16-09-2021 Zurück aus der Pause

Den Staub weg­fe­gen, kräf­tig durch­lüf­ten, die Ent­würfe aus den letz­ten Wochen unge­se­hen löschen und ein­fach wie­der mit­ten hinein.


Genau einen Monat hab ich nicht geschrie­ben bzw. nichts ver­öf­fent­licht hier im Blog. Ich brauchte diese Pause, ich konnte die selbst gestellte Erwar­tung des täg­li­chen Schrei­bens nicht erfül­len. Irgend­wann hab ich es akzep­tiert und das Blog nur noch zum Aktua­li­sie­ren der Plugins geöff­net und das war dann auch in Ord­nung. Ich wußte, dass es von alleine wie­der kommt, wenn ich mir genug Zeit gebe.

Die ganze Geschichte mit dem uner­träg­li­chen Lärm und der Umzugs­ent­schei­dung (und ein paar ande­ren klei­nen Bau­stel­len im Pri­va­ten) hat mich voll­stän­dig in Beschlag genom­men, da war kein Platz für ande­res. Lei­der hat sie mich, was eben die­ses andere angeht, auch zurück gewor­fen auf mei­nem Weg, die Depres­sion in den Griff zu bekom­men. Alle Zwei­fel an mir selbst kamen wie­der zum Vor­schein, die Stimme im Kopf war so laut wie vor­her und dazwi­schen ein per­ma­nent kläf­fen­der Igor und eine Anspan­nung, die die Schul­ter­mus­keln zu Stein wer­den ließ.
Nein, es ging mir wirk­lich nicht gut im ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr.

Jetzt geht es auf den Herbst zu, es wird küh­ler und reg­ne­ri­scher. Die Folge ist, dass die Loka­li­tä­ten rund­herum sehr viel weni­ger voll sind und es darum deut­lich ruhi­ger ist. Dass ich selbst meine Bal­kon­tür jetzt immer öfter zu habe, tut sein Übri­ges dazu, dass ich mich ent­span­nen und wie­der dem zuwen­den kann, wo ich ste­hen geblie­ben bin im Frühjahr.

Natür­lich gin­gen die Gesprä­che mit mei­ner Bezugs­frau vom Hil­fe­Dings und vor allem auch mit mei­ner The­ra­peu­tin wei­ter. Auch wenn es über­wie­gend um den Frust mit dem Lärm ging, gab es immer wie­der auch neue Erkennt­nisse und ich hab wenigs­tens ein paar kurze Bli­cke in einige der alten Kis­ten im Kel­ler gewor­fen. Da sind eine Menge loser Fäden in mei­nen Gedan­ken, die ver­knüpft wer­den wollen. 


Es geht um den Wert, immer wie­der.
Was bin ich wert? Als Per­son an sich, als nicht mehr arbeits­fä­hi­ger Mensch, als Eine, die ihren Lebens­be­darf nicht mit Arbeit ver­dient, die in der Gesell­schaft nichts mess­ba­res leis­tet? Oder hat das, was ich mache (das Schrei­ben über mich und meine Depres­sion, das Laut-Sein zu bestimm­ten The­men, meine Fotos und die Lyrik, das Da-Sein für Fami­lie und Freund:innen …), doch einen Wert, auch wenn ich für nichts davon Geld bekomme? Wenn ja, für wen und wel­chen? Reicht das als Recht, ein­fach hier zu sein?

Darf ich das, mich ein­fach nur um mich küm­mern? Hab ich ein gutes Leben ver­dient? Hab ich ein Recht dar­auf, nur dafür zu sor­gen, dass es mir gut geht, ohne der Gesell­schaft etwas zurück zu geben? Darf ich jam­mern und kla­gen und mich “anstel­len”, wenn es mir psy­chisch und phy­sisch nicht gut geht? Bin ich das wert?

Aber: wer erlaubt oder ver­bie­tet mir etwas, wer hat ein Recht dazu? Wer defi­niert, was wert­voll ist und was nicht?

Das mit der Frage nach dem Wert ver­bun­dene Thema ist der Ver­gleich. Ich leiste z.B. weni­ger als meine Schwes­ter, die auch psy­chisch krank ist: ist sie darum bes­ser oder hat sie mehr Wert als ich? Wenn sie noch arbei­ten kann, warum ich dann nicht? Aber leiste ich wirk­lich weni­ger oder sind wir ein­fach gar nicht ver­gleich­bar?
Warum ist es (mir) immer so wich­tig, mich in Rela­tion zu ande­ren Men­schen zu sehen? Bestimmt es mei­nen Wert, wie gut oder schlecht ich im Ver­gleich abschneide? Und auch hier gilt: wer defi­niert, was gut und was schlecht ist?

Über allem die größte Frage: wie schaffe ich es, mir selbst zu ver­trauen, wo ich doch die Ant­wort auf all die Fra­gen da oben eigent­lich weiß?
(Ich arbeite daran.)

16-08-2021 Same old song

Ich schreibe hier nicht, weil es nichts (neues) zu schrei­ben gibt. Es ist das glei­che alte Lied wie fast immer seit Mitte Mai: alles ist zu viel, zu viele Men­schen, zu viel Lärm von allen Sei­ten. Ich war auf einem wirk­lich guten Weg - durch die Geschichte mit dem Lärm bin ich weit zurück gefal­len in die Depres­sion und inzwi­schen wie­der ein­mal am Ende der Kraft. Ich komm nicht weiter. 

Das schöne Neu­bau­pro­jekt in Lurup ist gestor­ben, seit ich gese­hen habe, dass direkt davor eine Grund­schule steht.
Ich sollte eine Begrün­dung für den WBS-Antrag for­mu­lie­ren, was mir mal wie­der sooo schwer fällt. (Hab ich denn wirk­lich das Recht, zu sagen, dass es mir zu laut ist? Warum kann ich nicht aus­hal­ten, was alle ande­ren doch auch kön­nen? Warum kann ich den gan­zen Scheixx nicht ein­fach igno­rie­ren?)
Das ein­zige Mal, als ich mich traute, beim Ver­mie­ter anzu­ru­fen, ging er nicht ans Tele­fon und jetzt hab ich kei­nen Mut mehr.

Ich ver­su­che immer, noch einen Rest Ener­gie aus der alten, aus­ge­lutsch­ten Bat­te­rie zu quet­schen, aber da ist bald nichts mehr drin und sie erneu­ert sich nicht von alleine.

Same old song
Just a drop of water in an end­less sea
All we do
Crum­bles to the ground, though we refuse to see
Dust in the wind
All we are is dust in the wind

Und dann sehe ich an allen Ecken die Welt bren­nen und kaputt gehen und fühle mich dage­gen so klein und unwich­tig und weiß doch gleich­zei­tig, dass sich weder in Afgha­ni­stan noch auf Haiiti, in Spa­nien oder in den Über­schwem­mungs­ge­bie­ten von NRW und anderswo irgend­was ändert, wenn ich mich nicht um mich selbst küm­mere. Es fühlt sich nur so falsch an.

13-08-2021 Ausgebrannte Batterie

Ges­tern dachte ich mal wie­der: frü­her hab ich 8 - 10 h / Tag, in Hoch­zei­ten auch mehr gear­bei­tet, viele Jahre lang - heute schaff ich es oft nicht mehr, mich mehr als 2 Stun­den auf etwas zu kon­zen­trie­ren und das lange nicht jeden Tag. Bei 3 Ter­mi­nen pro Woche bin ich überfordert.

Und dann wurde mir klar: das war ein­fach zu viel, nicht nur in die­sem letz­ten Job. Ich darf nie ver­ges­sen, dass ich mit einem fet­ten Bur­nout in die Depres­sion geflo­gen bin. Ich war so der­ma­ßen aus­ge­brannt, dass ich für Jahre am Ende war.

Mir geht es viel bes­ser inzwi­schen, aber ich lebe nach­wie vor mit der glei­chen alten Batterie.

25-07-2021 Allein

Und immer wie­der ist da das Gefühl, so lange schon, dass ich nir­gends mehr dazu gehöre. Da sind zwar ver­ein­zelt wun­der­bare, wohl­tu­ende Kon­takte, aber das große Ganze fehlt. Ich bin in keine Gemein­schaft mehr ein­ge­bun­den, ich bin immer ein­zeln und viel zu oft allein.

In mei­nem Leben gab es ver­schie­dene Grup­pen, von denen ich eine Weile ein Teil war – Schulfreund:innen, Kommiliton:innen, meine eige­nen Musikschüler:innen, der Chor, die Eltern­bei­räte in den Schu­len der Toch­ter, zuletzt die Kolleg:innen im alten Job –, aber ich war nie mit­ten drin, nie wirk­lich wich­tig. Ich hätte nir­gends wirk­lich gefehlt. Und so ist es heute immer noch.
Ich bin in der Mitt­wochs­gruppe und ich bin online in mei­ner klei­nen Blase prä­sent, aber eigent­lich bin ich ein Nie­mand. Ohne mich wäre es nicht schlech­ter und kaum jemand würde mich län­ger vermissen.

Das hat nichts damit zu tun, dass man:frau mich nicht mögen würde. Ich weiß, dass es da ein paar gibt. Auch wenn ich es nicht mehr gerne mache, bin ich immer noch gut in Small­talk und komme schnell mit frem­den Men­schen in Kon­takt. Aber anschei­nend hin­ter­lasse ich kei­nen nach­hal­ti­gen Ein­druck. Ich stehe am Rand, ich prä­sen­tiere mich nicht, ich dränge mich nicht nach vorne. Wenn andere lau­ter sind, werde ich lei­ser. So jemand wird dann eben über­se­hen. So jemand geht am Ende wie­der alleine nach Hause.

Ich weiß nicht, woran es liegt und was ich ändern müsste. Mein Leben lang hab ich erlebt, dass Freund:innen eine Weile da waren und irgen­wann ein­fach wei­ter zogen, als wäre ich nur so eine Zwi­schen­sta­tion gewe­sen. Eine nette Beglei­tung für ein Stück Weg, mehr nicht. Immer wie­der stand ich da und wun­derte mich über den lee­ren Platz, wo doch grade noch jemand war. Was hab ich gemacht, dass sie gin­gen? Was hab ich ver­säumt, um sie zu hal­ten? Ich hab es nie rausgefunden.


Die Men­schen da drau­ßen sind immer nur am reden. Sie sit­zen da und reden und lachen und über­tö­nen sich, weil alle was zu sagen haben und was sagen wol­len. Und ich sitze in mei­ner Woh­nung und bin wütend und möchte dazwi­schen brül­len, dass sie doch bitte alle mal leise sein sol­len.
Aber: bin ich viel­leicht ein­fach nei­disch? Ärgert mich das so sehr, weil ich so etwas eben nicht habe? Würde ich sonst auch da sit­zen und reden und lachen und die Gemein­schaft genie­ßen? Der Anblick der fröh­li­chen Men­schen macht mir jedes Mal wie­der bewußt, wie sehr mir das fehlt. Teil einer Gruppe zu sein. Gese­hen, gehört zu wer­den. Wich­tig zu sein.

Wird das so blei­ben für den Rest? Kann man:frau alleine über­le­ben? Oder werde ich irgend­wann noch ein­mal eine kleine Gemein­schaft fin­den, zu der ich dazu gehö­ren kann?


(Für D.: das alles hat nichts mit dir, mit uns zu tun. Ich liebe, was wir mit­ein­an­der haben. Das andere ist was ande­res, du weißt. 😘)

24-07-2021 Zweite Impfung

Die Nacht von Don­ners­tag auf Frei­tag war sehr unru­hig. Ich kann das wirk­lich immer noch: Sorge haben, dass ich ver­schlafe, wenn ich einen wich­ti­gen Ter­min habe und wenn der auch noch vor mei­ner Wohl­fühl­zeit liegt.


Nun ja, ich hab nicht ver­schla­fen und stand pünkt­lich in der Haus­arzt­pra­xis. Ein For­mu­lar aus­fül­len, noch­mal ein paar Minu­ten war­ten und dann konnte ich auch schon rein. Der Pieks ging schnell und tat nicht weh; dass wir uns dann gemein­sam über die Idio­ten auf­ge­regt haben, die den­ken, sie müss­ten nie­man­den mehr schüt­zen, war eine nette Abwechs­lung zur sonst eher nicht so herz­li­chen Atmo­sphäre.
Dies­mal sollte ich eine Vier­tel­stunde in der Pra­xis war­ten, falls sich sofort Reak­tio­nen zei­gen. War aber nix, da bin ich also los gera­delt, hab fri­sche Bröt­chen besorgt (wenn ich schon­mal so früh unter­wegs bin) und dann nach Hause.

Die Reak­tion auf den Impf­stoff kam spä­ter und dol­ler als beim letz­ten Mal: Schmer­zen im Arm, sehr müde, Kopf­weh und eine Matsch­birne wie bei einer Erkäl­tung, aber ohne typi­sche Sym­ptome. Die Nacht auf heute war erst gut, dann schlecht, aber inzwi­schen fühle ich mich wie­der fast nor­mal.
Ich bin ein­fach froh, dass ich jetzt eini­ger­ma­ßen geschützt bin.


Der Som­mer ist noch­mal da, es ist heiß und tro­cken, meine Toma­ten wer­den lang­sam rot und in mir ist es irgend­wie ganz fried­lich. Könnte das mal so blei­ben für einen Moment, bitte?

22-07-2021 Betreutes Rausgehen Nr.2

Lange zu schla­fen ist so über­haupt nicht erhol­sam, wenn der Schlaf selbst schlecht ist und dau­ernd unter­bro­chen wird von blö­den Träu­men und Rücken­schmer­zen.
Aber hab ich eigent­lich schon erwähnt, dass die Spende über das Hilfe-Dings bewil­ligt wurde und ich mir eine neue Matratze kau­fen darf? Jetzt muss das ganze nur noch koo­di­niert wer­den mit Hilfe-Dings-inter­nen Abläu­fen und wann die Toch­ter & Freund Zeit haben, die alte Matratze abzu­ho­len und (zusam­men mit diver­sem ande­rem Zeug, das in der Kam­mer und im Arbeits­zim­mer rum­steht) auf den Sperr­müll zu brin­gen. Und dann hoffe ich soo sehr, dass ich end­lich bes­ser schla­fen und vor allem durch­schla­fen kann. Die Träume, nun ja, ich schrieb es schon öfter, die wer­den sich nicht ändern, ich bin eben so.


Ges­tern gab es das zweite “betreute Raus­ge­hen” mit der Mitt­wochs­gruppe; dies­mal waren wir auf den Wunsch einer der Teil­neh­me­rin­nen auf dem Mini­golf­platz in Plan­ten & Blo­men. Ich ahnte es vor­her und es hat sich bestä­tigt: das ist nicht meins. Ich bin ein­fach kein Typ für Spiele mit Kör­per­ein­satz und ich hab da auch kei­nen Ehr­geiz, irgend­was zu errei­chen - es lang­weilt mich eher. Dazu kam die Tat­sa­che, dass der Platz wegen der Som­mer­fe­rien über­füllt war mit Fami­lien und Kin­der­grup­pen und dem­entspre­chend laut. Nach den ers­ten 5 von den 18 Bah­nen hab ich mich aus­ge­klinkt und irgendwo auf eine Bank gesetzt, Musik ange­stellt (Göt­tin sei Dank hab ich in letz­ter Sekunde meine Kopf­hö­rer ein­ge­packt) und die Taschen gehü­tet. “Eine oft unter­schätzte Posi­tion in einer Gemein­schaft” nannte die Toch­ter das … 😀
Danach bin ich zu Fuß zur etwas wei­ter weg lie­gen­den U-Bahn-Sta­tion gelau­fen, um wenigs­tens noch ein biß­chen Bewe­ge­ung zu haben, hab unter­wegs noch ein paar letzte Sachen ein­ge­kauft und fiel zuhause mal wie­der um. Aber immer­hin war ich draußen.


Heute dann ein­fach Ruhe­tag. Und mor­gen gibts die zweite Imp­fung, dies­mal mit Bio­N­Tech. Ich bin sehr gespannt, ob es eine Reak­tion gibt oder wie beim ers­ten Mal ohne Neben­wir­kung läuft.

18-07-2021 Wenn Lärm nur noch weh tut

Ja, das Ding mit dem Lärm wird hier noch öfter Thema sein. Irgendwo muss ich hin mit der Wut und der Ver­zweif­lung. Aber das ist ja zum Glück mein Blog und ich schreibe für mich, darum: wer es nicht lesen will, möge es ein­fach nicht lesen.


Nach­dem ich am Frei­tag ja schon um kurz vor neun trotz weni­ger Stun­den Schlaf hell­wach war, mochte ich ges­tern so über­haupt nicht auf­ste­hen. Keine Lust, müde, qua­kig. Als ein­zi­ger Punkt stand auf der “Du hast da was zu tun” - Liste, die Bude mal wie­der durch zu sau­gen und das hatte ja nun wirk­lich Zeit bis zum Mit­tag Nach­mit­tag frü­hen Abend. Aber irgend­wann machen sich die olle Matratze und der Rücken bemerk­bar und dann steh ich eben doch auf, weil es wenigs­tens Kaf­fee gibt und Bröt­chen mit saule­cke­rer Mar­me­lade aus Johan­nis­bee­ren, die ich am Mitt­woch noch schnell gekocht hatte.


Ich saß also mit­tags eine Weile gemüt­lich beim Früh­stück, schön mit offe­ner Bal­kon­tür (solange die Gas­tro noch nicht offen hat, geht es ja halb­wegs), da kam wie aus dem Nichts der Knüp­pel. Und zwar mit­ten rein ins Gesicht und auf die Ohren, in Form eines Mons­ter­schlag­zeugs.
Auf dem gro­ßen Platz rechts neben uns, ca. 120 m ent­fernt, war irgend­ein Fest. Mit Musik. Und wie immer hat­ten sie die schlech­tes­ten Cover­bands von Ham­burg enga­giert. Es ist mir ein Rät­sel, wie sie das immer machen und wo sie immer wie­der Nach­schub fin­den, aber sie schaf­fen es jedes Jahr aufs Neue. Ich bin aus­ge­bil­dete Musi­ke­rin, ich kann das beurteilen.

Ein häu­fi­ges Merk­mal von schlech­ten Bands, deren Mit­glie­der ganz tief in sich ahnen, dass sie schlecht sind, ist: sie sind laut. Extrem laut. Sie ver­su­chen damit zu über­tö­nen, dass sie schlecht sind. Aber das nützt nichts. Schlecht bleibt schlecht und eine miese Stimme wird nicht bes­ser, wenn sie mit 10000 Watt ver­stärkt wird, auch wenn das Schlag­zeug ver­sucht, noch lau­ter zu sein und der Bass unter allem ein­fach nur dröhnt.

Wie so eine rich­tige Spie­ße­rin hab ich mir ges­tern eine App aufs Handy geholt, mit der sich die Laut­stärke mes­sen lässt, damit ich mal bestä­tigt bekomme, dass ich nicht spinne. 80 dB waren es im Schnitt, direkt am Platz dann wohl ca. 100 dB. Das ist nicht mehr laut, das ist Lärm und damit Lärm­be­läs­ti­gung. Aber laut Gesetz dür­fen sie das, wenn so ein Fest nur sel­ten im Jahr statt findet.

Als ehe­ma­lige Musik­leh­re­rin weiß ich natür­lich, dass Musiker:innen und Bands üben müs­sen, damit sie gut wer­den. Ich befür­worte auch aus­drück­lich, dass Men­schen Musik machen, ein Instru­ment ler­nen, sich krea­tiv betä­ti­gen: es ist wirk­lich gut für die Seele. Und mir ist klar, dass es viel Über­win­dung kos­tet, sich in der Öffent­lich­keit zu zei­gen, wenn man nicht per­fekt ist. Aber: laut zu sein, hilft nicht. Laut macht Lärm und alles kaputt.

Und kaputt war dann ich ges­tern. Das kam so unvor­be­rei­tet, dass ich keine Zeit mehr hatte, irgend­wel­che Schutz­schil­der auf­zu­bauen. Mir blieb nur, die Fens­ter und Tür vorne zuzu­ma­chen und mir Kopf­hö­rer auf­zu­set­zen, weil es auch durch die hin­te­ren Fens­ter ein­drang.
Um 14 Uhr fin­gen sie an, jede Band hatte ca. 40 Minu­ten, dann wurde ab- und wie­der auf­ge­baut, gestimmt, Mikro getes­tet, noch­mal gestimmt, das Schlag­zeug ein­ge­groovt und wie­der los gelegt. Ein­mal war ein Singer/Songwriter dran, der war zwar genauso schlecht, aber fast noch erträg­lich, weil er nur eine Gitarre dabei hatte. Bis gegen 20:30 Uhr ging das ganze.
Beson­ders “prak­tisch” war ja, dass um 18 Uhr eine wei­tere Musik­ver­an­stal­tung in der Nähe (500 m Luft­li­nie) statt fand. Ein Frei­licht­kon­zert, orga­ni­siert von der Elb­phil­har­mo­nie: »Him­mel über Ham­burg - Alp­hör­ner, Pau­ken und Trom­pe­ten auf den Dächern der Lenz­sied­lung«. Super Idee und weit über die Lenz­sied­lung hin­aus zu hören, so dass die Anwohner:innen sich nicht ent­schei­den muss­ten, ob sie Rock oder Klas­sik lie­ber mögen - sie beka­men ein­fach bei­des. Gleich­zei­tig. Gut gemacht, Leute, wirk­lich gut.

Ins­ge­samt gese­hen - oder bes­ser: gehört - war das ges­tern also so ein rich­ti­ger Scheißtag.

Ich bin Musi­ke­rin, ich hab wirk­lich ver­dammt viel Musik gehört und gemacht in mei­nem Leben. Auf­ge­wach­sen in einem rei­nen Klas­sik-Haus­halt, beide Eltern Musik-machende und -leh­rende. Musik war All­tag bei uns, es gehörte dazu wie reden und lesen. Es gibt ein Foto, auf dem ich, ca. 4 Monate alt, wäh­rend eines Kir­chen­kon­zer­tes mit Chor und gro­ßem Orches­ter direkt neben den Blech­blä­sern auf dem Boden liege. Tief schla­fend. Ich habe Block­flöte gespielt, bevor ich lesen und schrei­ben konnte. Als Jugend­li­che in den 70ern hab ich meine eigene Musik gefun­den, die ich neben der Klas­sik geliebt habe und bis heute liebe und höre. Meine Toch­ter ist mit die­ser Musik­mi­schung groß gewor­den und hat selbst wie­der eigene Rich­tun­gen gefun­den, die nicht immer mei­nen Geschmack tra­fen, die ich aber für sie mit gehört habe und gute Sachen drin fand. Man­che ihrer gelieb­ten Bands und Sänger:innen ste­hen immer noch auf mei­ner aktu­el­len Play­list. Ich mache nicht mehr aktiv Musik, aber ich emp­finde und bezeichne mich immer noch als Musi­ke­rin.
Was ich damit sagen will: mein Leben ist voll mit Musik. Musik ret­tet mich aus schlimms­ten Depres­sio­nen und hilft mir, etwas zu füh­len, wenn ich inner­lich fast tot bin. Musik ist eines der weni­gen Dinge, die mich glück­lich machen.
Aber es gibt etwas, das sich “Musik” nennt (weil es aus wenigs­tens einem Ton besteht und irgend­ei­nem Rhyth­mus, auch wenn es immer der glei­che mono­tone ist und weil irgend­je­mand ein Mikro in der Hand hat und da irgend­was rein brüllt), bei dem nehme ich mir auf­grund mei­ner Erfah­rung her­aus zu sagen: das ist keine Musik. Das hat mit Musik so viel zu tun wie ein mat­schi­ger Bur­ger von McDoof mit einem 5-Sterne-Essen im Edel­re­stau­rant. Das ist nur noch Lärm — und Lärm macht krank. 

Genauso uner­träg­lich und des­halb krank machend ist für mich unge­be­tene, auf­ge­zwun­gene Musik, die ich ertra­gen muss, der ich aus­ge­lie­fert bin, weil ich nicht weg kann. Das tut in mei­nem gan­zen Ich weh, im Kör­per genauso wie in der Seele. Das ist Schmerz pur. Es war schon immer so, aber seit die Hoch­sen­si­bi­li­tät dazu kam, erst recht. Ich spüre es als Schmerz auf der Haut, als Ham­mer auf und im Kopf, als bren­nend hei­ßen Klum­pen im Zwerch­fell und der Lunge.
Und so emp­finde ich eben auch bestimmte Geräu­sche: Mar­tins­horn, auf­heu­lende Moto­ren, quiet­schende Brem­sen, Bohr­ma­schi­nen, Sägen, Laub­blä­ser, trop­fende Was­ser­hähne, schril­les Kin­der­ge­schrei, eine Ansamm­lung reden­der Men­schen. Je län­ger es andau­ert und je lau­ter es ist, desto grö­ßer ist der Schmerz und desto weni­ger kann ich mich schüt­zen davor. Es ist, als ob jemand meine Haut mit einer Ras­pel bear­bei­tet und Schicht um Schicht mein Inne­res bloß legt. Ich gewöhne mich nicht daran - es wird immer schlimmer.


Es ist jetzt halb fünf am Nach­mit­tag, meine Bal­kon­tür steht immer noch offen, denn es ist schöns­ter Som­mer im Nor­den: mit 25° im Halb­schat­ten und leich­tem See­wind per­fekt, um drau­ßen zu sein. Aber ich höre, wie die Straße erwacht. Wie immer mehr Men­schen am Haus vor­bei gehen oder für ihre Blech­kis­ten einen Park­platz suchen, wie die Außen­plätze der Knei­pen sich fül­len und alle reden und reden und reden. Wie Nebel, der durch die Gas­sen wabert, formt sich alles Reden zu einem ein­zi­gen Schwall aus Geräusch zusam­men und steigt auf in die Luft und bleibt da irgendwo hän­gen als Dach aus Lärm. Und ich weiß, dass ich gleich Türen und Fens­ter ver­ram­meln muss, damit es nicht so weh tut, denn im Gegen­satz zu Nebel fühlt sich die­ser Schwall an, als sei er mit Nadeln gespickt.

Der schönste Tag der Woche ist für mich inzwi­schen der Mon­tag: weil da zwei der Restau­rants Ruhe­tag haben. Weil die Men­schen müde sind vom Wochen­ende und nur sel­ten weg gehen. Weil der All­tag erst lang­sam wie­der in Gang kommt.
Nie hätte ich mir vor­stel­len kön­nen, das mal zu sagen: I really like mondays.

Bis mor­gen also.


Ergän­zend noch ein paar Fakten.

Lärm wirkt sich als Stress­fak­tor auf das vege­ta­tive Ner­ven­sys­tem aus. Der Blut­druck kann stei­gen, es kann zu Kopf­schmer­zen-und Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen kom­men, zu Mus­kel­ver­span­nun­gen oder zu Schlaf­stö­run­gen. Dadurch kann sich der Kör­per nicht rege­ne­rie­ren und ist Krank­hei­ten gegen­über eher aus­ge­lie­fert. Bei Frauen kann sich Schlaf­lo­sig­keit sogar auf das Brust­krebs­ri­siko auswirken.

Gespräch mit Mat­thias Hint­z­sche, Refe­rent im Fach­ge­biet Lärm­min­de­rung bei Anla­gen und Pro­duk­ten und Lärm­wir­kun­gen, erschie­nen am 25.04.2018 in der Han­no­ver­schen Allgemeinen
Screenshot zum Thema Lärm mit folgendem Text:

Lärm – Der schleichende Tod

Straßenlärm ist die größte Quelle von Umweltlärm mit einer geschätzten Anzahl von 125 Millionen Menschen allein in Europa, die Tag und Nacht von einem Lärmpegel von über 55 Dezibel betroffen sind.
Fast 20 Millionen Erwachsene sind genervt von Umgebungslärm. Weitere acht Millionen leiden deshalb unter Schlafproblemen.
Mindestens 10.000 Fälle frühzeitigen Todes sind in Europa auf Umgebungslärm zurückzuführen.
Über 900.000 Fälle von Bluthochdruck werden jährlich durch Umgebungslärm verursacht.
43.000 Krankenhauseinweisungen verursache Umgebungslärm jährlich in Europa.
Das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, steigt um 4 Prozent pro 10 Dezibel Zunahme der Straßenlärmbelästigung.
Etwa 4000 Menschen jährlich erleiden einen Herzinfarkt aufgrund von Straßenverkehrslärm.
Quelle: oben ver­link­ter Arti­kel in der HAZ

Zu viel Schall – in Stärke oder Dauer – kann nach­hal­tige gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen oder Schä­den her­vor­ru­fen. Diese betref­fen zum einen das Gehör, das durch kurz­zei­tige hohe Schall­spit­zen oder Dau­er­schall geschä­digt wer­den  kann (aurale Wir­kun­gen). Dazu gehö­ren Beein­träch­ti­gun­gen des Hör­ver­mö­gens bis hin zur Schwer­hö­rig­keit, sowie zeit­lich begrenzte oder dau­er­hafte Ohr­ge­räu­sche (Tin­ni­tus). Hohe Schall­pe­gel tre­ten nicht nur im Arbeits­le­ben auf, son­dern auch in der Frei­zeit, zum Bei­spiel durch laute Musik. Fer­ner wirkt Schall (oder Lärm) auf den gesam­ten Orga­nis­mus, indem er kör­per­li­che Stress­re­ak­tio­nen aus­löst (extra-aurale Wir­kun­gen). Dies kann auch schon bei nied­ri­ge­ren, nicht-gehör­schä­di­gen­den Schall­pe­geln gesche­hen, wie sie in der Umwelt vor­kom­men (zum Bei­spiel Ver­kehrs­lärm).

Lärm als psy­cho­so­zia­ler Stress­fak­tor beein­träch­tigt somit nicht nur das sub­jek­tive Wohl­emp­fin­den und die Lebens­qua­li­tät, indem er stört und beläs­tigt. Lärm beein­träch­tigt auch die Gesund­heit im enge­ren Sinn. Er akti­viert das auto­nome Ner­ven­sys­tem und das hor­mo­nelle Sys­tem. Die Folge: Ver­än­de­run­gen bei Blut­druck, Herz­fre­quenz und ande­ren Kreis­lauf­fak­to­ren. Der Kör­per schüt­tet ver­mehrt Stress­hor­mone aus, die ihrer­seits in Stoff­wech­sel­vor­gänge des Kör­pers ein­grei­fen. Die Kreis­lauf- und Stoff­wech­sel­re­gu­lie­rung wird weit­ge­hend unbe­wusst über das auto­nome Ner­ven­sys­tem ver­mit­telt. Die auto­no­men Reak­tio­nen tre­ten des­halb auch im Schlaf und bei Per­so­nen auf, die mei­nen, sich an Lärm gewöhnt zu haben.

Zu den mög­li­chen Lang­zeit­fol­gen chro­ni­scher Lärm­be­las­tung gehö­ren neben den Gehör­schä­den auch Ände­run­gen bei bio­lo­gi­schen Risi­ko­fak­to­ren (zum Bei­spiel Blut­fette, Blut­zu­cker, Gerin­nungs­fak­to­ren) und Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen wie arte­rio­sklero­ti­sche Ver­än­de­run­gen („Arte­ri­en­ver­kal­kung”), Blut­hoch­druck und bestimmte Herz­krank­hei­ten ein­schließ­lich Herzinfarkt.

https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/laermwirkungen#gehorschaden-und-stressreaktionen

16-07-2021 Chronistinnenpflicht

Wie ange­nehm ruhig es mor­gens gegen neun da drau­ßen an der Straße ist, wenn der erste Schwung Men­schen schon bei der Arbeit sitzt und der zweite noch beim Früh­stück, wenn die Alkis noch ihren Rausch der letz­ten Nacht aus­schla­fen und es für die Jun­gen eh noch viel zu früh ist wegen Ferien … Da sitzt es sich gar nicht so schlecht mit dem Kaf­fee­be­cher in der Hand auf dem Bal­kon, wäh­rend ich der Sonne beim Um-die Ecke-Gucken zublinzle. Eigent­lich könnte ich ja viel öfter früh auf­ste­hen — oder, nee, lie­ber doch nicht.


Btw: warum wird “früh” in unse­rer Gesell­schaft eigent­lich so posi­tiv gese­hen und “spät” als schlecht? Oder ist das nur mein Ein­druck? Viel­leicht ein Über­bleib­sel der Stimme im Kopf? Etwas, das ich “spät” mache, erzeugt jeden­falls sehr häu­fig ein schlech­tes Gewis­sen in mir. Dabei ist es inzwi­schen fast immer völ­lig egal, wann ich etwas erle­dige - Haupt­sa­che, ich mach es überhaupt.


Am Mitt­woch traf sich ja die Mitt­wochs­gruppe zum “betreu­ten Raus­ge­hen” im Café Sein in Altona, wir saßen wie letz­tes Jahr unter Kas­ta­ni­en­bäu­men und alles war wirk­lich sehr schön. Nach ein­ein­halb Jah­ren Pan­de­mie ist vie­les irgend­wie Rou­tine gewor­den mit den Maß­nah­men und auch meine Tele­fon­num­mer hab ich mir ganz umsonst extra auf­ge­schrie­ben (ich ver­gess die näm­lich immer), weil da jetzt keine Zet­tel zum Aus­fül­len mehr lie­gen, son­dern die Gäste sich ganz unkom­pli­ziert über eine der Apps ein­che­cken kön­nen. Nicht­mal den Test hätte ich direkt vor­her machen müs­sen, aber so hab ich mal wie­der einen aktu­el­len Sta­tus, das ist ja auch gut. (Nega­tiv, übri­gens, wie erwartet.)

Hin­ter­her bin ich noch schnell für ein paar ver­ges­sene Sachen bei Aldi rein­ge­hüpft und anschlie­ßend ins Bett gefal­len. Dass alles Schöne immer so viel Ener­gie ver­braucht … Könnte sich das nicht wenigs­tens auf­he­ben? Dass der Ver­brauch durch das Schöne wie­der aus­ge­gli­chen wird? 


Ges­tern war dann fol­ge­rich­tig Ruhe­tag und naja, das ist auch nicht das Schlech­teste. Dass ich heute wie­der von allen Geräu­schen genervt bin, das schreib ich hier nicht schon wie­der. Reicht, dass ich es bei mei­ner lie­ben Freun­din D. abge­la­den hab, obwohl die ja auch nix ändern kann und lei­der auch nicht zau­bern.
(Ein Haus für mich allein, keine Nach­barn im Umkreis von min­des­tens 250 m, aber abends einen stil­len Haus­mit­be­woh­ner, damit ich keine Angst haben muss alleine. Das wär’s. *seufz*)


Grün war es im Park vor­ges­tern, als ich zu früh für das Tref­fen mit der Gruppe war, ganz wenig Men­schen, lei­der das bestän­dige Rau­schen der Max-Brauer-Allee im Hin­ter­grund. Trotz­dem schön.

11-07-2021 Innen drin leer

Die letz­ten Nächte waren wie­der lang, beim Ein­schla­fen war es schon hell und die Vögel alle wach. Dann ist der Schlaf unru­hig, die Träume beson­ders selt­sam und der Tag schon halb vor­bei, wenn ich aufstehe.

Ich weiß, dass mir Igor das nicht wirk­lich gut tut, aber das pas­siert schon immer vor allem dann, wenn ich Musik (wie­der) finde, die mich nicht los lässt, die mich - vor­zugs­weise eben nachts - so trifft, dass ich sie wie­der und wie­der und wie­der hören und mich irgend­wann nach der unge­fähr 157sten Wie­der­ho­lung mit Gewalt zwin­gen muss, den Player aus­zu­stel­len.
Das muss kein außer­ge­wöhn­li­ches Stück sein, es muss nur mit­ten rein tref­fen in Herz und Seele und die aktu­elle Stim­mung, ich bin da ganz ein­fach gestrickt. Im Moment ist das ein Song von Gene­sis von einem Album, das ich letz­tens wahl­los ange­klickt habe, weil ich dem Mist vom Ober­nach­barn was ent­ge­gen set­zen musste, um nicht durch­zu­dre­hen. Eigent­lich müsste ich ihm dafür sogar dank­bar sein, aber ach nein, so weit geht es dann doch nicht.

Jeden­falls ist das etwas, das mich … ja, glück­lich macht. Es macht auch trau­rig und sehn­süch­tig und sen­ti­men­tal und melan­cho­lisch und sagte ich schon sehn­süch­tig?, aber irgend­wie auch glück­lich. Sowas wie in dem Satz von Vic­tor Hugo, den ver­mut­lich nur ver­steht, wem es ebenso geht.

Melan­cho­lie ist das Ver­gnü­gen, trau­rig zu sein.

Aber neben die­sen Momen­ten des selt­sa­men Glücks ist da in letz­ter Zeit so oft eine Leere in mir. Gefühle, die ver­si­ckern, weil nie­mand sie teilt. Gedan­ken, die nicht wei­ter gehen, weil sie kein Echo fin­den. Weil da außer der Freun­din in der Ferne nie­mand mehr ist, der zuhört, mit­denkt, wei­ter­re­det. Weil das Auf­schrei­ben oft so müh­sam ist und Kraft ver­braucht, die ein­fach nicht da ist und erst recht nicht dafür, im Off­line neue Men­schen zu fin­den, die mir näher sind als nur für ein net­tes Tref­fen in der Woche.
Dass diese Kraft so furcht­bar wenig gewor­den ist, obwohl es mir doch eigent­lich nicht soo schlecht geht, das macht es nicht bes­ser. Ich bin 61 und am Ende. Da ist zwar noch viel Wol­len in mir, aber kein Mut mehr. Woher sollte die Kraft dann auch kommen?


Ges­tern hab ich in einem Blog einer neuen Fol­lo­we­rin *) gestö­bert und ein paar Ein­träge zu einer Reise nach Lis­sa­bon gefun­den. In Gedan­ken war ich sofort dort, lief durch die Gas­sen und fuhr mit der Stra­ßen­bahn, sah alle die Orte vor mir und hatte die­sen ganz spe­zi­el­len Geruch in der Nase.
Sie hatte eine Woh­nung an einer der beleb­ten Stra­ßen in der Baixa gemie­tet, “auf der Tou­ris­ten fla­nie­ren, Stra­ßen­mu­si­kan­ten auf­tre­ten und Café­be­trei­ber Stühle und Tische auf­ge­stellt haben.” und ich fragte mich einen Moment lang, wie es mir heute damit gehen würde. Ob ich das aus­hal­ten würde, ein­fach weil es Urlaub wäre und mein Her­zens­ort, an dem es mir gut geht, weil ich die Sor­gen für eine Zeit­lang zuhause las­sen kann.
Und dann denke ich wei­ter: liegt es viel­leicht gar nicht an dem Ort, die­ser Straße, die­sen Men­schen hier, dass es mir nicht gut geht? Bin das alles “ein­fach nur” ich? Könnte ich das Leben hier bes­ser ver­kraf­ten, wenn es mir bes­ser ginge?
Ande­rer­seits erin­nere ich mich gut daran, dass ich in mei­nen Urlau­ben schon immer froh war, dass die von mir gemie­te­ten Woh­nun­gen und Häu­ser ruhig lagen und ich mich abends vom Tru­bel des Tages erho­len konnte. Das ging nur ein­fa­cher damals und schnel­ler.
(Ja, ich suche immer noch nach Grün­den, nicht umzie­hen zu müs­sen. Ich weiß es doch.)

*) Herz­lich Will­kom­men auf mei­nem Blog an die­ser Stelle - den neuen und auch den alten Abonnent:innen! Und auch hier noch­mal der Dank an Chris­tian: es ist mir eine Ehre, als “Satz des Tages” auf dei­ner Seite genannt zu werden. 

07-07-2021 Selbstfürsorge

Heute hab ich es so grade eben geschafft, kurz hin­ter mei­ner Grenze zu stoppen. 


Die Mitt­wochs­gruppe war das erste Mal seit etwa einem Jahr wie­der voll­stän­dig: fünf Frauen und zwei Lei­te­rin­nen. Es war herr­lichs­tes Ham­bur­ger Som­mer­wet­ter (blauer Him­mel, weiße Wol­kenknub­bel, See­wind, ange­nehme 23 Grad) und wir konn­ten - ohne MNS, aber mit reich­lich Abstand - schön im Gar­ten sitzen. 

Inzwi­schen sind alle min­des­tens ein­mal geimpft und oft getes­tet, so dass das Risiko wirk­lich sehr gering ist. Sowieso schnei­det das Hil­fe­Dings rich­tig gut ab: es gab in der gan­zen Zeit kei­nen ein­zi­gen Coro­na­fall, weder bei den Mitarbeiter:innen noch bei den Klient:innen.

Es gab viel Orga­ni­sa­to­ri­sches zu bespre­chen, aber auch genug Raum für Per­sön­li­ches. Und weil ich erzählt hab, dass ich immer noch sehr besorgt bin wegen Corona, vor allem wenn ich drau­ßen unter vie­len frem­den Men­schen bin, gehen wir nächste Woche zusam­men in ein öffent­li­ches Café: “betreu­tes Raus­ge­hen” nannte es eine der Frauen. 😀 

Doch, ich freu mich wirk­lich, dass die Gruppe wie­der statt fin­det und ich ein Teil davon sein kann. Es wird mir sicher gut tun - ich muss nur unbe­dingt auf meine Gren­zen auf­pas­sen und viel­leicht nicht unbe­dingt noch den gro­ßen Wochen­ein­kauf hin­ten dran hän­gen. Ein Ter­min am Tag reicht voll­kom­men.
(Da mal dran den­ken, wie Herr Bud­den­bohm immer so schön sagt.)

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