18-07-2021 Wenn Lärm nur noch weh tut

Ja, das Ding mit dem Lärm wird hier noch öfter Thema sein. Irgendwo muss ich hin mit der Wut und der Ver­zweif­lung. Aber das ist ja zum Glück mein Blog und ich schreibe für mich, darum: wer es nicht lesen will, möge es ein­fach nicht lesen.


Nach­dem ich am Frei­tag ja schon um kurz vor neun trotz weni­ger Stun­den Schlaf hell­wach war, mochte ich ges­tern so über­haupt nicht auf­ste­hen. Keine Lust, müde, qua­kig. Als ein­zi­ger Punkt stand auf der “Du hast da was zu tun” - Liste, die Bude mal wie­der durch zu sau­gen und das hatte ja nun wirk­lich Zeit bis zum Mit­tag Nach­mit­tag frü­hen Abend. Aber irgend­wann machen sich die olle Matratze und der Rücken bemerk­bar und dann steh ich eben doch auf, weil es wenigs­tens Kaf­fee gibt und Bröt­chen mit saule­cke­rer Mar­me­lade aus Johan­nis­bee­ren, die ich am Mitt­woch noch schnell gekocht hatte.


Ich saß also mit­tags eine Weile gemüt­lich beim Früh­stück, schön mit offe­ner Bal­kon­tür (solange die Gas­tro noch nicht offen hat, geht es ja halb­wegs), da kam wie aus dem Nichts der Knüp­pel. Und zwar mit­ten rein ins Gesicht und auf die Ohren, in Form eines Mons­ter­schlag­zeugs.
Auf dem gro­ßen Platz rechts neben uns, ca. 120 m ent­fernt, war irgend­ein Fest. Mit Musik. Und wie immer hat­ten sie die schlech­tes­ten Cover­bands von Ham­burg enga­giert. Es ist mir ein Rät­sel, wie sie das immer machen und wo sie immer wie­der Nach­schub fin­den, aber sie schaf­fen es jedes Jahr aufs Neue. Ich bin aus­ge­bil­dete Musi­ke­rin, ich kann das beurteilen.

Ein häu­fi­ges Merk­mal von schlech­ten Bands, deren Mit­glie­der ganz tief in sich ahnen, dass sie schlecht sind, ist: sie sind laut. Extrem laut. Sie ver­su­chen damit zu über­tö­nen, dass sie schlecht sind. Aber das nützt nichts. Schlecht bleibt schlecht und eine miese Stimme wird nicht bes­ser, wenn sie mit 10000 Watt ver­stärkt wird, auch wenn das Schlag­zeug ver­sucht, noch lau­ter zu sein und der Bass unter allem ein­fach nur dröhnt.

Wie so eine rich­tige Spie­ße­rin hab ich mir ges­tern eine App aufs Handy geholt, mit der sich die Laut­stärke mes­sen lässt, damit ich mal bestä­tigt bekomme, dass ich nicht spinne. 80 dB waren es im Schnitt, direkt am Platz dann wohl ca. 100 dB. Das ist nicht mehr laut, das ist Lärm und damit Lärm­be­läs­ti­gung. Aber laut Gesetz dür­fen sie das, wenn so ein Fest nur sel­ten im Jahr statt findet.

Als ehe­ma­lige Musik­leh­re­rin weiß ich natür­lich, dass Musiker:innen und Bands üben müs­sen, damit sie gut wer­den. Ich befür­worte auch aus­drück­lich, dass Men­schen Musik machen, ein Instru­ment ler­nen, sich krea­tiv betä­ti­gen: es ist wirk­lich gut für die Seele. Und mir ist klar, dass es viel Über­win­dung kos­tet, sich in der Öffent­lich­keit zu zei­gen, wenn man nicht per­fekt ist. Aber: laut zu sein, hilft nicht. Laut macht Lärm und alles kaputt.

Und kaputt war dann ich ges­tern. Das kam so unvor­be­rei­tet, dass ich keine Zeit mehr hatte, irgend­wel­che Schutz­schil­der auf­zu­bauen. Mir blieb nur, die Fens­ter und Tür vorne zuzu­ma­chen und mir Kopf­hö­rer auf­zu­set­zen, weil es auch durch die hin­te­ren Fens­ter ein­drang.
Um 14 Uhr fin­gen sie an, jede Band hatte ca. 40 Minu­ten, dann wurde ab- und wie­der auf­ge­baut, gestimmt, Mikro getes­tet, noch­mal gestimmt, das Schlag­zeug ein­ge­groovt und wie­der los gelegt. Ein­mal war ein Singer/Songwriter dran, der war zwar genauso schlecht, aber fast noch erträg­lich, weil er nur eine Gitarre dabei hatte. Bis gegen 20:30 Uhr ging das ganze.
Beson­ders “prak­tisch” war ja, dass um 18 Uhr eine wei­tere Musik­ver­an­stal­tung in der Nähe (500 m Luft­li­nie) statt fand. Ein Frei­licht­kon­zert, orga­ni­siert von der Elb­phil­har­mo­nie: »Him­mel über Ham­burg - Alp­hör­ner, Pau­ken und Trom­pe­ten auf den Dächern der Lenz­sied­lung«. Super Idee und weit über die Lenz­sied­lung hin­aus zu hören, so dass die Anwohner:innen sich nicht ent­schei­den muss­ten, ob sie Rock oder Klas­sik lie­ber mögen - sie beka­men ein­fach bei­des. Gleich­zei­tig. Gut gemacht, Leute, wirk­lich gut.

Ins­ge­samt gese­hen - oder bes­ser: gehört - war das ges­tern also so ein rich­ti­ger Scheißtag.

Ich bin Musi­ke­rin, ich hab wirk­lich ver­dammt viel Musik gehört und gemacht in mei­nem Leben. Auf­ge­wach­sen in einem rei­nen Klas­sik-Haus­halt, beide Eltern Musik-machende und -leh­rende. Musik war All­tag bei uns, es gehörte dazu wie reden und lesen. Es gibt ein Foto, auf dem ich, ca. 4 Monate alt, wäh­rend eines Kir­chen­kon­zer­tes mit Chor und gro­ßem Orches­ter direkt neben den Blech­blä­sern auf dem Boden liege. Tief schla­fend. Ich habe Block­flöte gespielt, bevor ich lesen und schrei­ben konnte. Als Jugend­li­che in den 70ern hab ich meine eigene Musik gefun­den, die ich neben der Klas­sik geliebt habe und bis heute liebe und höre. Meine Toch­ter ist mit die­ser Musik­mi­schung groß gewor­den und hat selbst wie­der eigene Rich­tun­gen gefun­den, die nicht immer mei­nen Geschmack tra­fen, die ich aber für sie mit gehört habe und gute Sachen drin fand. Man­che ihrer gelieb­ten Bands und Sänger:innen ste­hen immer noch auf mei­ner aktu­el­len Play­list. Ich mache nicht mehr aktiv Musik, aber ich emp­finde und bezeichne mich immer noch als Musi­ke­rin.
Was ich damit sagen will: mein Leben ist voll mit Musik. Musik ret­tet mich aus schlimms­ten Depres­sio­nen und hilft mir, etwas zu füh­len, wenn ich inner­lich fast tot bin. Musik ist eines der weni­gen Dinge, die mich glück­lich machen.
Aber es gibt etwas, das sich “Musik” nennt (weil es aus wenigs­tens einem Ton besteht und irgend­ei­nem Rhyth­mus, auch wenn es immer der glei­che mono­tone ist und weil irgend­je­mand ein Mikro in der Hand hat und da irgend­was rein brüllt), bei dem nehme ich mir auf­grund mei­ner Erfah­rung her­aus zu sagen: das ist keine Musik. Das hat mit Musik so viel zu tun wie ein mat­schi­ger Bur­ger von McDoof mit einem 5-Sterne-Essen im Edel­re­stau­rant. Das ist nur noch Lärm — und Lärm macht krank. 

Genauso uner­träg­lich und des­halb krank machend ist für mich unge­be­tene, auf­ge­zwun­gene Musik, die ich ertra­gen muss, der ich aus­ge­lie­fert bin, weil ich nicht weg kann. Das tut in mei­nem gan­zen Ich weh, im Kör­per genauso wie in der Seele. Das ist Schmerz pur. Es war schon immer so, aber seit die Hoch­sen­si­bi­li­tät dazu kam, erst recht. Ich spüre es als Schmerz auf der Haut, als Ham­mer auf und im Kopf, als bren­nend hei­ßen Klum­pen im Zwerch­fell und der Lunge.
Und so emp­finde ich eben auch bestimmte Geräu­sche: Mar­tins­horn, auf­heu­lende Moto­ren, quiet­schende Brem­sen, Bohr­ma­schi­nen, Sägen, Laub­blä­ser, trop­fende Was­ser­hähne, schril­les Kin­der­ge­schrei, eine Ansamm­lung reden­der Men­schen. Je län­ger es andau­ert und je lau­ter es ist, desto grö­ßer ist der Schmerz und desto weni­ger kann ich mich schüt­zen davor. Es ist, als ob jemand meine Haut mit einer Ras­pel bear­bei­tet und Schicht um Schicht mein Inne­res bloß legt. Ich gewöhne mich nicht daran - es wird immer schlimmer.


Es ist jetzt halb fünf am Nach­mit­tag, meine Bal­kon­tür steht immer noch offen, denn es ist schöns­ter Som­mer im Nor­den: mit 25° im Halb­schat­ten und leich­tem See­wind per­fekt, um drau­ßen zu sein. Aber ich höre, wie die Straße erwacht. Wie immer mehr Men­schen am Haus vor­bei gehen oder für ihre Blech­kis­ten einen Park­platz suchen, wie die Außen­plätze der Knei­pen sich fül­len und alle reden und reden und reden. Wie Nebel, der durch die Gas­sen wabert, formt sich alles Reden zu einem ein­zi­gen Schwall aus Geräusch zusam­men und steigt auf in die Luft und bleibt da irgendwo hän­gen als Dach aus Lärm. Und ich weiß, dass ich gleich Türen und Fens­ter ver­ram­meln muss, damit es nicht so weh tut, denn im Gegen­satz zu Nebel fühlt sich die­ser Schwall an, als sei er mit Nadeln gespickt.

Der schönste Tag der Woche ist für mich inzwi­schen der Mon­tag: weil da zwei der Restau­rants Ruhe­tag haben. Weil die Men­schen müde sind vom Wochen­ende und nur sel­ten weg gehen. Weil der All­tag erst lang­sam wie­der in Gang kommt.
Nie hätte ich mir vor­stel­len kön­nen, das mal zu sagen: I really like mondays.

Bis mor­gen also.


Ergän­zend noch ein paar Fakten.

Lärm wirkt sich als Stress­fak­tor auf das vege­ta­tive Ner­ven­sys­tem aus. Der Blut­druck kann stei­gen, es kann zu Kopf­schmer­zen-und Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen kom­men, zu Mus­kel­ver­span­nun­gen oder zu Schlaf­stö­run­gen. Dadurch kann sich der Kör­per nicht rege­ne­rie­ren und ist Krank­hei­ten gegen­über eher aus­ge­lie­fert. Bei Frauen kann sich Schlaf­lo­sig­keit sogar auf das Brust­krebs­ri­siko auswirken.

Gespräch mit Mat­thias Hint­z­sche, Refe­rent im Fach­ge­biet Lärm­min­de­rung bei Anla­gen und Pro­duk­ten und Lärm­wir­kun­gen, erschie­nen am 25.04.2018 in der Han­no­ver­schen Allgemeinen
Screenshot zum Thema Lärm mit folgendem Text:

Lärm – Der schleichende Tod

Straßenlärm ist die größte Quelle von Umweltlärm mit einer geschätzten Anzahl von 125 Millionen Menschen allein in Europa, die Tag und Nacht von einem Lärmpegel von über 55 Dezibel betroffen sind.
Fast 20 Millionen Erwachsene sind genervt von Umgebungslärm. Weitere acht Millionen leiden deshalb unter Schlafproblemen.
Mindestens 10.000 Fälle frühzeitigen Todes sind in Europa auf Umgebungslärm zurückzuführen.
Über 900.000 Fälle von Bluthochdruck werden jährlich durch Umgebungslärm verursacht.
43.000 Krankenhauseinweisungen verursache Umgebungslärm jährlich in Europa.
Das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, steigt um 4 Prozent pro 10 Dezibel Zunahme der Straßenlärmbelästigung.
Etwa 4000 Menschen jährlich erleiden einen Herzinfarkt aufgrund von Straßenverkehrslärm.
Quelle: oben ver­link­ter Arti­kel in der HAZ

Zu viel Schall – in Stärke oder Dauer – kann nach­hal­tige gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen oder Schä­den her­vor­ru­fen. Diese betref­fen zum einen das Gehör, das durch kurz­zei­tige hohe Schall­spit­zen oder Dau­er­schall geschä­digt wer­den  kann (aurale Wir­kun­gen). Dazu gehö­ren Beein­träch­ti­gun­gen des Hör­ver­mö­gens bis hin zur Schwer­hö­rig­keit, sowie zeit­lich begrenzte oder dau­er­hafte Ohr­ge­räu­sche (Tin­ni­tus). Hohe Schall­pe­gel tre­ten nicht nur im Arbeits­le­ben auf, son­dern auch in der Frei­zeit, zum Bei­spiel durch laute Musik. Fer­ner wirkt Schall (oder Lärm) auf den gesam­ten Orga­nis­mus, indem er kör­per­li­che Stress­re­ak­tio­nen aus­löst (extra-aurale Wir­kun­gen). Dies kann auch schon bei nied­ri­ge­ren, nicht-gehör­schä­di­gen­den Schall­pe­geln gesche­hen, wie sie in der Umwelt vor­kom­men (zum Bei­spiel Ver­kehrs­lärm).

Lärm als psy­cho­so­zia­ler Stress­fak­tor beein­träch­tigt somit nicht nur das sub­jek­tive Wohl­emp­fin­den und die Lebens­qua­li­tät, indem er stört und beläs­tigt. Lärm beein­träch­tigt auch die Gesund­heit im enge­ren Sinn. Er akti­viert das auto­nome Ner­ven­sys­tem und das hor­mo­nelle Sys­tem. Die Folge: Ver­än­de­run­gen bei Blut­druck, Herz­fre­quenz und ande­ren Kreis­lauf­fak­to­ren. Der Kör­per schüt­tet ver­mehrt Stress­hor­mone aus, die ihrer­seits in Stoff­wech­sel­vor­gänge des Kör­pers ein­grei­fen. Die Kreis­lauf- und Stoff­wech­sel­re­gu­lie­rung wird weit­ge­hend unbe­wusst über das auto­nome Ner­ven­sys­tem ver­mit­telt. Die auto­no­men Reak­tio­nen tre­ten des­halb auch im Schlaf und bei Per­so­nen auf, die mei­nen, sich an Lärm gewöhnt zu haben.

Zu den mög­li­chen Lang­zeit­fol­gen chro­ni­scher Lärm­be­las­tung gehö­ren neben den Gehör­schä­den auch Ände­run­gen bei bio­lo­gi­schen Risi­ko­fak­to­ren (zum Bei­spiel Blut­fette, Blut­zu­cker, Gerin­nungs­fak­to­ren) und Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen wie arte­rio­sklero­ti­sche Ver­än­de­run­gen („Arte­ri­en­ver­kal­kung”), Blut­hoch­druck und bestimmte Herz­krank­hei­ten ein­schließ­lich Herzinfarkt.

https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/laermwirkungen#gehorschaden-und-stressreaktionen

16-07-2021 Chronistinnenpflicht

Wie ange­nehm ruhig es mor­gens gegen neun da drau­ßen an der Straße ist, wenn der erste Schwung Men­schen schon bei der Arbeit sitzt und der zweite noch beim Früh­stück, wenn die Alkis noch ihren Rausch der letz­ten Nacht aus­schla­fen und es für die Jun­gen eh noch viel zu früh ist wegen Ferien … Da sitzt es sich gar nicht so schlecht mit dem Kaf­fee­be­cher in der Hand auf dem Bal­kon, wäh­rend ich der Sonne beim Um-die Ecke-Gucken zublinzle. Eigent­lich könnte ich ja viel öfter früh auf­ste­hen — oder, nee, lie­ber doch nicht.


Btw: warum wird “früh” in unse­rer Gesell­schaft eigent­lich so posi­tiv gese­hen und “spät” als schlecht? Oder ist das nur mein Ein­druck? Viel­leicht ein Über­bleib­sel der Stimme im Kopf? Etwas, das ich “spät” mache, erzeugt jeden­falls sehr häu­fig ein schlech­tes Gewis­sen in mir. Dabei ist es inzwi­schen fast immer völ­lig egal, wann ich etwas erle­dige - Haupt­sa­che, ich mach es überhaupt.


Am Mitt­woch traf sich ja die Mitt­wochs­gruppe zum “betreu­ten Raus­ge­hen” im Café Sein in Altona, wir saßen wie letz­tes Jahr unter Kas­ta­ni­en­bäu­men und alles war wirk­lich sehr schön. Nach ein­ein­halb Jah­ren Pan­de­mie ist vie­les irgend­wie Rou­tine gewor­den mit den Maß­nah­men und auch meine Tele­fon­num­mer hab ich mir ganz umsonst extra auf­ge­schrie­ben (ich ver­gess die näm­lich immer), weil da jetzt keine Zet­tel zum Aus­fül­len mehr lie­gen, son­dern die Gäste sich ganz unkom­pli­ziert über eine der Apps ein­che­cken kön­nen. Nicht­mal den Test hätte ich direkt vor­her machen müs­sen, aber so hab ich mal wie­der einen aktu­el­len Sta­tus, das ist ja auch gut. (Nega­tiv, übri­gens, wie erwartet.)

Hin­ter­her bin ich noch schnell für ein paar ver­ges­sene Sachen bei Aldi rein­ge­hüpft und anschlie­ßend ins Bett gefal­len. Dass alles Schöne immer so viel Ener­gie ver­braucht … Könnte sich das nicht wenigs­tens auf­he­ben? Dass der Ver­brauch durch das Schöne wie­der aus­ge­gli­chen wird? 


Ges­tern war dann fol­ge­rich­tig Ruhe­tag und naja, das ist auch nicht das Schlech­teste. Dass ich heute wie­der von allen Geräu­schen genervt bin, das schreib ich hier nicht schon wie­der. Reicht, dass ich es bei mei­ner lie­ben Freun­din D. abge­la­den hab, obwohl die ja auch nix ändern kann und lei­der auch nicht zau­bern.
(Ein Haus für mich allein, keine Nach­barn im Umkreis von min­des­tens 250 m, aber abends einen stil­len Haus­mit­be­woh­ner, damit ich keine Angst haben muss alleine. Das wär’s. *seufz*)


Grün war es im Park vor­ges­tern, als ich zu früh für das Tref­fen mit der Gruppe war, ganz wenig Men­schen, lei­der das bestän­dige Rau­schen der Max-Brauer-Allee im Hin­ter­grund. Trotz­dem schön.

11-07-2021 Innen drin leer

Die letz­ten Nächte waren wie­der lang, beim Ein­schla­fen war es schon hell und die Vögel alle wach. Dann ist der Schlaf unru­hig, die Träume beson­ders selt­sam und der Tag schon halb vor­bei, wenn ich aufstehe.

Ich weiß, dass mir Igor das nicht wirk­lich gut tut, aber das pas­siert schon immer vor allem dann, wenn ich Musik (wie­der) finde, die mich nicht los lässt, die mich - vor­zugs­weise eben nachts - so trifft, dass ich sie wie­der und wie­der und wie­der hören und mich irgend­wann nach der unge­fähr 157sten Wie­der­ho­lung mit Gewalt zwin­gen muss, den Player aus­zu­stel­len.
Das muss kein außer­ge­wöhn­li­ches Stück sein, es muss nur mit­ten rein tref­fen in Herz und Seele und die aktu­elle Stim­mung, ich bin da ganz ein­fach gestrickt. Im Moment ist das ein Song von Gene­sis von einem Album, das ich letz­tens wahl­los ange­klickt habe, weil ich dem Mist vom Ober­nach­barn was ent­ge­gen set­zen musste, um nicht durch­zu­dre­hen. Eigent­lich müsste ich ihm dafür sogar dank­bar sein, aber ach nein, so weit geht es dann doch nicht.

Jeden­falls ist das etwas, das mich … ja, glück­lich macht. Es macht auch trau­rig und sehn­süch­tig und sen­ti­men­tal und melan­cho­lisch und sagte ich schon sehn­süch­tig?, aber irgend­wie auch glück­lich. Sowas wie in dem Satz von Vic­tor Hugo, den ver­mut­lich nur ver­steht, wem es ebenso geht.

Melan­cho­lie ist das Ver­gnü­gen, trau­rig zu sein.

Aber neben die­sen Momen­ten des selt­sa­men Glücks ist da in letz­ter Zeit so oft eine Leere in mir. Gefühle, die ver­si­ckern, weil nie­mand sie teilt. Gedan­ken, die nicht wei­ter gehen, weil sie kein Echo fin­den. Weil da außer der Freun­din in der Ferne nie­mand mehr ist, der zuhört, mit­denkt, wei­ter­re­det. Weil das Auf­schrei­ben oft so müh­sam ist und Kraft ver­braucht, die ein­fach nicht da ist und erst recht nicht dafür, im Off­line neue Men­schen zu fin­den, die mir näher sind als nur für ein net­tes Tref­fen in der Woche.
Dass diese Kraft so furcht­bar wenig gewor­den ist, obwohl es mir doch eigent­lich nicht soo schlecht geht, das macht es nicht bes­ser. Ich bin 61 und am Ende. Da ist zwar noch viel Wol­len in mir, aber kein Mut mehr. Woher sollte die Kraft dann auch kommen?


Ges­tern hab ich in einem Blog einer neuen Fol­lo­we­rin *) gestö­bert und ein paar Ein­träge zu einer Reise nach Lis­sa­bon gefun­den. In Gedan­ken war ich sofort dort, lief durch die Gas­sen und fuhr mit der Stra­ßen­bahn, sah alle die Orte vor mir und hatte die­sen ganz spe­zi­el­len Geruch in der Nase.
Sie hatte eine Woh­nung an einer der beleb­ten Stra­ßen in der Baixa gemie­tet, “auf der Tou­ris­ten fla­nie­ren, Stra­ßen­mu­si­kan­ten auf­tre­ten und Café­be­trei­ber Stühle und Tische auf­ge­stellt haben.” und ich fragte mich einen Moment lang, wie es mir heute damit gehen würde. Ob ich das aus­hal­ten würde, ein­fach weil es Urlaub wäre und mein Her­zens­ort, an dem es mir gut geht, weil ich die Sor­gen für eine Zeit­lang zuhause las­sen kann.
Und dann denke ich wei­ter: liegt es viel­leicht gar nicht an dem Ort, die­ser Straße, die­sen Men­schen hier, dass es mir nicht gut geht? Bin das alles “ein­fach nur” ich? Könnte ich das Leben hier bes­ser ver­kraf­ten, wenn es mir bes­ser ginge?
Ande­rer­seits erin­nere ich mich gut daran, dass ich in mei­nen Urlau­ben schon immer froh war, dass die von mir gemie­te­ten Woh­nun­gen und Häu­ser ruhig lagen und ich mich abends vom Tru­bel des Tages erho­len konnte. Das ging nur ein­fa­cher damals und schnel­ler.
(Ja, ich suche immer noch nach Grün­den, nicht umzie­hen zu müs­sen. Ich weiß es doch.)

*) Herz­lich Will­kom­men auf mei­nem Blog an die­ser Stelle - den neuen und auch den alten Abonnent:innen! Und auch hier noch­mal der Dank an Chris­tian: es ist mir eine Ehre, als “Satz des Tages” auf dei­ner Seite genannt zu werden. 

07-07-2021 Selbstfürsorge

Heute hab ich es so grade eben geschafft, kurz hin­ter mei­ner Grenze zu stoppen. 


Die Mitt­wochs­gruppe war das erste Mal seit etwa einem Jahr wie­der voll­stän­dig: fünf Frauen und zwei Lei­te­rin­nen. Es war herr­lichs­tes Ham­bur­ger Som­mer­wet­ter (blauer Him­mel, weiße Wol­kenknub­bel, See­wind, ange­nehme 23 Grad) und wir konn­ten - ohne MNS, aber mit reich­lich Abstand - schön im Gar­ten sitzen. 

Inzwi­schen sind alle min­des­tens ein­mal geimpft und oft getes­tet, so dass das Risiko wirk­lich sehr gering ist. Sowieso schnei­det das Hil­fe­Dings rich­tig gut ab: es gab in der gan­zen Zeit kei­nen ein­zi­gen Coro­na­fall, weder bei den Mitarbeiter:innen noch bei den Klient:innen.

Es gab viel Orga­ni­sa­to­ri­sches zu bespre­chen, aber auch genug Raum für Per­sön­li­ches. Und weil ich erzählt hab, dass ich immer noch sehr besorgt bin wegen Corona, vor allem wenn ich drau­ßen unter vie­len frem­den Men­schen bin, gehen wir nächste Woche zusam­men in ein öffent­li­ches Café: “betreu­tes Raus­ge­hen” nannte es eine der Frauen. 😀 

Doch, ich freu mich wirk­lich, dass die Gruppe wie­der statt fin­det und ich ein Teil davon sein kann. Es wird mir sicher gut tun - ich muss nur unbe­dingt auf meine Gren­zen auf­pas­sen und viel­leicht nicht unbe­dingt noch den gro­ßen Wochen­ein­kauf hin­ten dran hän­gen. Ein Ter­min am Tag reicht voll­kom­men.
(Da mal dran den­ken, wie Herr Bud­den­bohm immer so schön sagt.)

05-07-2021 Zwei vor, eins zurück

Kopf­schmer­zen beim Auf­wa­chen, wie so oft. Aber immer­hin hab ich - mit Unter­bre­chun­gen - gut acht Stun­den geschla­fen und damit fünf mehr als in der Nacht davor.


Ges­tern war ja (um halb acht!!) der Klemp­ner hier, um den trop­fen­den Was­ser­hahn zu repa­rie­ren. Meine bei­den drin­gends­ten Fra­gen — 1. werde ich recht­zei­tig auf­wa­chen und 2. wird er einen MNS tra­gen (und wenn nicht, werde ich ihn über­zeu­gen kön­nen, es doch zu tun?) — konn­ten jede mit “Ja” beant­wor­tet wer­den und damit war ich schon­mal deut­lich ent­spann­ter. Er war nett, ruhig, bedankte sich dafür, dass ich die Spüle aus­ge­räumt hatte, trug Schu­h­über­zie­her und wursch­telte vor sich hin, wäh­rend ich mit dem drin­gend nöti­gen Kaf­fee auf dem Bal­kon saß.

Jetzt hab ich einen neuen Was­ser­hahn, der zwar heil ist, dafür aber auch lei­der irgend­wie über­pro­por­tio­niert für die Spüle und des­sen Strahl in die vor­dere rechte Ecke gelenkt wird, wo aber eigent­lich kein Platz mehr ist zum Abwa­schen von Din­gen und, wenn ich nur ein wenig zu stür­misch bin, mir stän­dig nasse Kla­mot­ten besche­ren wird. Mein ers­ter Gedanke war “Typisch Mann, der sel­ten bis nie abwäscht und / oder kocht zuhause” und wahr­schein­lich liege ich damit sehr rich­tig. Lei­der hab ich den Hahn nicht getes­tet, bevor ich sei­nen Arbeits­zet­tel unter­schrie­ben hab. Nun ja, ich werd wohl damit zurecht kom­men, solange es noch dau­ert hier. 

Für den Durch­lauf­er­hit­zer gibt es keine Lösung. Seine Auf­gabe ist, das Was­ser, das durch­läuft, kon­stant auf der glei­chen, vor­her ein­ge­stell­ten Tem­pe­ra­tur zu hal­ten und das macht er auch sehr zuver­läs­sig. Dass die nied­rigst mög­li­che Tem­pe­ra­tur mir (im Som­mer) immer noch zu hoch ist, dafür kann er ja nichts. Ist halt meine indi­vi­du­elle Macke, damit muss ich eben auch leben. Was solls, dann gibts eben wei­ter­hin Bewe­gung unter der Dusche, wenn ich ver­su­che, dem hei­ßen Was­ser aus­zu­wei­chen. Auch schön, oder? [/Ironie off]

Danach gab es Früh­stück, mehr Kaf­fee und einen zwei­ten Schlaf­ver­such, der aber lei­der schon nach einer Stunde dank der schrei­en­den Spiel­platz­kin­der unsanft been­det war.


Am Nach­mit­tag war dann noch ein Mit­ar­bei­ter der Rauch­mel­der­war­tungs­firma hier und hat eines der Geräte aus­ge­tauscht. Er war zwar frü­her als ange­kün­digt da, aber ich war ja eh wie­der wach. Außer­dem trug er MNS, war freund­lich und schnell wie­der weg.


Und dann gab es noch einen uner­war­te­ten, erfreu­li­chen Anruf.
Nach­dem vor kur­zem die Nach­richt vom RKI kam, dass es womög­lich sinn­voll wäre, nach der ers­ten Corona-Imp­fung mit Astra­ze­neca bei der zwei­ten einen ande­ren Impf­stoff zu ver­wen­den, hatte ich über­legt, des­we­gen bei der Haus­ärz­tin nach­zu­fra­gen. Ich hab es gelas­sen, weil die Mit­ar­bei­te­rin­nen erfah­rungs­ge­mäß eher genervt sind von den vie­len Anru­fen, aber nun hat die HÄ ges­tern selbst ange­ru­fen. Meine zweite Imp­fung wird also nicht mit Astra­ze­neca sein, son­dern mit Bio­N­Tech und auch noch eine Woche frü­her als geplant schon am 23.7. und jetzt bin ich doch ziem­lich froh. 


Tja, und all das und auch noch der Besuch am Sonn­tag (erst der Enkel allein für eine Stunde - ich weiß jetzt alles über die Mons­ter bei Mine­craft, was ja nie scha­den kann - und die Toch­ter & Freund danach für eine wei­tere Stunde mit viel reden) war grund­sätz­lich posi­tiv, aber mal wie­der zu viel auf ein­mal. In dem Moment, in dem es geschieht, ist alles okay, aber danach merke ich, wie­viel Ener­gie es ver­braucht hat und falle um. Und ich hasse das so sehr.
Ich hasse es, wenn ich danach (so wie heute) mein Tref­fen mit Frau R. vom Hil­fe­Dings absa­gen muss, weil die Bat­te­rie alle ist und Kör­per und Seele ein­fach nur zuhause blei­ben wol­len. Ich hasse es, weil es mich lahm legt, weil ich nur in Mini-Mini-Schritt­chen wei­ter komme, weil es mich immer wie­der zurück hält. Weil nach zwei Schrit­ten nach vorne fast immer min­des­tens einer wie­der zurück geht, oft genug auch zwei. Und weil das Aus­ru­hen danach eigent­lich auch keine neue Ener­gie pro­du­ziert, son­dern nur not­dürf­tig auflädt.

Wie lange soll das noch so wei­ter gehen? Wird es über­haupt irgend­wann besser?

04-07-2021 Sonntag, dies und das

Schrei­ben, und sei es noch so banal, ein­fach um wie­der ins Schrei­ben zu kom­men für bes­sere Zei­ten. Und für mich.


Unru­hi­ger Schlaf. Leb­hafte Träume. Und Kopf­schmer­zen beim Auf­wa­chen, fast jeden Mor­gen. Es wird wirk­lich Zeit, dass ich die neue Matratze bestel­len kann. Und wehe, das wird dann nicht bes­ser! Also das mit den Beschwer­den - die Träume sind Teil von mir und ver­schwin­den wohl nie.


Sonn­tag. Bedeckt, aber warm, die Bal­kon­tür steht offen, Igor Levit spielt Beet­ho­ven. Jetzt noch die Men­schen weg­den­ken und durch Bäume ersetz­ten und es wäre perfekt.


Nur weil ich es tra­gen kann, heißt es nicht, dass es nicht schwer ist.

Gele­sen bei http://fragmente.me/2021/06/im-kanal/


Immer wie­der muss ich mir bewußt machen, dass das, was ich jeden Tag mache, auch eine Form von Arbeit ist. Der Gedanke, dass nur von Wert ist, was sich in Geld mes­sen lässt, sitzt ein­fach tief und will nicht so ein­fach vergehen.


Zum Schluss ein biß­chen Farbe am Wegrand.

01-07-2021 Das Kaninchen von der Straße holen

Vor­ges­tern, am Diens­tag, war end­lich das erste The­ra­pie­ge­spräch nach dem offi­zi­el­len Ende. Vier Wochen sind wirk­lich scheiß­ver­damm­te­lend lang, beson­ders wenn es mir so mies geht. Meine Über­le­gun­gen vor­her, wie eine Sit­zung nach der Pause wohl anfan­gen und was das Thema sein könnte, lös­ten sich in Luft auf, denn ich fiel natür­lich mit der aktu­el­len Situa­tion mit­ten rein, als hät­ten wir uns grade eben erst gese­hen. Und es tat so so so gut, Gedan­ken und Gefühle los zu wer­den und ein Feed­back zu bekom­men von Einer, die mich wirk­lich gut kennt inzwischen.

Der für mich wich­tigste Satz: “Sie müs­sen etwas fin­den, um zurecht zu kom­men, bis Sie umzie­hen kön­nen, denn der Hass, den Sie grade emp­fin­den, so ver­ständ­lich der ist: der ver­gif­tet Sie und das ist gar nicht gut. So sind Sie näm­lich eigent­lich nicht.”

Das heißt also: zum einen muss ich einen Plan machen. Was muss ich der Reihe nach erle­di­gen, was brau­che ich dafür, kann ich das alleine oder nehme ich die Hilfe von Frau R. in Anspruch, was ich ohne mich vor irgend­wem - auch nicht vor mir selbst!! - rech­fer­ti­gen zu müs­sen näm­lich jeder­zeit darf, weil ich genau dafür ja beim Hil­fe­Dings bin.
Zum ande­ren muss ich das Kanin­chen von der Straße holen, das sich angst­voll sei­nem Schick­sal ergibt. So wie ich selbst in Zei­ten, in denen in mir alles schwer und düs­ter ist, noch die Far­ben und die Schön­heit der Pflan­zen im Som­mer­licht sehen kann, muss ich ver­su­chen, auch in die­ser Situa­tion das Gute wahr­zu­neh­men. Mich z.B. über Regen­tage wie heute freuen, weil dann nie­mand drau­ßen sit­zen mag zum essen und quas­seln, es aber trotz­dem warm genug für eine offene Bal­kon­tür ist. Die Men­schen ob ihrer (ver­meint­li­chen?) Ober­fläch­lich­keit und ihrer Rück­sichts­lo­sig­keit nicht has­sen, son­dern mir bewußt machen, dass ich nicht so bin. Oder ganz banal die Übun­gen aus der PMR machen, um die Anspan­nung los zu wer­den, durch­at­men und ein klein wenig bes­ser aus­hal­ten zu kön­nen. Und ich muss mir immer wie­der sagen: es ist begrenzt, es wird bes­ser. Ich muss eini­ges dafür tun und ich werde zwi­schen­durch flu­chen und heu­len, aber ich bin nicht allein. Ich schaffe das.

Das ist übri­gens ein Para­de­bei­spiel dafür, wie sehr pas­sende The­ra­pie wirkt. Heute bin ich min­des­tens 13 cm und ein vier­tel Pfund muti­ger und hoff­nungs­vol­ler als noch vor drei Tagen und das nach nur einem Gespräch.


Und weil es gut ist, wenn ich das fest­halte und irgend­wann nach­le­sen kann, sei noch erwähnt, dass ich es inzwi­schen 1. nach lan­gem Anlauf geschafft habe, den Spen­den­an­trag zu stel­len für eine neue Matratze und die Bewil­li­gung dafür da ist, dass ich 2. nach fast ebenso lan­gem Anlauf end­lich mit mei­nem Ver­mie­ter gespro­chen habe und am Mon­tag der Klemp­ner kommt, um den dau­er­trop­fen­den Was­ser­hahn in der Küche zu repa­rie­ren und dass ich 3. letzte Woche mit viel Herz­klop­fen mit einer (äußerst gelang­weil­ten und aus­kunfts­un­freu­di­gen) Mit­ar­bei­te­rin der SAGA tele­fo­niert habe, weil die näm­lich unfass­bar tolle neue Woh­nun­gen im bes­se­ren Teil von Lurup bauen und sozial ver­mie­ten (ja, das Pro­jekt ist noch aktu­ell und es gibt dort noch Woh­nun­gen, aber nein, ich kann nichts beschleu­ni­gen und es wird nach Zufalls­prin­zip aus­ge­wählt, wer dafür ein Ange­bot bekommt) und eigent­lich bin ich nicht schlauer als vor­her, aber immer­hin hab ich angerufen.


Zum ers­ten Mal seit fast einem Jahr war ich ges­tern wie­der bei der Mitt­wochs­gruppe vom Hil­fe­Dings. Coro­nabe­dingt sind wir je nach Wet­ter im Gar­ten - ohne Test und MNS, mit viel Abstand - oder dür­fen auch wie­der nach drin­nen, dann aber nur mit fri­schem Test bzw. voll­stän­di­gem Impf­schutz.
Nach dem Tref­fen und dem anschlie­ßen­den Ein­kauf war ich kom­plett erle­digt und hab erst zwei Stun­den im Bett und abends noch­mal eine Stunde auf dem Sofa gepennt. Wir waren nur zu fünft, aber so viel Inter­ak­tion mit so vie­len Men­schen auf ein­mal hatte ich ewig nicht mehr. Ich fürchte, das mit dem sozia­len Leben muss ich erst wie­der üben.

28-06-2021 Mutlos

Doch, mir ist schon klar, dass sich nichts an der Situa­tion ändert, wenn ich hier lang und breit auf­schreibe, was mich belas­tet. Die Knei­pen machen nicht zu, die Men­schen gehen nicht weg, der Lärm wird nicht weni­ger und die Woh­nung kommt nicht ange­flo­gen - ich bin nur für die­sen einen Moment ein klei­nes biß­chen leichter.

Mut­los bleibe ich den­noch.
(Gibt es eine Strick­an­lei­tung für ein dickes Fell?)

27-06-2021 Ich muss doch hier weg

(Keine Erklä­run­gen, ein­fach wie­der mit­ten rein.)


Wenn ich heute nach­lese, aus wel­chen Grün­den ich letz­tes Jahr das erste Mal ent­schie­den hatte, dass ich hier aus­zie­hen muss, dann kann ich nur bit­ter lachen. Inzwi­schen hat sich der Lärm in und vor allem vor dem Haus so extrem ver­viel­facht, dass ich am Ende des Aus­halt­ba­ren ange­kom­men bin. Ich kann nicht mehr. Kann es nicht mehr weg­drü­cken, habe keine zweite Schicht Haut mehr, jedes men­schen­ge­machte Geräusch trifft mich wie tau­send Nadeln. Das ein­zige, was manch­mal hilft, ist Musik - nur dass ich nicht per­ma­nent Musik hören kann, weil auch die irgend­wann zuviel wird. (Ich liebe Bach, aber nach 2 Stun­den ist auch mal gut.)

Mit der von oben beschlos­se­nen Öff­nung der Außen­gas­tro­no­mie Mitte Mai ist die Situa­tion hier eska­liert. An der Kreu­zung nebenan ver­sor­gen jetzt 5 ver­schie­dene gas­tro­no­mi­sche Betriebe ihre Gäste auf den Fuß­we­gen: auf der einen Stra­ßen­seite der Kiosk mit dem seit letz­tem Jahr ange­schlos­se­nen Café - Treff­punkt für die ein­sa­men, finan­zi­ell armen, allein gelas­se­nen und zum gro­ßen Teil alko­hol­kran­ken Men­schen aus der nahen Umge­bung, das neu eröff­nete Café direkt dane­ben, die uralte Rau­cher-Dart-Kneipe gegen­über, wo zwar die Besit­zer gewech­selt haben, aber nicht die Gäste (alte - im wahrs­ten Sinn - Eimsbüttler:innen, die bereits am Nach­mit­tag einige Biere intus haben und mit fort­schrei­ten­dem Pegel immer lau­ter wer­den, offen­sicht­lich aber wenig Schlaf brau­chen und darum bis tief in die Nacht da hocken), und auf der ande­ren Stras­sen­seite die Bur­ger­kneipe, die bis­her immer erträg­lich war mit dem Lärm, seit die­sem Jahr aber den Radius ihrer Außen­plätze immer wei­ter ver­grö­ßern (ist ja Corona, muss ja Abstand!) und damit auch den Radius der Geräu­sche und zuletzt das frisch eröff­nete Hips­ter-Restau­rant, deren Besit­zer erst­mal jeden Lärm­schutz drau­ßen abge­baut haben, um noch mehr Platz für noch mehr Tische zu schaf­fen und übri­gens gibt es jetzt am Wochen­ende schon ab 10 Uhr Früh­stück, juhu. Und zu die­sen fünf von der Kreu­zung kom­men dann noch die Gäste vom Asia­ten gegen­über und vom Café rechts von uns. 

Zwei Häu­ser neben dem Asia­ten gibt es noch ein klei­nes, sehr geho­be­nes Restau­rant mit aus­ge­wähl­ter Kli­en­tel, die seit Jah­ren im Som­mer zwei bis drei Tische drau­ßen ste­hen haben und die man komi­scher­weise nie hört. Beneh­men sich rei­che Leute besser?

So sieht das aus (die Zahl im Kreis ist die Anzahl der Sitz­plätze):

Über den Dau­men gepeilt sit­zen da an einem schö­nen Tag ab dem Nach­mit­tag bis Mit­ter­nacht durch­gän­gig bis zu 150 Men­schen rum. Laute, rück­sichts­lose, sich per­ma­nent mit­tei­len müs­sende Men­schen. Sie reden und reden und reden in einem nicht zu stop­pen­den Fluß. Sie ver­si­chern sich laut, wie herr­lich das Wet­ter ist; sie bewun­dern die neu­es­ten Errun­gen­schaf­ten - “end­lich kann man wie­der shop­pen gehen!” - und vor allem sich selbst; sie läs­tern über die ande­ren, die genau das glei­che tun; sie gackern und wie­hern und trö­ten und rufen und krei­schen; sie hocken in gro­ßen Rudeln da drau­ßen und mer­ken nichts mehr in ihrer trü­ge­ri­schen “Corona ist vorbei”-Glückseligkeit. Sie schwär­men wie dumme Wes­pen umein­an­der rum und alles, was im Weg ist, wird ange­motzt und ange­rem­pelt und nie­der gemacht, weil WIR und ICH das ein­zige ist, was in ihren Köp­fen ist. Und wenn die Läden zu haben in der Nacht, dann wird vor unse­ren Haus­tü­ren wei­ter gefei­ert, gegrölt, gesof­fen, in die Ecke gepisst, ran­da­liert.
Ich gehe davon aus, dass das nicht vor­bei ist, wenn wir Corona irgend­wann mal wirk­lich über­wun­den haben. Die Restau­rants blei­ben, die Leute blei­ben, der Lärm wird blei­ben - nur ich muss hier weg.

Denn obwohl sie von mei­nem Kampf nicht­mal etwas wis­sen, haben diese Men­schen gewon­nen: ich räume das Feld. Ich will mich hier im Som­mer nicht ein­sper­ren, ich brau­che fri­sche Luft, ich will wenigs­tens auf mei­nem Bal­kon sein dür­fen. Wenn das nicht geht, hab ich 80% weni­ger Lebens­qua­li­tät. Damit kann ich nicht leben.

Aber jetzt sitze ich hier und habe Angst. Wie soll ich das schaf­fen, wenn mich schon das kleinste biß­chen über­for­dert? Ich kann das alles nicht, was für die Woh­nungs­su­che und für einen Umzug nötig ist. Und da ist nie­mand, dem ich sagen kann “mach du”. Ja, Frau R. hilft, wo sie kann, aber machen muss am Ende ich selbst. Und ich fühle mich hilf­los, kraft­los, unfä­hig, ver­zwei­felt. Ich hocke in mei­ner ver­schlos­se­nen Woh­nung wie ein Hase auf der Land­strasse, den die Schein­wer­fer des Autos blen­den, das ihn gleich über­fah­ren wird.
Ich kann das nicht. Ich glaube nicht an mich.

22-06-2021 (Schnipsel, vergessen)

Ich hab mich grade eine Stunde bei Frau R. am Tele­fon aus­ge­weint (die übri­gens heute die 2.Impfung bekom­men hat), jetzt geht es mini­mal bes­ser als ges­tern, aber trotz­dem ist ein­fach alles doof und ich weiß nicht, wie ich das alles hin­be­kom­men soll. Am liebs­ten möcht ich mich wie ein klei­nes Kind auf den Boden set­zen und jam­mern und dass irgend­je­mand ande­res das Erwach­se­nen­zeug für mich erle­digt. Ich will nicht immer alles alleine machen müs­sen. Aber da ist halt nie­mand. Da war, wenn ich mal zurück über­lege, bis auf einen (meine Bezie­hung von 16 - 21) noch nie jemand. Da war immer ich, die machen musste, die dafür sor­gen musste, dass was pas­siert, ob in den Bezie­hun­gen oder mit dem Kind oder bei mir selbst. Und es gab so gut wie nie jeman­den, an den ich hätte dele­gie­ren kön­nen. Ich bin müde gewor­den. Ich mag nicht mehr.
Aber das hilft ja nichts, son­dern hält mich nur in der Pas­si­vi­tät gefan­gen und am Ende pas­siert halt gar nichts. Also muss ich wie­der selbst und alleine ran. Aber mit jedem Mal wird es schwerer.

(Das ist doch kein Leben so. Wenn das die nächs­ten 20 Jahre noch so wei­ter geht, dann brauch ich das wirk­lich nicht.)

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