Mein Min

Beste Tochter der Welt: vor 35 Jahren, als Hamburg im Schnee versank – strahlst du deshalb noch heute wie ein Kind, wenn die weißen Flocken fallen? – kamst du zu mir. Es war Wintersonnenwende, die längste Nacht des Jahres, und sie brachte mit dir Licht in mein Leben. Dich zu verstehen war nicht immer leicht, dich zu lieben jedoch nie schwer. Du bist mein Ein, mein Alles, mein Herz. Du bist ein Teil von mir; ich bin froh, dass du das annehmen konntest und stolz, was du daraus gemacht hast.

Mit dir bin ich erwachsen geworden. Du hast mich Dinge gelehrt, die ich sonst nicht vermisst hätte. Für dich konnte ich mutig sein und damit auch für mich. Deine Art, die kleinen und großen Dinge zu sehen, hat mich immer wieder überrascht und mich zum Nachdenken gebracht.
Dennoch habe ich oft gezweifelt an mir und an uns, ob mein Weg der richtige auch für dich ist, ob das, was ich dir beibringe, dir nützt, ob du stark genug wirst für diese Welt und doch so zartfühlend bleiben kannst. Ich habe versucht, dich durch deine dunklen Seiten zu tragen und bin oft gescheitert. Wir sind durch harte Zeiten gegangen und haben gekämpft: mal mit und mal gegen einander und dann, grade noch rechtzeitig, für uns, für unsere gemeinsame Zukunft als Mutter und Tochter.

Jetzt hast du selbst ein Kind und ich sehe, es war gut. Du gibst weiter, was du für richtig hälst. Du kämpfst für deinen Sohn, dass er seinen Weg findet und gehen kann. Du bist eine wunderbare Mutter. Du bist die beste Tochter, die ich mir vorstellen kann und ich wünsche dir Liebe und Erfolg, Weisheit und ein großes Herz, aber vor allem, dass du glücklich bist.

Danke für dich, mein Min.

Wenn die Angst Purzelbäume schlägt

Heute nachmittag ist Weihnachtsfeier bei meinem Hilfedings. Ich hab mich letzte Woche in einem kurzen Moment des Übermuts dazu angemeldet. Es gibt tolles Essen, ein paar Überraschungen, irgendwas musikalisches. Mehr fröhlich als besinnlich.

Seit 2 Stunden schlägt mein Herz zusammen mit der Angst Purzelbäume und hüpft auf und ab wie auf einem Trampolin. Ich schaff das nicht. Da sind so viele Menschen, ich kenne niemanden außer Frau R. und drei von meiner Mittwochsgruppe, aber 2 davon kennen da so viele und ich will die nicht festhalten, damit ich nicht alleine bin und die dritte ist genau die eine, die ich nicht besonders mag. Und überhaupt ist das alles neu und ich kenne die Räume nicht (das ist in der Zweigstelle von OdW, wo ich noch nie war) und das war eine absolut bescheuerte Idee und wird immer bescheuerter, je länger ich drüber nachdenke. Ich geh nicht hin, ich kann das nicht.
Ich mag nicht angeguckt werden, ich will keinen Smalltalk machen, der mich nur Energie kostet, ich kann nicht in fremder Gesellschaft essen. Und bei so vielen Menschen auf einem Haufen kann ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren und verliere dann auch komplett das Gefühl für mich und dafür, wann es einfach zuviel ist.

Ich weiß, dass ich für mich sorgen muss und darf. Dazu gehört auch, etwas nicht zu tun, wenn es nicht machbar ist. Ich muss mich nicht zwingen zu etwas, das ich mir nicht zutraue. Ich weiß das, aber statt dessen mache ich mich wieder klein. „Was bist du denn für Eine, schaffst nichtmal zu etwas zu gehen, was dir doch gut tun soll!“
Ja, alle dort sind 100% wohlwollend. Keiner will was Böses, vielen anderen dort geht es vielleicht ähnlich, alle haben Verständnis, aber das hilft nichts. Das macht meine Angst nicht weg. Dass ich sie mir nicht erlaube, auch nicht.

Ach, und die Idee mit der Tagesklinik ist auch bescheuert, weil so schlecht gehts mir doch gar nicht und ich hab doch so viel, was ich selbst machen kann, damit es mir besser geht und ich nehm da nur irgendjemandem den Platz weg, die/der es nötiger braucht als ich.
(Finde den Fehler.)

Therapieerkenntnisse

Fünf Jahre sind es her, da schrieb ich von dem kleinen Haus, in dem ich mich so eingerichtet habe, dass es mir relativ gesehen gut geht – solange ich nicht raus schaue und all die Erwartungen sehe, die das Leben an mich stellt.

Daran musste ich denken letzten Donnerstag auf dem Weg zur Therapiestunde. Und dann kam auch wieder die alte Frage auf: geht es mir deshalb nicht gut, weil ich mir nicht erlaube, dass es mir gut geht trotz (oder mit) der Depression?
Weil, wenn es mir gut geht, dann kann ich ja auch wieder arbeiten gehen und muss dem Staat nicht auf der Tasche liegen und dankbar sein für etwas, was ich doch vielleicht gar nicht verdient habe, weil ich an meiner blöden Krankheit ja selbst schuld bin. Und überhaupt geht es anderen ja viel schlechter und die arbeiten trotzdem und kriegen ihr Leben irgendwie auf die Reihe, also darf es mir doch nicht gut gehen, oder?

Nutze ich darum all die Skills nicht, mit denen es mir vermutlich besser gehen würde?

In meinem Kopf weiß ich genau, dass ich das Recht habe, dass es mir gut geht. Dass es niemanden was angeht, weil ich niemandem etwas weg nehme oder es anderen besser geht, wenn es mir schlecht geht. Ich weiß auch theoretisch ganz genau, dass es mir (würde ich all die Skills anwenden) gut ginge, eben weil ich nicht fremdbestimmt arbeiten muss. Dass es womöglich ganz schnell wieder abwärts ginge, müsste ich zurück in die alte Maloche, die ja zu einem großen Teil dazu beigetragen hat, dass es mir schlecht ging, dass die Depression richtig rauskommen konnte. Ich weiß auch, dass ich mit meinen 60 Jahren nicht mehr in den normalen Arbeitsalltag zurück kann. Dass, wenn überhaupt, nur ein langsamer Einstieg möglich wäre und eine sehr reduzierte Arbeitszeit und dass sich das für den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr lohnt.

Ich weiß das alles, aber das schlechte Gewissen bleibt. Dass ich von Geld lebe, das ich nicht (selbst) verdient habe. Dass ich einfach zuhause sein kann, während andere sich abstrampeln da draußen. Dass ich mich „einfach so“ um mich selbst kümmern kann und keine Ansprüche erfüllen muss.
Und das lässt sich nur halbwegs aushalten, wenn es mir nicht zu gut geht.

Aber es darf mir gut gehen. Ich darf etwas dafür tun, dass meine Welt nicht rabenschwarz ist, dass ich Hoffnung haben kann, dass schöne Momente in meiner Seele länger haften bleiben als nur einen Wimpernschlag lang, dass ich „ja“ denken kann und nicht immer „nein“ oder „ja, aber“. Ich darf meine Tage mit guten Dingen füllen, auch wenn sie nur mir alleine nützen. Ich darf genau das arbeiten, was ich möchte und ich darf aufhören damit, wenn die Energie verbraucht ist und wieder aufgefüllt werden muss. Ich darf freitags mit gutem Gewissen frei machen, weil ich in den Tagen davor genug an mir gearbeitet habe. Ich darf mit meinen geliebten Klavierkonzerten von Bach auf den Ohren glücklich durch mein Hamburg streifen und die Wärme genießen, die dabei in meinem Herzen entsteht. Ich darf dafür sorgen, dass es mir gut geht. Weil ich niemandem etwas weg nehme damit. Und weil ich es verdiene, wie jeder andere Mensch auch.

(Könnt ihr mir das bitte vor Augen halten, wenn ich das nächste Mal wieder daran zweifle?)

Depression Notes 10-12-2019

Wiedermal bin ich auf der Suche nach einer Psychoklinik. Weil es doch nötig ist. Weil 50 Minuten Therapie pro Woche nicht reichen. Weil das Grau immer schwärzer wird, jede Bewegung immer müder macht und nichts wirklich sinnvoll scheint. Und weil ich nach all den Jahren des Durchhaltens und Alleinseins manchmal einfach das Bedürfnis habe, versorgt und bekümmert zu werden.

Aber: würde ich mir heute ein Bein brechen oder hätte wieder Gallensteine, hätte ich sofort einen Platz in einem Krankenhaus. Auf einen Platz in einer Psychoklinik muss ich 6-9 Monate warten. Falls ich so lange durchhalte.

Zudem muss ich erst einen Antrag stellen, damit geprüft werden kann, ob meine Symptome ausreichend schlimm sind (aber bitte nicht zu schlimm, weil akut suizidgefährdete Menschen leider nicht aufgenommen werden) und ich überhaupt ein Recht auf so eine umfangreiche Leistung habe. Das dauert natürlich auch seine Zeit, sowas will ja gut überlegt sein und immerhin ist es ja nur eine psychische Krankheit und arbeitsfähig bin ich ja eh nicht mehr.

Ach, vielleicht sollte ich mich profilaktisch einfach bei diversen Kliniken auf die Warteliste setzen lassen, damit so eine Notfallmaßnahme irgendwann mal mit viel Glück zur richtigen Zeit da ist. Weil die Depression eine Scheißkrankheit ist, die (bei mir und vielen anderen) immer wieder kommt.


Das Schönste am heutigen Tag:
meine viel zu weit weg wohnende Freundin wenigstens virtuell beim Abholen ihres neuen Autochens begleiten zu können und die Freude mit ihr zu teilen.

Depression Notes 08-12-2019

Wieviel müde passt eigentlich in einen einzelnen Menschen?


Meine Frau H. vom Hilfedings ist weg. Sie hat aus persönlichen Gründen eine neue Arbeitsstelle und unter dem Gesichtspunkt der Selbstfürsorge kann ich es total verstehen, aber ich bin unendlich traurig und auch ein bißchen wütend, weil mir schon wieder etwas, was wirklich soo gut war, genommen wird. Das passte nicht nur auf einer Arbeitsebene, sondern vor allem auf einer persönlichen, was der wichtigste Grund war, ihr wirklich vertrauen zu können. Mich ihr anzuvertrauen in jeder Hinsicht.

Liebe Frau H., falls Sie das noch lesen: ich bin Ihnen nicht böse. Ich wünsche Ihnen das Allerbeste, weil Sie ein so guter Mensch sind und Gutes verdienen. Danke für alles in dieser zu kurzen Zeit.


Dezember: der schlimmste Monat im Jahr. Wo alle plötzlich besinnlich und harmonisch werden, wo die Familie in den Himmel gehoben und ein „hyggeliges“ Zuhause zum absoluten Ideal erklärt wird. Wo doch jede*r weiß, dass es am Ende wieder Streit gibt und Harmonie an alten Verletzungen zerbricht. Bis auf wenige Ausnahmen eine einzige Farce und Konsumschlacht. Und doch … es nicht zu haben, tut weh, jedes Jahr.

Meine liebe Freundin D. fragte: ist es Neid oder Idealisierung, was uns diese Zeit so schwer macht? Und ich stelle fest, dass ich noch immer idealisiere. Dass ich noch immer denke, dass Weihnachten allüberall schön und fröhlich und harmonisch ist, nur bei mir nicht. Was natürlich kompletter Blödsinn ist und weshalb es auch gar keinen Grund gibt, neidisch zu sein. Ich bin es trotzdem.

Und habe mich entschieden, zur Weihnachtsfeier meines Hilfedings zu gehen. Ich kann jederzeit verschwinden, wenn es zuviel wird. Aber vielleicht wird es ja auch gut. Irgendwie.


Der Nachbar aus dem Souterrain ist gestorben, schon vor zwei Monaten. Ich habe nichts mitbekommen. Achten wir noch auf einander?
Manchmal habe ich – abgesehen vom virtuellen – tagelang keinen Kontakt zu anderen Menschen. Da ich viel Rücksicht nehme und es mir eher unangenehm ist, wenn man mich hört, kriegt im Haus kaum jemand was von mir mit. Ich könnte in der Dusche ausrutschen und da liegen und keiner würde es merken. Kein wirklich schöner Gedanke.


Wenn du zu zwei von vier Schwestern schon lange keine Beziehung mehr hast, die dritte in einer Entfernung von einmal um die Welt lebt und du dann aus Eigenschutz und Selbstfürsorge den Kontakt zu der vierten abbrichst, weil es so einfach nicht mehr weiter geht, schrumpft deine Familie in kürzester Zeit auf „so gut wie nicht vorhanden“. Wenn du dann noch erkennst, dass du in dieser Familie immer klein gemacht und gehalten wurdest, dass du benutzt wurdest, damit es anderen besser geht, dass sie dich nie wirklich gesehen und doch immer hingebogen haben, wie sie es brauchten und dass du das alles mit dir hast machen lassen, weil du einfach nur auch dazu gehören wolltest, dann ist es kein Wunder, wenn deine Welt immer grauer wird und du dich für lange Zeit in dein Schneckenhaus zurück ziehst und versuchst, dort irgendwie wieder heil zu werden.


Wie oft wird ein schwer depressiver Mensch ins Loch fallen und wieder raus krabbeln, bevor es genug ist?

Was wäre

Was, wenn ich einfach nicht aufstehe, einfach liegen bleibe, bis ich weg bin, einfach nicht da bin? Was, wenn ich einfach nicht mehr mitmache? Was, wenn ich einfach aufhöre so zu tun, als sei da irgendwas in Ordnung und nur annähernd lebenswert?

Was wäre, wenn da Einer wäre, der einfach da wäre für mich und für uns, der mir einen Kaffee ans Bett brächte und sagte, komm wir gehen zusammen raus, ich bin da, direkt neben dir, ich gehe nicht weg. Der mich wärmte, mich hielte, mir seine Hand reichte, einfach da bliebe, bis ich soweit wäre. Der mich nähme mit allem und sich selbst gäbe mit sich und wir zusammen stünden und uns Mut machten. Was wäre, wenn da Einer wäre?
Aber da ist keiner. Da wird auch keiner mehr sein für immer, auch wenn das Immer gar nicht mehr so lange ist. Da bleibt nur allein, da bleibt nur das Bedürfnis und die Fähigkeit zu lieben, die für nichts gut sind.

Da ist nur die Sehnsucht, die immer wieder überquillt und aus mir heraus strömt, so viele Nägel ich auch hineinschlage, die einfach keine Ruhe gibt, die jeden schwachen Moment ergreift und sich fest krallt an mein Herz und so tut, als sei da noch irgendeine Hoffnung, als ginge da noch was, wenn ich mich nur genug anstrenge. Als gäbe es noch den Einen irgendwo da draußen und ich müsste nur meine Angst vor dem Draußen überwinden und könnte ihn finden, den Einen, der sich nicht an mir stört und der stark genug ist für mich, der nicht weg läuft, wenn es schwer wird, der sich sicher ist in seinem Gefühl, der keine Angst vor Gefühl hat und keine vor mir.

Was wäre gewesen, wenn ich damals [mehr Selbstvertrauen gehabt hätte, fordender gewesen wäre und stärker, mehr vertraut hätte, mehr gewußt hätte, den Einen zum Bleiben hätte bewegen können…] – wäre ich heute auch alleine, einsam, mutlos, verloren im Kampf mit mir selbst?

Was wäre, wenn ich einfach los ließe, die Sehnsucht, die Liebe, die Hoffnung? Ließe ich auch mich los?

Unerwartetes Licht

Und dann ruft unerwartet aus heiterem dem seit Tagen verhangenen Himmel die große Schwester aus Neuseeland an und wir reden ganz lange über Leichtes und Schweres, Gegenwärtiges und Vergangenes, und sind uns über die räumliche und zeitliche Entfernung ganz nah.

Fast ein Jahr ist vergangen seit dem letzten Gespräch – viel zu lange. Wieder einmal nehmen wir uns vor, öfter miteinander zu sprechen oder wenigstens kleine Nachrichten zu schicken – die moderne Technik macht es ja eigentlich so einfach. Ob wir es diesmal schaffen? Sie ist zehn Jahre älter als ich, es bleibt nicht mehr endlos viel Zeit.

Als hätte das Universum das gespürt, ist der Himmel heute morgen klar und strahlend blau, die Sonne scheint aus voller Kraft. Um mich herum und aus mir heraus strahlt es hell, ich bin glücklich.

Hinter grauen Schleiern

Die Sicht grau verfärbt, die Aussicht trüb, der Blick verhangen. Mutlos, kraftlos, Hoffnung hat keine Chance gegen das Einerlei, Glück ist nur eine ferne Erinnerung.
So fühlen sich die vergangenen Wochen an.

Ich gehe auf Autopilot irgendwie durch den Alltag, weil es eben sein muss. Dusche, esse, schlafe, halte meine Termine ein, bemühe mich um irgendeine Normalität, aber das Gefühl kommt nicht an in mir. Meine Haut ist aus Teflon, alles perlt an mir ab, da ist nichts haltbares. Einzig die Gespräche mit der lieben (leider so fernen) Freundin sind wie kleine Lichtflecken in den Wolken.

Beim Termin mit Frau H. von OdW reden wir (wiedermal) über Skills: was tut mir gut, was hilft gegen Löcher, was stabilisiert? Ich zähle auf – und denke dabei: aber es hilft ja nicht. Musik? Hab ich wochenlang nicht gehört. Schreiben fällt so schwer, wenn da keine Wörter sind. Malen, stricken, Speckstein… ach, lassen wir das.
Schlafen. Schlafen tut gut, sofern ich meine Angst davor überwinden und spät nachts endlich ins Bett gehen kann. Sofern ich dann nicht da liege und der Kopf anfängt zu rotieren und sich an Vergangenes zu erinnern und mir schlimme Träume bringt und der nächste Tag wieder nur grau und müde und ohne Hoffnung ist.

An sowas wie Arbeit ist nicht zu denken. Die kleinsten Dinge sind nicht zu schaffen. Einen Fragebogen ausfüllen für OdW. Eine Mail an den Vermieter schreiben wegen der Dinge, die in der Wohnung zu richten sind. Eine Ergänzung zum Hilfeplan schreiben und abschicken, weil es wichtig und für mich ist. Die Tochter in ihrem Job unterstützen mit etwas, das ich eigentlich kann und gerne mache.
Nichts davon schaffe ich. Statt dessen kommt das altbekannte schlechte Gewissen, das überhaupt nichts bewirkt außer mich schlecht und mies und wertlos zu fühlen.

Ich sehne mich nach einem Ort, wo ich mich fallen lassen kann.

Gestern Abend plötzlich spüre ich, wie sich der Vorhang hebt, der Schleier vor den Augen weggezogen wird, die Sicht klarer wird. Licht fällt in den Raum und in meine Seele. Vielleicht geht es ja doch weiter.
Das Dumme ist: ich weiß nicht, woher es kam. Waren es meine eigenen Gedanken, die auf einmal Fuss fassen konnten in mir? War es das entspannte Telefongespräch mit der besten Tochter der Welt? Das Verständnis und die Liebe von ihr, die mich berühren konnten? Oder hatte Igor einfach keinen Bock mehr auf das ganze Grau? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich heute nicht mehr ganz so müde bin wie gestern, dass ich heute ein kleines bißchen besser denken kann, dass der Himmel ein wenig strahlender ist als gestern.
Wenn ich jetzt noch wüßte, wie ich das halten kann, dann wäre viel gewonnen.

Depression Notes 13-09-2019

Letzten Sonntag mit Tochter und Enkel an der Ostsee gewesen, ziemlich spontan. Mit dem Zug nach Travemünde, Strandkorb gemietet, drei Stunden aufs Wasser geguckt und versucht, den Kopf zu entschleunigen. Große Liebe zu meiner Familie. Glücklich zuhause angekommen. Und am nächsten Tag wieder eingeholt worden.

Travemünde an der Ostsee: Strand und Meer, sehr blauer Himmel, von links dicke weiße Wolkenberge.
Ostsee, Travemünde

Schon wieder war alles zuviel: was ich in der Therapie und bei OdW erarbeitet und erreicht habe, der erneute Schwesternkonflikt, der wunderschöne Tag. Die Energie am Limit. Aber ich kann nicht einfach ausruhen, langsam machen, Kraft einteilen: ich falle immer auch ins Loch. Trübste Gedanken, alle -losigkeiten auf einmal. Also hab ich alle Termine abgesagt für diese Woche und mich in mein Schneckenhaus verzogen. Da ist es warm und ruhig, da bin ich sicher.
Auch das ist erlaubt und zählt als Selbstfürsorge: mich bewußt gegen etwas zu entscheiden, was mir sonst gut tut.


Und dann war da diese Nachricht auf Twitter, dass Einer, der vor 20 Jahren sich vor einen Zug fallen ließ, seine Beine verlor, ein neues Leben gewann und fortan unzähligen Menschen in gleicher oder ähnlicher Lage Mut machen konnte, dass dieser Mensch nun doch gegangen ist durch eigenen Willen.
Das macht mich traurig, für ihn und alle anderen, dass es nicht gereicht hat zum Bleiben, dass die dunkle Seite schwerer wog, die Kraft erschöpft war. Aber ob der Wunsch zu sterben dahinter steht oder eben SO nicht leben zu wollen und können: in jedem Fall ist es die Entscheidung jeder*s Einzelnen, die nicht zu bewerten und nicht zu richten ist von uns. Auch wenn wir mit dem Tod der anderen leben müssen.


Was mich noch traurig und gleichzeitig wütend macht: eigentlich wäre ich jetzt beim Beach Camp in Sankt Peter-Ording, wie in jedem September seit 3 Jahren – wenn da nicht jemand ganz bewußt Steine zwischen meine Füße geworfen hätte aus an den Haaren herbei gezogenen Gründen und mimosenhaftem Beleidigt-Sein.
Dass ich wiedermal auf Einen reingefallen bin, der das Blaue vom Himmel versprochen und nichts davon gehalten hat, für den Menschen keinen Wert mehr haben, wenn er sie nicht mehr braucht, lässt sich nun nicht mehr ändern. Eines Tages lasse ich auch das hinter mir.


In der Platane vor meinem Haus tschilpt ein kleines Meislein vor sich hin. Dabei fällt mir auf, dass ich den ganzen Sommer durch an der Straße außer Amseln und Schwalben keinen einzigen Vogel gehört habe. Im Hinterhof tummelt sich einiges, aber nach vorne raus: nichts. Ist es denen auch zu laut?

60 ist das neue 100

Mit dem richtigen Satz zur richtigen Zeit gewinne ich so manches Mal neue Erkenntnisse, die dann auch dauerhaft bleiben und für den Alltag taugen.

So klagte ich bei meiner Frau H. von OdW vor einiger Zeit mal wieder darüber, dass ich im Vergleich zu der Zeit vor der Krankheit nur noch höchstens 60% der Energie übrig habe und wie sehr mich das einschränkt, stört, traurig macht.
Da kam von ihr der entscheidende Satz, der meine Einstellung wirklich verändert hat:

Dann versuchen Sie doch, die jetzt vorhandenen 60% als 100% zu sehen.

So einfach kann das manchmal sein.

Und so langsam ist die Erkenntnis auch in meinem Bewußtsein angekommen. Mein Energievorrat hat ein bestimmte Größe, damit muss ich haushalten. Er wird nicht kleiner oder größer dadurch, dass ich mich mit anderen oder meiner Kraft von früher vergleiche. Mein Leben ist ein anderes als vor 10 Jahren. Wenn ich das nicht akzeptiere und immer nur hadere damit, wird es mir immer schlecht gehen.
Darum gilt ab sofort: Sechzig ist das neue Hundert!

Gegenwartsgedanken und Zukunftsfragen

In drei Monaten werde ich 60.

Wenn ich mich zurück erinnere, wie schrecklich ich damals die 50 fand, bin ich jetzt dagegen eigentlich relativ gelassen. Wahrscheinlich liegt das am Alter. 😉
Aber natürlich hat sich seit damals viel verändert in meinem Leben. Nicht mehr zu arbeiten wird mit den Jahren doch etwas normaler, „erlaubter“. Ich hab immer noch nicht vollständig akzeptiert, dass ich nicht mehr leistungsfähig bin, aber dieses drängende Gefühl, noch etwas Großes erreichen, schaffen zu müssen, lässt doch nach.

Die Zukunft wird schmaler, die Gedanken gehen immer mehr in die Richtung „was will ich noch, was schaffe ich noch“ und „wo will ich sein für den Rest der Zeit“.
Und da entwickelt sich dieser Tage wiedermal ein sehr drängendes Gefühl: so sehr ich sie auch liebe – die große Stadt nervt zunehmend.

So viele Menschen, die stur nach sich selbst schauen, keine Rücksicht mehr nehmen. Die sich selbst am nächsten sind und denen alles andere egal ist. Bei denen es nicht mehr heißt „mein Verhalten stört dich? Das tut mir leid, ich versuche es zu ändern, damit wir beide damit leben können“ sondern „mein Verhalten stört dich? Dann geh doch woanders hin“. Die ohne links und rechts zu gucken ihren Weg gehen. Bei denen ein Mit-Denken nicht vorkommt.
So viel Verkehr, nicht nur auf den Hauptstraßen. Autos, Autos, Autos, wo man hinschaut. Unsere Straße – mit recht-vor-links-Regel, 30 h/km Begrenzung, hauptsächlich Wohnungen mit nur wenigen Läden dazwischen – wird als Abkürzung zur parallelen Hauptstraße genutzt. Die Autofahrer*innen sind hier schneller als nebenan mit den Ampeln. So war das nicht geplant.
So viel Lärm. Drinnen, manchmal, dank der Nachbarn über mir. (Nein, ich will ihnen das Laufen nicht verbieten.) Draußen, weil ich die frische Luft will und brauche und darum von Frühling bis Herbst meine Balkontür offen steht, dadurch aber auch jedes Geräusch eindringt. Ich bin froh, dass das Restaurant gegenüber montags Ruhetag hat. Ich fürchte mich schon heute vor dem jährlich stattfindenen Fest auf dem großen Platz, das am kommenden Wochenende von Freitag bis Sonntag geht und eine einzige musikalische Belästigung sein wird. Dass die KiTa-Kids auf dem Spielplatz im Hinterhof inzwischen täglich regelrechte Wettbewerbe veranstalten, wer am längsten am lautesten schreien kann, und die Erzieher*innen auch nach einiger Zeit nichts dagegen unternehmen, verstehe ich nicht. Von dem ständigen Strom an Autos, die hier durch rasen, schrieb ich bereits.
Vieles könnte anders sein, wenn es mehr Miteinander und mehr Rücksichtnahme gäbe. Anderes ist eben, wie es ist – aber ich will es nicht mehr aushalten müssen. Ich will und kann meine reduzierte Energie nicht mehr für solche Dinge hergeben. Und ich hab keinen Nerv mehr, mich blöd anmachen zu lassen, wenn ich was dagegen sage.

Ich bin perfekt geschult im Aushalten von unangenehmen Dingen – es wird Zeit, mich mal im Um-mich-selbst-kümmern zu üben.
Was will ich also noch für die letzten 10 oder 20 Jahre?

Wenn ich einfach könnte, wie ich wollte, dann würde ich aus der großen Stadt raus und in eine kleine Stadt ans Meer wollen. In einer ruhigen Straße am Rand wohnen, von wo aus ich mit dem Rad sowohl zum Einkaufen, ins Zentrum und zum Bahnhof als auch in die Natur komme. Alleine in meiner Wohnung, aber innerhalb einer Gemeinschaft, in der man sich umeinander kümmert und auch was gemeinsam machen kann. In der sich Jede*r nach ihren*seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten einbringt. Bunt gemischt, multikulturell, jung und alt. Überschaubar muss es bleiben, nicht zu groß, nicht ständig aktiv. Aufgeschlossen, tolerant, respektvoll, rücksichtsvoll. Miteinander, nicht nur nebeneinander. Zusammen sein können, aber auch alleine, so lange ich es brauche.
Das ganze nicht zu weit weg von der großen Stadt, damit der sichtbare Kontakt zu Tochter und Enkel bleibt. Wir sehen uns sowieso nicht so oft, mit einer gewissen Entfernung dann aber vielleicht länger und intensiver, ohne Ablenkung vom Alltag.
Und ja, wenn ich schon hier weg ginge, dann sollte bitte das Meer in der Nähe sein. Nord- oder Ostsee, inzwischen nehm ich beides. Ich weiß, dass es dadurch schwerer wird, aber was bitte sollte ich denn in einem kleinen Dorf in der Pampa, wo es weit und breit kein Wasser gibt? Da geh ich doch ein. Also, endlich ans Meer. Vielleicht wird das dann nochmal was mit der Entspannung auf meine alten Tage.

Arbeiten möchte ich noch ein bisschen. Zuhause am Schreibtisch sitzen und selbständig zur Rente dazu verdienen. In der anderen Zeit was anderes machen, weg vom Rechner. Oder endlich in Ruhe schreiben. Wieder Klavier spielen. Socken stricken, Kuchen backen, vorlesen, meine Ohren und Schultern zur Verfügung stellen. Gebraucht werden, aber nicht zuviel. Gewollt werden: davon nie genug. Angenommen werden im Jetzt.

Wenn nichts dazwischen kommt, hab ich wohl noch so 20 Jahre hier. Ein Viertel meines ganzen Lebens, immerhin. Damit sollte doch noch was anzustellen sein, was mir gut tut. Nicht mehr nur aushalten, weil ich es ja nicht anders verdient habe oder weil es halt nicht zu ändern ist. Sondern Hilfe annehmen und aktiv werden, um es besser zu haben für den Rest der Zeit.
Schaff ich das? Kann ich mir das erlauben?

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