Twitter-Großputz

Ich liebe Twitter. Ich mag sowieso überhaupt dieses ganze Social Media Zeugs. Verbunden zu sein mit Menschen überall auf der Welt, mich in Echtzeit austauschen zu können oder nachzulesen, wenn ich Zeit und Lust habe. Gleichgesinnte zu finden, sich zu unterstützen und Freundschaften zu schließen. Facebook ist für mich nicht mehr aktuell, dafür Twitter umso mehr. Es ist meine Tür zur Welt, an der ich teilhaben kann, ohne Menschen direkt bei mir aushalten zu müssen.

Ich mag auch – mit rechten Ausnahmen – unterschiedliche Meinungen, Vorlieben, Eigenschaften bei Menschen. Solange keinem weh getan, niemand diskriminiert, gemobbt oder ausgegrenzt wird, ist alles gut für mich. Manchmal bin ich verwundert beim Lesen, manchmal bringt mich etwas zum Nach- und manchmal auch zum Überdenken meiner Ansicht. Gegenseitige Toleranz und Respekt voreinander gehören für mich zu einem guten Zusammensein.

Was ich aber nicht mehr ertrage, ist das sogenannte „Schmunzeltwitter“: alte und junge weiße heterosexuelle Männer mit ihrem Sexismus, ihrem Ableismus, Rassismus und ihrer toxischen Maskulinität, deren Tweets mir leider immer wieder in die TL retweetet werden. Und genauso wenig ertrage ich die Frauen, die diesen Typen folgen, um sich selbst aufzuwerten oder was immer sie damit bezwecken. Ich will diesen ganzen Mist nicht mehr lesen müssen.
Darum werde ich mich (noch weiter) befreien in den nächsten Tagen von diversen Follower*innen solcher Accounts, die mir auch folgen oder denen ich folge. Ich werde einen Großputz vornehmen und alles blocken, was mit damit zu tun hat. Weil es mir nicht gut tut.
Auch wenn ich es einerseits schade finde, ist es mir inzwischen fast egal, wenn ich deswegen auch gute Leute nicht mehr lesen werde. Aber wer sowas gut heißt, indem er*sie weiterhin folgt und nichts dagegen sagt, ist mit verantwortlich dafür, dass es nicht aufhört. Ich will mit denen nichts mehr zu tun haben.

Und ich will das F-Wort nicht mehr lesen müssen, bei dem ich mich jedesmal fast übergeben muss. Nie wieder. Wer das benutzt, wird zu meinem eigenen Schutz sofort geblockt. Ich mache Twitter wieder zu meinem sicheren Raum. Die Anzahl der Follower*innen wird sich verringern, aber die war mir noch nie wichtig. Wer ein Problem damit hat: oben rechts ist die Tür.

Hilfebedürftig, Teil 3 – Update

Nach dem Schwimmen war das zweite Projekt bei OdW die Reittherapie. Ich hatte mich so gefreut, dass ich keine wie auch immer gearteten Voraussetzungen erfüllen muss, sondern einfach hingehen darf. Einfach so, weil es zum Angebot gehört. Weil es jede*r in Anspruch nehmen darf, die*der will.

Diesmal hab ich es wenigstens ausprobiert, bevor ich es wieder abgesagt hab. Diesmal war es wenigstens nicht die Angst, die im Weg stand, sondern nur meine blöden Füße mit den scheißverdammten chronischen Entzündungen. Naja, doch, vielleicht auch ein kleines bißchen ich.

Der Hof im Norden von Hamburg ist ein kleines Idyll mit Alster-Quellwasser und Plumpsklo, vier lammfrommen Therapiepferden in einem offenen Stall, drei Katzen und einem Gehege mit Hühnern und Enten. Die Therapeutin eine junge Frau, sympathisch und offen, einfach nett – und gut in dem, was sie da tut, soweit ich es beurteilen kann.
Beim zweiten Mal waren viele Menschen da, zu viele für mich, aber das war wohl eher die Ausnahme. Dass ich die Maske fest auf hatte und es anstrengend war, merkte ich erst später.

Reittherapie bedeutet dort, Bodenarbeit mit dem Pferd zu machen. Dem Tier nur durch Körpersprache zu zeigen, was es machen soll. Kein Druck, kein Zwang, auch kein Reden oder Anschauen, sondern nur mit aufrechter, klarer Haltung. „Horsemanship“ nennt sich das und ist eine großartige Sache.
Aber: das ganze findet auf dem Sandplatz statt und bedeutet, viele viele Runden zu drehen mit dem Pferd. Gehen, stehen bleiben, weiter gehen, hin und zurück, Runde um Runde auf dem unebenen Boden. Zu viele Runden für meine Füße. Für eine halbe Stunde (oder später mehr) Gutes zwei Tage lang Schmerzen zu haben gleicht sich nicht aus.

Vielleicht bin ich aber auch ein Stück weggelaufen vor dem, was das in mir auslösen könnte. Schon in der ersten Stunde stand ich irgendwann da und kämpfte mit den Tränen. Weil sie etwas wollte, was ich schon so lange nicht mehr kann, nicht mehr mache: aufrecht stehen. Mich groß machen, überzeugt von mir sein. Das tat weh, außen wie innen. Weil ich nicht mehr groß bin, weil die Depression und Igor und ich selbst mich klein machen, immer wieder, immer aufs Neue.
(Das Pferd fand es übrigens überzeugend genug und ging tatsächlich rückwärts, so wie es sollte. Aber das ist ja auch Leute mit so Psychozeug gewohnt.)

Was mir in den zwei Stunden dort auch bewußt wurde: ich bin keine Macherin, keine Führerin. Ich bin nicht die, die Ansagen macht und die anderen kommen mit. Ich mag Autorität nicht, ich rebelliere dagegen. Einem Tier zu sagen, wo es lang geht, war noch nie meins. Meine Hündin hat der damalige Freund erzogen, auf mich hat sie nicht wirklich gehört. Ich bin Katzenmensch, ich mag es, wenn sie machen was sie wollen und mit mir in gleichberechtigter Gemeinschaft leben. Vielleicht wäre mir das mit den Pferden irgendwann in die Quere gekommen.

Also fällt auch dieses eigentlich unglaublich schöne Projekt für mich aus. Nun heißt es also, einen dritten Versuch in wieder einer anderen Gruppe zu starten, auf dass dann endlich mal was dabei ist, von dem ich etwas habe. Hoffentlich kommt mir da nicht wieder die Angst in die Quere…

Depression Notes 15-07-2019

Lieblingsmensch B. ist wieder in der Klinik in Malente für 6 Wochen. Lieblingsmensch J. fragt in der WA-Gruppe nach passendem Termin für einen Besuch. Ich schreibe sofort „ich komme mit!“ – wie so Eine, die genug Selbstvertrauen [-liebe | -bewußtsein | -achtung] hat und einfach davon ausgeht, dass die anderen sie auch sehen möchten.

Igor lacht leise in seiner Ecke.

Igor

Diese Gut-Geh-Phase dauert jetzt aber schon ganz schön lange, sagt Igor und holt zur Abwechslung mal wieder die Traurigkeit aus der Ecke. Die ist zwar etwas eingestaubt, aber immer noch ganz brauchbar.

Ach Igor, du dummer Hund, besorg doch das nächste Mal wenigstens genügend Taschentücher.

Hilfebedürftig, Teil 2

Nach Panikausbrüchen, einer hundsmiserablen Nacht und erneuten Panikschüben heute morgen habe ich das Schwimmprojekt auf Eis gelegt. Ich schaffe es nicht, mein ängstliches Ich schreit und produziert Bauchschmerzen. Also zurück zu den Kinderschritten.
Das bedeutet erst einmal ein weiteres Gespräch mit Frau H. Ende der Woche, langsam Ankommen bei OdW, eins nach dem anderen. Aber: zum Reitprojekt in 2 Wochen! Ich muss zwar noch überlegen, wie ich mit meinem verfluchten kaputten Fuß und meiner unterirdischen Kondition einen Kilometer laufen kann, aber da will ich hin. Lieber fahr ich ne Stunde früher los und mache alle 5 Minuten Pause – Schmerzen werde ich sowieso haben für die drei Tage danach.

Ja, ich brauche Hilfe. Und ja, ich schäme mich dafür. Ich finde die Schuld auch ohne Suchen nur bei mir. Warum hab ich es soweit kommen lassen mit allem? Warum hab ich nicht früher angefangen, mich gegen den Druck von außen zu wehren und bin so lange über meine Grenzen gegangen? Warum hab ich so viel in mich reingefressen und den Kummer mit weiterem Essen zugestopft? Das Gewicht des Pakets, das ich nicht mehr tragen konnte, umgewandelt in Körpergewicht, so dass es mich jetzt behindert auf jedem Weg? Und warum hab ich damals in der Caduceusklinik nicht auf meinen Körper gehört und bin über die Schmerzen drüber weg gelatscht, so dass ich nicht mehr auf meinen Füßen stehen kann?
Ich habe im wörtlichen Sinn meinen Körper ausbaden lassen, was meine Seele nicht tragen konnte und jetzt ist er groß und schwer und übermächtig und doch am Ende und die Seele ist immer noch nicht heil. Ich schäme mich für das, was ich aus mir gemacht habe. Auch wenn ich weiß, dass es Gründe gibt für all das und ich die auch nachvollziehen und verstehen kann: die Schuld kann ich doch nur mir geben.

(Aber wofür brauche ich immer einen Schuldigen? Muss immer Ursache und Folge und Wirkung aufgerechnet werden? Was passiert, wenn ich „einfach“ hinnehme, akzeptiere, dass etwas -gekommen- ist, wie es ist? Bleibe ich womöglich stehen, wenn ich den*die Schuldige*n gefunden habe und muss dann nicht weiter daran arbeiten?)

Es ist nicht mehr wie früher. Dadurch, dass ich der Depression den nötigen Raum gegeben habe, hat sich mein Leben extrem verändert. Manches ist gut, vieles andere ist schwer geworden. Wenn ich aber die letzten 20 Jahre noch halbwegs gut verbringen will, wenn ich irgendwie auf meinen wenn auch wackeligen Füssen stehen will, brauche ich Hilfe. Unterstützung. Jemanden, der für eine Weile im Hintergrund steht und bereit ist, mich aufzufangen, bevor ich wieder falle. Ich schaffe mich, mein Leben, nicht mehr alleine. In guten Momenten weiß ich, dass das keine Schande ist.

Hilfebedürftig

Nachdem die Behörde ja ihr Okay gegeben hat, hab ich vor ein paar Tagen endlich meine Bezugsfrau von dem Hilfe-Dings (OdW) kennen gelernt. Insgesamt ist jetzt also etwa ein halbes Jahr vergangen, seit ich das erste Mal aktiv wurde in Richtung ASP. Zeit genug, mich damit auseinander zu setzen, dass ich hilfebedürftig bin. Eigentlich….

Nein, angenehm ist der Gedanke nach wie vor nicht. Denn so im Großen und Ganzen krieg ich mein Leben doch halbwegs gut hin, trotz der Depression. Also, meistens jedenfalls. Naja, es gibt halt auch blöde Tage, an denen ich beschließe, dass der Kaffee auch ohne Milch schmeckt und unter die Marmelade aufs Knäckebrot nicht zwingend Butter gehört und ich darum nicht mehr einkaufen gehen muss, weil ich es einfach nicht schaffe mir was anzuziehen und die Haare zu kämmen und die Menschen im Supermarkt zu ertragen. Und meine Wohnung, ach, wer guckt denn da schon ob gesaugt ist oder nicht und ob sich da Spinnweben in den Ecken ansammeln und die Tapete von der Küchendecke fällt und der Teppich sich in seine Einzelteile auflöst, weil er einfach so alt und abgewetzt ist, ich meine, wen kümmert das schon, es sieht ja keiner, weil ja keiner zu Besuch kommt, denn ich kenne ja auch niemanden mehr, der kommen könnte einfach so.

Ich bin mir aber auch gar nicht sicher, ob ich überhaupt wirklich wieder neue Menschen kennen lernen will, denen ich mich dann wieder zu weit öffne und sie in mein Leben lasse und dann wie immer entweder enttäuscht werde oder sie mir doch wieder zuviel werden und dieses Kommunizieren mit anderen einfach so verdammt anstrengend ist, obwohl ich mich doch so sehr danach sehne. Nach Reden, nach Austausch, nach gesehen und verstanden werden und nach sehen und verstehen und nach Anerkennung und Gefühlen. Aber ich hab es verlernt, das richtige kommunizieren, ich falle schnell mit der Tür ins Haus und mit meiner ganzen Bedürftigkeit und Seele und werde dann wieder zuviel. Oder bin, weil ich es nunmal so gelernt habe, freundlich zu allen und mag nicht nein sagen und dann ist da wieder jemand, der mich zu sehr mag und ich nicht und ich kann nichts dagegen machen, weil ich nicht weh tun will. Ich will nie jemandem weh tun und tu dann lieber mir weh.

Und irgendwie ufert das hier grade ein bißchen aus in meinem Kopf. Nur weil ich jetzt offiziell Teil des Programms und hilfebedürftig bin. Und weil morgen mit der dienstäglichen Frauen-Schwimmgruppe der erste richtige Termin ansteht. Und ich jetzt schon wieder in Kreisen denke. Wie komme ich da hin? Den Hinweg schaff ich mit dem Fahrrad, aber bin ich für den Rückweg dann noch fit genug nach dem Schwimmen? Eine neue Fahrkarte für den Bus hab ich noch nicht, weil die Sozikarte noch nicht beantragt ist. Okay, ich kann natürlich auch mal eine Einzelfahrt bezahlen, aber dann muss ich noch ein ganzes Stück zu Fuß gehen und das schaff ich doch nicht und wann muss ich dann überhaupt los, damit ich auf jeden Fall pünktlich bin und ich kenne doch die anderen Frauen nicht, das wird ganz furchtbar! Ich sollte einfach nicht hingehen. Aber dann drück ich mich, wie immer und wie soll ich das erklären, vor allem vor mir selbst, weil ich niemandem ausser mir Rechenschaft schuldig bin.

Ja, doch, es scheint, als wäre ich ein bißchen hilfebedürftig. Und das ist erst der Anfang. Wie soll das weiter gehen?

Am liebsten würde ich einen Rucksack mit den wichtigsten Dingen packen und weg gehen, weit weg, und neu starten für die letzten zwanzig Jahre.
Sagt nichts, ich weiß es doch.

Feiertag

Mein Tweet zum heutigen Feiertag:

Das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür meines Schneckenhauses hängen und dann die nächsten Stunden damit verbringen, die Geräusche der Menschen um mich herum auszublenden.

Aber ich habe Apfel-Rhabarberkuchen. Für mich allein.
*Ulrike E.* (@fantasiafragile) 30. Mai 2019

Ich mag die italienische Kleinstfamilie (Mama, Papa, 2,5-jähriges Kind), die über mir wohnt. Wirklich. Also meistens jedenfalls. Sie sind super sympathisch, herzlich, offen. Sie bringen südländische Atmosphäre ins Haus, wenn sie sich laut in ihrer Sprache bei offenem Fenster in der Küche unterhalten. Ich kann damit leben, dass der Lütte ganz schnell wegen jedem Pups weint kreischt weint. Ich finde es toll, dass der junge Mann Cajón spielt und akzeptiere, dass er dafür oft eine Stunde übt. (Ich hab hier schließlich selbst jahrelang Musik gemacht.) Dass Papa und Sohn abends zwischen Arbeit und Bett noch ’ne Stunde durch die Wohnung toben: aber klar doch.

Heute passiert aber alles auf einmal: Toben, Musik, Geschrei, Trommel. Heute sind sie einfach nur furchtbar laut. Oder bin ich überempfindlich? Vielleicht.
Ich denke auch an die Zeit vor mehr als 30 Jahren, als meine Tochter in der Wohnung tobte und der (ältere) Mensch in der Wohnung unter uns ab und zu rauf brüllte, ob das denn nicht leiser ginge. Damals dachte ich, der soll sich doch nicht so anstellen, Kinder brauchen das, dann soll er halt wegziehen etc. Heute verstehe ich ihn. Und fühle mich alt, meckerig, intolerant, weil ich auch so geworden bin. Weil ich manchmal einfach meine Ruhe will und kein Gepolter über mir mag.

Es regnet, es ist komisch kalt, die Balkontür ist zu, ich fühl mich eingeschlossen. Raus zu gehen ist bei diesem Wetter und dem Feiertag (Himmelfahrt = Vatertag = grölende Männer unterwegs) keine Option.
Aber ich hab Apfel-Rhabarberkuchen, für mich allein. Mit Sahne!

Lebenstraum

Wenn ich beschreibe, wie und wo ich am liebsten leben würde, dann fällt mir neben „am Meer“ und „in einer überschaubaren Gemeinschaft mit mehreren Generationen“ immer das Wort „friedlich“ ein.

Darin enthalten sind: Ruhe – sowohl von der Umgebung als auch vom Tempo und dem Umgang miteinander her -, Gelassenheit, Toleranz, Akzeptanz. Wohlwollen. Frei von Angst und Bewertung. Die anderen nehmen, wie sie sind.

Ich möchte so gerne in Frieden leben.

Wenn Gutes Angst macht

Auf den Rat meiner Therapeutin hin habe ich mich Ende letzten Jahres umgeschaut nach ambulanter Sozialpsychiatrie (ASP) in Hamburg und mich relativ schnell für einen Träger (ich nenne ihn hier „OdW“) entschieden. Das ist keine Tagesklinik oder sowas, überhaupt nicht zu vergleichen, sondern eine Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Krankheiten / Einschränkungen, die Hilfe vor allem in Alltagsdingen brauchen, denen Ansprache und Kontakte fehlen, die aus der Isolation raus wollen, in die die Krankheit sie gebracht hat.

Das Erstgespräch mit der dortigen Leiterin war sehr angenehm, wohlwollend, zugewandt, das Programm klang für mich passend. Also hab ich bei der Sozialbehörde einen Antrag auf Kostenübernahme gestellt. Als Antwort gab es erstmal einen Fragebogen mit gefühlten 30tausend Seiten, auf denen ich Auskunft geben musste über meine Wohnsituation, Finanzen, Familie, Krankheiten, Berufslaufbahn und eigentlich alles aus meinem Leben. Dass sie nicht noch nach dem täglichen Stuhlgang gefragt haben, war eher verwunderlich.
Ich hasse es, mich vor Behörden so nackt zu machen, auch wenn sie später Gutes tun. Hab auch entsprechend lange gebraucht, das Ding auszufüllen und eine Fristverlängerung zu beantragen und es dann 2 Tage vor Schluss endlich abzugeben.

Vor einigen Tagen war dann also das „Gesamtplanungsgespräch“ mit den Mitarbeiterinnen der Behörde. Zu meiner inneren Sicherheit konnte ich jemanden von OdW mitnehmen, so war ich mit den 3 Frauen nicht alleine.
Und dann ging es von vorne los. Zweieinhalb Stunden Fragen beantworten. Die gleichen wie im Fragebogen, nur endlos viel ausführlicher. Wie versorgen Sie sich? Gehen Sie einkaufen? Wie ist es mit der Körperpflege? Nehmen Sie Medikamente? Was machen Sie tagsüber? Ist das noch im gesunden Rahmen mit dem Computer? (Bei der Frage möchte ich dann immer am liebsten ausrasten. Menschen meiner Generation haben anscheinend noch immer keine Ahnung, dass man damit mehr machen kann als Spiele zu spielen.) Wie wohnen Sie, was muss gemacht werden? Denken Sie aber nicht, dass da jetzt jemand kommt und für Sie Fenster putzt! Was sind das für körperliche Beschwerden, woher kommen die und was machen Sie dagegen? Ach, Sie haben eine Ärzteallergie? Dagegen können wir was machen. Okay, das letzte haben sie nicht ausgesprochen, aber in meinem Kopf klang das danach. Doch, sie waren nett. Wir haben gescherzt und gelacht, ich hatte einen guten Tag trotz Aufregung und Atemnot und allem. Ich hab mich trotzdem zwischendurch schrecklich gefühlt. Nackt. Schuldig. Und immer wieder die innere Frage von mir an mich, ob ich nicht simuliere. Soo schlecht geht’s mir doch nicht, oder?

Alle meine Antworten wurden gewissenhaft notiert. Daraus entsteht jetzt ein ichweißnichtwieviel-Punkte-Plan, den ich mit meiner noch zu bestimmenden Betreuerin bei OdW abarbeiten darf, um die vereinbarten Ziele zu erreichen, deren Erreichen in einem halben Jahr wieder überprüft wird. Ich hab den Plan noch nicht in Händen, aber so etwa sehen die Punkte aus:

  • Wohnung putzen
  • Schreibtisch / Papiere aufräumen
  • Gelder beantragen und Wohnung renovieren
  • evtl. Fußboden restaurieren
  • Badezimmer barrierefrei machen (keine Ahnung, wie das passieren soll)
  • wöchentlich an 2-3 Gruppenangeboten bei OdW teilnehmen
  • Menschen zu mir einladen, damit ich einen Grund habe zum sauber machen
  • Termine machen bei Augenärtztin , Zahnärtztin , Frauenärtztin
  • am besten sofort wieder gesund sein, damit ich niemandem mehr zur Last falle und solche Gespräche nicht mehr führen und mich von niemandem mehr beurteilen lassen muss

Ja, der letzte Punkt stammt wieder nur von mir. Natürlich sagt das keiner. Natürlich sind alle so verständnisvoll und so empathisch und nein, Sie können ja nichts für Ihre Krankheit und wir wollen Ihnen ja nur helfen, aber eigentlich hat keiner eine Ahnung wie es einem geht mit dem Scheiß und dass sich jeder Druck von außen in mir drin zu einem unerfüllbaren Druck potentiert, so dass ich trotz allem Positiven einfach nur schreiend in mein Schneckenhaus zurück will.

Wie soll ich das denn hinbekommen? Menschen in meine Wohnung lassen, die heilloses Chaos anrichten und meine Sachen anfassen und mich nötigen werden, mein Zeug zu sortieren und auszumisten und wer räumt das alles hin und her und wieder ein, wenn ich es doch nicht kann und niemandem vertraue? Überhaupt vorher beantragen, dass mir das jemand bezahlt, ohne dass ich dafür was mache? Das hab ich nicht verdient! So bedürftig bin ich nicht! Das geht nicht!
Dann das Rausgehen. Gruppenangebote. Fremde Menschen treffen, mich zeigen, Bewertungen aushalten, Vertrauen entgegen bringen ohne Garantie, Grenzen setzen, Menschen aushalten… Das ist alles zu nah, zu viel, viel zu viel Angst. Ich kann das nicht. Ich sehne mich nach Kontakt, aber ich kann das nicht.
Und die Ärztegeschichte können sie eh vergessen. Dass ich da zugestimmt hab, lag nur daran, dass ich es nicht ablehnen konnte.
Das einzige, worauf ich mich freuen würde, ist der Hof mit den Therapiepferden und den anderen Viechern außerhalb von Hamburg, aber ich hab keine Ahnung, ob ich da überhaupt hin darf. Ich weiß allerdings auch nicht, welche Voraussetzungen man*frau da erfüllen muss, aber ich geh natürlich wie immer davon aus, dass ich sie nicht erfülle.

Jede Außenstehende würde dieses Angebot vermutlich mit offenen Armen gutheißen. Jede wird sagen, dass es sooo toll ist, dass ich da Hilfe bekommen kann, dass ich das annehmen soll und dass ich doch blöd wäre, wenn ich es nicht mache.
Und ich denke, was bin ich doch blöd, dass ich solche Angst davor habe. Dass ich das Gefühl habe, wenn ich 3mal in der Woche da was mache, dass ich dann gar keine Zeit mehr für mich habe. Dass mir das alles viel zu viel ist. Dass da nun endlich sein kann, was ich mir wünsche und ich es gleichzeitig trotzdem nicht will.

Morgen wird der Anruf kommen von der Leiterin von OdW, dass wir uns dann ja mal diese Woche zusammen setzen und das ganze besprechen können. Einen Plan machen. Eine Bezugsbetreuerin aussuchen, Termine machen.
Ich hab Bauchschmerzen, ich weine, ich lenke mich ab, um nicht darüber nachzudenken. Ich hab Angst. Ich kann das nicht. Ich bin nicht mutig.


Ausnahmsweise ist die Kommentarfunktion für diesen Beitrag abgestellt. Ich bin fast immer dankbar für Aufmunterung, Mut machende Sätze, solidarische Grüße oder eigene Erfahrungen – diesmal wäre es nicht hilfreich, solange ich nicht selbst dran glaube. Ich würde mich bedanken und es nicht ehrlich meinen, das will ich nicht.


Dialog im Inneren

Ohne dass es mir wirklich bewußt wäre, führe ich den Tag über oft Gespräche mit einem imaginären Gegenüber. Nur in Gedanken, nicht laut, obwohl ich das ja könnte, schließlich lebe ich alleine und es ist keiner da, der mir zuhören könnte außer Igor, und die imaginären Personen, nun, die reden ja auch nur imaginär.

Jedenfalls rede ich eigentlich den ganzen wachen Tag. Allerdings, das ist mir vor kurzem mal wieder bewußt geworden, sind es sehr oft Streitgespräche, in denen ich mich gegen andere (echte oder imaginäre) Meinungen verteidige. Und das ist der eigentliche erwähnenswerte Punkt, der mich zu der Frage bringt:

Bin ich wirklich so zutiefst unsicher, dass ich mich permanent angegriffen fühle? Und vor allem: warum? Denn eigentlich bin ich doch überzeugt – nein, nicht von mir als Person, aber doch von meinen Ansichten, meiner Sichtweise und meiner Meinung.

Ich glaube daran (wenn Igor nicht zuhört und dazwischenfunkt), dass, wenn ich etwas tue, ich es durchdacht und richtig mache. Dass ich ein gutes Gefühl für optische und akustische Schönheit habe. Ich glaube, dass mein Gespür für andere Menschen und deren Gefühle stark und richtig ist. Ich glaube daran, dass meine politischen Überzeugungen richtig sind. Dass ich die richtige Seite vertrete, wenn ich für Toleranz, Gleichberechtigung, Achtsamkeit und Miteinander eintrete. Ich bin überzeugt, dass meine Bemühungen, Depression und andere psychische Krankheiten in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen, sinnvoll und gut sind.

Und eigentlich bekomme ich zu all diesen Themen nichts oder nur selten Gegenteiliges zu hören. Das, was ich mir da in diesen imaginären Gesprächen ausmale, findet so gut wie nie statt. (Wenn doch, dann schmeißt es mich allerdings völlig aus der Bahn. Aber das ist ein anderes Thema.)

Sind es dann also meine inneren Kritiker*innen, mit denen ich da rede? Soll es mir womöglich helfen, Sicherheit zu finden? Oder liegt es doch daran, dass ich immer das Schlimmste erwarte?

(Amtliche Briefumschläge im Postkasten lassen meinen Herzschlag aussetzen, owohl es in mindestens der Hälfte der Fälle irgendeine Scheißwerbung ist. Aber ich erwarte immer böse Nachrichten á la „Hier ist eine Rechnung in Höhe von unbezahlbar offen“ oder „Sie haben das und das falsch gemacht, begeben Sie sich sofort ins Gefängnis und gehen Sie nicht über Los“. Oder aktuell „Wir haben festgestellt, dass Sie simulieren, Sie bekommen kein Geld mehr und müssen sofort in Ihren alten Job zurück“.
Oder: von den lieben Bekannten, denen ich grade bei einem Projekt helfe, kommt eine Mail und ich denke sofort, dass ich was falsch gemacht habe und sie jetzt total sauer sind und nie wieder auch nur irgendein Wort mit mir sprechen werden. Das trifft natürlich nicht zu, weil ich nichts falsch gemacht hab und C.&N. wirklich unglaublich liebe Menschen sind und ich alles richtig gemacht habe, aber ich erwarte es.

Oder: mein Telefon klingelt, das kann nichts Gutes bedeuten.
Nur drei aktuelle Beispiele, wie das aussieht.)

Das sind die Auswirkungen, wenn Eltern mit ihrem Kind nicht über das sprechen, was es gut gemacht, sondern nur für das bestrafen, was es in ihren Augen falsch gemacht hat. Das sind die Auswirkungen, wenn ein Kind mit einem jähzornigen, gewalttätigen Vater aufwächst, bei dem es einfach immer auf das Schlimmste gefasst sein muss. Dass einem das das Leben zur ständigen Belastungsprobe macht, hat damals keinen interessiert.
(Dass das ein Leben lang nachwirkt, hätte ja auch keiner ahnen können… Aber das ist ein neues Streitgespräch.)

Ich habe noch keine wirkliche Antwort auf die Frage, wie ich diese Unsicherheit und Angst endlich los werde, aber vielleicht ist es ein erster Schritt, dass ich mir dessen bewußt werde, wenn ich mal wieder mit mir selbst rede.

Positives sehen

Oft ist die Tatsache, dass ich nach längerem Schweigen wieder Worte finde und sie auch aufschreiben kann, ein Hinweis darauf, dass ich auf dem Weg aus dem Loch heraus bin. Wenn ich also Glück habe, war das gestern der Tiefpunkt. Falls doch noch nicht, sitze ich wenigstens frisch geduscht da unten.

Abwärts

Psychisch anstrengende Wochen liegen hinter mir. Ich habe äußerst unangenehme finanzielle Dinge erwachsen geregelt. Mich neuen Situationen und Menschen gestellt. Ausgehalten, dass mich etwas sehr wütend und etwas anderes sehr traurig gemacht hat. Von mir aus eine Verabredung getroffen und sie eingehalten. Bin jeden Tag aufgestanden und habe Dinge gemacht, bis ich wieder ins Bett gehen konnte.

Wie so ein erwachsener Mensch, der ein Leben hat.

Und jetzt ist die kaputte Batterie wieder leer. Seit ein paar Tagen schau ich mir selbst wiedermal zu, wie ich abrutsche. Langsam und stetig ins dunkle Loch verschwinde. Möchte nicht aufstehen, wozu auch. Der mit Hoffnung und Mut geschriebene Wochenplan: Blödsinn. (Wie konnte ich glauben, dass ich sowas alleine durchziehen könnte?) Kommunikation ist so anstrengend. Farben suchen im Schwarz oder Weiß sinnlos. Habe Hunger, aber mir ist so schlecht vom Essen. Meine Haare tun weh. Alles tut weh. Ich möchte weinen und kann nicht, bin innerlich trocken wie Schleifpapier. In anderen Momenten möchte ich schreien und toben und wütend sein, aber es ist zu anstrengend.

Ich lerne, es zu akzeptieren.


P.S., hauptsächlich für Familienmitglieder:
Das ist eine Momentaufnahme. Es geht auch wieder vorbei.
Seit Jahren kenne ich es schon, dass ich nach solchen anstrengenden Zeiten innerlich völlig leer bin und dann zulasse, dass Igor sich diesen Raum nimmt. Natürlich ist das nicht schön. Aber ich kann ruhig bleiben dabei und zusehen, weil ich inzwischen weiß, dass es vorbei geht. Ich mag diesen Zustand nicht, aber ich kann ihn nicht ändern. Ja, ich habe genug Skills zur Verfügung, ich weiß, was ich tun könnte, ich brauche keine neuen Ideen. Nein, es hilft wirklich nichts. Ich geh da durch, ich halte aus, ich atme weiter, bis ich unten bin, denn unten zu sein heißt auch, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Erst dann kann ich den Weg nach oben suchen. Erst dann kann ich wieder Wörter schreiben und achtsam sein und mich akzeptieren und wieder Farben suchen im Schwarzweiß.

Ich ahne, dass Außenstehende das befremdlich finden oder sich Sorgen machen. Aber ich brauche und will diese Sorgen nicht, grade in diesem Zustand nicht. Genau dann kann ich damit nämlich erst recht nicht umgehen, weil ich wirklich genug damit zu tun habe, einfach nur zu atmen.
Wer etwas tun will, setzt sich (in Gedanken und / oder Worten) still neben mich und redet über banale Dinge oder schweigt und strickt dabei Socken. Sonst nichts. (Danke, D.! <3)

Es geht wieder vorbei.

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