Zu früh gefreut

Ich hätte es nicht schreiben sollen.

Igor: Was höre ich da, dir geht’s gut?
Ich: Ja, ich bin ganz zufrieden grade. Ist alles nicht so dramatisch und schlimm wie sonst.
Igor: Das wollen wir doch mal testen.

Und dann schleppt er alles an, was er findet:
Sentimentale Musik, verbunden mit sehr sentimentalen Erinnerungen. Einen kleinen Text, so wunderschön, so berührend und sehnsüchtig machend nach einem anderen Leben, einem leichteren. Noch mehr sentimentale Musik. Fotos von meinen Reisen in das Land, in dem mein Herz liegt und ich rieche sofort die Wärme und das Meer und höre die Menschen in der fremden Sprache und das Quietschen der Linie 28 und ich weiß, dass ich nie wieder stundenlang durch Lissabon oder Olhão wandern werde, weil meine Füße mich nicht mehr tragen. Weil ich mir das selbst versaut hab. Und dann noch Träume von Umarmungen und Verletzungen und Menschen, die gehen und nie ist irgendwas so, wie ich es mir mal gewünscht hatte und da sind wir dann auch schon beim nächsten Schritt.

Da packt er dann auch noch all die Zweifel aus:
ob ich das eigentlich verdient habe, glücklich zu sein. Ob es mir nicht, wenn ich schon dem Staat und allen auf der Tasche liege und ich nicht produktiv bin und arbeite, wie es sich für einen anständigen gesunden Menschen gehört, weil wenn ich glücklich bin, dann bin ich ja wohl auch gesund, ob es mir da also nicht wenigstens schlecht gehen könnte. Ob ich nicht sowieso viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt sei. Und ob ich nicht überhaupt mir und allen anderen was vormachen würde und sowieso kann mich keiner lieb haben und guck doch, es wird schon einen Grund haben, warum dich keiner mehr wollte und eigentlich könnte ich das alles doch auch einfach sein lassen.

Für den ganzen Mist braucht er grade mal einen Tag und eine Nacht.

Und wenn er das alles getan hat und sieht, dass das mit dem gut gehen wohl doch nicht so richtig und wahr war, legt er mir eine Tafel Schokolade hin, dreht sich um und dackelt zurück in sein Körbchen. Und ich sitz wieder da wie so eine, die genau das verdient hat.

Danke, Igor. Ich war kurz davor, dich nicht mehr als Feind zu sehen.

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