Depression Notes 11-05-2020

Obwohl ich mich bereits seit über 8 Jahren mit der Depression rumschlage und mich langsam mal auskennen sollte, erwischt er mich jedes Mal wieder: der Fall nach dem Hoch. Ich weiß wirklich nicht, warum, aber ich vergesse einfach immer, dass das die normale Folge ist. Es gibt kein dauerhaftes Oben, es sind Highlights. Die sind toll, aber eben genau das, was das Wort meint.
Das Gute ist, dass es inzwischen auch keine permanenten Tiefs mehr gibt. Die halten zwar noch deutlich länger an als so ein Hoch, aber irgendwann pendelt es sich auch wieder ein auf das „Okay“ – so lautet meine Bezeichnung für die Mitte in meiner Stimmungs-App.

Stimmungen in der App "Daylio": Super, Gut, Okay, Schlecht und Miserabel, dargestellt mit Smilie-Gesichtern.

Das ist der Durchschnitt, das Level, auf dem ich nicht viel fühle (weder gut noch schlecht), meine Tage vor mich hin lebe, ohne große Bedeutung und Erwartung. Das macht keinen wirklichen Spaß, ist aber auch nicht schlimm. Im besten Fall heißt es auch, dass ich die Stimmungsschwankungen auffangen kann.
Ob ich irgendwann lerne, dass diese Wellenbewegung normal und in Ordnung ist?

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Trotz des Tiefs nach dem Hoch hab ich letzte Woche richtig gut und viel gearbeitet: an 5 Tagen hintereinander je 3 Stunden, manchmal ohne Pause. Für meine Verhältnisse ist das wirklich viel und macht mich zufrieden.
Der Schubs war ein Telefonat mit der besten Tochter der Welt, die mir ihr Vertrauen ausspricht und an mich glaubt, wenn ich es schon nicht kann. Ich muss sie dringend anrufen, die Energie ist schon wieder fast verbraucht und die Webseite noch lange nicht fertig …

*) Arbeit heißt bei mir nach wie vor alles, was mit Webseitenkram, Grafik etc. zu tun hat. Therapie und das Leben an sich sind auch Arbeit, aber sie heißen nicht so.

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Auch letzte Woche traf ich mich das erste Mal seit Wochen (wieviele? Ich kann das auch nicht mehr zählen) wieder mit Frau R. vom Hilfedings in echt. Also so richtig live, nicht zum Anfassen, aber von Angesicht zu Angesicht. Sie war kurz in meiner Wohnung – mit viel Abstand natürlich – und danach saßen wir eine Stunde auf unserem Dorfplatz in der Sonne. Am Tag davor waren die Spielplätze wieder geöffnet worden, dementsprechend waren viele Familien unterwegs, aber die Freude in den Kindergesichtern zu sehen, machte den Lärm vergessen.
Das Gespräch tat mir gut, der Austausch über die Befindlichkeiten, über den Umgang mit der Coronasituation, ein bißchen Alltagszeug und was sich so getan hat in der Zwischenzeit. Das vermisse ich ja doch, dieses ungezwungene Reden über dies und das, auch wenn ich mich als Einsiedlerin bezeichne und wohl fühle. Ganz ohne menschlichen Kontakt geht’s dann doch nicht und auf immer reicht das Virtuelle nicht aus.

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Heute. Am frühen Morgen ein Traum, nur kurz, fast hätte ich ihn vergessen.
Ich war beim alten Job im Büro, wie so oft. Diesmal aber war nicht die Chefin da, die mir Anweisungen gibt und an mir rumnörgelt und mich unter Druck setzt wie sonst in diesen Träumen. Dieses Mal war nur der Chef da, irgendwo im Hintergrund. Ich hab irgendwas unwichtiges gemacht, Mails beantwortet, etwas korrigiert? Ich weiß nicht mehr genau. Irgendwann ging ich nach Hause mit den Worten „ich komme dann nicht wieder“. Und wenn ich jetzt im Nachhinein daran denke, dann hab ich Herzklopfen.

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Nachmittags, auch heute. Sonnenstrahlen durchbrechen die dicken Wolkenberge. Ein Bild streift durch meinen Kopf, nur kurz:
Eine schmale Straße mit alten Häusern in einer großen Stadt, Paris vielleicht oder New York. Hohe Bäume auf beiden Seiten, Kastanien, Platanen, in vollem Grün. Es ist heiß, die Luft flirrt. Die Fenster stehen weit offen, die alten Fensterläden davor sind geschlossen, so dass Licht und Luft herein können, im Inneren aber bleibt es kühl. Es ist Mittagszeit, nur wenige Geräusche kommen von draußen. Ein Schreibtisch am Fenster, darauf ein Notebook, eine Karaffe Wasser mit Eiswürfeln und Minzblättern darin, der Ventilator surrt, irgendwo spielt jemand Klavier. Die Langsamkeit des Sommers. Die Gelassenheit, mit sich selbst gut zu sein.

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Und zum 137tausendstenmal der Gedanke, wie schön es doch wäre, tagebuchbloggen zu können. Aber wer will denn das schon lesen.

Einfach mal rumdenken

Im August 1984 bin ich in dieses Haus in Eimsbüttel gezogen. Zuerst in die 2. Etage, wo meine Tocher zur Welt kam, 10 Monate später dann ein Stockwerk nach unten, weil die Umstände sich so ergaben. Im Oktober sind es also 35 Jahre, die ich in dieser Wohnung verbringe. Seitdem hat sich der Stadtteil verändert.

Wir sind immer noch mehr grün als schwarz oder gar blau – politisch gesehen – und immer noch wohnen viele junge Menschen hier, mit oder ohne Familie. Aber jetzt ist es „hip“, die Läden und Restaurants sind edler als früher, die Mieten stiegen enorm und der Verkehr hat deutlich zugenommen. Seit dem Umbau der großen Einkaufsstraße parallel wird unsere noch stärker als Abkürzung genommen: weil hier zwar rechts vor links gilt, aber keine Ampeln stehen. Dass es eine 30-km-Zone ist, interessiert nicht wirklich. Ich hab mich hier schon öfter beklagt, dass es so laut geworden ist. Es nervt nicht nur, es strengt an und ich reagiere viel empfindlicher als früher auf Lärm jeder Art.

Also überlege ich seit längerem schon, wo ich denn gerne wohnen, leben würde.
Ich will mehr Natur und ich will schneller da sein. Ich brauche Wasser in meiner Nähe: am liebsten natürlich das Meer, aber ein See oder wie in Hamburg zwei Flüsse und viele Kanäle sind fast genauso gut. Da ich nicht mehr sehr mobil bin, brauche ich Einkaufsmöglichkeiten, Bahn & Bus, Ärzt:innen und Orte, um Menschen zu treffen, in erreichbarer Entfernung. Ich will, auch wenn ich es vielleicht nicht oft nutze, schnell in der Stadt oder zumindest in einem größeren Zentrum sein. Und eigentlich will ich möglichst nah bei meiner Familie bleiben.
Was ich mir aber nicht vorstellen kann ist, wie ich die zuständigen Stellen (also das Jobcenter oder später, wenn die Rente mal durch ist, die, die die Grundsicherung übernehmen) davon überzeugen kann, dass ich von Hamburg weg und ganz unbedingt dringend nach Schleswig-Holstein ans Meer ziehen muss. In meiner typischen Art vergrabe ich also meine Träume wieder und halte aus, mit knirschenden Zähnen und lautem Tinnitus.

Oder doch nicht? Wer sagt, dass es keine Alternative gibt, sogar innerhalb von Hamburg? Immerhin hab ich vorhin herausgefunden, dass das JC Mietkosten bis 495 € für 1 Person übernimmt. Damit ist die Auswahl nicht groß, aber es gibt eine. Und es gibt tatsächlich Stadtteile, die in Frage kommen: nördlich von hier natürlich, evtl. sogar Richtung Barmbek, aber warum nicht zum Beispiel über die Elbe rüber? Da gibt es auch schöne Ecken mit viel Grün, Ruhe und: Wasser! Da tun sich tatsächlich neue Perspektiven auf.

Und dann guck ich mich in meiner Wohnung um und fange an zu überlegen. Ich brauche keine zwei Zimmer zum Wohnen und Arbeiten – eins reicht auch. Ich hätte gerne ein größeres Bad, aber alle Badezimmer überall sind größer als meins. Weniger Wohnfläche wäre komplett in Ordnung, wenn ich dafür mehr Balkon- oder Terrassenfläche hätte. Das Haus muss von außen nicht zwingend hübsch sein, solange der Ausblick gut ist. Hohe Decken wie in dieser Altbauwohnung (3,20 m!) sind toll, aber kein Muss. Und das Beste: ich müsste mich hier sehr wahrscheinlich nicht mehr um den Fußboden kümmern, vielleicht noch nichtmal um die Renovierung. Womöglich gäbe es eine bessere Küche und Holzfußboden in einer neuen Wohnung. Keine stromfressenden Nachtspeicherheizung und Durchlauferhitzer mehr.

Vielleicht ist es an der Zeit, mir ein neues Zuhause zu suchen für die letzten 20 Jahre oder so. In meinem geliebten Hamburg bleiben, aber nicht mehr mittendrin. Vielleicht tut mir das gut.

So Fragen

Warum ist es so viel leichter, Schlechtes von mir zu denken als Gutes?
Warum bleiben negative Tage + Erlebnisse so viel länger im Gedächtnis als positive?
Warum ist es so furchtbar schwer, die unerfüllten Träume los zu lassen?
Warum sind depressive Täler so viel tiefer als glückliche Höhen hoch sind?
Warum testet der schwarze Hund die Stabilität des Hochs, aber nicht die des Tiefs?
Warum geht das Fallen aus einem Hoch immer so verdammt schnell?
Woher soll ich jedes Mal wieder die Energie nehmen, um aus dem Loch zu krabbeln?
Warum schmerzen alte Verletzungen so unendlich lange?
Und wie zum Teufel kann ich mich von meiner Vergangenheit befreien, wenn sie mich doch zu der gemacht hat, die ich jetzt bin?

Wird es jemals Antworten geben auf meine Fragen? Und wenn ja, was dann?

Zu früh gefreut

Ich hätte es nicht schreiben sollen.

Igor: Was höre ich da, dir geht’s gut?
Ich: Ja, ich bin ganz zufrieden grade. Ist alles nicht so dramatisch und schlimm wie sonst.
Igor: Das wollen wir doch mal testen.

Und dann schleppt er alles an, was er findet:
Sentimentale Musik, verbunden mit sehr sentimentalen Erinnerungen. Einen kleinen Text, so wunderschön, so berührend und sehnsüchtig machend nach einem anderen Leben, einem leichteren. Noch mehr sentimentale Musik. Fotos von meinen Reisen in das Land, in dem mein Herz liegt und ich rieche sofort die Wärme und das Meer und höre die Menschen in der fremden Sprache und das Quietschen der Linie 28 und ich weiß, dass ich nie wieder stundenlang durch Lissabon oder Olhão wandern werde, weil meine Füße mich nicht mehr tragen. Weil ich mir das selbst versaut hab. Und dann noch Träume von Umarmungen und Verletzungen und Menschen, die gehen und nie ist irgendwas so, wie ich es mir mal gewünscht hatte und da sind wir dann auch schon beim nächsten Schritt.

Da packt er dann auch noch all die Zweifel aus:
ob ich das eigentlich verdient habe, glücklich zu sein. Ob es mir nicht, wenn ich schon dem Staat und allen auf der Tasche liege und ich nicht produktiv bin und arbeite, wie es sich für einen anständigen gesunden Menschen gehört, weil wenn ich glücklich bin, dann bin ich ja wohl auch gesund, ob es mir da also nicht wenigstens schlecht gehen könnte. Ob ich nicht sowieso viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt sei. Und ob ich nicht überhaupt mir und allen anderen was vormachen würde und sowieso kann mich keiner lieb haben und guck doch, es wird schon einen Grund haben, warum dich keiner mehr wollte und eigentlich könnte ich das alles doch auch einfach sein lassen.

Für den ganzen Mist braucht er grade mal einen Tag und eine Nacht.

Und wenn er das alles getan hat und sieht, dass das mit dem gut gehen wohl doch nicht so richtig und wahr war, legt er mir eine Tafel Schokolade hin, dreht sich um und dackelt zurück in sein Körbchen. Und ich sitz wieder da wie so eine, die genau das verdient hat.

Danke, Igor. Ich war kurz davor, dich nicht mehr als Feind zu sehen.

Depression Notes 24-04-2020

Musik ist eine zarte Säge,
die einfach eindringt
in den Leib
und die
federleichten Teile
von den schweren trennt.

Frederike Frei

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Vor einigen Tagen oder vielmehr Nächten bin ich auf alte, lang nicht mehr gehörte Musik gestoßen, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht (und zu meinem Glück auch zu hören ist, ganz in echt. Ich sag nur: Dauerschleife.).
Sie macht glücklich, sentimental, traurig, sehnsuchtsvoll, melancholisch, hab ich schon sentimetal erwähnt? – alles auf einmal. Nicht abwechselnd, sondern tatsächlich ein einziger Gefühlsmix, der bis in die Träume reicht.
Was Musik eben so macht mit einem:einer. Hachja.

(Nein, ich verrate nicht, welche Musik das ist. Reicht doch schon, dass ich mich hier mit Eros geoutet hab, oder?)

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Gestern hab ich es zweimal zu jemandem gesagt und es stimmt wirklich: mir geht es grade richtig gut. Nicht, dass es keine doofen Momente gäbe oder auch mal einen Tag, den ich einfach vorbei ziehen lasse, weil er eher „naja“ ist, aber die ganze Grundstimmung ist gut. Da ist kein Loch in Sicht, noch nichtmal eine Grube. Seit ich Igor nicht mehr als Feind sehe, liegt er still in seinem Körbchen und guckt mich zufrieden an. Auch, dass in der Therapie einiges ansteht (siehe meinen Beitrag vom 16.04.) schreckt mich nicht so sehr, dass ich Panik kriegen müsste. Es ist okay, ich muss da ran, es wird sicher nicht schön, aber es wird danach hoffentlich etwas leichter.
In meinem Kopf kreisen natürlich weiterhin die Gedanken um alte Muster aus der Kindheit, um verquere Einstellungen, die so vieles be- und verhindern, um tausend Fragen, auf die ich noch immer keine Antwort habe oder auf die die Antwort je nach Verfassung anders ausfällt (immer wieder gerne: hab ich das verdient, darf ich glücklich sein, darf ich so leben? Aber das gibt einen eigenen Beitrag hier, demnächst). Trotzdem bin ich entspannter, gelassener, zuversichtlicher irgendwie. Da ist ein frisches Blau im Grau, das ist schön.

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Es gab ein paar Mails mit der Schwester, mit der ich letztes Jahr den Kontakt abgebrochen habe. Ein Familienthema, es ging um die Gedichte des Großvaters. Ohne hier in Einzelheiten zu gehen: aus ihren Sätzen las ich erneut, dass sie nicht verstehen kann, was Depression bedeutet. Noch vor einiger Zeit hätte ich mich aufgeregt, ihr vermutlich bissig-sarkastisch zurück geschrieben – jetzt denke ich: dann ist es eben so. Ich werde nichts ändern an ihrer Sichtweise, wenn ich mich ärgere. Sie hat ihre Gründe und das ist okay. Es bedeutet zwar auch, dass ich weiterhin keinen wirklichen Kontakt mit ihr haben werde (weil es auf Dauer dann doch an meine Substanz geht), aber dann ist auch das eben so.
Auch hier ist wieder die neue Gelassenheit, die ich so an mir nicht gut kenne. Ob ich sie halten kann?

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Was das Coronadings angeht, ist die Stufe 5 (Akzeptanz / Integration) aber für mich nach wie vor weit weg. Nur der erste Schock klingt jetzt etwas ab und ich pendle zwischen den Stufen 2 und 4. Ich höre den Fachleuten zu, allen voran C. Drosten, und ich werde mir immer mehr bewußt, dass ich nur auf mein eigenes Gefühl hören darf, egal was Menschen sagen, denen ich i.d.R. vertraue.
ICH muss da raus ein- bis zweimal in der Woche, das heißt ICH muss tun, womit ich mich irgendwie wohl fühle. Der Gedanke, dass das alles noch sehr lange dauern wird – bis nächstes Jahr?? – ist grauenhaft, aber dann trag ich den blöden Mund-Nase-Schutz eben so lange. Dann geh ich eben dieses Jahr nicht in den Park zu den Menschenmassen – ich war in den letzten Jahren auch selten da und hab es nicht groß vermisst.

Aber ja, im Vergleich zu vielen anderen geht es mir ja gut in dieser neuen Situation: ich kann gut alleine sein, vermeide das Draußen und die Menschen ja eh schon lange, muss kein Kind betreuen und nicht arbeiten, mein Geld ist wenig, aber pünktlich und sicher jeden Monat auf dem Konto. Ich muss deswegen kein schlechtes Gewissen haben. (Okay, am letzten arbeite ich noch. Das ist noch nicht dauerhaft im Bewußtsein angekommen.)

Nur die Tochter und der Enkel fehlen mir, sehr. Telefonieren ist kein Ersatz für eine fühlbare, echte Umarmung.
Was heute im Spiegel zu lesen war: „Man kann sich dabei als Faustregel merken, dass man sich nur mit einem kleinen Kreis von Leuten regelmäßig treffen sollte. Und dieser Kreis sollte möglichst gleich, also stabil, bleiben. Solange man die Kontakte nachvollziehen kann, hilft das sehr, Infektionsketten wieder zu stoppen.“ (Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum)
Unter diesen Voraussetzungen könnte es gehen, dass man sich innerhalb der Familie z.B. sehen kann, das würde sicher vielen Menschen helfen, die Zeit besser zu überstehen.

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Und solange das Meer in weiter Ferne liegt dank des Virus, stöber ich in alten Fotos und gehe auf vergangene Reisen, ohne das Haus zu verlassen. So geht’s auch irgendwie.

Depression Notes 16-04-2020

Es war eine volle Woche, die vergangene Woche. Nein, eigentlich waren es zwei Wochen. Was ich feststelle, ist: ich kann überhaupt nicht mehr gut mit Spontaneität, offenen Terminen, umgeschmissenen Plänen umgehen. Darauf zu reagieren verbraucht alle Energie und es bleibt nichts für anderes übrig.

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Frau R. vom Hilfedings hat für mich eine finanzielle Spende organisiert, von der ich einen neuen Kühl- / Gefrierschrank kaufen konnte. Der letzte, den ich im Dezember 2019 2018 (die Zeit rennt …) von der Tochter geschenkt bekam, hatte einen Defekt, was ich aber leider erst nach einem Jahr anhand der über 300.- Euro Stromnachzahlung feststellte. Nun also einen neuen, höchste Energieeffizienzklasse, inkl. Lieferung und Abholung des alten Geräts. Das macht schon sehr glücklich, sowas.
Bestellt war er schnell, geliefert wurde er 3 Werktage danach und trotz Corona immerhin bis nach oben vor die Haustür gebracht. Gut war auch, dass ich erst einen zwar größeren, aber begrenzten Zeitraum hatte für die Lieferung. Am Tag selbst gab es dann einen Tracker, der Termin wurde immer genauer und eine gute halbe Stunde vorher gab es noch einen Anruf, dass sie in einer guten halben Stunde da sind. Dass ich den Rest des Nachmittags und bis in den Abend hinein damit beschäftigt sein würde, das Ding erstmal aus der Verpackung zu kriegen und dann noch die Türen von Rechts- nach Linksöffnung umzumontieren und deshalb auf keinen Fall mehr den Oster- / Wocheneinkauf noch vor dem Ansturm am Gründonnerstag erledigen könnte: das hatte ich vorher nicht auf dem Plan.
Aber gut, er steht, wackelt nicht, alle Schrauben sind wieder drin und er verrichtet seine Arbeit, wie er es soll. Und ich hab noch dazu die Erfahrung gemacht, dass etwas von der früheren Kraft und Entschlossenheit noch da ist. So hatte ich am nächsten Morgen zwar Muskelkater vom Feinsten, aber auch ein sehr befriedigendes Gefühl.

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Das zweite wirklich unglaublich Gute in der letzten Woche war die Nachricht, die vom Malenter Lieblingsmenschen (dem weltbesten Vorausfahrer) kam: „Geh zum Fahrradladen, lass dein Rad reparieren, die Rechnung übernehme ich.“ Und das an einem Tag, an dem ich eh schon die ganze Zeit am Heulen war.
Da wirbelten die Gedanken und Gefühle ordentlich durcheinander. „Das wäre soooo toll!“ – „Aber das kann ich doch nicht annehmen!“ – „Der ist doch verrückt, das geht doch nicht!“ – „Hach, ich käme wieder in die Natur und könnte überhaupt wieder richtig fahren!“ – „Aber das kann ich doch nicht einfach annehmen!“
Aber dann kam der eine Satz von der Besten: „Der ist nicht verrückt, der mag dich“ und das ist auch schwer auszuhalten, aber letzten Endes doch anzunehmen.
Nach einigem Hin und Her mit dem Fahrradmenschen steht das Rad nun seit heute in seiner Werkstatt und kann morgen heil und fast wie neu abgeholt werden. Und ich freu mich wie blöd!!
Lieber J., das werd ich dir nie vergessen! 1000 Dank dafür! Und auch dafür, dass das Fahrrad weiterhin irgendwie unsere Verbindung bleibt. Das fühlt sich gut an. <3

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Die Therapiestunde am Donnerstag war wieder eine von der Sorte, bei der ich am Ende aufstehe und mich sehr schwer fühle. Trotzdem war sie erleichternd und brachte dann noch ein sehr klares Bild von dem, was ich in naher Zukunft mit ihr zusammen erarbeiten will.
Und wieder einmal bin ich so dankbar, dass ich genau diese Therapeutin gefunden habe und sie für mich da ist.

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So insgesamt ist es weiterhin eine durchwachsene Zeit mit diesem Coronazeug und ich fühle mich oft einfach nur aufgerieben zwischen all den Meinungen und Prognosen und Befürchtungen und dem Hickhack der PolitikerInnen, die das zum Wahlkampf nutzen und dann noch allen anderen, die meinen, irgendwas dazu sagen zu müssen.
Ich bin wie vorher auch schon wenig draußen, aber jedes Rausgehen hat jetzt was Seltsames an sich, als würde ich was Verbotenes tun, dabei ist es das doch gar nicht. Und wenn ich meinen Schal als Schutz über Nase und Mund ziehe, werd ich komisch angeguckt – aber wenn ich es nicht mache, weil ich unter dem Ding keine Luft kriege sondern Panik, dann fühl ich mich schuldig.
Manchmal dachte ich schon, die Depression hat gemacht, dass ich nichts mehr fühlen kann und dass das Leiden anderer Menschen deshalb so an mir abprallt, aber das stimmt nicht. Ich schiebe das alles im Gegenteil von mir weg, weil ich es sonst viel zu viel fühle und nicht ertragen kann. Und ich baue mir wieder einen Panzer, weil ich meinen eigenen Schmerz, meine Unsicherheit und Dünnhäutigkeit nicht aushalte.
Was es so schwierig macht, ist, dass es nicht sichtbar ist. Ich seh den Virus nicht draußen rumlaufen. Ich weiß, dass viele Menschen krank sind und dass viel zu viele daran sterben überall auf der Welt, aber ich sehe sie nicht. Für mich ist es immer noch abstrakt, nicht zu begreifen. Nicht, dass ich es anders haben wollte, aber genauso gut könnte mir jemand sagen, dass es da draußen rote Wolken gibt, an denen Leute sterben, nur dass ich sie halt nicht sehe. Das ist so surreal. Darum bin ich noch lange nicht in Phase 5 angekommen. Ich kann nur jeden Tag neu anfangen und meine Sachen weiter machen und hoffen, dass wir da irgendwie heil raus kommen.

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Und so lange höre ich weiter jeden Abend Igor Levit bei seinen Hauskonzerten zu und bin sehr sehr dankbar dafür.

Verschüttet

Vor einiger Zeit hatte ich in einer Therapiestunde gesagt, dass ich über ein paar Sachen aus der Vergangenheit ausführlich reden will, damit ich sie endlich los werden kann. Dass es nicht reicht, sie einfach nicht mehr anzurühren.
Das ist das Eine.

Das Andere ist, was mir letzte Woche in den Sinn kam, als ich da am Abend noch spät in der Küche saß und die Türen am neuen Kühlschrank umschraubte, obwohl ich so genervt davon war und geschimpft und geheult hab:
Ich dachte bis jetzt immer, dass meine ganze Kraft, mein Wollen, Machen und Tun, dass das alles mit der Depression verschwunden sei, einfach weg. Weil eben nur noch 60% der Energiemenge vorhanden sind, wenn überhaupt. Weil ich so oft so unendlich müde bin und keinen Antrieb habe.

Das stimmt aber nicht. Es ist alles noch da, aber – und dieses Bild entstand in der letzten Therapiestunde während des Redens darüber – es ist die meiste Zeit tief verschüttet. Es liegt alles unter einer Falltür im Keller des Hauses, das ich bin, und auf der Falltür stehen tausend Kisten und Schachteln und Säcke mit meiner Vergangenheit und dem ganzen Mist, den ich erlebt habe. Im Laufe der Jahre hat sich so viel angesammelt, dass es immer schwerer wurde, an die Falltür heran zu kommen. In meiner ersten Therapie nach der Diagnose habe ich bereits angefangen, den Kram aufzuräumen, aber ich bin nicht sehr weit gekommen.

Ich werde die Kisten jetzt wirklich aufmachen müssen, um zu sehen, was drin ist. Manch eine kann ich vermutlich einfach zur Seite schieben oder in den Müll werfen. Einige werde ich wieder zumachen und in einer Ecke weit hinten verstauen, weil sie keine Rolle mehr spielen, aber eben doch zu mir gehören. Vielleicht finde ich ein paar Schachteln mit schönen Dingen, die ich noch verwenden kann.
Und dann gibt es die extra schweren Fässer, die ich nicht einfach wegrollen kann, sondern öffnen muss und den Inhalt rausholen und bearbeiten und abtragen und entscheiden, was damit passieren soll. Das sind die, die mit Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Trauer und Angst gefüllt sind. Ich hab das Gefühl, wenn ich die diesmal wieder nicht vollständig ausräume, werden sie mich immer weiter belasten und einengen und meine Kraft für sich behalten.

Ich hab saumäßige Angst davor und ich bin elend müde, wenn ich nur daran denke, aber es muss sein. Und es gibt eine gewisse Hoffnung (mal mehr, mal weniger), dass unter dem ganzen Zeug wirklich eine Falltür begraben liegt, unter dem der Raum zu finden ist, in dem sich die guten Teile meines alten Ichs verstecken. Vielleicht kann der ein oder andere ja doch reanimiert werden.

Depression Notes 31-03-2020

Um an die letzten Notes anzuknüpfen:
Die Obernachbarn sind leider doch genauso laut wie immer. Nur dass jetzt alle drei den ganzen Tag zuhause sind und laut sind.
(Gestern stand hier noch ein langer Text, in dem ich über sie geschimpft hab. Aber eigentlich will ich das hier nicht haben, darum ist er weg.)

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An so manchen Stellen ist es grade zu lesen: wir alle gehen durch diese Zeit wie durch die 5 Phasen der Trauer. Ich pendle weiterhin – manchmal nur täglich, manchmal aber auch stündlich – zwischen der ersten und der vierten Phase hin und her. Ganz selten mal blitzt für einen Moment ein Gedanke auf wie „es ist eben wie es ist“. Er hält noch nicht lange.

Schaubild "Die 5 Phasen der Trauer"
Die 5 Phasen der Trauer

Der Schock darüber, dass das alles jetzt da ist, dass es so weltumspannend ist, dass Menschen sterben und so viele nicht wissen, wie es weiter gehen soll: der sitzt tief und ist noch lange nicht überwunden. Begreifen kann ich das nicht.

Gestern wurde in Österreich und auch in Jena das Tragen eines Mundschutzes verordnet. In Hamburg sind sie erst vereinzelt zu sehen, aber je mehr es werden und je bunter die selbstgenähten Mundschutze sind, desto normaler wird es. Ist das ein Weg in die 5. Trauerphase, die Akzeptanz?
Das blöde ist: bei allem, was über meinem Gesicht und eng am Hals liegt, kriege ich Panikgefühle, als würde ich keine Luft mehr bekommen. Dass ich früher unter der Bettdecke gelesen habe, ist heute undenkbar. Ich trage Schals und Tücher draußen, aber nur, wenn sie ganz locker sind oder am besten gar nicht rumgewickelt. Ich weiß nicht, warum es so ist, ich weiß nur, dass es so ist.

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Aber ich gehe wieder zur Therapie. Weil ich es brauche, so sehr.
Die Bahnen und Busse sind fast leer, alle halten Abstand – ein Paradies für uns Sozialgestörten. Endlich kann ich mal entspannt sein in diesem öffentlichen Raum und muss keine Sorge haben, wer sich als nächstes und vor allem wie nah neben mich setzt. Ich muss auf der Straße nicht mehr dafür sorgen, dass ich nicht angerempelt werde, weil alle einen großen Bogen umeinander machen. An der Supermarktkasse atmet mir niemand in den Nacken oder rammt mir den Wagen in die Füße. Können wir diese Abstandsmarker bitte für immer beibehalten? Und überhaupt den Abstand zwischen Fremden in der Öffentlichkeit?

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Was wunderschön ist in dieser absurden Zeit:

  • das tägliche Konzert zur Abendstunde, das Igor Levit uns schenkt
  • all die anderen Konzerte und Lesungen auf allen sozialen Kanälen
  • die vielen Fotos zum Träumen, die auf Twitter gepostet werden, weil die Seele jetzt dringend gute und schöne Dinge braucht
  • dass digital so viel mehr möglich ist und gemacht wird, auch von denen, die das bisher als unnütz oder schlecht abgetan haben
  • dass die scheißverdammte AfD grade so wenig Gehör und Aufmerksamkeit bekommt wie schon lange nicht mehr
  • dass viele enger zusammen rücken, obwohl sie weit auseinander sind
  • dass Radreisen sogar virtuell möglich sind und Kunstwerke über alle Grenzen hinweg entstehen wie bei Irgendlink

Depression Notes 22-03-2020

Ich schlafe wieder mit geballten Fäusten, beim Aufwachen tun meine Hände weh.

Immer wieder der kurze Traum von einer der Katzen, wie sie auf dem Balkongeländer turnt und dann fällt. Außerdem sollte ich vielleicht doch mal eine Strichliste führen, wie oft ich eigentlich noch von meinem letzten Job träume, der doch schon 8 Jahre her ist. So unglaublich viel Verletzung ist da noch übrig, es erstaunt mich immer wieder. Oder eigentlich auch nicht.


Das erste, was ich morgens denke, ist: das hast du doch geträumt, oder? Und dann fällt mir ein: nein, das passiert wirklich, das mit dem Virus und dem Zuhausebleibenmüssen und dass alles so anders ist. Ich kann nicht gut umgehen mit dem Nachrichtenstrom, mit all den Gedanken dazu. Immer noch schwirrt in meinem Kopf alles durcheinander, von Panik über schlechtes Gewissen bis zu Mir-egal und wieder zurück, manchmal im Minutentakt.
Es ist so grotesk, absurd, surreal. Wie oft haben wir sowas schon in fiktiven Filmen und Serien gesehen und waren überzeugt, dass sowas nicht in echt sein kann? Wir sind auf sowas nicht eingestellt.


Irgendwie absurd ist auch, wie sich vieles nun umdreht. Die, denen sonst immer gesagt wird, sie sollen doch mal raus gehen, geben nun den anderen Tipps, wie so eine Quarantäne auszuhalten ist. Wir müssen uns keine Entschuldigungen mehr zurecht legen, weil wir Menschenansammlungen lieber meiden, sondern dürfen ganz legitim zuhause bleiben.
Und auch wenn es nicht viel ist, was der Staat für arbeitsunfähige Menschen zur Verfügung stellt: zumindest ist das sicher jeden Monat auf dem Konto, während so viele in den „normalen“ Jobs und vor allem Selbständige um ihr Geld bangen müssen. Wenigstens für diese Situation sind die Hartz4er im Vorteil. Naja, allerdings auch nicht überall: wenn die HamsterkäuferInnen alle Nudeln aufgekauft haben und nur noch die teuren übrig sind, dann kann ich gar keine kaufen. Dafür greife ich im Moment lieber zum in Plastik verpackten Gemüse, obwohl das gegen jegliches Umweltverständnis für mich geht. Das Paradoxe in Zeiten einer Krise.


Noch halte ich mich aufrecht, versuche, mit der Situation umzugehen und was Gutes draus zu machen. Aber in manchen Momenten merke ich bereits, wie es in mir drin anfängt zu bröckeln. Wie die Stimmung sich ändert, die Haut wieder dünner wird.
Wie lange schaff ich das ohne Therapie? Wir haben grade angefangen, an einem wirklich großen, wichtigen Thema zu arbeiten, jetzt hänge ich am Anfang davon und komm nicht weiter. Alleine trau ich mich nicht, ich weiß nicht, wo ich da lande. Aber am Telefon oder per Videoschaltung kann ich mir die Sitzung nicht vorstellen, das ist zu viel Distanz. Ich will sie sehen können dabei, ich brauche diesen Kontakt, ich brauche ihre Reaktion auf mein Gesagtes. Das hab ich nicht, wenn ich mich dauernd darauf konzentriere, ja nicht zu doof auszusehen auf dem Bildschirm. Aber wenn die Ausgangssperre kommen sollte, dann muss ich es machen. Die Vorstellung ist schlimm.

Das Hilfedings fällt auch aus, es gibt keinen Einzeltermin (sie ist allerdings telefonisch zu erreichen) und die Mittwochsgruppe trifft sich nicht. Ich war zwar am überlegen, ob ich da überhaupt weiter hin will, aber die Entscheidung würde ich gerne selbst treffen.

Mir fehlen diese drei Termine, die meine Woche strukturiert haben. Die mir einen Grund zum Aufstehen gegeben haben. Jetzt weiß ich oft nichtmal, welcher Tag ist, weil sie alle gleich verlaufen. Nein, das ist nicht gut, überhaupt nicht.


Zumindest sind die Obernachbarn nicht ganz so laut wie befürchtet. Das ist ja immerhin was.

Depression Notes in Zeiten von Corona

In meinem Kopf geht’s hin und her.
Seit 2 Wochen bin ich dauererkältet (seit Jahren hatte ich das nicht mehr!), seit ein paar Tagen krieg ich schlecht Luft. Sind das Anzeichen dafür, dass das Virus mich gefunden hat? Ich hatte aber nur ganz am Anfang ein wenig erhöhte Temperatur, Fieber kann man das nicht nennen und es ist schon lange wieder weg. Aber ach, woher sollte ich es denn auch haben? Naja, man weiß ja nie. Und wenn doch? Und wenn nicht?

Schulen und Kitas sind geschlossen, ein Ausgangsverbot ist denkbar auch in Deutschland, die friesischen Inseln schotten sich ab, die Grenzen sind zu. Es wird empfohlen, die physischen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren.
Was mach ich also mit meinen Terminen? Die Therapie könnte ich gut brauchen, grade jetzt. Ich hab schon einmal abgesagt und dann war sie im Urlaub, zwei Wochen Pause reicht. Aber ich muss mit Bahn & Bus fahren. Riskiere ich das?
Was ist mit der Zahnärztin am Freitag? Absagen oder nicht?
Mein Hilfedings fährt Notfallprogramm, weil da so viele Menschen aus der Risikogruppe sind. Der wöchentliche Termin mit Frau R. fällt morgen also aus.
Und sollte ich selbst einkaufen gehen, weil es wird schon nichts passieren oder soll ich mir meine Vorräte von den Kindern mitbringen lassen? Die sollen aber doch auch nicht raus gehen!

Und all die anderen Gedanken.
Es ist nur sowas wie Grippe, aber es sterben Menschen. Die Kurve flach halten, aber irgendwann kriegen die meisten es doch. Was, wenn in 2 Wochen alle wieder raus gehen? Ich gehöre nicht wirklich zur Risikogruppe, aber ich könnte es übertragen. Oder gehöre ich mit der Diabetes und dem Alter doch dazu? Nichtmal das weiß ich.

Mittlerweile bin ich komplett verunsichert und das tut mir psychisch überhaupt nicht gut. Ich merke, wie meine in letzter Zeit erstaunlich gute Grundstimmung immer mehr kippt. Ich hab keine Angst vor der Krankheit selbst, aber das ganze Drumherum macht Panikgefühle und das Hin und Her mürbe. Ich muss eine Entscheidung treffen.

Und ich muss mal wieder eine Pause bei Twitter einlegen oder das Lesen auf höchstens eine Stunde am Tag beschränken. Auch wenn es manche Aktionen gibt (Onlinelesungen, tägliches Konzert von Igor Levit, kostenlose Zugänge zu Konzertübertragungen etc.), die wirklich großartig sind und zeigen, dass neben all den idiotischen Sachen auch Solidarität und Zusammenhalt da ist – dass jeder zweite Tweet vom Virus handelt, hilft mir überhaupt nicht.

Selbstfürsorge ist angesagt. Musik hören, lesen, schreiben, meine Fotos bearbeiten, so dass ich sie hier demnächst zeigen kann. Den Balkon aufräumen, damit er bereit ist, wenn der Frühling kommt. Gut zu mir sein, denn ich hab nur mich.

Hoffnungslos überfordert

Eine der schlimmsten Auswirkungen der Depression ist für mich, dass ich mich von der kleinsten Kleinigkeit so hoffnungslos überfordert fühle. Irgendwann und irgendwie krieg ich meinen Kram schon hin (vieles davon jedenfalls), aber bis dahin muss ich immer durch ein tiefes Tal aus „ich kann das nicht“ und „ich will das nicht“ und „ich bin so unfähig“. Jedes einzelne verfluchte Mal, weil die Depression ja leider auch die Lernfähigkeit verhindert.

Ganz aktuell sind das solche Situationen:

* Vom Jobcenter liegt seit 4 Wochen hier ein Schreiben, dass ich doch bitte Bescheid geben soll, was sich denn so tut bei mir und ob der medizinische Dienst nochmal begutachten soll, ob ich arbeitsfähig bin oder nicht. Meine Bezugsfrau dort ist lieb und nett und will mir überhaupt nichts Böses, aber ich schiebe die Antwort weiter und weiter und jedes Mal, wenn ich dran denke (also eigentlich meistens, weil der Brief sinnvollerweise direkt vor meiner Nase auf dem Schreibtisch liegt), rutscht mein Herz eine Etage tiefer und ich möchte weg rennen, obwohl schreiben und formulieren für mich doch nun wirklich nicht fremd und schwer ist. Nein, es gibt keinen Grund für die Überforderung, das scheint die Depression aber nicht zu wissen. Oder es passt eben mal wieder „in ihr Konzept“. (Blödes Ding.)

* Seit letztem Herbst dachte ich immer mal wieder daran, dass ich dringend mein altes EMMA-Abo kündigen muss. Irgendwann hab ich auch mal geguckt nach der Adresse, wo ich das hinschicke, und nach meiner Abonummer und so. Und dann „verlief“ es sich wieder (Prokrastination: als depressiver Mensch beherrsche ich das perfekt) – bis zur Abbuchung vom Jahresbetrag. Den hab ich dann zwar zurück gebucht und auch eine Kündigung per Mail geschrieben, aber als Antwort ein paar Tage später nur die Mahnung bekommen. Das ist dann so ein Moment, in dem die D. ihre Chance sieht und mich in Schockstarre versetzt. Dann versteck ich mich und kann das nicht und weiß nicht, was ich tun soll. Ich könnte anrufen, das ist vermutlich der einfachste Weg zur Lösung, aber bitte, telefonieren? ich? Panik im Anmarsch in 3,2,1 … Ich fühle mich hoffnungslos überfordert und womöglich endet das damit, dass ich die Rechnung bezahle, für die ich absolut kein Geld habe.

* Mein Fahrrad ist schon seit längerem nicht mehr in Ordnung. Die Kette braucht eine Ölung, erster und dritter Gang gehen nicht, die Lampe ist kaputt und am Freitag ist dann auch noch die Feder vom Sattel abgebrochen. Ohne Fahrrad bin ich allerdings aufgeschmissen, weil ich nicht mehr mobil bin. Ich brauche es zum Einkaufen, mit dem HVV brauche ich zu vielen Zielen dreimal so lang, die Bewegung tut mir gut usw. Gehen ist dank der Entzündung im Fuß keine Option.
Inzwischen ist da wirklich viel dran zu machen, damit es wieder fahrtüchtig und verkehrstauglich ist. Ich hab aber kein Geld, um die Reparatur zu bezahlen. Ich selbst kann kein Fahrrad reparieren. Nein, ich kann es wirklich nicht, auch nicht mit Hilfe. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Fühle mich wieder einmal absolut überfordert, die Situation irgendwie zu meistern.

Manchmal sind es ganz kleine Dinge, die ich einfach nicht schaffe. Jeder gesunde Mensch würde nur den Kopf schütteln, weil es so absurd ist.
Ich brauche zwei Stunden, bevor ich am Samstag Nachmittag noch zum Einkaufen fahre: weil ich nicht weiß, was ich anziehen soll, kochen und einkaufen soll, die anderen Leute abwehren soll, weil ich mich scheußlich finde, kein Geld habe, mich noch scheußlicher finde und sowieso ist das alles einfach zu viel.
Ich sitze morgens mehr als eine halbe Stunde im Bad, weil mich schon der Gedanke, wieder einen ganzen Tag rumbringen zu müssen, einfach so müde macht.

Ich brauche Wochen, um eine Entscheidung zu treffen. Ich stecke den Kopf in den Sand, wenn etwas schwieriger wird. Mein erster Impuls ist der Wunsch, dass jemand anderes das für mich macht. Das geht soweit, dass ich mir Dinge versage oder nicht in Anspruch nehme, weil ich die Hürde davor nicht überwinden kann.
Das Schlimme dabei ist auch, dass ich mich so gut dran erinnere, dass das einmal anders war. Das bringt die Fähigkeit, Dinge zu tun, aber nicht zurück. Die Depression hat eine Mauer errichtet, die ich nicht überwinden kann, so sehr ich es will.

Ist es verwunderlich, dass ich diese Krankheit nicht akzeptieren kann?

Pures Glück

Ja, der Titel liest sich vielleicht seltsam zwischen all den Beiträgen hier über meine Depression und die Kämpfe damit, die Traurigkeit, die (hoffnungslose) Suche nach dem Sinn.

Aber es gibt sie auch für mich, die Momente des Glücks. Wenn ich alles Schwere und alle Schmerzen vergesse und einfach nur im Fühlen und im Jetzt bin. Wenn ich einfach lebe.

Da ist das eine Haus auf der wöchentlichen Fahrt zur Therapie, das mit seinen quietschbunten Farben einfach nur Spaß macht. Oder am gleichen Tag auf dem kurzen Stück durch den Park: der Platz unter dem großen Baum, der mich bei Sonnenwetter zum Durchatmen und Innehalten einlädt. Kinder, die alles und jeden um sich herum anlachen, weil ihre Freude noch nicht getrübt wurde. Das überraschte, ehrlich erfreute Lächeln der Frau, für die ich ein paar Sekunden länger stehen blieb, um ihr die Tür aufzuhalten. Aufzuwachen und als erstes blauen Himmel und Sonne zu sehen und zu wissen, dass der Tag gut wird. Im Vorbeigehen irgendwo ein Gedicht zu lesen und mich berühren zu lassen von den Worten. Am Meer zu sein.

Und immer wieder Musik. Diese hier macht, schon bei den ersten paar Tönen, dass mein Herz fast zerspringt, weil so viel Schönheit kaum Platz findet. Dass ich einfach nur glücklich bin, wenigstens für so lange, wie sie dauert.

J.S.Bach: Konzert in a-moll für 4 Klaviere (eig. Cembali), BWV 1065 – I. Allegro

So schade, dass das trotzdem nichts ändert an den grauen Gedanken, dass danach alles wieder beim Alten ist. Aber das Leben ist ja nicht dafür da, uns glücklich zu machen. Tja.

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