Allein

Allein

In den letzten Tagen bin ich wieder sehr im Thema Depression, sicher auch dank des Entzugs. Ich lese Beiträge auf Twitter und in Blogs, schaue Videos, suche nach Infos.

Heute ein weiterer Film über Menschen mit Depressionen und deren Geschichte. Ich verstehe so vieles, kann es nachvollziehen, fühle mit. Im Hintergrund lauern, das war klar, die Tränen.

Eine junge Frau kämpft mit / gegen ihre Angst, wieder an den Arbeitsplatz zurück zu müssen. Sie probt den Weg dorthin, um die Panik in den Griff zu bekommen. Gibt kurz vor Erreichen des Ziels auf. Ihre Chefin hat es gesehen, kommt auf die Straße um ihr zu helfen, nimmt sie in den Arm.

Das ist der Moment, in dem meine Tränen überfließen.

Ich fühle mich so alleine, allein gelassen. Es gibt keine Hand, keine Schulter, keine Stütze – keinen Menschen in meinem Leben, der einfach da ist für mich. Der nicht helfen will, sondern trösten, zuhören, lachen, weinen, reden, schweigen. Da sein. Dem ich nicht zuviel bin mit meinem Schmerz, meinem Nicht Können, meinen Selbstzweifeln. Der mich mag, nicht „trotz“ und auch nicht „weil“, sondern nur „so“. Der nicht erwartet und nicht geben will um jeden Preis.

Wie schon mein Leben lang bin ich damit allein.

Prokrastinationslevel 97 3/4

Prokrastinationslevel 97 3/4

Ich schiebe.

Schiebe auf, schiebe weg, schiebe hinter etwas, schiebe vor.
Aufgaben, Dinge, Pläne, Pflichten, Gründe:
was auch immer mir in den Weg kommt, wird geschoben.

Als letztes bleibt, mich selbst zu schieben. Wenn ich doch nur wüßte, wohin.
Wenn ich doch nur nicht alles wegschieben würde, was mir helfen würde, das Ziel zu finden.

Großstadtsonntagmorgen

Großstadtsonntagmorgen

Großstadtsonntagmorgen, kurz nach sieben.
Kaum ein Mensch auf den Straßen, Stille hinter den Fenstern,
nur der Kettenraucher von gegenüber hustet sich um Kopf und Kragen.
Die in den Wolken verborgenen Flugzeuge nehmen meine Sehnsucht mit.

Entzug

Entzug

Fünf Jahre war ich „auf Droge“. Citalopram, eines der am häufigsten verschriebenen Anti-Depressiva. Am Anfang der Depression für kurze Zeit 40mg, dann 20 und in den letzten ca. 2 Jahen nur noch 10 mg am Tag.
Es lässt die Depression nicht verschwinden und es macht auch nicht glücklich, aber es hilft dabei, dass selbst in tiefdunklen Zeiten eine Brücke meistens nur wie eine Brücke aussieht und nicht wie etwas, was ein ungeliebtes Leben beenden könnte.
Irgendwann gewöhnt man sich dann dran. Gewöhnt den Körper, den Kopf daran. Denkt nicht viel darüber nach – besser nicht: wer weiß, was da für Gedanken kämen. Morgens eine halbe Tablette und fertig.

Als ich vor knapp zwei Monaten den letzten Blister der 100er Packung anbrach, überlegte ich einen Moment, ob das der letzte sein könnte. Ich schob den Gedanken wieder weg, es war ja nicht eilig. So weit weg, dass ich sogar dachte, es wäre noch ein Blister da, als der eine langsam zu Ende ging. Letzten Samstag dann die große „Überraschung“: das war’s. Noch eine Tablette für Samstag und Sonntag, fertig.

Da stand sie, die Entscheidung. Am Montag ein neues Rezept holen oder aufhören? Sie war schnell getroffen. Schluss damit, ich will endlich ohne Drogen sein. Ich will wissen, wer ich ohne Hilfsmittel bin. Hab ich genug gelernt in den letzten fünf Jahren, alleine zu stehen? Wieviel meiner erkämpften Stabilität gründet auf Chemie und wieviel auf mir selbst?

Auf in den Kampf.

Tag 1
Alles normal, die Restdosis in meinem Körper ist hoch genug, als dass ich einen Unterschied merken würde.

Tag 2
Dieses „Knistern“ im Kopf, das ich immer mal wieder gespürt hab in den letzten Jahren, nimmt zu. Es ist ein bißchen, als würden kleine Stromstöße durch irgendwelche Bahnen geschickt. Ein paar Minuten geht das so, alle 10 Sekunden ein Knistern, dann ist es wieder vorbei.

Tag 3
Anscheinend müssen die Synapsen in meinem Kopf neu verdrahtet und verlötet werden: das stromstoßartige Knistern wird immer mehr. Lauter, nerviger. Der Tinnitus wird ebenfalls lauter, dazu kommt Schwindel. Die körperlichen Reaktionen finden also alle im Kopf statt.
Die Tränen sitzen weit vorne und fließen schnell aus nichtigen Anlässen. Die Nacht brachte seltsame Träume, intensiv, beängstigend zum Teil.

Tag 4
Mir ist sehr schwindelig, das Zeug im Kopf nervt nervt nervt.

Tag 5
Siehe oben. Wenigstens waren die Träume nicht von der Angst-Sorte, wenn auch genauso intensiv und diesmal traurig – aber das kenn ich ja.
Ich hoffe, diese körperlichen Entzugserscheinungen sind bald vorbei. Aufgeben ist aber keine Option, ich will jetzt weg von den Scheiß Medikamenten.

Tag 6
Ganz langsam wird es weniger mit dem Schwindel und dem Knistern. Dass die Stimmung allgemein nicht die beste ist, liegt nicht am Entzug: das war auch vorher schon so. Auf jeden Fall fühlt es sich gut an, die Tabletten nicht mehr zu nehmen.


Update Tag 9
Besuch bei der (immer noch neuen, nicht vertrauten) Hausärztin, vom Absetzen der Tabs erzählt. Auch davon, dass ich mich emotional / psychisch gestresst fühle wegen diverser Dinge in meinem Leben. Ihre erstaunte Frage „Und dann setzen Sie das Anti-D. ab?“ fühlte sich wie ein Vorwurf an, war aber dann doch keiner. Wenn ich es so entschieden habe, dann ist es gut. Wenn ich doch nicht ohne Medis klar kommen sollte, kann ich jederzeit ein Rezept bekommen.
Zu den Nebenwirkungen – Knistern im Kopf – sagte sie: „Sie stehen im wahrsten Sinn unter Strom.“ Ja, ich muss dringend meine Entspannungstechniken aufmöbeln. Die Notfallkiste neu befüllen. Mich ernst nehmen. Für mich sorgen.