Raus aus dem Winter-Schneckenhaus

Was für eine Woche! So lang, so gut, so schöne Gesprä­che und Begeg­nun­gen. Anstren­gend für Kör­per und Geist, wär­mend für Herz und Seele. Aber defi­ni­tiv war das der Schubs, den ich brauchte, um wie­der aus dem Win­ter-Schne­cken­haus zu kommen.

An vier Tagen hin­ter­ein­an­der war ich für je einen Ter­min beim Hilfe-Dings. Alles war frei­wil­lig, ich hätte jeder­zeit zuhause blei­ben kön­nen, aber ich wollte unbe­dingt durch­hal­ten. Am Ende war es wirk­lich viel und ich bin froh, dass ich danach frei hatte und ab jetzt wie­der nur zwei- oder drei­mal pro Woche weg bin. Aber es hat trotz­dem auch gut getan und vor allem neue Kon­takte und neue Ent­schei­dun­gen gebracht.

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In der Lite­ra­tur­gruppe am Mon­tag gab es wei­te­ren Zuwachs, so dass wir inzwi­schen sechs Teil­neh­me­rin­nen und zwei Grup­pen­lei­te­rin­nen sind. Das emp­finde ich als gute Größe, um anre­gend, aber nicht aus­ufernd dis­ku­tie­ren zu kön­nen. Es gibt wei­ter­hin viele Ideen und Impulse zum lesen und zum schrei­ben, die wir noch aus­pro­bie­ren wol­len.
Bei der letz­ten Schreib­übung *) stellte ich fest, dass ich sehr von mei­nem Unter­wegs­sein auf Social Media Kanä­len beein­flußt bin: ich ver­su­che auto­ma­tisch, sehr kom­pri­miert und aus­sa­ge­kräf­tig zu schrei­ben, so dass es nicht mit der all­ge­mein übli­chen Zei­chen­be­gren­zung kol­li­diert. Das finde ich eigent­lich ganz gut, aber ich lerne jetzt neu, dass ich mir auch Raum geben darf, wenn ich für mich schreibe. Das wird auf jeden Fall span­nend für mich.

*) Wir such­ten uns aus mit­ge­brach­ten Fotos eins aus und erstell­ten zuerst eine sach­lich-neu­trale Bild­be­schrei­bung und erfan­den danach eine Geschichte zum Bild. Ich hab jetzt den Anfang eines Jugend­ro­mans, den ich ver­mut­lich aber nie schrei­ben werde :-)))

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Zu mei­nem Ein­zel­ge­spräch am Diens­tag kam ich eine Stunde zu früh: ich hatte ver­ges­sen, dass meine Bezugs­frau aus­nahms­weise einen län­ge­ren Ter­min vor­her hatte. Also bin ich noch­mal los und zum Alto­naer Bahn­hof gefah­ren, um im dor­ti­gen Krims-Krams-Laden nach einem Schreib­buch zu suchen, das ich für die Lite­ra­tur­gruppe nut­zen kann. Das gab es da zwar nicht, aber dafür einen klei­nen wei­chen gel­ben Knaut­sch­wür­fel mit einem gran­tig-lus­ti­gen Gesicht drauf, der sich ganz wun­der­bar quet­schen lässt, wenn ich mal wie­der zuviel Ener­gie oder Unruhe hab. Drei nette Post­kar­ten hab ich auch mit­ge­nom­men und das deut­li­che Gefühl, als ich da so in der Sonne auf dem Platz stand, dass es auf­wärts geht, dass da wie­der Ener­gie für Spon­ta­nei­tät und Unter­neh­mun­gen ist.

Nach dem Ein­zel­ge­spräch, über das ich noch geson­dert schrei­ben will, saß ich noch lange mit eini­gen Frauen (Kli­en­tin­nen und Betreue­rin­nen) im Gespräch zusam­men. Seit letz­tem Herbst gibt es an zwei Nach­mit­ta­gen in der Woche einen “Offe­nen Treff” genau dafür: unge­zwun­gen dort im gro­ßen Auf­ent­halts­be­reich zu sit­zen, Kaf­fee und Tee zu trin­ken, mit ande­ren Men­schen über was auch immer zu reden, zu erzäh­len, zu lachen, sich aus­zu­tau­schen und ein­fach eine gute Zeit zu haben.
Ich mag die Betreuer:innen dort sehr und genieße es, gute, erwach­sene Gesprä­che zu führen.

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Am Mitt­woch­mor­gen war ich zwar schon ziem­lich müde, aber ich wollte unbe­dingt zur Gruppe gehen, weil auch diese ein­fach gut tut. Und so war es auch: ich konnte noch­mal über eini­ges aus dem Ein­zel­ge­spräch reden, was mich sehr beschäf­tigt. Der Aus­tausch mit den ande­ren Frauen gab mir Bestä­ti­gung und Mut, die nächs­ten Schritte wirk­lich zu gehen. Genauso gut tut es, für die ande­ren da zu sein und sie zu unterstützen. 

Ursprüng­lich hatte ich geplant, auf dem Rück­weg an einem Park aus­zu­stei­gen, ein Stück zu gehen und ab der nächs­ten Bus­hal­te­stelle wie­der wei­ter zu fah­ren; ich hatte extra die Kamera ein­ge­steckt. Aber dann hab ich mir beim Ein­stei­gen in den Bus so blöd mein Knie ver­dreht, dass ich doch gleich nach Hause fuhr. Das war aber viel­leicht nicht so schlecht, weil es auch Kraft gespart hat.

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Ich weiß jetzt wie­der, warum ich nor­ma­ler­weise nie zum Gemein­schafts­früh­stück am Don­ners­tag gehe, obwohl es rich­tig toll ist und mit dem Start um halb elf auch eigent­lich per­fekt für mich. Doof ist halt, dass ich ja eine knappe Stunde Weg hab von Tür zu Tür und vor­her noch duschen muss und wenigs­tens einen Kaf­fee und ein Stück Brot brau­che. D.h. ich muss um halb neun auf­ste­hen und das ist ein­deu­tig nicht meine Zeit - ich bin und bleibe Nacht­eule.
Für dies­mal hab ich mich aber über­wun­den, denn beim Hilfe-Dings geht es manch­mal auch poli­tisch zu und darum war eini­ges für die Zeit rund um den Inter­na­tio­na­len Frau­en­tag geplant. Unter ande­rem haben wir in unse­rer Mitt­wochs­gruppe ein klei­nes Quiz (im Stil von Wer wird Mil­lio­när) vor­be­rei­tet mit 12 Fra­gen zur Frau­en­ge­schichte, das dann eben am Don­ners­tag beim Früh­stück prä­sen­tiert wurde. Wenn ich bei so etwas mit­ma­che, dann will ich auch bis zum Schluss dabei sein.
So gab es also nicht nur lecke­res Früh­stück (incl. dem legen­dä­ren Rührei von Herrn K.), son­dern auch span­nende Fra­gen und Ant­wor­ten mit Lern­ef­fekt sowie tolle Gesprä­che im Anschluss. Lei­der waren vor allem Frauen da, aber die weni­gen Män­ner haben sich durch­aus ein­ge­bracht und inter­es­siert zuge­hört.
Aus einer Gesprächs­runde hab ich mich aller­dings irgend­wann raus­ge­nom­men, weil ich einer der Frauen sonst ins Gesicht gesprun­gen wäre. Sie fin­det zwar, dass Frauen drin­gend vor Män­ner­ge­walt geschützt wer­den müs­sen, sieht die Schuld aber zum gro­ßen Teil bei “den Flücht­lin­gen und Aus­län­dern” wegen deren Reli­gio­nen. Im Nach­hin­ein fie­len mir einige Argu­mente ein, mit denen ich sie hätte wider­le­gen kön­nen, aber in dem Moment war ich nur ver­är­gert und sprach­los. Bei sowas kann ich nicht mehr ver­nünf­tig reagie­ren, da ist mein Kopf leer und ich werde nur emo­tio­nal oder aus­fal­lend. Das bringt ja nix, also hab ich das Gespräch verlassen.

Ins­ge­samt war das aber noch ein wirk­lich wun­der­schö­ner Tag mit tol­len Men­schen und ich bin sehr froh, dass ich durch­ge­hal­ten und bei allen Anläs­sen dabei war. Mich zu spü­ren, aktiv und beweg­lich zu sein, zu den­ken, spre­chen und füh­len: das alles funk­tio­niert nicht, wenn ich in einem depres­si­ven Loch bin, selbst wenn es nur flach ist wie in der letz­ten Zeit. Das alles ist wäh­rend die­ser Woche wie­der auf­ge­wacht und viel­leicht ist das der Aus­gang aus der Winterschlafhöhle. 

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