„Still Alice“ – vom Fühlen und Lieben

Im Vorbeigehen bin ich heute abend in einen Film im TV gefallen, mittenrein. Das machte nichts, weil ich ihn schonmal gesehen hatte und schnell wieder wußte, worum es geht. Es ist einer dieser Filme, die fast noch besser werden beim mehrmaligen schauen. „Still Alice“: eine berührende Geschichte über eine Linguistik Professorin, die bereits mit Anfang 50 die Diagnose Alzheimer erhält, ganz wunderbar gespielt von Julianne Moore.
Da gibt es am Ende die Szene, wo ihre Tochter ihr vorliest aus dem Theaterstück „Engel über Amerika“ von Tony Kushner, das ist sooo wunderschön, dass ich es hier aufschreiben muss, damit ich es nicht vergesse.

Nachtflug nach San Francisco. Ich jage den Mond durch Amerika. Gott, ich war seit Jahren nicht mehr im Flugzeug. In 35.000 Fuß Höhe erreichen wir die Tropopause, den großen, mächtigen Gürtel voll ruhiger Luft.
Dem Ozon so nahe. wie es nur geht. Ich träumte, wir hätten es erreicht. Das Flugzeug durchbrach die Tropopause, die sichere Luft und erreichte den Rand. Das Ozon, das rau war und zerfetzt. Manche Stellen wirkten abgenutzt, wie ein alter Verband und das war furchterregend.
Aber ich sah etwas, das nur ich sehen konnte, weil ich die wunderbare Gabe besitze, Dinge zu sehen.
Seelen stiegen empor, von der Erde weit unter uns. Seelen von Toten. Von Menschen, die gestorben waren, an Hungersnöten, im Krieg, an der Pest. Sie schwebten nach oben, wie Fallschirmspringer, die auf dem Kopf stehen. Alle viere von sich gestreckt, sich drehend, kreisend. Und die Seelen der Verstorbenen nahmen sich an Händen und Füßen und bildeten oben ein großes Netz aus Seelen. Und die Seelen wurden zu Molekülen aus drei Sauerstoffatomen, zu Ozon. Und der Weltraum nahm sie auf und war damit geheilt. Denn nichts geht für immer verloren.
In dieser Welt durchlaufen wir eine schmerzhafte Entwicklung. Wir sehnen uns nach dem, was wir abgeschüttelt haben und träumen, was kommt. Jedenfalls scheint es mir so.

Die Vorstellung, dass unsere Seelen nach dem Tod übrig bleiben, sich verbinden mit anderen und dann zusammen verschwinden, ist ungemein tröstlich. Das Wissen, dass ich in all dem Grau auch immer noch fühlen kann, ganz bis tief drinnen, auch. Und wenn es nur wegen eines Hollywoodfilms und ein paar aufgeschriebenen Worten ist.


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