06-01-2021 Alles irgendwie doof

Letzte Nacht schon wie­der so ein Traum, dass ich sterbe. Ich weiß es, ich nehme es ein­fach hin und an. Dies­mal war es ein rie­si­ger Beton­pfahl, der umkippte und ich stand genau dar­un­ter. Ich wußte, dass ich da nicht mehr recht­zei­tig weg komme, dass es das jetzt war. Ich atmete noch ein­mal tief ein und dachte an mein Kind und dass ich sie liebe - und wachte auf.
Das ist im Traum zu real, ich will das nicht. Und das hängt sich an den wei­te­ren Tag und macht alles irgend­wie unschön und angespannt.


Seit zwei Tagen bin ich wie­der halb krank, der Kopf ist schnup­fen­dicht und tut weh, der Kreis­lauf möchte bitte aufs Sofa und der Gedanke an Drau­ßen ist sowieso im Ange­sicht der #aktu­el­len­Si­tua­tion ein­fach nur gru­se­lig. Das Tref­fen mit Frau R. ges­tern hab ich dann abge­sagt und das fühlte sich okay an. Heute wollte ich den Wochen­ein­kauf machen, aber dann fing es an zu schneien und alles ist nass und kalt und ich bin echt jam­me­rig, aber so rich­tig.
Jetzt steht die Frage im Raum, ob ich mor­gen zur The­ra­pie fahre oder nicht und wie ich das dann regeln kann, weil es zum absa­gen eigent­lich zu spät ist. Ande­rer­seits darf sie beim Lock­down wie­der Tele­fon­ter­mine abrech­nen und ich denke, das wäre sehr ver­nünf­tig, jetzt gleich eine Mail zu schrei­ben und drauf zu hof­fen, dass das so kurz­fris­tig mach­bar ist. Denn ande­rer­seits will ich ja auch nie­man­dem mei­nen blö­den Schnup­fen wei­ter geben.
(Woran ich noch merke, dass ich irgend­wie krank bin: dass ich mich nicht ent­schei­den kann.)


Die gute Nach­richt des Tages: der “Clown” aus den USA ist dann wohl Geschichte. Hof­fent­lich ohne schlim­mere Aus­wir­kun­gen, das scheint im Moment etwas unklar.

Die schlechte Nach­richt: die Maß­nah­men zur Pan­de­mie­be­wäl­ti­gung sind wei­ter­hin kom­plett unsin­nig und bestimmt von den Macht­fan­ta­sien der Minis­ter­prä­si­den­ten der ein­zel­nen Län­der und die Medien kämp­fen anschei­nend darum, wer den dümms­ten Arti­kel schreibt. So krie­gen wir das nie in den Griff.
Sascha Lobo regt sich mit bes­se­ren Wor­ten dar­über auf.

Ich hab lange aus­ge­hal­ten, weil es mich ja nie soo doll betrof­fen hat, aber ich merke, dass ich müde und immer generv­ter werde ange­sichts des­sen, was über­all läuft oder viel­mehr schief läuft. Die sol­len 4 oder 6 Wochen alles dicht machen, alles run­ter fah­ren, den kom­plet­ten Lock­down für alle, bis nie­mand mehr jeman­den anste­cken kann. So wie es jetzt ist, dau­ert das noch Jahre und am Ende ist alles kaputt: Mensch und Wirt­schaft. Aber was weiß ich denn schon …

03-01-2021 Verlinkt (2021/1)

Wenn das stimmt, was über die Träume in den Rau­h­näch­ten erzählt wird – dass sie vor­her­sa­gen, wie das neue Jahr wird –, dann möchte ich bitte noch­mal zurück zum Anfang. Sonst irre ich näm­lich in den nächs­ten Mona­ten hin und her auf der Suche nach irgend­was, ver­passe dabei sämt­li­che Züge, ziehe tat­säch­lich um und um mich herum fal­len rei­hen­weise Men­schen aus Fens­tern. Das muss doch alles nicht sein.


Die Stim­mung ist selt­sam die­ser Tage. Wie unter­wegs zu sein, ohne zu wis­sen, woher und wohin. “Zwi­schen den Jah­ren” trifft es ganz gut, vor allem, wenn ich lese, was Mitzi Irsaj dazu schreibt.

Frau Iwa­nov erklärt, dass ich ein­fach noch zwi­schen den Jah­ren fest­hänge. So etwas kann pas­sie­ren und wenn ich ihr glau­ben darf, dann gar nicht ein­mal so sel­ten. Wir Men­schen sind für dies Tage zwi­schen Weih­nach­ten und hl. Drei König ein­fach nicht gemacht. Tief in unse­rem inne­ren fol­gen wir dem Mond­jahr, sagt Frau Iwa­nov, und nicht dem Son­nen­jahr. Es sei also kein Wun­der wenn man in die­sen selt­sa­men Nicht-Tagen ein wenig aus dem Takt gerät.

https://mitziirsaj.com/2021/01/03/zwischen-den-jahren/

Bei Herrn Bud­den­bohm gab es einen Link, dem ich am Abend gefolgt bin: “Welt auf Abstand”, ein Doku­men­tar­film auf Arte, der sich “… auf eine Reise durch ein außer­ge­wöhn­li­ches Jahr begibt: quer über den gan­zen Glo­bus, zu unter­schied­lichs­ten Men­schen, durch eine Welt im Ausnahmezustand.”

Wenn man die Corona-Viren der gan­zen Welt zusam­men trägt, wie­gen sie zusam­men gerade mal 2 Gramm. Zwei Gramm Viren haben den Pla­ne­ten zum Erlie­gen gebracht.

aus dem Doku­men­tar­film “Welt auf Abstand”

Es ist eine Zeit vol­ler Wider­sprü­che: Stille und Chaos, Schön­heit und Tod, Hoff­nung und Ver­zweif­lung, Nähe und Ein­sam­keit, Gehor­sam und Pro­test exis­tie­ren neben­ein­an­der und mit­ein­an­der. Unsere Welt befin­det sich im Aus­nah­me­zu­stand. Doch was pas­siert, wenn Men­schen sich nicht mehr in die Arme schlie­ßen dür­fen, wenn Nähe ver­bo­ten ist?
Der Doku­men­tar­film „Welt auf Abstand - Eine Reise durch ein beson­de­res Jahr“ taucht in unter­schied­li­che Lebens­wel­ten ein und beob­ach­tet, was die Pan­de­mie mit den Men­schen macht.
” (aus der Filmbeschreibung)

Der Film ist in der Media­thek noch bis zum 08.03.2021 abrufbar.


Neu ent­deckt hab ich die - wie sie sich selbst beschreibt - Künst­le­rin, Autorin, Foto­gra­fin und Wand­le­rin zwi­schen den Zei­len Anne Seu­bert, die nicht nur ihre Web­seite mit einem unfass­bar schö­nen Wor­d­Press Theme gebaut hat, son­dern vor allem eben sehr span­nende, teils unge­wöhn­li­che Sachen schreibt. Von “Ein-Wort-Gedich­ten” über Noti­zen, Lyrik und losen Samm­lun­gen im Zet­tel­kas­ten bis zu kur­zen und län­ge­ren Tex­ten ist da viel zu lesen, auf das ich mich freue.

Manch­mal ent­ste­hen diese Momente, in denen einer zieht, schnel­ler als sein Schat­ten. Diese Schat­ten der Zeit, in denen einer Ja sagt, noch ehe die Frage ent­wor­fen. In denen einer den Ton trifft ohne das Lied zu ken­nen und in dem du tanzt, als wäre der Ball dein ers­ter und du Erbin eines Talents.

Es gibt sie diese Momente, in denen mein Auge ein Lächeln warhn­immt, das noch nicht gelä­chelt, das noch nicht in Auf­trag gege­ben, das sich unter der Tür durch­ge­schmug­gelt hat wie einer die­ser vor­wit­zi­gen Son­nen­strah­len früh mor­gens, bevor der Wecker seine Stimme erhebt.

https://www.wortlaute.de/2020/12/28/der-naechste-bitte/

Und dann war da noch ein wei­te­rer Link bei Herrn Bud­den­bohm zum Blog von der Kalt­mam­sell, wo mich beim Lesen des Bei­trags aber etwas ande­res viel mehr ansprang als das von Herrn B. ver­linkte.
Da ging es um eine Yoga­übung, die die­sen Hin­weis beinhal­tete: „Be the best ver­sion of yourself“. Sie schreibt dann weiter: 

[…] dass ich eher Gegen­tei­li­ges brau­che, weil mich ver­mut­lich genau die­ses Ziel, „die beste Ver­sion mei­ner selbst sein“, zer­mürbt hat: Es ist für mich (!), die von klein auf auf Leis­tungs­ge­sell­schaft gedrillt ist, in ers­ter Linie uner­reich­bar, weil immer eine wei­tere Ver­bes­se­rung mög­lich ist, was das Leben auto­ma­tisch zu einer Abfolge von Schei­tern und Ent­täu­schun­gen macht; mühe­lose Errun­gen­schaf­ten sind wert­los, wenn nicht sogar ein Ver­se­hen, nur Mühe zählt. Als mög­li­ches Ziel fiel mir letzt­end­lich für mich ganz per­sön­lich ein: Accept fail­ure, no mat­ter what, it doesn’t take away your worth – akzep­tiere Schei­tern, egal wel­ches, akzep­tiere, dei­nen Ansprü­chen nicht gerecht zu wer­den, nichts davon ver­rin­gert dei­nen Wert.

https://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2021/01/journal-freitag-1-januar-2021-unerreichbare-beste-versionen.htm

und das ist ja etwas, das ich so wahn­sin­nig gut von mir selbst kenne, von frü­hes­ter Kind­heit an, dass nur zählt, wofür du (hart) gear­bei­tet hast und dass über­haupt ein Mensch nur zählt, der auch was leis­tet. Gepaart war das aller­dings mit der Ein­stel­lung “Was geklappt hat, war Zufall - was schief ging, lag nur an dir selbst”. Ein - wenn ich das so geschrie­ben sehe - schein­ba­res Para­doxum, das aber bes­tens funk­tio­niert hat, uns jeg­li­ches Selbst­ver­trauen zu nehmen.

Zu dem Bei­trag gibt es einen Kom­men­tar, den ich span­nend finde:

Mir hat beim Umgang mit mei­nem eige­nen über­trie­be­nen Per­fek­tio­nis­mus und Leis­tungs­den­ken irgend­wann gehol­fen, dass diese nicht nur in mei­ner Erzie­hung und teil­weise mei­nem Cha­rak­ter begrün­det sind, son­dern in den kapi­ta­lis­ti­schen Struk­tu­ren, die mich durch­drin­gen, in denen es eben keine Wert­schät­zung oder Tole­ranz für Pau­sen, Nichts­tun und Ver­sa­gen gibt.
Des Wei­te­ren hab ich mir zu Her­zen genom­men, was ich irgend­wann im Stu­dium gelernt habe: In etli­chen ritu­el­len Kon­tex­ten (Bau­ten, Ritua­len etc) in ver­schie­de­nen Ecken die­ser Welt wer­den kleine Feh­ler oder Unre­gel­mä­ßig­kei­ten ein­ge­baut oder absicht­lich nicht per­fekt gemacht, um Göt­ter, Geis­ter, Ahnen nicht zu erzür­nen. Men­schen kön­nen und dür­fen im Gegen­satz zu die­sen näm­lich nicht per­fekt sein.

Das ganze Thema ist auf jeden Fall eins, das in mei­ner The­ra­pie­ar­beit noch dran kom­men muss. Das erste, was mir dazu spon­tan ein­fällt, ist: nur in den Momen­ten oder Situa­tio­nen, wenn ich mich klein und nutz­los fühle, bekommt über­lasse ich Igor den Raum zu wach­sen und mich unter sei­nem Gewicht zu begra­ben. Wenn ich aber mein Selbst­be­wußt­sein stärke, mich stärke, kann ich ihm etwas ent­ge­gen set­zen. Und das hat über­haupt nichts damit zu tun, per­fekt zu sein.


(Das mit den Links zu Sei­ten, Tex­ten, Fil­men etc., die ich inter­es­sant finde, könnte jetzt öfter vor­kom­men. Dann find ich sowas viel­leicht auch mal irgend­wann wieder …)

01-01-2021 Neuer Tag, neues Jahr

Eigent­lich steht hier heute nur des­halb was, weil ich die­ses Datum schrei­ben wollte. Ansons­ten ver­lief der erste Tag des Jah­res völ­lig ereignislos.


Nur für einen Moment hat es mich mal wie­der getrof­fen. Das pas­siert manch­mal, wenn ich Musik höre, dann berührt eine bestimmte Stimme oder ein Ton, eine Melo­die etwas in mir und ver­setzt mich in eine andere Welt. Dann bin ich ein sen­ti­men­ta­ler Emo­ti­ons­hau­fen mit Erin­ne­run­gen an durch­tanzte Som­mer­nächte und Sehn­sucht nach Liebe. Das ist trau­rig und schön zugleich.


Als Ergän­zung zu ges­tern wollte ich noch fest­hal­ten:
Natür­lich gab es die übli­chen Blöd­män­ner (die ver­mut­lich weni­gen Frauen dies­mal mit­ge­meint), die um Mit­ter­nacht unbe­dingt knal­len und böl­lern und Rake­ten abschie­ßen muss­ten. Aber es war deut­lich weni­ger als sonst. Auf der Straße stan­den kleine Grüpp­chen, die Wun­der­ker­zen anzün­de­ten und Musik dabei hat­ten oder selbst san­gen. Neu­jahrs­wün­sche wur­den von Bal­kon zu Bal­kon geru­fen und waren zu hören. Nur ein­mal fuhr die Feu­er­wehr vor­bei. Aller­dings hatte ich mich drauf gefreut, end­lich die Kir­chen­glo­cken mal rich­tig gut zu hören - und dann haben die gar nicht geläu­tet, keine Ahnung warum.
Heute mor­gen das zweite “Ahhh”-Erlebnis beim Gang auf den Bal­kon: die Luft ist (großstadt-)rein, es stinkt nicht und die Stra­ßen und Geh­wege sind rela­tiv sau­ber. Es ist wenig davon zu sehen, dass grade Sil­ves­ter war. So darf das bitte bitte blei­ben. Alter­na­tiv kann ich mir immer noch gut vor­stel­len, dass die Gemein­den und Städte das orga­ni­sie­ren, so dass es zwar Feu­er­werk am Him­mel gibt, aber koor­di­niert und sicher. Viel­leicht wird ja jetzt end­lich mal über sowas nachgedacht.

15 Fragen für einen persönlichen Jahresrückblick

Das könnte zu einem klei­nen Ritual für den letz­ten Tag eines Jah­res wer­den. Weil es mich dazu bringt, mich ein­mal umzu­dre­hen und zu gucken, wie­viel Weg ich im Laufe der Zeit gegan­gen bin, was ich geschafft und erreicht habe, was sich ver­än­dert hat und was geblie­ben ist. Darum also auch heute die 

15 Fragen für einen persönlichen Jahresrückblick

(Dis­c­lai­mer: Die Fra­gen sind teil­weise durch die bekann­ten Fra­ge­bö­gen von Max Frisch und Mar­cel Proust inspi­riert.)

1. Wofür bist du dankbar?

Immer noch hier zu sein. Genug zum leben zu haben. So gesund zu sein, dass ich für das meiste alleine zurecht komme und für den Rest Unter­stüt­zung zu bekom­men von ver­schie­de­nen Seiten.

2. Was war in diesem Jahr deine Lieblingsbeschäftigung?

Die Ant­wort wird immer so oder ähn­lich lau­ten:
• lesen (Twit­ter, Blogs, Bücher),
• schrei­ben (Blog, Twit­ter, viel zu wenig Lyrik: das muss sich ändern),
• hören [eins] (Die größte Ent­de­ckung in die­sem Jahr war Igor Levit für mich, vor allem mit Bach und hier den Gold­berg­va­ria­tio­nen, aber auch die Nacht mit Erik Satie: die bleibt unver­gleich­lich und unver­ges­sen),
• hören [zwei] (Die zweit­größte Neu­ent­de­ckung für mich: HAEVN, zwei Musi­ker aus den Nie­der­lan­den, für die ich sogar meine Abnei­gung gegen Elek­tro-Pop auf­ge­ge­ben habe, weil sie so viel mehr machen und weil sie etwas in mir zum klin­gen brin­gen, das mich jung und sehn­süch­tig und sen­ti­men­tal und glück­lich auf ein­mal macht und ja, vor allem ist es Mari­jns beson­dere Stimme und ja, manch­mal wär ich gerne noch­mal 20 *hach*)
• sehen (Fotos, über­all und inzwi­schen auch viel auf Insta­gram; wei­ter­hin gerne Serien und Filme),
• arbei­ten (an eige­nen Web­sei­ten und vor allem der der Toch­ter: Danke für dein Ver­trauen!).

3. Was war dein größter Fehler? 

Einer, der eigent­lich nicht mei­ner war: am Mitt­woch, 15. Juli 2020 nicht getrö­delt zu haben. Dann wäre die Dame schon aus ihrem Auto aus­ge­stie­gen gewe­sen und hätte mich nicht mit der Tür vom Rad geschubst.

4. Wann warst du glücklich?

In jedem Moment mit Musik in den Ohren. Wenn ich meine Fami­lie umar­men konnte. Wenn es still war draußen.

5. Warum hast du das nicht öfter gemacht?

Es war so oft, wie es mög­lich war.

6. Was hat sich verändert?

Ich sehe Igor nicht mehr als mei­nen Feind.

7. Worauf bist du stolz?

Dass ich in wich­ti­gen Momen­ten “Nein” sagen konnte. Dass ich mich wie­der mehr getraut und mir wie­der mehr zuge­traut habe. Auf meine Tochter.

8. Wer waren in diesem Jahr die 3 wichtigsten Menschen für dich?

Meine Toch­ter, immer. Meine beste Freun­din D. Meine The­ra­peu­tin und meine Bezugs­frau vom Hil­fe­Dings (die zäh­len zusam­men wie eins).

9. Wissen diese Menschen das?

Ja. Ja (und inzwi­schen glaubt sie das viel­leicht auch mal 😉 ). Ich denke, ja.

10. Mit wem hättest du gern mehr Zeit verbracht?

Mit Freun­din­nen und der Mitt­wochs­gruppe vom HilfeDings.

11. Und mit wem weniger?

Mit Ärz­ten (männl. Form) und Physiotherapeut:innen.

12. Was hast du zum ersten Mal gemacht?

Einem Arzt meine Mei­nung gesagt.

13. Magst du dein Leben?

Stück für Stück wird es mehr. Zur Zeit würde ich die zweite Mög­lich­keit mit den 25 Jah­ren wählen.

14. Was sind die drei wichtigsten Dinge, die du in diesem Jahr gelernt hast?

Dass Wut nichts Schlech­tes ist, son­dern einen Sinn und eine Berech­ti­gung hat, dass ich aber man­ches (noch) nicht ver­zei­hen kann. Dass ich wei­ter bin, als ich oft denke. Dass es okay ist, nicht okay zu sein.

15. Mit welchem Satz lässt sich dein Jahr zusammenfassen?

Schon ganz gut, aber da geht noch mehr.

31-12-2020 Das ist kein Jahresrückblick

Letz­ter Tag in die­sem Jahr. Noch ein­mal beschis­sen geschla­fen, das wird sich auch im neuen nicht groß­ar­tig ändern, denke ich. Aber da ich ges­tern alles erle­digt habe, was noch zu tun war (Wochen­ein­kauf, Bad geputzt, Staub gesaugt, Wäsche weg geräumt …), konnte ich mir Zeit las­sen heute und - meine Lieb­lings­be­schäf­ti­gung auf immer - gemüt­lich früh­stü­cken und dabei lesen (Twit­ter und Jah­res­rück­bli­cke auf diver­sen Blogs), Musik hören (den zwei­ten Teil vom Bach’schen WO, wie sich das gehört) und mit Pho­to­shop spielen.


Die Bun­des­re­gie­rung hat lan­des­weit für heute ein Böl­ler­ver­bot ver­hängt und noch nie war ich so dank­bar für eine Ver­ord­nung von oben. Ich bin in den letz­ten Jah­ren so schreck­haft gewor­den in die­ser Bezie­hung dank der HS *), dass die Sil­ves­ter­abende kaum noch zu ertra­gen waren. Am liebs­ten hätte ich mich immer in Lilis alte Höhle in der Kam­mer ver­zo­gen, aber da ist es für mich dann doch zu eng.
Aber tat­säch­lich hal­ten sich fast alle an das Ver­bot und es tut so unend­lich gut, an die­sem Tag nicht alle paar Minu­ten den Herz­kas­per beru­hi­gen zu müs­sen. Ein­zig die Ele­fan­ten­nach­barn haben auf dem Bal­kon ein klei­nes Kin­der­feu­er­werk gezün­det und einen Böl­ler geschos­sen, aber da ist nun auch Ruhe. Ich bin gespannt, wie es um Mit­ter­nacht wird …

*) Mit HS ist auch hier wie immer die HochSensi­bi­li­tät gemeint.


Einen aus­führ­li­chen Jah­res­rück­blick wird es hier nicht geben, dazu hab ich im ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr zu viel schon geschrie­ben. Es ist alles nach­zu­le­sen.
Nur dies: Ins­ge­samt war 2020 für mich nicht so schlecht, da die Pan­de­mie mei­nen per­sön­li­chen All­tag nur im Außen berührt. Als chro­nisch depres­si­ver Mensch war ich vie­len ande­ren gegen­über sogar im Vor­teil. Ich arbeite schon lange wenn über­haupt, dann immer im Home-Office, ich muss keine Kin­der betreuen, ich lebe zwar mit wenig Geld, das aber kommt regel­mä­ßig und sicher, ich treffe sowieso nur so viele Men­schen wie nötig und gehe sel­ten an sehr bel(i)ebte Orte, ich kann super gut auch lange Zeit mit mir alleine sein, halte am liebs­ten viel Abstand - und gelte für all das end­lich mal nicht als “irgend­wie komisch”.

Natür­lich ist auch an mir die immer noch #aktu­el­le­Si­tua­tion trotz­dem nicht spur­los vor­über gegan­gen. Ich wollte die­ses Jahr end­lich wie­der mehr unter Men­schen gehen und über­haupt mehr raus, in die Natur. Das hat nicht nur der Fahr­rad­un­fall im Juli ver­hin­dert. Ich war die­ses Jahr kein ein­zi­ges Mal am Meer. Ich konnte mei­nem Enkel die meiste Zeit nur auf Fotos beim Groß-Wer­den zuse­hen. Ich mache mir viele Sor­gen um meine Liebs­ten. Da sind einige, die mit der Kraft am Ende sind, deren Exis­ten­zen auf dem Spiel ste­hen, die psy­chisch und phy­sisch lei­den.
Und ich sehe mit gro­ßer Angst, wie unfass­bar unso­li­da­risch, ver­quer und vol­ler Hass so viele Men­schen sind und wie gründ­lich die Politiker:innen an so vie­len Stel­len ver­sagt haben.

Den­noch habe ich ver­sucht, so viele gute Momente wie mög­lich zu fin­den: in der Musik, in Freund­schaf­ten, in mei­nem eige­nen Ler­nen und Wach­sen und immer wie­der in den Far­ben der Natur. Weil es - für mich - anders nicht geht. Dafür ste­hen die Bil­der, die ich von Insta­gram mit hier­her hole.


So ver­rückt, selt­sam und bescheu­ert 2020 für die Welt war, hat das neue Jahr also ver­dammt gute Vor­aus­set­zun­gen, bes­ser zu wer­den. Hel­fen wir ihm dabei, indem wir beson­nen, ver­nünf­tig und zum Wohle Aller han­deln.
Das Wich­tigste aber: bleibt gesund!

29-12-2020 Der vorletzte schwierige Tag

Län­ger geschla­fen als geplant, aber schlimm ist das ja nicht. Drau­ßen ist es regen­grau und win­ter­kalt - also Ham­bur­ger Win­ter, das heißt zu warm für die Jah­res­zeit, aber trotz­dem kriecht einem die Kälte durch die Ärmel und macht das alles so unge­müt­lich, dass es wirk­lich nichts aus­macht, wenn der Bauch und die Psy­che ver­rückt spie­len und zum vor­ge­nom­me­nen Wochen­ein­kauf ein­fach mal ganz deut­lich NEIN sagen. Dann dusch ich eben ver­such ich es eben mor­gen nochmal.


Der Grund, warum die bei­den so hef­tig rumg­rum­mel­ten, ist wie­der ein­mal das Thema Fami­lie.
Heute ist der vor­letzte mei­ner schwie­ri­gen Tage in die­ser Zeit: die mitt­lere Schwes­ter hat Geburts­tag. Und natür­lich möchte ich ihr meine guten Wün­sche schrei­ben, nicht nur, weil “man das so macht”, son­dern weil das eben ein spe­zi­el­ler Tag ist. Zu schrei­ben heißt auch von sich hören zu las­sen und Kon­takt auf­zu­neh­men irgend­wie und der ist nun­mal seit vie­len Jah­ren reich­lich gestört. Aber nun sind die Wün­sche und Gedan­ken geschrie­ben und ver­sandt und ich kann nur hof­fen, dass sie gut ankom­men und mein Bauch wie­der Ruhe gibt, erst mal.

Da war­tet noch viel The­ra­pie­ar­beit auf mich. Viel­leicht finde ich im neuen Jahr einen Weg, damit umzu­ge­hen. Und viel­leicht auch einen neuen, ver­än­der­ten Kon­takt mit den Schwes­tern.
Ich muss immer wie­der an meine Groß­mutter väter­li­cher­seits und ihre Schwes­tern den­ken, die sich so spin­ne­feind waren bis ins hohe Alter. So wollte ich das nie mit mei­nen erle­ben. Jetzt ist es doch so gekom­men und ich weiß, dass ich zum größ­ten Teil dafür ver­ant­wort­lich bin, auch wenn ich mich damit “nur” selbst geschützt habe. Ich würde es wie­der so machen, aber ich wäre auch sehr froh, wenn sich noch­mal etwas zum Guten ändert.


Wäh­rend ich die­ses Thema im Kopf wälzte, hab ich Pho­to­shop in Gang gesetzt und für Insta­gram eine kleine Col­lage aus mei­nen Fotos von die­sem Jahr erstellt: 12 Stück, für jeden Monat eines. Ein biß­chen musste ich schum­meln, weil ich weder im Januar noch im Dezem­ber brauch­bare Bil­der gemacht habe, aber so genau muss es ja auch nicht sein. Ich hol sie dann für den Jah­res­rück­blick über­mor­gen hierher.

Und wenn Sil­ves­ter vor­bei ist, sind alle schwie­ri­gen Jah­res­tage für dies­mal über­stan­den. Ab da kann es eigent­lich nur wie­der auf­wärts gehen. Eigentlich …

27-12-2020

Die Schlaf­stö­rung scheint besei­tigt. Ich schlafe wie­der halb­wegs gut und schnell ein, die HS hält sich in Gren­zen, das darf bitte gerne so bleiben.


Heute also wie­der ein­fach nur Sonn­tag. Die Tage, bis alles wie­der nor­mal geht, las­sen sich nun an einer Hand abzäh­len. Die Pause von allem ist okay, aber diese letzte Zeit im Jahr ist ein­fach spe­zi­ell und nie wirk­lich gut. Zu viele Gedan­ken über alles und kein Ven­til dafür. Das ist das Dilemma, wenn du nur begrenzt Men­schen aus­hal­ten kannst: dann ist halt auch sel­ten jemand da, mit dem du reden kannst.


Und dann war da noch das:

Wenn sich das nicht ändert, wer­den wir noch das ganze nächste Jahr oder mehr mit Pan­de­mie ver­brin­gen, trotz Impfstoff.

Ich denke dar­über nach, das Nach-Weih­nachts­tref­fen mit der Toch­ter & Co. abzu­sa­gen, weil der Enkel mit sei­nem Papa und des­sen neuer Frau bei ihrer Fami­lie war und ich keine Ahnung habe, wie die das mit Abstand und Vor­sicht und allem gehal­ten haben. Es wäre auf jeden Fall ver­nünf­tig, einige Zeit abzu­war­ten, ob sie womög­lich was mit­ge­bracht haben von der Reise. Noch sind ja Schul­fe­rien, es sind also alle zuhause grade.
Ja, ich denke, ich sollte das so machen. Dann gibt es die Weih­nachts­ge­schenke für den Enkel eben erst im Januar, die wer­den ja nicht schlecht.

Was für ein ver­fluch­ter Scheiss das ist.

26-12-2020 Samstag oder so

Weih­nach­ten dau­ert echt ganz schön lange die­ses Jahr.


Nach 7 Stun­den tie­fen Schlafs auf­ge­wacht und fest­ge­stellt, dass ich keine Lust habe auf diese Fei­er­tags­welt. Wie­der umge­dreht, ein paar Stun­den wei­ter geschla­fen. Geträumt, ich wäre in Por­tu­gal, ver­mut­lich Lis­sa­bon, zusam­men mit ein oder zwei ande­ren Men­schen. Irgend­was ver­rück­tes war da, aber ich habs ver­ges­sen. Das, was im Gefühl bleibt, ist schön.


Dann hab ich den Feh­ler gemacht, auf die Web­seite von But­lers zu gehen, denn jetzt hab ich Bil­der im Kopf, wie wun­der­schön meine Woh­nung aus­se­hen würde, wenn ich könnte und hätte, wie ich wollte.
Dabei stelle ich fest, dass ich anschei­nend ange­kom­men bin in einem Stil, der sich am ehes­ten mit “gemüt­lich-schlicht” beschrei­ben lässt. Helle Erd- und Holz­töne mit spar­sam gesetz­ten Akzen­ten in war­men Far­ben. Klare Linien und For­men. Auf­ge­räumt, aber nicht mehr alles offen. Und wenn ich das so schreibe und mir dabei bild­lich vor­stelle, merke ich, dass das lange nicht nur einen Wohn­stil beschreibt, son­dern mein gan­zes Leben, mein Sein. Da möchte ich irgend­wann ankom­men, in naher Zukunft.

25-12-2020 Allein

Wer hat sich die­ses Kon­zept eigent­lich aus­ge­dacht, dass Weih­nach­ten drei Tage dau­ert? So lang­sam ist doch mal gut mit der Feie­rei über­all um mich herum.
(Ich fühle mich ein wenig wie ein Kind, das am Fens­ter steht und sehn­süch­tig dar­auf war­tet, dass die ande­ren Kin­der end­lich wie­der zum Spie­len raus kommen.)


Die Gedan­ken gin­gen ges­tern und heute zurück in meine ver­gan­ge­nen Bezie­hun­gen. Ich ver­suchte mir vor­zu­stel­len, wie die dama­li­gen Part­ner wohl heute leben und sah sie dann vor mir im Kreis ihrer Fami­lien sit­zen. Soweit ich weiß, hat jeder von denen, die mir wich­tig waren, nach dem Ende der Bezie­hung mit mir eine andere Frau gefun­den und Kin­der bekom­men. Eine Fami­lie gegrün­det, einen Beruf gelernt, gear­bei­tet, gelebt. Warum hat das eigent­lich bei mir nicht geklappt? Warum sitze ich heute alleine in mei­ner Woh­nung und bin trau­rig, obwohl ich mir nichts sehn­li­cher gewünscht habe als meine eigene Fami­lie? War, bin ich wirk­lich so wenig bezie­hungs­taug­lich? Hätte ich mehr kämp­fen sol­len um M., den Traum(a)mann? War es wirk­lich so uner­füll­bar, was ich mir wünschte?

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