Und draußen wartet das Leben

Ich bin schon wieder so müde, so unfassbar müde und energielos. Die Tage sind zerbrechliche Konstrukte: funktionsfähig bis gut, wenn alles nach Plan läuft, aber sofort aus den Fugen, sobald etwas außerplanmäßiges von außen kommt. Eine Sache kann ich dann meistens doch irgendwie händeln, wenn ich den Panikmoment hinter mir habe – sobald es zwei oder mehr Dinge sind, um die ich mich kümmern muss, möchte ich mich nur noch verkriechen.

Das Blöde am Alleinsein ist, dass ich auch alles alleine machen musst, ob ich es kann oder nicht. Und dieses blöde Leben nimmt darauf keine Rücksicht. Es klopft einfach an die Haustür meines Ichs, verlangt Aufmerksamkeit, geht nicht von alleine wieder weg. Es wartet draußen, ich kann es sehen durch die Ritzen in den Brettern, mit denen ich das Fenster zugenagelt habe, damit mich drinnen keiner sieht.

Aber mit dieser eingeschränkten Sicht sehe ich eben auch nicht das ganze Draußen. Ich weiß nicht, ob das Problem bärengroß ist oder doch nur käferklein. Ich weiß nicht, ob noch was hinterher kommt oder ob das eine schon alles ist. Ich weiß auch nicht, ob es da draußen nicht doch irgendwo Hilfe für mich gibt.
Weil ich seit frühester Kindheit gelernt habe, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, reagiere ich entsprechend. Vor lauter Angst ist alles übergroß und mächtig und ich bin nur ein kleines Kind, das sich nicht wehren kann und auch gar nicht wüßte, wie.

Und während das Leben schon ganz behutsam die Haustür zu meinem Ich aufmacht und mich einlädt, mit ihm zusammen das Draußen anzuschauen, bin ich nur damit beschäftigt, die ollen Bretter vor den Fenstern abzureißen und wieder dran zu nageln und abzureißen und dran zu nageln und kann gar nicht sehen, was da draußen eigentlich wartet.

Der Plan für morgen sieht nach der heutigen Therapiestunde also vor, dass ich mein ängstliches kleines Kind an die Hand nehme, mit ihr zusammen zu der Stelle fahre, an der das aktuelle Problem angegangen werden muss und ihr (und mir) damit zeige, wie wir etwas auf erwachsene Art lösen können. Damit sie es lernt und ich vielleicht irgendwann meine Panik und meine negativen Erwartungen ablegen kann.

Gute gedankliche Begleitung nehm ich gerne an…

In Bewegung | Wochenrückblick

Die erste Woche mit den neuen Gewohnheiten ist vorbei, mehr oder weniger erfolgreich.

Definitiv gut ist das regelmäßige Aufstehen zur ziemlich gleichen Uhrzeit und das Meditieren direkt danach. Im Moment nutze ich die Handy-App „7 Minds“ und lasse mich durch den ersten Einführungskurs führen. Das ist gut, weil es Struktur gibt und weil ich jemanden brauche, der mir erzählt, was ich machen soll. Es sind kurze Übungen, jede ca. 10 Minuten, die einfach erstmal aufs Atmen und Spüren fokussieren sollen. Mir hilft das, von den morgens oft sehr unruhigen Träumen in mein waches Ich zu kommen und gelassener in den Tag zu starten.

Die Gelassenheit brauche ich vor allem an den Tagen, an denen es anschließend auf den Ergometer geht. Ich hasse dieses Ding so unsagbar. Es führt an meine Grenzen, es zeigt mir so deutlich, wie wenig ich Kämpferin bin, es malträtiert mich. Ich sitze auf dem Rad und starre auf die Kilometer- und die Zeitanzeige und fluche. Und Igor fletscht die Zähne und knurrt zurück. Es ist nur Druck, Zwang, Kampf – bis ich mein Ziel erreicht habe und sich ganz manchmal ein ganz klitzekleines Gefühl von Macht, von Stolz, von Gewinn zeigt.
In Malente hab ich in der Gruppe die 10 km geschafft und mich gut gefühlt dabei. Da will ich wieder hin. Heute waren es immerhin schon wieder 5 km.

Das ist der Tagesanfang – alles danach läuft noch nicht, wie ich es mir so schön vorgestellt hatte. Ich verschiebe die geplante Arbeit noch viel zu sehr hin und her, lasse andere Dinge dazwischen kommen (auch wenn sie, so wie der Brief und die Blumenorganisation zu K.s Beerdigung, wichtig sind) oder bin so müde, dass ich lieber schlafe als zu arbeiten. Den Donnerstag als Therapietag frei zu halten ist auf jeden Fall wichtig und gut, wenn es sich dann aber über den Freitag hinzieht, werd ich unzufrieden und grantig und mach dann aber erst recht nichts. Daran muss ich arbeiten, wenn ich wieder wenigstens ein kleines Stück zurück in ein Berufsleben will.

Nein, Kämpferin bin ich nicht. Auch Geduld, Beharrlichkeit und Ausdauer waren eigentlich nie so meins nur dann vorhanden, wenn mich etwas wirklich interessiert hat. Ab hier wird es wieder kompliziert: klar will ich das schaffen mit dem Wochenplan, dem Rythmus, den Aufgaben. Aber will ich es genug, um über die Hürden weg zu kommen, die dazwischen liegen? Was mache ich in den Flauten, wenn es nicht läuft, wenn ich den Willen verliere? Ich kenne mich, ich weiß, dass diese Phasen kommen. Wie kann ich mich ohne Kampfgeist motivieren?

Meine Therapeutin sagt: das ist schön, da kommt etwas in Bewegung. Und mein erster Reflex ist – obwohl ich es mir selbst ausgesucht habe! – mich unter der Decke verstecken zu wollen. Wie kann das sein?

Warum kann ich das Gute nicht zulassen?

Neustart

Ab heute starte ich eine neue Challenge: Regelmäßigkeit in meinen Alltag bringen.

Ich werde versuchen – nein: ich werde! an Wochentagen feste Aufgaben zu festen Zeiten erledigen. Ins Bett gehen, aufstehen, essen, arbeiten, den Ergometer malträtieren… sowas eben. Es entspricht überhaupt nicht meinem Naturell und ich werde mich zeitweise vermutlich abgrundtief dafür hassen, dass ich mir sowas vorgenommen habe – aber ich weiß aus allen Klinikzeiten, dass es gut tut.

Es gibt also einen Wochenplan (mit der „Arbeit“, den zu schreiben, lassen sich andere Aufgaben übrigens hervorragend prokrastinieren und es entsteht ein wohlig-warmes Gefühl von „ich hab was getan!“), der auf meine Bedürfnisse und Möglichkeiten abgestimmt ist, der aber auch Herausforderungen beinhaltet.
Morgenkaffee und Morgenmeditation sollen festes Ritual werden, um ruhig und positiv gestimmt den Tag zu beginnen. Sport ist fest eingeplant, aber es wird kein Rad-Marathon von 0 auf 100, sondern ein sanfter Wiedereinstieg. Der Donnerstag als Therapietag bleibt – abgesehen vom Morgenritual – mein freier Tag, weil ich nie weiß, wie es mir danach geht.
Feste Arbeitszeiten sollen mir helfen, Konzentration und Ausdauer wieder zu lernen. Die Arbeit soll bewirken, dass ich mein Selbstwertgefühl wieder rauskrame und neu aufbaue und dass ich nicht aus der Übung komme.

In der Gemeinschaft in Malente war es nach einer kurzen Eingewöhnungszeit relativ leicht, mich an den festen Plan zu halten – ob ich das auch alleine schaffe?

Memento mori

Bedenke, dass wir sterblich sind. Wenn du zu lange brauchst, um eine Entscheidung zu treffen, kann es sein, dass das Leben dir die Entscheidung abnimmt.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie von meinen Pateneltern P. & K. erzählt, die in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich habe sie geliebt, geachtet und gefürchtet. Sie waren streng wie meine eigenen Eltern – so streng, wie Eltern eben waren in den 1960ern – aber bei ihnen war trotzdem immer auch die Liebe zu spüren, zu ihren eigenen wie zu ihren vielen Patenkindern. Das, was ich bei meinen Eltern vermisst habe, fand ich bei ihnen, wenn ich in den Ferien zu Besuch war. Obwohl ich auch dort immer nur ein Kind unter vielen war, wurde ich gesehen und gehört.

Wenn ich an die beiden denke, kommen so viele Erinnerungen hervor. Der Geruch nach altem Haus und noch älterem, kaltem, muffigem Keller, wo die Gläser mit den eingemachten Köstlichkeiten aus dem Garten standen.
Die Holztreppe mit dem schönen Geländer, die so laut geknarzt hat, dass man sich nie unentdeckt aus dem Haus schleichen konnte.
Die Oma und die „Tante“, die auch im Haus wohnten und fast ihre ganze Lebenszeit in der Küche verbrachten, wo sie Sachen kochten und buken, von denen ich zuhause nichtmal träumen konnte. (Pfitzauf! Milchreis mit Äpfeln und Zimt als Mittagessen! Nudeln, Klöße, Fleisch mit Soße, typisch schwäbisch – selbst die Kartoffeln schmeckten.)
Himbeeren, Erdbeeren, Johannisbeeren direkt vom Strauch in den Mund. Es gibt kaum etwas köstlicheres.
Mit der ganzen großen Familie ins „Gütle“ fahren und die Obstbäume abernten. Als vollwertiges Mitglied angesehen werden und Achtung erfahren.
Meine ersten Zöpfe, die K. mir geflochten und damit auch für zuhause den verhassten Pferdeschwanz abgschafft hat.
Musik, die von überall klingt und mit Freude und Lachen verbunden ist und nicht – wie zuhause – mit Pflicht und Zwang und Ohrfeigen.
P., wenn er das Klavier stimmt und zufrieden lacht, wenn es passt.
K., die mich ganz fest in ihrem Arm hält und tröstet, wenn ich mich alleine fühle.
Und: endlich mal nicht mit den Schwestern teilen müssen. Für die beiden Söhne die große Schwester sein dürfen.

Aber auch P., der fast immer laut und grob ist, ob er lacht oder schimpft, und mir damit Angst macht. Der mir so glaubhaft erzählt, dass die Fische im Naturschwimmbad meine Zehen anknabbern, dass ich heute noch Angst habe, im See oder im Meer zu schwimmen. Bei dem dank seiner religiösen Überzeugung nicht sein kann, was nicht sein darf. Der gesehen hat, was mein Vater tat und (auch) nicht eingeschritten ist. Der ihn noch dann verteidigt und entschuldigt, als er schon wußte, was das mit uns Schwestern gemacht hat. Der nicht ernst nehmen kann, was „nur“ auf der Seele sichtbar ist. Und K., die dazu schweigt.

Als ich 2013 in der Caduceusklinik anfing, mich mit den Taten meines Vaters auseinander zu setzen, landete ich auch bei P. & K. als Teil der Vergangenheit. Irgendwann wurde mir klar, dass ich, wenn ich diese Zeit hinter mir lassen will, auch Kontakte von damals abbrechen muss, weil sie sonst immer wieder alles von neuem hervor holen.
Ich habe einmal versucht, mit P. zu reden über all das, aber nur Unverständnis oder Bibelsprüche zu hören bekommen. Das brauchte ich nicht nochmal. Die jährlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstag hat dann der Anrufbeantworter aufgenommen; ich konnte nicht mehr mit ihnen sprechen. Dennoch gibt es einen Platz in meinem Herzen, ganz tief innen, an dem sie fest verwurzelt sind.

Letzten Donnerstag habe ich in der Therapie über die beiden gesprochen und darüber, dass ich all die Jahre immer vor hatte, ihnen einen Brief zu schreiben und das alles zu erklären. Letzen Donnerstag ist K. gestorben.

Wenn du zu lange brauchst, um etwas in die Tat umzusetzen, trifft das Leben manchmal selbst eine Entscheidung.

Alptraumnacht

Dass mir das so nachgehen würde, dass ich gleich zweimal in der Nacht aus Alpträumen aufwache, hätte ich nicht erwartet, als ich gestern „mal eben schnell“ ein paar Sätze aus meiner Kindheit bei Twitter schrieb.

#SagNieEinemKind „Sei doch nicht immer so bockig“, wenn es doch nur versucht, sich gegen die Schläge und die Übergriffe des Erzeugers zu schützen.

#SagNieEinemKind „Willst du jetzt wieder lieb sein?“, nachdem du es 2 Stunden in seinem Zimmer alleine hast weinen lassen, weil es vergeblich versucht hat, gehört zu werden und darum laut wurde.

#SagNieEinemKind „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ und stell ihr*m abends das kalte Essen wieder hin, was am Mittag schon furchtbar schmeckte (und stopf dich dann selbst voll mit Süßkram).

#SagNieEinemKind „Stell dich nicht so an“, wenn es doch nur vorsichtig um Hilfe bittet, weil es alleine mit etwas nicht klar kommt.

#SagNieEinemKind „Ich hab dich nicht mehr lieb“, weil es aus Versehen beim Spielen etwas kaputt gemacht hat.

#SagNieEinemKind „Nimm dir ein Beispiel an deinen Geschwistern“, nur weil die älter sind und schon können, was das Kleine noch nicht kann.

#SagNieEinemKind „Das schaffst du nie, du bist einfach zu dumm dafür“, nur weil es für eine Sache kein Talent oder kein Interesse hat.

#SagNieEinemKind „Mach du mir nicht auch noch Probleme“, nur weil es die ganze Scheisse in der Familie nicht mehr erträgt und darum *auffällig* wird.

#SagNieEinemKind „Du studierst xy, darüber wird nicht diskutiert“, nur weil du es nicht durftest und dein Kind jetzt stellvertretend deine Träume leben muss.

Aber da kamen sie dann angeschlichen in die Nacht, die Gestalten, die mich gegen meinen Willen fest hielten, die Feuer legten, mich aus dem Fenster warfen und mein Zuhause zerstörten.
Die Angst lag den ganzen Tag noch wie ein Tuch auf meiner Schulter.

So lange können solche Sätze nachhallen, trotz Therapie und aller Arbeit an mir selbst. Und auch wenn ich sie heute nicht mehr glaube (oder zumindest meistens glaube, dass ich das nicht mehr tu), schmeißen sie mich so geballt auf einem Haufen doch mal eben in die Ecke. Dabei sind es noch lange nicht alle Sätze…

Aber es gab kurz vor dem Schlaf auch eine plötzliche Erkenntnis zu einem Thema, das mich schon lange schwer beschäftigt, die mich hoffentlich weiter bringt. Dazu ein anderes Mal mehr.

Von alten und neuen Mustern

Ich denke, dass fast alles, was wir als Erwachsene (unbewußt) tun, auf Mustern beruht, die wir als Kinder in unserem Lebensumfeld gelernt haben. Ob wir sie Muster nennen oder Glaubenssätze oder ganz anders, ist nicht wichtig dabei.
Es sind die Erkenntnisse, die wir aus negativen und positiven Erlebnissen ziehen: „wenn das oder das passiert, verhalte ich mich am besten so und so“ oder umgedreht: „damit das oder das nicht passieren kann, verhalte ich mich so und so“. Selbst wenn wir uns damit schaden, ist es einfacher, an den Mustern fest zu halten: weil sie vertraut sind, weil wir wissen, was passiert. Weil alles Neue oft erstmal auch Angst macht.
Um die Muster ändern, neu malen zu können – oder um uns dafür zu entscheiden, sie beizubehalten, weil sie richtig sind – müssen wir sie erkennen und von allen Seiten begucken. Wie sind sie entstanden, wie haben sie sich verfestigt, an was hindern sie mich bis heute? Aber auch – und das fällt mir besonders schwer – wo haben sie mir eventuell Schutz gegeben bis jetzt?

Von meiner Mutter z.B. habe ich gelernt, nicht zu sehr zu lieben, denn der*die andere geht ja doch wieder. Das habe ich unbewußt aufgesogen und in meinen eigenen Beziehungen zu meinem eigenen festen Muster verwebt. Es hindert mich zwar bis heute daran, mich auf Menschen wirklich einzulassen oder ihnen zu vertrauen, aber es schützt mich natürlich auch vor Enttäuschung.

Die Frage ist: brauche ich das Muster heute noch? Gibt es die „Bedrohung“ noch oder ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung?
Wenn ich mich gar nicht erst auf andere Menschen einlasse oder sie aufgrund meiner Muster von mir wegstoße (wie ich das leider immer wieder mache), werde ich nie erfahren, ob sie nicht vielleicht doch von sich aus geblieben wären.
Wenn ich angstmachende Situationen immer vermeide, werde ich nie wissen, ob die Angst begründet war oder ob ich nicht doch in der Lage bin, sie zu überwinden.

Einige andere meiner Glaubenssätze gehören zusammen: „Stell dich nicht in den Mittelpunkt!“ – „Du bist selbst Schuld, wenn du nichts bekommst / etwas nicht geklappt hat“ – „Mach du nicht auch noch Probleme!“ – „Kinder mit ’nem Willen kriegen was auf die Brillen!“
Was aus ihnen folgt, ist ein neuer Glaubenssatz: „Ich bin nicht wichtig, ich stehe für niemanden an erster Stelle, ich bin immer nur 2te, 3te, 4te… Wahl.“ und die Überzeugung, dass ich es nicht wert bin und nicht verdient habe, geliebt zu werden.

Diese alten Muster sind so verdammt überzeugend und sie kämpfen so hartnäckig in mir ums Überleben, dass es wahnsinnig viel Kraft kostet, sie aus mir zu entfernen. Ich wünschte, sie würden sich einfach mit regelmäßiger Meditation oder ein paar Stunden Ergotherapie übermalen lassen. Ich wünschte so sehr, ich könnte sie einfach ausknipsen und die neuen Gedanken annehmen, von denen ich weiß, dass sie richtig und besser sind für mich. Aber so ungeübt wie ich im Malen bin, so ungeübt bin ich auch immer noch darin, mich zu akzeptieren und wohlwollend anzunehmen in all meiner Unzulänglichkeit. Die neuen Muster sind immer noch nur im Kopf und finden schwer den Weg nach draußen in mein Leben.

Vielleicht hilft (mir) das Schreiben darüber.

Ambivalenz oder Das ewige Hin und Her der Gefühle

Schwarz-weiß oder Farbe? Drauf los gehen oder flüchten? Risiko oder Sicherheit? Höhle oder Bühne? Das Dilemma meines Lebens: ich kann mich nicht entscheiden, was ich will, was besser für mich ist, womit ich mich wohler fühle.

Bei manchen Dingen im normalen Alltag ist das kein Problem. Ich kann bei der h-moll Messe von Bach genauso weinen wie bei Dark Side of the Moon. Ich mag Schokolade genauso gern wie Tomatensoße mit viel Knoblauch zu den Spaghetti. Ich bin eine Nachteule und genieße die Sonnentage. Ich liebe die Hitze in Portugal und möchte wahnsinnig gerne mal nach Alaska.

Bei all dem muss ich mich jedoch nicht zwingend für eins entscheiden: beides ist jeweils möglich, das macht es relativ einfach. Schwierig wird es, wenn sich die Bedürfnisse widersprechen. Denn auch das trifft zu:

Ich bin eine menscheneue Einsiedlerin mit Sehnsucht nach Gesellschaft. Ich suche Anerkennung von anderen und bleibe doch lieber im dunklen Hintergrund. Ich möchte gesehen werden und schäme mich für alles, was ich bin. Ich habe Angst vor der Liebe und wünsche mir nichts mehr als einen Partner an meiner Seite. Ich will mich nicht lösen von den alten Mustern aus der Kindheit und verabscheue sie gleichzeitig zutiefst, weil sie mich hindern, die Vergangenheit los zu lassen.

Manchmal zerreißt es mich fast zwischen diesen Gegensätzen. Denn da gibt es kein „Beides“, kein Hin und Her und kein „heute so und morgen anders“. Es gibt nur ein Entweder – Oder. Reden oder schweigen, einsam oder mit anderen, hell oder dunkel. Aber weil ich mich nicht entscheiden kann, stehe ich in der grauen Mitte. Bin einsam und sehne mich, rede nicht, lache nicht, fühle nicht mehr.

Wie kann ich lernen, mit dieser Ambivalenz meiner Gefühle umzugehen? Wie kann ich lernen, mich zu entscheiden? Muss ich das überhaupt? Wird es wirklich leichter, wenn ich eine Wahl treffe?

C. G. Jung bezeichnete die „…Fähigkeit, das Widersprüchliche der eigenen Persönlichkeit zu erkennen, anzunehmen und zu bejahen als wesentliches Ziel des menschlichen Reifungsprozesses.“ *)

Ich fürchte, davon bin ich noch Meilen entfernt. Wie geht es Euch damit?


*) Quelle: BR, Sendereihe zum Thema Ambivalenz mit vielen guten, kurzen Artikeln

Eigenlob tut gut

Mein Rücken tut sauweh, die Sehnenscheidenentzündung im Fuß zeigt vehement, dass sie immer da ist, der Tinnitus piept im Kopf wie blöd. Körperlich geht’s mir heute richtig mies, zudem bin ich mental ausgelaugt und hundemüde – und doch hab ich vorhin meine Stimmung auf der App mit „gut“ = 2 von 5 angegeben.

Weil ich heute morgen mit Volldampf und ohne nachzudenken gegen meine Angst und drüber raus gerannt bin. Weil ich die Heulkrämpfe und Panikattacken der letzten Wochen für einen Moment ignoriert und den einen Anruf erledigt hab.

Und weil ich Igor danach verboten habe, Sätze zu sagen wie: „siehste, geht ja doch, wenn du nur willst“, „und, jetzt geht’s dir besser, oder? Hab ich dir doch gleich gesagt!“ und „aber vorher so’n Dings draus machen, typisch du“, die mir alles nur wieder klein gemacht hätten.

Statt dessen war ich erleichtert. Nichts sonst. Nicht stolz, nicht mutig, nicht überzeugt, sondern einfach nur erleichtert. Und manchmal reicht das auch. Dafür gibt es heute ein Lob, von mir für mich. Und ein „GUT“ in der Stimmungs-App.

Gegen das Vergessen: Malenter Glücksmomente

Vom 26.04. bis 05.07.2018 war ich in der Curtius-Klinik in Malente. Schon soo lange her…. Es ist allerhöchste Zeit, die wichtigen Dinge aus den 10 Wochen hierher zu tragen, damit sie nicht vergessen werden können.
Plätze, Orte, Ausflüge, Begegnungen, Erlebnisse, Bilder im Kopf: das sind die Glücksmomente, die ich gesammelt habe und die mich in schwierigen Zeiten daran erinnern sollen, dass es auch anders geht. Und jetzt grade brauche ich diese Erinnerung sehr dringend, sonst ändert sich nie etwas.

(Für eine Großansicht einfach auf das Foto klicken.)

Der See

Für mein Wohlbefinden brauche ich Wasser in irgendeiner bewegten Form. Dass ich von der Klinik aus in drei Schritten am Kellersee bin, der jeden Tag anders aussieht und so viele herrliche Plätze und Blicke bietet, ist einfach großartig.
Der schönste und ruhigste Platz in der Klinik ist aber die Bank am See: definitiv einer meiner Lieblingsorte hier.

Der Ort

Allein, zu zweit oder mit Besuch: das beste Café in Malente ist am „Gleis III“. Guter Kaffee, leckerer selbstgebackener Kuchen und lauschige Plätze unter der Pergola.
Das beste Eis schmeckt allerdings nur mit Lieblingsmenschen.
Der andere See (der Dieksee) ist nicht ganz so schön, aber dafür gibt es eine kleine Meerjungfrau und eine Promenade.

Die Klinik

Mein Einzelzimmer, erobert nach langem Bangen und einigen Panikanfällen. Meins!
Es ist mein überlebenswichtiger Rückzugsort, der Platz für meine Zuhause-fühl-Sachen und vor allem Ruhe für mich bietet. Ich kann das Fenster rund um die Uhr offen lassen, hab das Bad für mich alleine, muss keine Unordnung von anderen ertragen und außer mir schnarcht niemand.
Hätte ich es nicht bekommen, ich wäre nach eineinhalb Wochen abgereist.

Es gibt einen Musikraum, frei zugänglich in den therapiefreien Zeiten. Dazu Noten: einen Band mit kleinen Stücken von Barock bis modern, einiges davon kenne ich gut. Die Finger sind zwar eingerostet, finden aber trotzdem ihren Weg auf den Tasten wie von allein.

Freizeit-Beschäftigung zwischen Therapien und Anwendungen: miteinander Spiele spielen, albern sein, stricken, reden über alles und nichts, lachen, schweigen, Tee trinken, erzählen, Geburtstag feiern…
Es tut so verdammt gut, unter Gleichgesinnten zu sein.

(Fast) jeden Mittwochabend Singen mit Lene: das Highlight der Woche. So viel Spaß und Lachen, so viel Herzwärme! Das hat einfach gut getan. Und es war richtig schön, sie nochmal mit ihren Begleitern zur Sommermusik am Dieksee zu sehen, zu hören und so herzlich von ihr begrüßt zu werden.

Besuch

Besuch von zuhause! Wenn die Tochter kommt und den Enkel mitbringt, dann muss über 5 Seen mit dem Schiff gefahren und der Wildpark in Malente erobert werden. Gespräche, Umarmungen, Lachen und noch mehr Umarmungen laden die Batterien bis zum Rand auf und zaubern für Tage Lächeln ins Gesicht.

Danke für euch Beide! Ihr seid mein Herz, mein Grund zum Leben.

Ausflüge

Auch wegen der traumhaft schönen Lage habe ich diese Klinik ausgesucht – und mein eigenes Fahrrad mitgebracht. Und was für ein Glück ich hatte, den weltbesten Vorausfahrer zu treffen! Ich wäre sonst sicher nicht zweimal um den Kellersee und einmal um den Dieksee geradelt.

Wo es uns sonst noch so hingeführt hat, wenn wir der Klinik entfliehen mussten: zum Bungsberg bei Schönwalde, nach Eutin zur Schlossumrundung (und zum Shoppen und Schlemmen), zur Bräutigamseiche im Dodauer Forst und überhaupt an so manchem Sommerabend einfach mit dem Auto ein Weilchen über die Landstraßen in der näheren Umgebung. Ob es Zufall war, der uns das ein oder andere Mal in diverse Cafés geführt hat…?

Die Highlights aber waren unsere freitäglichen Ausbrüche nach Sehlendorf an die Ostsee zum Baden und Schweinkram essen.
Was für ein Glück es war, mit so liebenswerten Menschen zusammen sein zu dürfen! Nichts erklären müssen, sich gesehen und verstanden fühlen, gemeinsam lachen und weinen im Wechsel, das tiefste Innere ohne Scham offen legen, ohne Bewertung einfach angenommen zu werden.

Meine Lieblingsmenschen: auf immer Dank dafür und für Euch. ♥


Schreiben oder Schweigen

Was steht dort in der Blogbeschreibung? Eine „Gedankensortierhilfe“ sollte das hier sein. Ein Frustabbaugerät und eine Erinnerungskrücke. Daraus wird aber nichts, wenn ich schweige, anstatt meine Gedanken hier aufzuschreiben.
Denn: wenn nicht hier, wo dann? Wenn ich irgendwo gehört werde, dann wenigstens hier.

Jeder Tag ist so gut wie der andere, um mit etwas zu beginnen. Es braucht nur einen Anfang – und dann ein Tun.

Also.

Tschö 2018

In den diversen Blogs, die ich so mehr oder weniger regelmäßig lese, wurden heute Fragen zum Jahresrückblick beantwortet. Das ist wohl schon ziemlich lange so üblich unter richtigen Blogger*innen. In einem der Blogs gab es einen Hinweis zu Fragen, die im Stern (den ich sonst seit ewig nicht mehr lese) zu finden sind. Ich mag die Fragen, also nehm ich die mal zum Anlass.

(Disclaimer: Die Fragen sind teilweise durch die bekannten Fragebögen von Max Frisch und Marcel Proust inspiriert.)

15 Fragen für einen persönlichen Jahresrückblick

1. Wofür bist du dankbar?

Immer noch und immer wieder die kleinen schönen Dinge im Alltag sehen zu können.
Für die Zeit in Malente und die Menschen, die ich dort gefunden habe.

2. Was war in diesem Jahr deine Lieblingsbeschäftigung?

Twittern, bloggen, netflixen. Webseiten bauen. Musik hören, lesen.
(Nie im Leben kann ich mich auf ein(e)! Lieblingsirgendwas beschränken.)

3. Was war dein größter Fehler?

Unangenehme Dinge zu lange vor mir her zu schieben.

4. Wann warst du glücklich?

Wenn wir freitags aus der Klinik ausgebrochen und an die Ostsee gefahren sind.

5. Warum hast du das nicht öfter gemacht?

Weil Malente irgendwann zuende war.

6. Was hat sich verändert?

Ich bin wieder in Therapie und arbeite weiter an dem, was mich noch immer hindert, bremst, verletzt.

7. Worauf bist du stolz?

Dass ich mich um mich gekümmert und in der Klinik in Malente angemeldet hab. Dass ich mir dort wieder erlaubt habe, Menschen zu vertrauen.
Dass ich (wieder) Lyrik schreibe und damit auch öffentlich werde. Auf meine neue Webseite dafür.

8. Wer waren in diesem Jahr die 3 wichtigsten Menschen für dich?

Meine Tochter, immer. Meine Therapeutin. Der Eine.

9. Wissen diese Menschen das?

Ja. Nein. Ja, aber er glaubt es nicht.

10. Mit wem hättest du gern mehr Zeit verbracht?

Mit den Lieblingsmenschen aus Malente.

11. Und mit wem weniger?

Mit blöden Ärzt*innen. Mit Igor, meinem schwarzen Hund.

12. Was hast du zum ersten Mal gemacht?

Mit dem Fahrrad 15km um einen See gefahren und mich auch noch gut gefühlt dabei.

13. Magst du dein Leben?

Nein, aber mit einem kleinen, hoffnungsvollen Jein.

14. Was sind die drei wichtigsten Dinge, die du in diesem Jahr gelernt hast?

Dass jemand mich mag. Dass ich viel zu geben habe. Dass ich ein Trauma nicht am eigenen Leib erfahren haben muss bzw. dass das, was ich erlebt habe, ausreicht, um traumatisiert zu sein.

15. Mit welchem Satz lässt sich dein Jahr zusammenfassen?

Aufgeben ist immer noch keine Lösung, aber könnte dieses Projekt „Leben“ vielleicht mal weniger mühsam sein?


Und damit: Tschö, 2018. Willkommen, 2019. Wir werden sehen, was das neue Jahr mit sich bringt.

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