Treffsicher

Treffsicher

Es gibt Sätze, die treffen mitten rein in die Situation, das Problem, das Herz. Nicht immer und nicht Jeden, aber manchmal treffen sie dich genau zur passenden Zeit. Heute war wieder so eine Zeit.

Das kann meine ultimative Antwort für Igor werden. Wenn er mal wieder aus dem Hintergrund blökt: „das kannst du nicht, das wirst du nie können, andere können das viel besser als du, was bildest du dir eigentlich ein….“, werde ich ihm diesen Satz entgegnen.

„Nur weil es Bessere als mich gibt, heißt das nicht, dass ich schlecht bin.“

Erinnert mich dran, falls ich es vergessen sollte…

Solo ieri – gestern noch

Solo ieri – gestern noch

Gestern noch war alles gut.

In der Klinik angerufen und nachgefragt. Termin für’s Vorgespräch bekommen und damit ein Datum in Aussicht, wann es los geht.
Ein bißchen gearbeitet, ein paar gute Ideen im Kopf und diese nicht in Frage gestellt.
Ein schönes Telefonat, eine nette Begegnung im Treppenhaus, ein gutes selbstgekochtes Essen, ein lustiges Gespräch bei Twitter.
Die Nacht, der Schlaf okay, abgesehen von den üblichen chaotischen Träumen.
Der Morgen startet fröhlich mit einer Umarmung vom Kind und strahlender Sonne.

Und dann passe ich für einen kurzen Moment nicht auf und schon schleicht sich die Vergangenheit durch einen kleinen Spalt in die Gedanken und plötzlich hocke ich wieder weinend in der Ecke und sammle die Scherben auf.

Keiner will dich, keiner wird dich jemals wirklich wollen. Du bist es nicht wert.
Vertraue keinem, jeder geht irgendwann wieder, lässt dich zurück, wählt eine Andere. Du bist nicht genug, du wirst nie reichen. Du bist nur zweite, dritte, vierte Wahl.
Das ist, was mir die Vergangenheit beigebracht hat.

Wozu dann alles?
Achtsamkeitsübungen, um bei mir zu bleiben. Wozu? Lernen, mich selbst zu lieben, weil es kein anderer tut, Wozu? Kontakte knüpfen, Kommunikation üben, um nicht alleine zu sein. Wozu?
Es gibt keinen, der mich sieht, der mich meint, der mich will von sich aus. Schwester, Mutter, Nachbarin…. das bin ich, weil es die Rolle nunmal ist. Freundin bin ich nicht, weil ich dazu gewählt werden müsste, es aber keinen gibt, der mich wählen will. Der mich kennt, mich sieht, mich meint. Wozu dann also?

Für mich? Nein. Selbst wenn ich mir soviel wert wäre: es reicht nicht, wenn da kein anderer, kein Gegenüber ist. Es reicht auf Dauer nicht. Einsamkeit ist ein schlechter Antreiber: Einsamkeit zieht sich immer weiter in sich selbst zurück. Nicht gewollt, geliebt zu werden, macht unendlich einsam. Dass ich das schon mein Leben lang kenne, macht es nicht leichter.

Solange ich nicht daran denke, kann ich weiter existieren. Ich atme, esse, lache, rede, tu so als wäre alles in Ordnung und normal. Einen Tag nach dem anderen überleben, hinter mir lassen, abhaken. Solange ich existiere, muss sich niemand Gedanken machen.
Aber ich lebe nicht, ich überlebe nur. Und sammle von Zeit zu Zeit meine Scherben auf.

Ich brauche Gewissheit

Ich brauche Gewissheit

[Triggerwarnung: sexueller Missbrauch, Gewalt]

Ich möchte zurückreisen können in die tiefste Vergangenheit, um endlich wirklich zu wissen, was in meiner Kindheit geschehen ist. Meine Seele und mein Körper senden Zeichen, die ich nicht verstehen kann, solange das Wissen nicht da ist. Die Schwestern reden nicht, die Mutter hat bis zu ihrem Tod geleugnet. Meine Erinnerungen sind zum allergrößten Teil verschleiert bis zu dem Zeitpunkt, als der Vater auszog: die wenigen, die im Gedächtnis blieben, erzeugen Gefühle zwischen Scham, Angst und Traurigkeit.

Die frühere Therapeutin ging nach meinen Berichten davon aus, dass ich sehr wahrscheinlich nicht in sein „Beuteschema passte“, weil ich zu jung war (grade 7, als er ging). Mein Körper und mein Unterbewußtsein erzählen etwas anderes. Wem traue ich?

Ich brauche Gewissheit. Ich will damit arbeiten können. Ich will, dass mein Gefühl kein vages Gefühl bleibt, sondern bestätigt oder widerlegt und anders erklärt werden kann.

Warum habe ich mit ca. 4 Jahren von jetzt auf gleich darauf bestanden, dass meine Unterhosen ab sofort so groß sein sollten, dass ich sie bis unter die Achseln ziehen konnte? Warum hatte ich Angst einzuschlafen und mitten in der Nacht wach zu werden und einen „Engel“ im Zimmer zu sehen? Warum ist eine meiner wenigen deutlichen Erinnerungen die, dass der Vater mir mit einer Pinzette einen Splitter aus dem Po pulte und ich dabei eine übermächtige Scham empfand? Warum sehe ich sein lächelndes Gesicht vor mir und verspüre so viel Angst dabei? Warum blieb der Schmerz, als der Geigenbogen bei einer seiner Bestrafungen auf meinem Po zerbrach, weniger deutlich in meinem Gedächtnis als die Scham, die ich empfand, als ich dabei bäuchlings über seinen Knien lag? Warum habe ich in meinem ganzen Erwachsenenleben keine einzige entspannte sexuelle Begegnung mit einem Mann erlebt?
Dass sich meine Schultern anspannen und ich mich dazwischen verkriechen möchte, wenn ich an die Gewalt denke, die der Vater an uns Kindern und unserer Mutter verübt hat, kann ich inzwischen gut nachvollziehen. Die Angst vor seinem Jähzorn und seinen Schlägen hat sich felsenfest eingegraben. Warum aber zieht sich auch mein ganzer Unterleib krampfartig zusammen, wenn ich über Missbrauch in der Familie lese oder höre?

Ich will Gewissheit. Hat er mich auch angefasst oder nicht? Oder habe ich „nur“ die Übergriffe meinen großen Schwestern gegenüber mitbekommen? Was ist stellvertretendes und was eigenes Erinnern?

Ich will das endlich bearbeiten und los werden können. Dazu brauche ich Gewissheit.

Tiefes Bedauern

Tiefes Bedauern

Fast fünf Jahre schon.

Wir kannten uns noch gar nicht wirklich, hatten nur ein paar Gespräche auf dem roten Sofa, einige Augen-Blicke und eine innige Umarmung. Plus einem viel zu überhasteten Abschied, der viel zu viel zurück und offen gelassen hat.

Vielleicht wäre auch gar nichts aus uns geworden und wahrscheinlich verklärt die Erinnerung sowieso alles, aber noch immer ist in mir dieses ganz tiefe Bedauern, dass ich dich einfach so habe gehen lassen. Dass ich dir kein Versprechen abgenommen habe auf ein Wiedersehen. Dass ich nicht hartnäckiger nach dir gesucht habe.

Denn noch immer ist in mir auch das ganz tiefe Gefühl, dass du der zweite Eine – mein Seelenmensch – hättest sein können. Dass ich dich kannte und du mich. Dass wir zusammen hätten lernen, lieben, schweigen, lachen, verstehen können. Dass ich dein Halt hätte sein können und du meiner. Dass wir gemeinsam so viel stärker hätten sein können und die Dämonen besiegen. Dass wir gut gewesen wären zusammen.

Ich habe eine verrückte Sehnsucht nach dir, die einfach nicht aufhört. An manchen Tagen macht sie mir das Leben unendlich schwer.

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