Wenn Gutes Angst macht

Auf den Rat mei­ner The­ra­peu­tin hin habe ich mich Ende letz­ten Jah­res umge­schaut nach ambu­lan­ter Sozi­al­psych­ia­trie (ASP) in Ham­burg und mich rela­tiv schnell für einen Trä­ger (ich nenne ihn hier “OdW”) ent­schie­den. Das ist keine Tages­kli­nik oder sowas, über­haupt nicht zu ver­glei­chen, son­dern eine Anlauf­stelle für Men­schen mit psy­chi­schen Krank­hei­ten / Ein­schrän­kun­gen, die Hilfe vor allem in All­tags­din­gen brau­chen, denen Anspra­che und Kon­takte feh­len, die aus der Iso­la­tion raus wol­len, in die die Krank­heit sie gebracht hat.

Das Erst­ge­spräch mit der dor­ti­gen Lei­te­rin war sehr ange­nehm, wohl­wol­lend, zuge­wandt, das Pro­gramm klang für mich pas­send. Also hab ich bei der Sozi­al­be­hörde einen Antrag auf Kos­ten­über­nahme gestellt. Als Ant­wort gab es erst­mal einen Fra­ge­bo­gen mit gefühl­ten 30tausend Sei­ten, auf denen ich Aus­kunft geben musste über meine Wohn­si­tua­tion, Finan­zen, Fami­lie, Krank­hei­ten, Berufs­lauf­bahn und eigent­lich alles aus mei­nem Leben. Dass sie nicht noch nach dem täg­li­chen Stuhl­gang gefragt haben, war eher ver­wun­der­lich.
Ich hasse es, mich vor Behör­den so nackt zu machen, auch wenn sie spä­ter Gutes tun. Hab auch ent­spre­chend lange gebraucht, das Ding aus­zu­fül­len und eine Frist­ver­län­ge­rung zu bean­tra­gen und es dann 2 Tage vor Schluss end­lich abzugeben. 

Vor eini­gen Tagen war dann also das “Gesamt­pla­nungs­ge­spräch” mit den Mit­ar­bei­te­rin­nen der Behörde. Zu mei­ner inne­ren Sicher­heit konnte ich jeman­den von OdW mit­neh­men, so war ich mit den 3 Frauen nicht alleine.
Und dann ging es von vorne los. Zwei­ein­halb Stun­den Fra­gen beant­wor­ten. Die glei­chen wie im Fra­ge­bo­gen, nur end­los viel aus­führ­li­cher. Wie ver­sor­gen Sie sich? Gehen Sie ein­kau­fen? Wie ist es mit der Kör­per­pflege? Neh­men Sie Medi­ka­mente? Was machen Sie tags­über? Ist das noch im gesun­den Rah­men mit dem Com­pu­ter? (Bei der Frage möchte ich dann immer am liebs­ten aus­ras­ten. Men­schen mei­ner Genera­tion haben anschei­nend noch immer keine Ahnung, dass man damit mehr machen kann als Spiele zu spie­len.) Wie woh­nen Sie, was muss gemacht wer­den? Den­ken Sie aber nicht, dass da jetzt jemand kommt und für Sie Fens­ter putzt! Was sind das für kör­per­li­che Beschwer­den, woher kom­men die und was machen Sie dage­gen? Ach, Sie haben eine Ärz­te­all­er­gie? Dage­gen kön­nen wir was machen. Okay, das letzte haben sie nicht aus­ge­spro­chen, aber in mei­nem Kopf klang das danach. Doch, sie waren nett. Wir haben gescherzt und gelacht, ich hatte einen guten Tag trotz Auf­re­gung und Atem­not und allem. Ich hab mich trotz­dem zwi­schen­durch schreck­lich gefühlt. Nackt. Schul­dig. Und immer wie­der die innere Frage von mir an mich, ob ich nicht simu­liere. Soo schlecht geht’s mir doch nicht, oder?

Alle meine Ant­wor­ten wur­den gewis­sen­haft notiert. Dar­aus ent­steht jetzt ein ich­weiß­nicht­wie­viel-Punkte-Plan, den ich mit mei­ner noch zu bestim­men­den Betreue­rin bei OdW abar­bei­ten darf, um die ver­ein­bar­ten Ziele zu errei­chen, deren Errei­chen in einem hal­ben Jahr wie­der über­prüft wird. Ich hab den Plan noch nicht in Hän­den, aber so etwa sehen die Punkte aus:

  • Woh­nung putzen
  • Schreib­tisch / Papiere aufräumen
  • Gel­der bean­tra­gen und Woh­nung renovieren
  • evtl. Fuß­bo­den restaurieren
  • Bade­zim­mer bar­rie­re­frei machen (keine Ahnung, wie das pas­sie­ren soll)
  • wöchent­lich an 2-3 Grup­pen­an­ge­bo­ten bei OdW teilnehmen
  • Men­schen zu mir ein­la­den, damit ich einen Grund habe zum sau­ber machen
  • Ter­mine machen bei Augenärt­ztin, Zahnärt­ztin, Frauenärtztin
  • am bes­ten sofort wie­der gesund sein, damit ich nie­man­dem mehr zur Last falle und sol­che Gesprä­che nicht mehr füh­ren und mich von nie­man­dem mehr beur­tei­len las­sen muss

Ja, der letzte Punkt stammt wie­der nur von mir. Natür­lich sagt das kei­ner. Natür­lich sind alle so ver­ständ­nis­voll und so empa­thisch und nein, Sie kön­nen ja nichts für Ihre Krank­heit und wir wol­len Ihnen ja nur hel­fen, aber eigent­lich hat kei­ner eine Ahnung wie es einem geht mit dem Scheiß und dass sich jeder Druck von außen in mir drin zu einem uner­füll­ba­ren Druck poten­tiert, so dass ich trotz allem Posi­ti­ven ein­fach nur schrei­end in mein Schne­cken­haus zurück will.

Wie soll ich das denn hin­be­kom­men? Men­schen in meine Woh­nung las­sen, die heil­lo­ses Chaos anrich­ten und meine Sachen anfas­sen und mich nöti­gen wer­den, mein Zeug zu sor­tie­ren und aus­zu­mis­ten und wer räumt das alles hin und her und wie­der ein, wenn ich es doch nicht kann und nie­man­dem ver­traue? Über­haupt vor­her bean­tra­gen, dass mir das jemand bezahlt, ohne dass ich dafür was mache? Das hab ich nicht ver­dient! So bedürf­tig bin ich nicht! Das geht nicht!
Dann das Raus­ge­hen. Grup­pen­an­ge­bote. Fremde Men­schen tref­fen, mich zei­gen, Bewer­tun­gen aus­hal­ten, Ver­trauen ent­ge­gen brin­gen ohne Garan­tie, Gren­zen set­zen, Men­schen aus­hal­ten… Das ist alles zu nah, zu viel, viel zu viel Angst. Ich kann das nicht. Ich sehne mich nach Kon­takt, aber ich kann das nicht.
Und die Ärz­te­ge­schichte kön­nen sie eh ver­ges­sen. Dass ich da zuge­stimmt hab, lag nur daran, dass ich es nicht ableh­nen konnte.
Das ein­zige, wor­auf ich mich freuen würde, ist der Hof mit den The­ra­pie­pfer­den und den ande­ren Vie­chern außer­halb von Ham­burg, aber ich hab keine Ahnung, ob ich da über­haupt hin darf. Ich weiß aller­dings auch nicht, wel­che Vor­aus­set­zun­gen man*frau da erfül­len muss, aber ich geh natür­lich wie immer davon aus, dass ich sie nicht erfülle.

Jede Außen­ste­hende würde die­ses Ange­bot ver­mut­lich mit offe­nen Armen gut­hei­ßen. Jede wird sagen, dass es sooo toll ist, dass ich da Hilfe bekom­men kann, dass ich das anneh­men soll und dass ich doch blöd wäre, wenn ich es nicht mache.
Und ich denke, was bin ich doch blöd, dass ich sol­che Angst davor habe. Dass ich das Gefühl habe, wenn ich 3mal in der Woche da was mache, dass ich dann gar keine Zeit mehr für mich habe. Dass mir das alles viel zu viel ist. Dass da nun end­lich sein kann, was ich mir wün­sche und ich es gleich­zei­tig trotz­dem nicht will.

Mor­gen wird der Anruf kom­men von der Lei­te­rin von OdW, dass wir uns dann ja mal diese Woche zusam­men set­zen und das ganze bespre­chen kön­nen. Einen Plan machen. Eine Bezugs­be­treue­rin aus­su­chen, Ter­mine machen.
Ich hab Bauch­schmer­zen, ich weine, ich lenke mich ab, um nicht dar­über nach­zu­den­ken. Ich hab Angst. Ich kann das nicht. Ich bin nicht mutig.


Aus­nahms­weise ist die Kom­men­tar­funk­tion für die­sen Bei­trag abge­stellt. Ich bin fast immer dank­bar für Auf­mun­te­rung, Mut machende Sätze, soli­da­ri­sche Grüße oder eigene Erfah­run­gen - dies­mal wäre es nicht hilf­reich, solange ich nicht selbst dran glaube. Ich würde mich bedan­ken und es nicht ehr­lich mei­nen, das will ich nicht.


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