Verschüttet

Vor einiger Zeit hatte ich in einer Therapiestunde gesagt, dass ich über ein paar Sachen aus der Vergangenheit ausführlich reden will, damit ich sie endlich los werden kann. Dass es nicht reicht, sie einfach nicht mehr anzurühren.
Das ist das Eine.

Das Andere ist, was mir letzte Woche in den Sinn kam, als ich da am Abend noch spät in der Küche saß und die Türen am neuen Kühlschrank umschraubte, obwohl ich so genervt davon war und geschimpft und geheult hab:
Ich dachte bis jetzt immer, dass meine ganze Kraft, mein Wollen, Machen und Tun, dass das alles mit der Depression verschwunden sei, einfach weg. Weil eben nur noch 60% der Energiemenge vorhanden sind, wenn überhaupt. Weil ich so oft so unendlich müde bin und keinen Antrieb habe.

Das stimmt aber nicht. Es ist alles noch da, aber – und dieses Bild entstand in der letzten Therapiestunde während des Redens darüber – es ist die meiste Zeit tief verschüttet. Es liegt alles unter einer Falltür im Keller des Hauses, das ich bin, und auf der Falltür stehen tausend Kisten und Schachteln und Säcke mit meiner Vergangenheit und dem ganzen Mist, den ich erlebt habe. Im Laufe der Jahre hat sich so viel angesammelt, dass es immer schwerer wurde, an die Falltür heran zu kommen. In meiner ersten Therapie nach der Diagnose habe ich bereits angefangen, den Kram aufzuräumen, aber ich bin nicht sehr weit gekommen.

Ich werde die Kisten jetzt wirklich aufmachen müssen, um zu sehen, was drin ist. Manch eine kann ich vermutlich einfach zur Seite schieben oder in den Müll werfen. Einige werde ich wieder zumachen und in einer Ecke weit hinten verstauen, weil sie keine Rolle mehr spielen, aber eben doch zu mir gehören. Vielleicht finde ich ein paar Schachteln mit schönen Dingen, die ich noch verwenden kann.
Und dann gibt es die extra schweren Fässer, die ich nicht einfach wegrollen kann, sondern öffnen muss und den Inhalt rausholen und bearbeiten und abtragen und entscheiden, was damit passieren soll. Das sind die, die mit Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Trauer und Angst gefüllt sind. Ich hab das Gefühl, wenn ich die diesmal wieder nicht vollständig ausräume, werden sie mich immer weiter belasten und einengen und meine Kraft für sich behalten.

Ich hab saumäßige Angst davor und ich bin elend müde, wenn ich nur daran denke, aber es muss sein. Und es gibt eine gewisse Hoffnung (mal mehr, mal weniger), dass unter dem ganzen Zeug wirklich eine Falltür begraben liegt, unter dem der Raum zu finden ist, in dem sich die guten Teile meines alten Ichs verstecken. Vielleicht kann der ein oder andere ja doch reanimiert werden.

2 Kommentare

  1. Ich hoffe so sehr, dass das gelingt, das Reanimieren.

    Ich frage mich grad, ob das mit „die guten Teile meines alten Ichs“ so von der Metapher her „stimmt“. Sind es wirklich nur „die guten Teile“? Ist es nicht eher so, dass das alles du bist, auch das in den Kisten?

    So oder so, das Bild mit der Falltür ist irgendwie auch zu meiner Metapher geworden. Danke dafür! Ich stelle es mir gerade – in meiner eigenen Metapher – vor, dass sich unter meiner Falltür der Sicherungskasten befindet, der Stromanschluss ist vielleicht wacklig und vielleicht kann ich ja neue Vernetzungen schaffen?

    Wie schön doch so Hoffen sein kann.

    1. Hmm … Ja, aber.
      In Bezug auf das, was ich ganz oben schrieb – „meine ganze Kraft, mein Wollen, Machen und Tun“ sind es die guten Teile. Die, von denen ich das Gefühl habe, dass sie verschüttet sind.
      Abgesehen davon sind wir ja immer alles, das Gute und das Hinderliche, das was wir sind und das was wir waren. Also auch das in den Kisten, natürlich.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Scroll Up
%d Bloggern gefällt das: