeden Fall wichtig und gut, wenn es sich dann aber über den Freitag hinzieht, werd ich unzufrieden und grantig und mach dann aber erst recht nichts. Daran muss ich arbeiten, wenn ich wieder wenigstens ein kleines Stück zurück in ein Berufsleben will.

Nein, Kämpferin bin ich nicht. Auch Geduld, Beharrlichkeit und Ausdauer waren eigentlich nie so meins nur dann vorhanden, wenn mich etwas wirklich interessiert hat. Ab hier wird es wieder kompliziert: klar will ich das schaffen mit dem Wochenplan, dem Rythmus, den Aufgaben. Aber will ich es genug, um über die Hürden weg zu kommen, die dazwischen liegen? Was mache ich in den Flauten, wenn es nicht läuft, wenn ich den Willen verliere? Ich kenne mich, ich weiß, dass diese Phasen kommen. Wie kann ich mich ohne Kampfgeist motivieren?

Meine Therapeutin sagt: das ist schön, da kommt etwas in Bewegung. Und mein erster Reflex ist – obwohl ich es mir selbst ausgesucht habe! – mich unter der Decke verstecken zu wollen. Wie kann das sein?

Warum kann ich das Gute nicht zulassen?

Neustart

Ab heute starte ich eine neue Challenge: Regelmäßigkeit in meinen Alltag bringen.

Ich werde versuchen – nein: ich werde! an Wochentagen feste Aufgaben zu festen Zeiten erledigen. Ins Bett gehen, aufstehen, essen, arbeiten *), den Ergometer malträtieren… sowas eben. Es entspricht überhaupt nicht meinem Naturell und ich werde mich zeitweise vermutlich abgrundtief dafür hassen, dass ich mir sowas vorgenommen habe – aber ich weiß aus allen Klinikzeiten, dass es gut tut.

 *) „Arbeit“ meint: Schreiben / Bloggen, Webseiten- und Grafikarbeiten für mich und andere, weiterbilden in meinem Beruf, auch wenn ich ihn vermutlich nie offiziell ausüben werde.

Es gibt also einen Wochenplan (mit der „Arbeit“, den zu schreiben, lassen sich andere Aufgaben übrigens hervorragend prokrastinieren und es entsteht ein wohlig-warmes Gefühl von „ich hab was getan!“), der auf meine Bedürfnisse und Möglichkeiten abgestimmt ist, der aber auch Herausforderungen beinhaltet.
Morgenkaffee und Morgenmeditation sollen festes Ritual werden, um ruhig und positiv gestimmt den Tag zu beginnen. Sport ist fest eingeplant, aber es wird kein Rad-Marathon von 0 auf 100, sondern ein sanfter Wiedereinstieg. Der Donnerstag als Therapietag bleibt – abgesehen vom Morgenritual – mein freier Tag, weil ich nie weiß, wie es mir danach geht.
Feste Arbeitszeiten sollen mir helfen, Konzentration und Ausdauer wieder zu lernen. Die Arbeit soll bewirken, dass ich mein Selbstwertgefühl wieder rauskrame und neu aufbaue und dass ich nicht aus der Übung komme.

In der Gemeinschaft in Malente war es nach einer kurzen Eingewöhnungszeit relativ leicht, mich an den festen Plan zu halten – ob ich das auch alleine schaffe?

Memento mori

Bedenke, dass wir sterblich sind. Wenn du zu lange brauchst, um eine Entscheidung zu treffen, kann es sein, dass das Leben dir die Entscheidung abnimmt.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie von meinen Pateneltern P. & K. erzählt, die in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich habe sie geliebt, geachtet und gefürchtet. Sie waren streng wie meine eigenen Eltern – so streng, wie Eltern eben waren in den 1960ern – aber bei ihnen war trotzdem immer auch die Liebe zu spüren, zu ihren eigenen wie zu ihren vielen Patenkindern. Das, was ich bei meinen Eltern vermisst habe, fand ich bei ihnen, wenn ich in den Ferien zu Besuch war. Obwohl ich auch dort immer nur ein Kind unter vielen war, wurde ich gesehen und gehört.

Wenn ich an die beiden denke, kommen so viele Erinnerungen hervor. Der Geruch nach altem Haus und noch älterem, kaltem, muffigem Keller, wo die Gläser mit den eingemachten Köstlichkeiten aus dem Garten standen.
Die Holztreppe mit dem schönen Geländer, die so laut geknarzt hat, dass man sich nie unentdeckt aus dem Haus schleichen konnte.
Die Oma und die „Tante“, die auch im Haus wohnten und fast ihre ganze Lebenszeit in der Küche verbrachten, wo sie Sachen kochten und buken, von denen ich zuhause nichtmal träumen konnte. (Pfitzauf! Milchreis mit Äpfeln und Zimt als Mittagessen! Nudeln, Klöße, Fleisch mit Soße, typisch schwäbisch – selbst die Kartoffeln schmeckten. Menschen, die mich kennen, wissen was das heißt.)
Himbeeren, Erdbeeren, Johannisbeeren direkt vom Strauch in den Mund. Es gibt kaum etwas köstlicheres.
Mit der ganzen großen Familie ins „Gütle“ fahren und die Obstbäume abernten. Als vollwertiges Mitglied angesehen werden und Achtung erfahren.
Meine ersten Zöpfe, die K. mir geflochten und damit auch für zuhause den verhassten Pferdeschwanz abgschafft hat.
Musik, die von überall klingt und mit Freude und Lachen verbunden ist und nicht – wie zuhause – mit Pflicht und Zwang und Ohrfeigen.
P., wenn er das Klavier stimmt und zufrieden lacht, wenn es passt.
K., die mich ganz fest in ihrem Arm hält und tröstet, wenn ich mich alleine fühle.
Und: endlich mal nicht mit den Schwestern teilen müssen. Für die beiden Söhne die große Schwester sein dürfen.

Aber auch P., der fast immer laut und grob ist, ob er lacht oder schimpft, und mir damit Angst macht. Der mir so glaubhaft erzählt, dass die Fische im Naturschwimmbad meine Zehen anknabbern, dass ich heute noch Angst habe, im See oder im Meer zu schwimmen. Bei dem dank seiner religiösen Überzeugung nicht sein kann, was nicht sein darf. Der gesehen hat, was mein Vater tat und (auch) nicht eingeschritten ist. Der ihn noch dann verteidigt und entschuldigt, als er schon wußte, was das mit uns Schwestern gemacht hat. Der nicht ernst nehmen kann, was „nur“ auf der Seele sichtbar ist. Und K., die dazu schweigt.

Als ich 2013 in der Caduceusklinik anfing, mich mit den Taten meines Vaters auseinander zu setzen, landete ich auch bei P. & K. als Teil der Vergangenheit. Irgendwann wurde mir klar, dass ich, wenn ich diese Zeit hinter mir lassen will, auch Kontakte von damals abbrechen muss, weil sie sonst immer wieder alles von neuem hervor holen.
Ich habe einmal versucht, mit P. zu reden über all das, aber nur Unverständnis oder Bibelsprüche zu hören bekommen. Das brauchte ich nicht nochmal. Die jährlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstag hat dann der Anrufbeantworter aufgenommen; ich konnte nicht mehr mit ihnen sprechen. Dennoch gibt es einen Platz in meinem Herzen, ganz tief innen, an dem sie fest verwurzelt sind.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie über die beiden gesprochen und darüber, dass ich all die Jahre immer vor hatte, ihnen einen Brief zu schreiben und das alles zu erklären. Letzten Donnerstag ist K. gestorben.

Wenn du zu lange brauchst, um etwas in die Tat umzusetzen, trifft das Leben manchmal selbst eine Entscheidung.

Alptraumnacht

Dass mir das so nachgehen würde, dass ich gleich zweimal in der Nacht aus Alpträumen aufwache, hätte ich nicht erwartet, als ich gestern „mal eben schnell“ ein paar Sätze aus meiner Kindheit bei Twitter schrieb.

#SagNieEinemKind „Sei doch nicht immer so bockig“, wenn es doch nur versucht, sich gegen die Schläge und die Übergriffe des Erzeugers zu schützen.

#SagNieEinemKind „Willst du jetzt wieder lieb sein?“, nachdem du es 2 Stunden in seinem Zimmer alleine hast weinen lassen, weil es vergeblich versucht hat, gehört zu werden und darum laut wurde.

#SagNieEinemKind „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ und stell ihr*m abends das kalte Essen wieder hin, was am Mittag schon furchtbar schmeckte (und stopf dich dann selbst voll mit Süßkram).

#SagNieEinemKind „Stell dich nicht so an“, wenn es doch nur vorsichtig um Hilfe bittet, weil es alleine mit etwas nicht klar kommt.

#SagNieEinemKind „Ich hab dich nicht mehr lieb“, weil es aus Versehen beim Spielen etwas kaputt gemacht hat.

#SagNieEinemKind „Nimm dir ein Beispiel an deinen Geschwistern“, nur weil die älter sind und schon können, was das Kleine noch nicht kann.

#SagNieEinemKind „Das schaffst du nie, du bist einfach zu dumm dafür“, nur weil es für eine Sache kein Talent oder kein Interesse hat.

#SagNieEinemKind „Mach du mir nicht auch noch Probleme“, nur weil es die ganze Scheisse in der Familie nicht mehr erträgt und darum *auffällig* wird.

#SagNieEinemKind „Du studierst xy, darüber wird nicht diskutiert“, nur weil du es nicht durftest und dein Kind jetzt stellvertretend deine Träume leben muss.

Aber da kamen sie dann angeschlichen in die Nacht, die Gestalten, die mich gegen meinen Willen fest hielten, die Feuer legten, mich aus dem Fenster warfen und mein Zuhause zerstörten.
Die Angst lag den ganzen Tag noch wie ein Tuch auf meiner Schulter.

So lange können solche Sätze nachhallen, trotz Therapie und aller Arbeit an mir selbst. Und auch wenn ich sie heute nicht mehr glaube (oder zumindest meistens glaube, dass ich das nicht mehr tu), schmeißen sie mich so geballt auf einem Haufen doch mal eben in die Ecke. Dabei sind es noch lange nicht alle Sätze…

Aber es gab kurz vor dem Schlaf auch eine plötzliche Erkenntnis zu einem Thema, das mich schon lange schwer beschäftigt, die mich hoffentlich weiter bringt. Dazu ein anderes Mal mehr.

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