Hoffnungslos überfordert

Eine der schlimmsten Auswirkungen der Depression ist für mich, dass ich mich von der kleinsten Kleinigkeit so hoffnungslos überfordert fühle. Irgendwann und irgendwie krieg ich meinen Kram schon hin (vieles davon jedenfalls), aber bis dahin muss ich immer durch ein tiefes Tal aus „ich kann das nicht“ und „ich will das nicht“ und „ich bin so unfähig“. Jedes einzelne verfluchte Mal, weil die Depression ja leider auch die Lernfähigkeit verhindert.

Ganz aktuell sind das solche Situationen:

* Vom Jobcenter liegt seit 4 Wochen hier ein Schreiben, dass ich doch bitte Bescheid geben soll, was sich denn so tut bei mir und ob der medizinische Dienst nochmal begutachten soll, ob ich arbeitsfähig bin oder nicht. Meine Bezugsfrau dort ist lieb und nett und will mir überhaupt nichts Böses, aber ich schiebe die Antwort weiter und weiter und jedes Mal, wenn ich dran denke (also eigentlich meistens, weil der Brief sinnvollerweise direkt vor meiner Nase auf dem Schreibtisch liegt), rutscht mein Herz eine Etage tiefer und ich möchte weg rennen, obwohl schreiben und formulieren für mich doch nun wirklich nicht fremd und schwer ist. Nein, es gibt keinen Grund für die Überforderung, das scheint die Depression aber nicht zu wissen. Oder es passt eben mal wieder „in ihr Konzept“. (Blödes Ding.)

* Seit letztem Herbst dachte ich immer mal wieder daran, dass ich dringend mein altes EMMA-Abo kündigen muss. Irgendwann hab ich auch mal geguckt nach der Adresse, wo ich das hinschicke, und nach meiner Abonummer und so. Und dann „verlief“ es sich wieder (Prokrastination: als depressiver Mensch beherrsche ich das perfekt) – bis zur Abbuchung vom Jahresbetrag. Den hab ich dann zwar zurück gebucht und auch eine Kündigung per Mail geschrieben, aber als Antwort ein paar Tage später nur die Mahnung bekommen. Das ist dann so ein Moment, in dem die D. ihre Chance sieht und mich in Schockstarre versetzt. Dann versteck ich mich und kann das nicht und weiß nicht, was ich tun soll. Ich könnte anrufen, das ist vermutlich der einfachste Weg zur Lösung, aber bitte, telefonieren? ich? Panik im Anmarsch in 3,2,1 … Ich fühle mich hoffnungslos überfordert und womöglich endet das damit, dass ich die Rechnung bezahle, für die ich absolut kein Geld habe.

* Mein Fahrrad ist schon seit längerem nicht mehr in Ordnung. Die Kette braucht eine Ölung, erster und dritter Gang gehen nicht, die Lampe ist kaputt und am Freitag ist dann auch noch die Feder vom Sattel abgebrochen. Ohne Fahrrad bin ich allerdings aufgeschmissen, weil ich nicht mehr mobil bin. Ich brauche es zum Einkaufen, mit dem HVV brauche ich zu vielen Zielen dreimal so lang, die Bewegung tut mir gut usw. Gehen ist dank der Entzündung im Fuß keine Option.
Inzwischen ist da wirklich viel dran zu machen, damit es wieder fahrtüchtig und verkehrstauglich ist. Ich hab aber kein Geld, um die Reparatur zu bezahlen. Ich selbst kann kein Fahrrad reparieren. Nein, ich kann es wirklich nicht, auch nicht mit Hilfe. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Fühle mich wieder einmal absolut überfordert, die Situation irgendwie zu meistern.

Manchmal sind es ganz kleine Dinge, die ich einfach nicht schaffe. Jeder gesunde Mensch würde nur den Kopf schütteln, weil es so absurd ist.
Ich brauche zwei Stunden, bevor ich am Samstag Nachmittag noch zum Einkaufen fahre: weil ich nicht weiß, was ich anziehen soll, kochen und einkaufen soll, die anderen Leute abwehren soll, weil ich mich scheußlich finde, kein Geld habe, mich noch scheußlicher finde und sowieso ist das alles einfach zu viel.
Ich sitze morgens mehr als eine halbe Stunde im Bad, weil mich schon der Gedanke, wieder einen ganzen Tag rumbringen zu müssen, einfach so müde macht.

Ich brauche Wochen, um eine Entscheidung zu treffen. Ich stecke den Kopf in den Sand, wenn etwas schwieriger wird. Mein erster Impuls ist der Wunsch, dass jemand anderes das für mich macht. Das geht soweit, dass ich mir Dinge versage oder nicht in Anspruch nehme, weil ich die Hürde davor nicht überwinden kann.
Das Schlimme dabei ist auch, dass ich mich so gut dran erinnere, dass das einmal anders war. Das bringt die Fähigkeit, Dinge zu tun, aber nicht zurück. Die Depression hat eine Mauer errichtet, die ich nicht überwinden kann, so sehr ich es will.

Ist es verwunderlich, dass ich diese Krankheit nicht akzeptieren kann?

Pures Glück

Ja, der Titel liest sich vielleicht seltsam zwischen all den Beiträgen hier über meine Depression und die Kämpfe damit, die Traurigkeit, die (hoffnungslose) Suche nach dem Sinn.

Aber es gibt sie auch für mich, die Momente des Glücks. Wenn ich alles Schwere und alle Schmerzen vergesse und einfach nur im Fühlen und im Jetzt bin. Wenn ich einfach lebe.

Da ist das eine Haus auf der wöchentlichen Fahrt zur Therapie, das mit seinen quietschbunten Farben einfach nur Spaß macht. Oder am gleichen Tag auf dem kurzen Stück durch den Park: der Platz unter dem großen Baum, der mich bei Sonnenwetter zum Durchatmen und Innehalten einlädt. Kinder, die alles und jeden um sich herum anlachen, weil ihre Freude noch nicht getrübt wurde. Das überraschte, ehrlich erfreute Lächeln der Frau, für die ich ein paar Sekunden länger stehen blieb, um ihr die Tür aufzuhalten. Aufzuwachen und als erstes blauen Himmel und Sonne zu sehen und zu wissen, dass der Tag gut wird. Im Vorbeigehen irgendwo ein Gedicht zu lesen und mich berühren zu lassen von den Worten. Am Meer zu sein.

Und immer wieder Musik. Diese hier macht, schon bei den ersten paar Tönen, dass mein Herz fast zerspringt, weil so viel Schönheit kaum Platz findet. Dass ich einfach nur glücklich bin, wenigstens für so lange, wie sie dauert.

J.S.Bach: Konzert in a-moll für 4 Klaviere (eig. Cembali), BWV 1065 – I. Allegro

So schade, dass das trotzdem nichts ändert an den grauen Gedanken, dass danach alles wieder beim Alten ist. Aber das Leben ist ja nicht dafür da, uns glücklich zu machen. Tja.

Depression Notes 02-02-2020

Immer wieder versuche ich, meine durch die Depression beeinflußten Gedanken so einzuordnen, dass sie keine Abwärtsspirale in Gang setzen. Am besten gelingt mir das in den Therapiestunden, weil ich die oft unfertigen Sätze dort aussprechen und dabei sehr genau formulieren kann. Und weil meine wunderbare Frau S. das richtige Gegenüber dafür ist: sie kennt mich inzwischen recht gut, sie hört zu, ordnet ein und zeigt mir die andere Seite – die aber immer in meiner Reichweite liegt.
Ich bin so unendlich dankbar, dass ich sie habe für einmal in der Woche.


In der letzten Stunde ging es wieder einmal um das Thema der Antriebslosigkeit und der Scham über alles, was ich nicht auf die Reihe bekomme – vor allem auch im Vergleich mit anderen Menschen. Ganz konkret habe ich mich nach langem Ringen mit mir selbst doch dazu entschlossen, eine Hilfe für den Haushalt zu beantragen, weil ich es alleine nicht schaffe dank der vielen depressiven -losigkeiten und der körperlichen Beeinträchtigungen.
Die Entscheidung stand am Ende der gedanklichen Spirale, die bei dem Fußboden beginnt, der so dringend erneuert werden sollte, dann weiter geht über das Ausräumen der vielen (Bücher-)Regale dafür, deren Inhalt aber so lange nicht bewegt wurde, dass alles völlig verstaubt ist, was dann eben auch sauber gemacht werden müsste, was aber so eine riesige Aufgabe ist, dass ich schon beim nur dran denken resigniere. Und außerdem hasse ich Putzen abgrundtief. Und mich, weil nicht zu putzen in dieser Gesellschaft ein Zeichen von Schwäche und Disziplinlosigkeit ist und das ja nur wieder einmal mehr zeigt, dass ich nichts kann und wert bin und darum eigentlich auch keine Hilfe annehmen darf und schon gar nicht auf Krankenkassenkosten.
Frau S. sagt dazu: es ist normal, unangenehme Aufgaben weg zu schieben. Fast jeder tut das. Aber es passt wiedermal so schön in das „Konzept der Depression“, die mir sofort einredet, dass nur ich so schlecht bin. Dass alle anderen das können und ich einfach zu blöd bin. Aber unangenehme Aufgaben sind nunmal unangenehm. Und wenn es Gründe gibt, warum ich etwas nicht kann, dann darf ich mir Hilfe dafür holen, das macht mich nicht zu einem schlechten, unfähigen Menschen. Und selbstverständlich schreibt sie mir die Begründung für die Krankenkasse.


Was ich noch immer nicht verstehe, ist der Gedanke von Frau S., ob es sein kann, dass mein schwarzer Hund nicht nur schlecht ist, sondern mich vielleicht auch einfach beschützen will. Wenn dem so sein sollte, frag ich mich doch, warum er das auf so eine anstrengende, schmerzende und hinterhältige Art macht. Warum er mich immer wieder erstmal in den Abgrund schubst und mich da unten dann alleine lässt. Warum er mir immer wieder die Sätze aus meiner Kindheit um die Ohren haut und dabei hämisch lacht. Oder ist er das etwa gar nicht? Ist das ganz jemand anderes, den ich nicht sehen kann und der Hund taucht einfach immer auf, wenn das passiert ist? Womöglich um mich genau davor, vor dem:der Anderen zu beschützen?
Leider schweigt Igor beharrlich und rückt mit keiner Antwort raus.


Nicht immer sind wir selbst schuld an dem, was wir nicht erreicht haben. Manchmal werden Wünsche einfach nicht erfüllt.


Es gibt keine falsch gegangenen Wege im Leben: ein jeder führt immer zu uns selbst.

„Still Alice“ – vom Fühlen und Lieben

Im Vorbeigehen bin ich heute abend in einen Film im TV gefallen, mittenrein. Das machte nichts, weil ich ihn schonmal gesehen hatte und schnell wieder wußte, worum es geht. Es ist einer dieser Filme, die fast noch besser werden beim mehrmaligen schauen. „Still Alice“: eine berührende Geschichte über eine Linguistik Professorin, die bereits mit Anfang 50 die Diagnose Alzheimer erhält, ganz wunderbar gespielt von Julianne Moore.
Da gibt es am Ende die Szene, wo ihre Tochter ihr vorliest aus dem Theaterstück „Engel über Amerika“ von Tony Kushner, das ist sooo wunderschön, dass ich es hier aufschreiben muss, damit ich es nicht vergesse.

Nachtflug nach San Francisco. Ich jage den Mond durch Amerika. Gott, ich war seit Jahren nicht mehr im Flugzeug. In 35.000 Fuß Höhe erreichen wir die Tropopause, den großen, mächtigen Gürtel voll ruhiger Luft.
Dem Ozon so nahe. wie es nur geht. Ich träumte, wir hätten es erreicht. Das Flugzeug durchbrach die Tropopause, die sichere Luft und erreichte den Rand. Das Ozon, das rau war und zerfetzt. Manche Stellen wirkten abgenutzt, wie ein alter Verband und das war furchterregend.
Aber ich sah etwas, das nur ich sehen konnte, weil ich die wunderbare Gabe besitze, Dinge zu sehen.
Seelen stiegen empor, von der Erde weit unter uns. Seelen von Toten. Von Menschen, die gestorben waren, an Hungersnöten, im Krieg, an der Pest. Sie schwebten nach oben, wie Fallschirmspringer, die auf dem Kopf stehen. Alle viere von sich gestreckt, sich drehend, kreisend. Und die Seelen der Verstorbenen nahmen sich an Händen und Füßen und bildeten oben ein großes Netz aus Seelen. Und die Seelen wurden zu Molekülen aus drei Sauerstoffatomen, zu Ozon. Und der Weltraum nahm sie auf und war damit geheilt. Denn nichts geht für immer verloren.
In dieser Welt durchlaufen wir eine schmerzhafte Entwicklung. Wir sehnen uns nach dem, was wir abgeschüttelt haben und träumen, was kommt. Jedenfalls scheint es mir so.

Die Vorstellung, dass unsere Seelen nach dem Tod übrig bleiben, sich verbinden mit anderen und dann zusammen verschwinden, ist ungemein tröstlich. Das Wissen, dass ich in all dem Grau auch immer noch fühlen kann, ganz bis tief drinnen, auch. Und wenn es nur wegen eines Hollywoodfilms und ein paar aufgeschriebenen Worten ist.


Depression Notes 12-01-2020

Heute morgen beim Kaffee kochen dachte ich so:
meine Therapeutin, Frau R. und die anderen beim Hilfe-Dings, die Haus- und die Diabetesärztin und überhaupt so einige Menschen in meiner Umgebung wollen alle immer, dass es mir besser geht. Dass ich mit der Depression, mit meinem Leben zurecht komme. Dass irgendwas oder möglichst viel positiv ist.

Nur ich, ich steh daneben und mache nicht mit. Weil ich nicht weiß, wozu das gut sein soll. Weil die Hoffnung zu klein, die Aussicht auf ein Licht am Ende des Tunnels nicht da ist. Weil ich doch sehe, dass das alles nicht wirkt: die vielen Skills, die Musik und am Wasser zu sitzen, die Meditationen und Specksteine und das draußen und mit Menschen sein. Mein Fühlen und Denken wird nicht anders, weil ich morgens 5 Minuten bewußt atme oder mittwochs mit Gleichgesinnten frühstücke. Alles Verstehen der Ursachen führt nicht zur wirklichen, vollständigen Heilung.

Es ist, als würde ich mit homöopathischen Zuckerkugeln gegen Krebs kämpfen, wie Pflaster auf einen Knochenbruch oder Handauflegen gegen Hoffnungslosigkeit. Es lindert für eine Sekunde die Symptome, aber es wird nicht heilen.

Was vielleicht helfen könnte, wäre radikale Akzeptanz. Quasi ein Rollstuhl, der die gebrochenen Beine ersetzt. Aber genau das kann ich nicht: weil ich zu genau weiß, wie sich gehen anfühlt. Und weil ich Angst davor habe, was es mit mir machen könnte, wenn ich die Hoffnungslosigkeit endgültig annehmen würde, obwohl ich doch eigentlich schon jetzt keine Hoffnung habe. (Es ist paradox, ich weiß.)
Ja, manchmal wäre ich fast froh, ich hätte wirklich eine körperliche Krankheit, weil sie (vermutlich) fühlbarer und sichtbarer wäre – für mich und für die Außenwelt – als dieses psychische Geschwür im Kopf. Weil ich dann an etwas handfestem arbeiten könnte und nicht an Gedanken, die sich so schnell verflüchtigen oder an hartnäckigen alten Mustern, die so unfassbar schwer zu verändern sind, wenn sie in den Untiefen der Kindheit festsitzen.

Was nützt mir z.B. das Wissen, dass mein mangelndes Selbstvertrauen daher kommt, dass ich als Kind und Jugendliche so oft übersehen wurde, weil andere immer wichtiger waren? Ich kann die Vergangenheit nicht nachholen und ich kann heute auch nicht besser dafür sorgen, dass ich gesehen werde, weil mir das Selbstvertrauen dafür fehlt. Nein, es hilft auch nicht, wenn mir von lieben Menschen versichert wird, dass ich gut bin und liebenswert und ich so toll schreiben kann und ein großes Herz habe, weil ich genau das eben nicht selbst fühle. Wenn ich das in den vergangenen acht Jahren mit zwei Langzeittherapien und drei stationären Klinikaufenthalten nicht gelernt habe, wie soll das weiter gehen? Wie lange soll das noch dauern? Und da ist ja noch so vieles andere, was nicht in Ordnung ist und auch nicht mehr in Ordnung kommt, weil es dafür einfach zu spät ist. Weil diese Krankheit selbst verhindert, dass ich mit einem Leben mit ihr zurecht komme.

Wie lange kann ich so durch- und aushalten?

Depression Notes 05-01-2020

Ausgelöst durch eine Frage von D. neulich habe ich in den letzten Tagen öfter an eine Freundin von früher gedacht, zu der ich schon seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr habe. Vorgestern nachts, ich mag ja eh nicht schlafen, hab ich sie gegoogelt und gefunden. Drei Stunden gestöbert in ihrem Blog und Instagram und dem ihrer Kinder und bei der Gelegenheit auch gleich noch bei vielen anderen aus dem damaligen (Online) Freundeskreis. Wie alt die alle auch geworden sind. Was die so alles machen, wie aktiv sie sind, beruflich und privat.
Und da kam er wieder, der vergiftende Gedanke: was hätte bei mir alles sein können, wenn mich die Scheiß Depression nicht erwischt und so aus der Bahn geschmissen hätte. Wo könnte ich heute stehen, was könnte ich arbeiten und unternehmen und reisen und überhaupt machen.
Das macht traurig. Und unzufrieden und so hoffnungslos.


Direkt vor den Feiertagen ist die Glühbirne der Badezimmerlampe kaputt gegangen. Die einzigen heilen sind in Benutzung und werden gebraucht. Letzte Woche hab ich eine besorgt bei Penny, aber nicht genau geguckt. Passt nicht. Und teuer sind die Mistdinger geworden.
Weil ich sowieso auch eine neue Steh- / Leselampe fürs Wohnzimmer brauche, hab ich mal beim schwedischen Möbelhaus geschaut und ach guck, da kosten die Glühbirnen nur einen Euro. Lohnt sich doch, da mal wieder hin zu fahren. Und jetzt geht das Karussell in meinem Kopf los:
Ich muss zuerst zur Bank. Nehm ich das Fahrrad dafür oder geh ich zu Fuß? Dann muss ich den Weg zurück und ein kleines Stück weiter, um die neue Monatskarte zu holen. Für den kaputten Fuß wird es jetzt langsam schon viel, vor allem, wenn ich daran denke, dass ich ja bei Ikea auch noch rumlaufe. Also doch das Fahrrad? Für das kleine Stück Weg? Aber dann muss ich ja auch wieder zur U-Bahn gehen, also insgesamt wird das einmal hin, einmal zurück, dann wieder hin und ich glaub, ich bleib lieber zuhause und sitze weiterhin im dunklen Bad.
So geht das bei fast allem, was ich mal außer der Reihe machen will. Möchte jemand meinen verqueren Kopf übernehmen, bitte?


Und dann gibt heute auch noch der Kühlschrank seinen Geist auf, als hätte der mich mit seinem übermäßig hohen Stromverbrauch nicht schon genug genervt. Der erste Gedanke, nachdem ich realisiert habe, dass er kaputt ist, war jedoch nicht „ich kann das nicht bezahlen“, sondern „ich kann das nicht regeln“. Jede Kleinigkeit abseits meines normalen Alltags ist zuerst mit Abwehr, Angst und Überforderung verbunden.
Und ich wundere mich, dass ich mich und die Depression nicht akzeptieren kann.

P.S. Am nächsten Morgen: der Kühlschrank arbeitet wieder. Wer weiß, was bei dem gestern quer lag …

Der Blick zurück

Bislang war ich der Meinung, dass so ein Wechsel der Jahreszahl keine große Bedeutung haben könnte. Es wird ja nicht gleich alles anders, nur weil ein neues Datum geschrieben wird. Das müsste ja sonst auch an den anderen 364 Tagen klappen, wenn ich mir vornehme, morgen aber wirklich und wahrhaftig endlich anzufangen mit was immer ich auch machen sollte.
Andererseits gibt es in unserer Welt nun einmal diesen Kreis eines Jahres, der sich mit dem heutigen Tag schließt. Warum also nicht einmal kurz innehalten, zurück schauen auf das was war, ein paar besondere Momente festhalten und sich wichtige Erkenntnisse bewußt machen? Wann, wenn nicht heute, am letzten Tag dieses Kreises?

Und was vor einem Jahr gut war, kann heute nicht schlechter sein, darum sollen es wieder die Fragen sein, die ich im Stern gefunden habe.

15 Fragen für einen persönlichen Jahresrückblick

(Disclaimer: Die Fragen sind teilweise durch die bekannten Fragebögen von Max Frisch und Marcel Proust inspiriert.)

1. Wofür bist du dankbar?

Dass die allerliebste D., diese wunderbare Frau, so hartnäckig war in ihrem Versuch, mit mir in Kontakt zu kommen und dass daraus eine so unglaublich schöne Freundschaft entstanden ist. Dass wir uns verstehen, beistehen, unterstützen, wertschätzen, zuhören, umeinander sorgen auf eine gute Weise und uns dabei ganz nah sind trotz der räumlichen Entfernung. Dass wir miteinander einfach „so“ sein dürfen.
Ich kann nicht oft genug „Danke“ sagen dafür.

2. Was war in diesem Jahr deine Lieblingsbeschäftigung?

Das ändert sich nicht: lesen, schreiben, hören, sehen.
(Blogs und inzwischen, dank technischer Voraussetzungen, auch wieder Bücher; Twitter, Chat und Blog; Musik, alt und neu; Filme, Fotos)

3. Was war dein größter Fehler? 

Der Kurztrip an die Ostsee. Weil er im Verhältnis zum Nutzen zu viel Geld gekostet hat.

4. Wann warst du glücklich?

Wenn ich mit meiner Familie zusammen war. Bei virtuellen Spaziergängen mit D. durch Wald und Wiese. Mit den Klavierkonzerten von Bach auf den Ohren. Am Wasser.

5. Warum hast du das nicht öfter gemacht?

Weil ich es noch nicht schaffe, mich oft genug gut um mich zu kümmern.

6. Was hat sich verändert?

Die Depression hatte in diesem Jahr mehr Raum als vorher, weil ich sie nicht mehr so oft verdränge und mich mehr mit ihr auseinander setze. Es gab – vermutlich deswegen – mehr, tiefere und längere dunkle Phasen als im letzten Jahr. Seltsamerweise fühlt sich das aber nicht negativ an.

7. Worauf bist du stolz?

Dass ich in meinem Hilfedings angekommen bin und mich auf andere, neue Menschen eingelassen habe. Dass ich es andererseits geschafft habe, mich von Menschen zu trennen, die mir nicht (mehr) gut tun, auch wenn das saumäßig weh tut. Dass ich langsam lerne, Hilfe anzunehmen. Dass ich immer noch einen Rest Hoffnung habe.

8. Wer waren in diesem Jahr die 3 wichtigsten Menschen für dich?

Meine Tochter, immer. Meine liebe Freundin D. Meine Therapeutin.

9. Wissen diese Menschen das?

Ich glaube, ja. Ich hoffe es.

10. Mit wem hättest du gern mehr Zeit verbracht?

Mit meiner ersten Bezugsfrau vom Hilfedings.

11. Und mit wem weniger?

Mit all den lauten, rechthaberischen, rücksichtslosen Menschen draußen.

12. Was hast du zum ersten Mal gemacht?

Einem Pferd ohne Worte gesagt, wo es lang geht.

13. Magst du dein Leben?

In wenigen Momenten ja, aber insgesamt (zu) selten.

14. Was sind die drei wichtigsten Dinge, die du in diesem Jahr gelernt hast?

Dass 60 die neuen 100 sind. Dass die andere 60 nicht so schlimm ist wie gedacht. Dass ich Hilfe annehmen darf.

15. Mit welchem Satz lässt sich dein Jahr zusammenfassen?

Ich verstehe Igor nicht.


Also dann, weiter geht’s. Weil aufgeben immer noch keine Lösung ist.

Nur ein Tag

Je näher das Datum rückte in den letzten Wochen und Tagen, desto öfter sagte ich mir selbst: Es ist nur ein Tag. (Es ist nur ein Tag. Es ist nur ein Tag.) Diesen einen Tag werde ich überstehen, wie jedes Jahr. Es ist einer der drei schlimmsten im Jahr, aber er wird vorüber gehen und dann geht es wieder für eine Weile.

Was Weihnachten so schlimm macht für mich? Es ist dieses unvergängliche Gefühl, dass es eine Familie erfordert. Wenn du keine hast, ob biologisch oder selbst erwählt, kannst du kein Weihnachten feiern, wie es sein soll.
Meine biologische Familie besteht aus einer weit entfernten Schwester und meiner Tochter mit ihrem Lebenspartner und meinem Enkel. Die jungen Leute sind dabei, sich ihre eigenen Traditionen zu suchen und da gehöre ich (noch) nicht dazu. Ich akzeptiere das. So, wie sie es feiern möchten, ist es nicht meine Vorstellung; ich würde mich anpassen und dadurch verstellen und mich am Ende doch unwohl fühlen.
Meine erwählte Familie sind eine Handvoll FreundInnen, die viel zu weit weg wohnen.

Obwohl ich aus Erfahrung weiß, dass meine Idealvorstellung von Weihnachten in den seltensten Fällen der Wirklichkeit entsprach, ist sie seit Kindertagen in meinem Kopf und will nicht gehen.
Ich wünschte mir so sehr einen Tag oder mehr zusammen mit Menschen, die ich liebe. Den „Geist von Weihnachten“ – Liebe, Nähe, Zuneigung, Frieden, Fröhlichkeit – gemeinsam erleben und fühlbar machen. Mit Gelassenheit und Heiterkeit den Tag verbringen, vom gemütlichen Frühstück im Schlafanzug über letzte Vorbereitungen, ja, auch einen Baum zu schmücken und Geschenke zu überreichen bis zum gemeinsamen Kochen und Essen, sitzen und reden und lachen und erinnern und auf das Wohl der Vorausgegangenen zu trinken. Ein Tag, an dem alles darf und nichts muss, ausser zusammen zu sein und sich angenommen zu fühlen.
Irgendwas mit Bullerbü in erwachsen.

Die Weihnachten meiner Kindheit fingen so an und endeten in der Regel anders. Streit und Tränen waren praktisch immer dabei, sehr oft auf Seiten meiner Mutter, die sich das alles so schön gewünscht und sich wochenlang bis ans Ende ihrer Kraft geschuftet hatte, um alle zufrieden zu stellen.
Wenn die Familie sich später alle Jubeljahre mal zu dieser Zeit traf, gab es eine Neuauflage der Kindheit. Keines davon möchte ich wiederholen – dann bleibe ich lieber alleine.

Und doch ist sie da, die Sehnsucht, gerade zu Weihnachten. Nach heiler Familie, nach Geborgenheit. Dazu zu gehören. Geschätzt zu werden, geliebt zu werden und das auch sehen zu können.
Ich weiß (zumindest theoretisch), dass ich geschätzt und geliebt werde, aber das macht diesen einen Tag, den ich wie seit langem auch in diesem Jahr wieder alleine verbringe, nicht leichter. Das macht diese ganze Zeit nicht leichter, wenn überall um einen herum von Feiern und Geschenken die Rede ist, wenn sich allseits „frohe Festtage“ gewünscht wird, wenn ich nicht aus Umweltgründen keinen Baum aufstelle und schmücke, sondern weil es alleine einfach zu traurig wäre. Wenn ich am Nachmittag weinend das Weihnachtsoratorium höre, weil ich diese Musik liebe, sie aber einfach nur zu dieser Zeit gehört und ich sie so gerne mit anderen zusammen hören oder noch besser singen würde. Wenn ich mir etwas Besonderes koche am Abend und es alleine esse, hilft die Vorstellung, dass überall auf der Welt andere Menschen auch alleine sind, so gar nicht. Wenn überhaupt, macht es nur noch trauriger.

Weihnachten ist wie kein anderes Fest mit Familie verbunden, ob wir religös sind oder nicht. Wenn du keine Familie hast, wie willst du Weihnachten feiern?

Aber es ist nur ein Tag und er wird vorüber gehen, wie immer. Dann noch Silvester und alles ist überstanden. Bis zum nächsten Jahr.

Mein Min

Beste Tochter der Welt: vor 35 Jahren, als Hamburg im Schnee versank – strahlst du deshalb noch heute wie ein Kind, wenn die weißen Flocken fallen? – kamst du zu mir. Es war Wintersonnenwende, die längste Nacht des Jahres, und sie brachte mit dir Licht in mein Leben. Dich zu verstehen war nicht immer leicht, dich zu lieben jedoch nie schwer. Du bist mein Ein, mein Alles, mein Herz. Du bist ein Teil von mir; ich bin froh, dass du das annehmen konntest und stolz, was du daraus gemacht hast.

Mit dir bin ich erwachsen geworden. Du hast mich Dinge gelehrt, die ich sonst nicht vermisst hätte. Für dich konnte ich mutig sein und damit auch für mich. Deine Art, die kleinen und großen Dinge zu sehen, hat mich immer wieder überrascht und mich zum Nachdenken gebracht.
Dennoch habe ich oft gezweifelt an mir und an uns, ob mein Weg der richtige auch für dich ist, ob das, was ich dir beibringe, dir nützt, ob du stark genug wirst für diese Welt und doch so zartfühlend bleiben kannst. Ich habe versucht, dich durch deine dunklen Seiten zu tragen und bin oft gescheitert. Wir sind durch harte Zeiten gegangen und haben gekämpft: mal mit und mal gegen einander und dann, grade noch rechtzeitig, für uns, für unsere gemeinsame Zukunft als Mutter und Tochter.

Jetzt hast du selbst ein Kind und ich sehe, es war gut. Du gibst weiter, was du für richtig hälst. Du kämpfst für deinen Sohn, dass er seinen Weg findet und gehen kann. Du bist eine wunderbare Mutter. Du bist die beste Tochter, die ich mir vorstellen kann und ich wünsche dir Liebe und Erfolg, Weisheit und ein großes Herz, aber vor allem, dass du glücklich bist.

Danke für dich, mein Min.

Wenn die Angst Purzelbäume schlägt

Heute nachmittag ist Weihnachtsfeier bei meinem Hilfedings. Ich hab mich letzte Woche in einem kurzen Moment des Übermuts dazu angemeldet. Es gibt tolles Essen, ein paar Überraschungen, irgendwas musikalisches. Mehr fröhlich als besinnlich.

Seit 2 Stunden schlägt mein Herz zusammen mit der Angst Purzelbäume und hüpft auf und ab wie auf einem Trampolin. Ich schaff das nicht. Da sind so viele Menschen, ich kenne niemanden außer Frau R. und drei von meiner Mittwochsgruppe, aber 2 davon kennen da so viele und ich will die nicht festhalten, damit ich nicht alleine bin und die dritte ist genau die eine, die ich nicht besonders mag. Und überhaupt ist das alles neu und ich kenne die Räume nicht (das ist in der Zweigstelle von OdW, wo ich noch nie war) und das war eine absolut bescheuerte Idee und wird immer bescheuerter, je länger ich drüber nachdenke. Ich geh nicht hin, ich kann das nicht.
Ich mag nicht angeguckt werden, ich will keinen Smalltalk machen, der mich nur Energie kostet, ich kann nicht in fremder Gesellschaft essen. Und bei so vielen Menschen auf einem Haufen kann ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren und verliere dann auch komplett das Gefühl für mich und dafür, wann es einfach zuviel ist.

Ich weiß, dass ich für mich sorgen muss und darf. Dazu gehört auch, etwas nicht zu tun, wenn es nicht machbar ist. Ich muss mich nicht zwingen zu etwas, das ich mir nicht zutraue. Ich weiß das, aber statt dessen mache ich mich wieder klein. „Was bist du denn für Eine, schaffst nichtmal zu etwas zu gehen, was dir doch gut tun soll!“
Ja, alle dort sind 100% wohlwollend. Keiner will was Böses, vielen anderen dort geht es vielleicht ähnlich, alle haben Verständnis, aber das hilft nichts. Das macht meine Angst nicht weg. Dass ich sie mir nicht erlaube, auch nicht.

Ach, und die Idee mit der Tagesklinik ist auch bescheuert, weil so schlecht gehts mir doch gar nicht und ich hab doch so viel, was ich selbst machen kann, damit es mir besser geht und ich nehm da nur irgendjemandem den Platz weg, die/der es nötiger braucht als ich.
(Finde den Fehler.)

Therapieerkenntnisse

Fünf Jahre sind es her, da schrieb ich von dem kleinen Haus, in dem ich mich so eingerichtet habe, dass es mir relativ gesehen gut geht – solange ich nicht raus schaue und all die Erwartungen sehe, die das Leben an mich stellt.

Daran musste ich denken letzten Donnerstag auf dem Weg zur Therapiestunde. Und dann kam auch wieder die alte Frage auf: geht es mir deshalb nicht gut, weil ich mir nicht erlaube, dass es mir gut geht trotz (oder mit) der Depression?
Weil, wenn es mir gut geht, dann kann ich ja auch wieder arbeiten gehen und muss dem Staat nicht auf der Tasche liegen und dankbar sein für etwas, was ich doch vielleicht gar nicht verdient habe, weil ich an meiner blöden Krankheit ja selbst schuld bin. Und überhaupt geht es anderen ja viel schlechter und die arbeiten trotzdem und kriegen ihr Leben irgendwie auf die Reihe, also darf es mir doch nicht gut gehen, oder?

Nutze ich darum all die Skills nicht, mit denen es mir vermutlich besser gehen würde?

In meinem Kopf weiß ich genau, dass ich das Recht habe, dass es mir gut geht. Dass es niemanden was angeht, weil ich niemandem etwas weg nehme oder es anderen besser geht, wenn es mir schlecht geht. Ich weiß auch theoretisch ganz genau, dass es mir (würde ich all die Skills anwenden) gut ginge, eben weil ich nicht fremdbestimmt arbeiten muss. Dass es womöglich ganz schnell wieder abwärts ginge, müsste ich zurück in die alte Maloche, die ja zu einem großen Teil dazu beigetragen hat, dass es mir schlecht ging, dass die Depression richtig rauskommen konnte. Ich weiß auch, dass ich mit meinen 60 Jahren nicht mehr in den normalen Arbeitsalltag zurück kann. Dass, wenn überhaupt, nur ein langsamer Einstieg möglich wäre und eine sehr reduzierte Arbeitszeit und dass sich das für den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht mehr lohnt.

Ich weiß das alles, aber das schlechte Gewissen bleibt. Dass ich von Geld lebe, das ich nicht (selbst) verdient habe. Dass ich einfach zuhause sein kann, während andere sich abstrampeln da draußen. Dass ich mich „einfach so“ um mich selbst kümmern kann und keine Ansprüche erfüllen muss.
Und das lässt sich nur halbwegs aushalten, wenn es mir nicht zu gut geht.

Aber es darf mir gut gehen. Ich darf etwas dafür tun, dass meine Welt nicht rabenschwarz ist, dass ich Hoffnung haben kann, dass schöne Momente in meiner Seele länger haften bleiben als nur einen Wimpernschlag lang, dass ich „ja“ denken kann und nicht immer „nein“ oder „ja, aber“. Ich darf meine Tage mit guten Dingen füllen, auch wenn sie nur mir alleine nützen. Ich darf genau das arbeiten, was ich möchte und ich darf aufhören damit, wenn die Energie verbraucht ist und wieder aufgefüllt werden muss. Ich darf freitags mit gutem Gewissen frei machen, weil ich in den Tagen davor genug an mir gearbeitet habe. Ich darf mit meinen geliebten Klavierkonzerten von Bach auf den Ohren glücklich durch mein Hamburg streifen und die Wärme genießen, die dabei in meinem Herzen entsteht. Ich darf dafür sorgen, dass es mir gut geht. Weil ich niemandem etwas weg nehme damit. Und weil ich es verdiene, wie jeder andere Mensch auch.

(Könnt ihr mir das bitte vor Augen halten, wenn ich das nächste Mal wieder daran zweifle?)

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