Depression Notes 08-12-2019

Wieviel müde passt eigentlich in einen einzelnen Menschen?


Meine Frau H. vom Hilfedings ist weg. Sie hat aus persönlichen Gründen eine neue Arbeitsstelle und unter dem Gesichtspunkt der Selbstfürsorge kann ich es total verstehen, aber ich bin unendlich traurig und auch ein bißchen wütend, weil mir schon wieder etwas, was wirklich soo gut war, genommen wird. Das passte nicht nur auf einer Arbeitsebene, sondern vor allem auf einer persönlichen, was der wichtigste Grund war, ihr wirklich vertrauen zu können. Mich ihr anzuvertrauen in jeder Hinsicht.

Liebe Frau H., falls Sie das noch lesen: ich bin Ihnen nicht böse. Ich wünsche Ihnen das Allerbeste, weil Sie ein so guter Mensch sind und Gutes verdienen. Danke für alles in dieser zu kurzen Zeit.


Dezember: der schlimmste Monat im Jahr. Wo alle plötzlich besinnlich und harmonisch werden, wo die Familie in den Himmel gehoben und ein „hyggeliges“ Zuhause zum absoluten Ideal erklärt wird. Wo doch jede*r weiß, dass es am Ende wieder Streit gibt und Harmonie an alten Verletzungen zerbricht. Bis auf wenige Ausnahmen eine einzige Farce und Konsumschlacht. Und doch … es nicht zu haben, tut weh, jedes Jahr.

Meine liebe Freundin D. fragte: ist es Neid oder Idealisierung, was uns diese Zeit so schwer macht? Und ich stelle fest, dass ich noch immer idealisiere. Dass ich noch immer denke, dass Weihnachten allüberall schön und fröhlich und harmonisch ist, nur bei mir nicht. Was natürlich kompletter Blödsinn ist und weshalb es auch gar keinen Grund gibt, neidisch zu sein. Ich bin es trotzdem.

Und habe mich entschieden, zur Weihnachtsfeier meines Hilfedings zu gehen. Ich kann jederzeit verschwinden, wenn es zuviel wird. Aber vielleicht wird es ja auch gut. Irgendwie.


Der Nachbar aus dem Souterrain ist gestorben, schon vor zwei Monaten. Ich habe nichts mitbekommen. Achten wir noch auf einander?
Manchmal habe ich – abgesehen vom virtuellen – tagelang keinen Kontakt zu anderen Menschen. Da ich viel Rücksicht nehme und es mir eher unangenehm ist, wenn man mich hört, kriegt im Haus kaum jemand was von mir mit. Ich könnte in der Dusche ausrutschen und da liegen und keiner würde es merken. Kein wirklich schöner Gedanke.


Wenn du zu zwei von vier Schwestern schon lange keine Beziehung mehr hast, die dritte in einer Entfernung von einmal um die Welt lebt und du dann aus Eigenschutz und Selbstfürsorge den Kontakt zu der vierten abbrichst, weil es so einfach nicht mehr weiter geht, schrumpft deine Familie in kürzester Zeit auf „so gut wie nicht vorhanden“. Wenn du dann noch erkennst, dass du in dieser Familie immer klein gemacht und gehalten wurdest, dass du benutzt wurdest, damit es anderen besser geht, dass sie dich nie wirklich gesehen und doch immer hingebogen haben, wie sie es brauchten und dass du das alles mit dir hast machen lassen, weil du einfach nur auch dazu gehören wolltest, dann ist es kein Wunder, wenn deine Welt immer grauer wird und du dich für lange Zeit in dein Schneckenhaus zurück ziehst und versuchst, dort irgendwie wieder heil zu werden.


Wie oft wird ein schwer depressiver Mensch ins Loch fallen und wieder raus krabbeln, bevor es genug ist?

Was wäre

Was, wenn ich einfach nicht aufstehe, einfach liegen bleibe, bis ich weg bin, einfach nicht da bin? Was, wenn ich einfach nicht mehr mitmache? Was, wenn ich einfach aufhöre so zu tun, als sei da irgendwas in Ordnung und nur annähernd lebenswert?

Was wäre, wenn da Einer wäre, der einfach da wäre für mich und für uns, der mir einen Kaffee ans Bett brächte und sagte, komm wir gehen zusammen raus, ich bin da, direkt neben dir, ich gehe nicht weg. Der mich wärmte, mich hielte, mir seine Hand reichte, einfach da bliebe, bis ich soweit wäre. Der mich nähme mit allem und sich selbst gäbe mit sich und wir zusammen stünden und uns Mut machten. Was wäre, wenn da Einer wäre?
Aber da ist keiner. Da wird auch keiner mehr sein für immer, auch wenn das Immer gar nicht mehr so lange ist. Da bleibt nur allein, da bleibt nur das Bedürfnis und die Fähigkeit zu lieben, die für nichts gut sind.

Da ist nur die Sehnsucht, die immer wieder überquillt und aus mir heraus strömt, so viele Nägel ich auch hineinschlage, die einfach keine Ruhe gibt, die jeden schwachen Moment ergreift und sich fest krallt an mein Herz und so tut, als sei da noch irgendeine Hoffnung, als ginge da noch was, wenn ich mich nur genug anstrenge. Als gäbe es noch den Einen irgendwo da draußen und ich müsste nur meine Angst vor dem Draußen überwinden und könnte ihn finden, den Einen, der sich nicht an mir stört und der stark genug ist für mich, der nicht weg läuft, wenn es schwer wird, der sich sicher ist in seinem Gefühl, der keine Angst vor Gefühl hat und keine vor mir.

Was wäre gewesen, wenn ich damals [mehr Selbstvertrauen gehabt hätte, fordender gewesen wäre und stärker, mehr vertraut hätte, mehr gewußt hätte, den Einen zum Bleiben hätte bewegen können…] – wäre ich heute auch alleine, einsam, mutlos, verloren im Kampf mit mir selbst?

Was wäre, wenn ich einfach los ließe, die Sehnsucht, die Liebe, die Hoffnung? Ließe ich auch mich los?

Unerwartetes Licht

Und dann ruft unerwartet aus heiterem dem seit Tagen verhangenen Himmel die große Schwester aus Neuseeland an und wir reden ganz lange über Leichtes und Schweres, Gegenwärtiges und Vergangenes, und sind uns über die räumliche und zeitliche Entfernung ganz nah.

Fast ein Jahr ist vergangen seit dem letzten Gespräch – viel zu lange. Wieder einmal nehmen wir uns vor, öfter miteinander zu sprechen oder wenigstens kleine Nachrichten zu schicken – die moderne Technik macht es ja eigentlich so einfach. Ob wir es diesmal schaffen? Sie ist zehn Jahre älter als ich, es bleibt nicht mehr endlos viel Zeit.

Als hätte das Universum das gespürt, ist der Himmel heute morgen klar und strahlend blau, die Sonne scheint aus voller Kraft. Um mich herum und aus mir heraus strahlt es hell, ich bin glücklich.

Hinter grauen Schleiern

Die Sicht grau verfärbt, die Aussicht trüb, der Blick verhangen. Mutlos, kraftlos, Hoffnung hat keine Chance gegen das Einerlei, Glück ist nur eine ferne Erinnerung.
So fühlen sich die vergangenen Wochen an.

Ich gehe auf Autopilot irgendwie durch den Alltag, weil es eben sein muss. Dusche, esse, schlafe, halte meine Termine ein, bemühe mich um irgendeine Normalität, aber das Gefühl kommt nicht an in mir. Meine Haut ist aus Teflon, alles perlt an mir ab, da ist nichts haltbares. Einzig die Gespräche mit der lieben (leider so fernen) Freundin sind wie kleine Lichtflecken in den Wolken.

Beim Termin mit Frau H. von OdW reden wir (wiedermal) über Skills: was tut mir gut, was hilft gegen Löcher, was stabilisiert? Ich zähle auf – und denke dabei: aber es hilft ja nicht. Musik? Hab ich wochenlang nicht gehört. Schreiben fällt so schwer, wenn da keine Wörter sind. Malen, stricken, Speckstein… ach, lassen wir das.
Schlafen. Schlafen tut gut, sofern ich meine Angst davor überwinden und spät nachts endlich ins Bett gehen kann. Sofern ich dann nicht da liege und der Kopf anfängt zu rotieren und sich an Vergangenes zu erinnern und mir schlimme Träume bringt und der nächste Tag wieder nur grau und müde und ohne Hoffnung ist.

An sowas wie Arbeit ist nicht zu denken. Die kleinsten Dinge sind nicht zu schaffen. Einen Fragebogen ausfüllen für OdW. Eine Mail an den Vermieter schreiben wegen der Dinge, die in der Wohnung zu richten sind. Eine Ergänzung zum Hilfeplan schreiben und abschicken, weil es wichtig und für mich ist. Die Tochter in ihrem Job unterstützen mit etwas, das ich eigentlich kann und gerne mache.
Nichts davon schaffe ich. Statt dessen kommt das altbekannte schlechte Gewissen, das überhaupt nichts bewirkt außer mich schlecht und mies und wertlos zu fühlen.

Ich sehne mich nach einem Ort, wo ich mich fallen lassen kann.

Gestern Abend plötzlich spüre ich, wie sich der Vorhang hebt, der Schleier vor den Augen weggezogen wird, die Sicht klarer wird. Licht fällt in den Raum und in meine Seele. Vielleicht geht es ja doch weiter.
Das Dumme ist: ich weiß nicht, woher es kam. Waren es meine eigenen Gedanken, die auf einmal Fuss fassen konnten in mir? War es das entspannte Telefongespräch mit der besten Tochter der Welt? Das Verständnis und die Liebe von ihr, die mich berühren konnten? Oder hatte Igor einfach keinen Bock mehr auf das ganze Grau? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich heute nicht mehr ganz so müde bin wie gestern, dass ich heute ein kleines bißchen besser denken kann, dass der Himmel ein wenig strahlender ist als gestern.
Wenn ich jetzt noch wüßte, wie ich das halten kann, dann wäre viel gewonnen.

Depression Notes 13-09-2019

Letzten Sonntag mit Tochter und Enkel an der Ostsee gewesen, ziemlich spontan. Mit dem Zug nach Travemünde, Strandkorb gemietet, drei Stunden aufs Wasser geguckt und versucht, den Kopf zu entschleunigen. Große Liebe zu meiner Familie. Glücklich zuhause angekommen. Und am nächsten Tag wieder eingeholt worden.

Travemünde an der Ostsee: Strand und Meer, sehr blauer Himmel, von links dicke weiße Wolkenberge.
Ostsee, Travemünde

Schon wieder war alles zuviel: was ich in der Therapie und bei OdW erarbeitet und erreicht habe, der erneute Schwesternkonflikt, der wunderschöne Tag. Die Energie am Limit. Aber ich kann nicht einfach ausruhen, langsam machen, Kraft einteilen: ich falle immer auch ins Loch. Trübste Gedanken, alle -losigkeiten auf einmal. Also hab ich alle Termine abgesagt für diese Woche und mich in mein Schneckenhaus verzogen. Da ist es warm und ruhig, da bin ich sicher.
Auch das ist erlaubt und zählt als Selbstfürsorge: mich bewußt gegen etwas zu entscheiden, was mir sonst gut tut.


Und dann war da diese Nachricht auf Twitter, dass Einer, der vor 20 Jahren sich vor einen Zug fallen ließ, seine Beine verlor, ein neues Leben gewann und fortan unzähligen Menschen in gleicher oder ähnlicher Lage Mut machen konnte, dass dieser Mensch nun doch gegangen ist durch eigenen Willen.
Das macht mich traurig, für ihn und alle anderen, dass es nicht gereicht hat zum Bleiben, dass die dunkle Seite schwerer wog, die Kraft erschöpft war. Aber ob der Wunsch zu sterben dahinter steht oder eben SO nicht leben zu wollen und können: in jedem Fall ist es die Entscheidung jeder*s Einzelnen, die nicht zu bewerten und nicht zu richten ist von uns. Auch wenn wir mit dem Tod der anderen leben müssen.


Was mich noch traurig und gleichzeitig wütend macht: eigentlich wäre ich jetzt beim Beach Camp in Sankt Peter-Ording, wie in jedem September seit 3 Jahren – wenn da nicht jemand ganz bewußt Steine zwischen meine Füße geworfen hätte aus an den Haaren herbei gezogenen Gründen und mimosenhaftem Beleidigt-Sein.
Dass ich wiedermal auf Einen reingefallen bin, der das Blaue vom Himmel versprochen und nichts davon gehalten hat, für den Menschen keinen Wert mehr haben, wenn er sie nicht mehr braucht, lässt sich nun nicht mehr ändern. Eines Tages lasse ich auch das hinter mir.


In der Platane vor meinem Haus tschilpt ein kleines Meislein vor sich hin. Dabei fällt mir auf, dass ich den ganzen Sommer durch an der Straße außer Amseln und Schwalben keinen einzigen Vogel gehört habe. Im Hinterhof tummelt sich einiges, aber nach vorne raus: nichts. Ist es denen auch zu laut?

60 ist das neue 100

Mit dem richtigen Satz zur richtigen Zeit gewinne ich so manches Mal neue Erkenntnisse, die dann auch dauerhaft bleiben und für den Alltag taugen.

So klagte ich bei meiner Frau H. von OdW vor einiger Zeit mal wieder darüber, dass ich im Vergleich zu der Zeit vor der Krankheit nur noch höchstens 60% der Energie übrig habe und wie sehr mich das einschränkt, stört, traurig macht.
Da kam von ihr der entscheidende Satz, der meine Einstellung wirklich verändert hat:

Dann versuchen Sie doch, die jetzt vorhandenen 60% als 100% zu sehen.

So einfach kann das manchmal sein.

Und so langsam ist die Erkenntnis auch in meinem Bewußtsein angekommen. Mein Energievorrat hat ein bestimmte Größe, damit muss ich haushalten. Er wird nicht kleiner oder größer dadurch, dass ich mich mit anderen oder meiner Kraft von früher vergleiche. Mein Leben ist ein anderes als vor 10 Jahren. Wenn ich das nicht akzeptiere und immer nur hadere damit, wird es mir immer schlecht gehen.
Darum gilt ab sofort: Sechzig ist das neue Hundert!

Gegenwartsgedanken und Zukunftsfragen

In drei Monaten werde ich 60.

Wenn ich mich zurück erinnere, wie schrecklich ich damals die 50 fand, bin ich jetzt dagegen eigentlich relativ gelassen. Wahrscheinlich liegt das am Alter. 😉
Aber natürlich hat sich seit damals viel verändert in meinem Leben. Nicht mehr zu arbeiten wird mit den Jahren doch etwas normaler, „erlaubter“. Ich hab immer noch nicht vollständig akzeptiert, dass ich nicht mehr leistungsfähig bin, aber dieses drängende Gefühl, noch etwas Großes erreichen, schaffen zu müssen, lässt doch nach.

Die Zukunft wird schmaler, die Gedanken gehen immer mehr in die Richtung „was will ich noch, was schaffe ich noch“ und „wo will ich sein für den Rest der Zeit“.
Und da entwickelt sich dieser Tage wiedermal ein sehr drängendes Gefühl: so sehr ich sie auch liebe – die große Stadt nervt zunehmend.

So viele Menschen, die stur nach sich selbst schauen, keine Rücksicht mehr nehmen. Die sich selbst am nächsten sind und denen alles andere egal ist. Bei denen es nicht mehr heißt „mein Verhalten stört dich? Das tut mir leid, ich versuche es zu ändern, damit wir beide damit leben können“ sondern „mein Verhalten stört dich? Dann geh doch woanders hin“. Die ohne links und rechts zu gucken ihren Weg gehen. Bei denen ein Mit-Denken nicht vorkommt.
So viel Verkehr, nicht nur auf den Hauptstraßen. Autos, Autos, Autos, wo man hinschaut. Unsere Straße – mit recht-vor-links-Regel, 30 h/km Begrenzung, hauptsächlich Wohnungen mit nur wenigen Läden dazwischen – wird als Abkürzung zur parallelen Hauptstraße genutzt. Die Autofahrer*innen sind hier schneller als nebenan mit den Ampeln. So war das nicht geplant.
So viel Lärm. Drinnen, manchmal, dank der Nachbarn über mir. (Nein, ich will ihnen das Laufen nicht verbieten.) Draußen, weil ich die frische Luft will und brauche und darum von Frühling bis Herbst meine Balkontür offen steht, dadurch aber auch jedes Geräusch eindringt. Ich bin froh, dass das Restaurant gegenüber montags Ruhetag hat. Ich fürchte mich schon heute vor dem jährlich stattfindenen Fest auf dem großen Platz, das am kommenden Wochenende von Freitag bis Sonntag geht und eine einzige musikalische Belästigung sein wird. Dass die KiTa-Kids auf dem Spielplatz im Hinterhof inzwischen täglich regelrechte Wettbewerbe veranstalten, wer am längsten am lautesten schreien kann, und die Erzieher*innen auch nach einiger Zeit nichts dagegen unternehmen, verstehe ich nicht. Von dem ständigen Strom an Autos, die hier durch rasen, schrieb ich bereits.
Vieles könnte anders sein, wenn es mehr Miteinander und mehr Rücksichtnahme gäbe. Anderes ist eben, wie es ist – aber ich will es nicht mehr aushalten müssen. Ich will und kann meine reduzierte Energie nicht mehr für solche Dinge hergeben. Und ich hab keinen Nerv mehr, mich blöd anmachen zu lassen, wenn ich was dagegen sage.

Ich bin perfekt geschult im Aushalten von unangenehmen Dingen – es wird Zeit, mich mal im Um-mich-selbst-kümmern zu üben.
Was will ich also noch für die letzten 10 oder 20 Jahre?

Wenn ich einfach könnte, wie ich wollte, dann würde ich aus der großen Stadt raus und in eine kleine Stadt ans Meer wollen. In einer ruhigen Straße am Rand wohnen, von wo aus ich mit dem Rad sowohl zum Einkaufen, ins Zentrum und zum Bahnhof als auch in die Natur komme. Alleine in meiner Wohnung, aber innerhalb einer Gemeinschaft, in der man sich umeinander kümmert und auch was gemeinsam machen kann. In der sich Jede*r nach ihren*seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten einbringt. Bunt gemischt, multikulturell, jung und alt. Überschaubar muss es bleiben, nicht zu groß, nicht ständig aktiv. Aufgeschlossen, tolerant, respektvoll, rücksichtsvoll. Miteinander, nicht nur nebeneinander. Zusammen sein können, aber auch alleine, so lange ich es brauche.
Das ganze nicht zu weit weg von der großen Stadt, damit der sichtbare Kontakt zu Tochter und Enkel bleibt. Wir sehen uns sowieso nicht so oft, mit einer gewissen Entfernung dann aber vielleicht länger und intensiver, ohne Ablenkung vom Alltag.
Und ja, wenn ich schon hier weg ginge, dann sollte bitte das Meer in der Nähe sein. Nord- oder Ostsee, inzwischen nehm ich beides. Ich weiß, dass es dadurch schwerer wird, aber was bitte sollte ich denn in einem kleinen Dorf in der Pampa, wo es weit und breit kein Wasser gibt? Da geh ich doch ein. Also, endlich ans Meer. Vielleicht wird das dann nochmal was mit der Entspannung auf meine alten Tage.

Arbeiten möchte ich noch ein bisschen. Zuhause am Schreibtisch sitzen und selbständig zur Rente dazu verdienen. In der anderen Zeit was anderes machen, weg vom Rechner. Oder endlich in Ruhe schreiben. Wieder Klavier spielen. Socken stricken, Kuchen backen, vorlesen, meine Ohren und Schultern zur Verfügung stellen. Gebraucht werden, aber nicht zuviel. Gewollt werden: davon nie genug. Angenommen werden im Jetzt.

Wenn nichts dazwischen kommt, hab ich wohl noch so 20 Jahre hier. Ein Viertel meines ganzen Lebens, immerhin. Damit sollte doch noch was anzustellen sein, was mir gut tut. Nicht mehr nur aushalten, weil ich es ja nicht anders verdient habe oder weil es halt nicht zu ändern ist. Sondern Hilfe annehmen und aktiv werden, um es besser zu haben für den Rest der Zeit.
Schaff ich das? Kann ich mir das erlauben?

Depression Notes 13-08-2019

Seit Monaten war in meinem Duschschlauch ein Loch. Notdürftig zugeklebt mit Klebeband. Dann gab es bei Penny im Angebot Duschschlauch und -kopf. Hab ich natürlich genutzt und beides neu besorgt.
Nächste Aktion: das alte Ding abmontieren. Tja, rührt sich nicht. Alles verkalkt? Also tagelang Entkalker drauf, immer wieder die Zange angesetzt, nichts geht. Mist.
Was mache ich? Aushalten, was sonst. Dann bleibt es eben kaputt, ist ja typisch für mich, ich krieg das eben nicht hin und bin sowieso selbst schuld.

Am Samstag hab ich dann meinen netten Nachbarn getroffen und spontan gefragt, ob er vielleicht demnächst ein paar Minuten Zeit hat für mich. Kräftiger junger Mann, ihr wißt schon. Gestern war er da. Guckt, setzt die Zange an, dreht – und schwubb ist er ab, der olle Schlauch.
Stellt sich raus, ich hab in die falsche Richtung gedreht. Rechts rum statt links. Kann ja nichts werden. Ist mir ja peinlich, aber ich steh jetzt dazu.

Aber:
das ist sooo typisch für mich, für die Depression. Dass ich 100%ig davon ausgehe, dass es natürlich an mir liegt, dass ich das Ding nicht ab kriege. Dass ich deswegen auch kein Recht auf Hilfe habe oder überhaupt auf einen neuen Schlauch. Weil ich es ja selbst so weit habe kommen lassen, dass alles verkalkt ist, weil ich nicht geputzt habe und dass ich darum mit dem kaputten Ding leben muss für immer. Auch wenn ich mich jeden Tag ärgere. Selbst Schuld eben.
So überzeugt bin ich von diesen Gedanken, dass ich nicht einmal auf die Idee komme, es mal andersrum zu versuchen.

Da frage ich mich doch: wieviele andere Dinge verbau ich mir in meinem Leben, weil ich vor lauter „geschieht mir ganz recht“ und „ich habs ja selbst verbockt“ stur in eine Richtung gucke und nichts anderes zulassen kann?

Einsturzgefahr

Vor ein paar Tagen ein Traum:

Ich stehe in meiner Strasse vor dem grossen Haus nebenan, dem mit dem Innenhof, und baue per Laptop neue Wände für eine neue Wohnung davor. Als ich das Programm aktualisiere, werden die Wände real, aber sie sind nicht fest, ich könnte sie mit einem Schubs umwerfen. Viele Menschen sind da, Handwerker, Nachbarn, Fremde. Es ist Freitagnachmittag, alle wollen Feierabend machen und ins Wochenende gehen. Es heißt, ich solle die Wände mit Mörtel befestigen am alten Haus, so dass sie sicher sind. Ich kann das aber nicht, ich habe das doch noch nie gemacht, ich weiß gar nicht wie das geht.
Jemand sticht Fenster aus den Wänden aus, aber sie sind an der falschen Stelle. Eine Frau zieht mit einer Winde von außen an den Wänden, viel zu stark, das kann nicht gut gehen. Ich sage ihr, sie soll aufhören damit, aber sie zieht weiter. Ich gehe ins Haus rein, weil ich den bevorstehenden Einsturz aufhalten will, aber die Decke fällt runter und dicke Mauerplatten kommen von oben auf mich zu. Ich versuche, sie mit meinem Rücken aufzuhalten, damit sie mich nicht unter sich begraben. Denke „das ist mein Ende“ und wache auf mit den real gesprochenen Worten „Ich habe Angst“.


Da ist der neue Raum bei OdW, dem Hilfedings. So viel unbekanntes, nie erlebtes. Menschen, die mich unterstützen wollen und können, die mir helfen, weil ich Hilfe brauche. Neue Menschen, die kennen zu lernen sind. Wie kann ich damit umgehen, plötzlich nicht mehr alleine zu sein? Aber auch die Frage, wieviel Neues ich in meinem Leben noch brauche, aushalten kann.

Und da sind Themen in der Therapie zu bearbeiten, die ich lange weg geschoben habe und die nach dem Bruch mit der Familie massiv hoch kommen. Erinnerungen, die mich bedrücken, die mir zeigen, wie weit außen ich stand und noch immer stehe. Erinnerungen, die – laut ausgesprochen – die Fassade zum Einsturz bringen können.

Ich weiß nicht, wohin das führen wird. Ich habe Angst, dass es mich erdrückt.

Der schwarze Hund

So eine Depression hat viele Gesichter: mindestens so viele wie die Zahl der Menschen, die diese Krankheit mit sich tragen. Jede sieht anders aus, passt sich seiner*m Träger*in an. Aber auch die eigene Depression kommt in verschiedenen Gestalten, Versionen, Kleidern.

Meine Depression heißt Igor und ist in meiner Vorstellung ein kleiner, schwarz-weißer, abgrundtief hässlicher, ewig kläffender Hund. Er liegt oft mitten im Weg, ständig muss ich ihn wegschieben oder über ihn drüber steigen. Außerdem ist er wahnsinnig pessimistisch und unsicher und um das zu kompensieren, hält er mir immer wieder unter die Nase, wie schlecht und unwürdig ich bin und dass ich ja selbst Schuld an allem bin und sowieso nicht wert, geliebt zu werden. Ich weiß, dass er sich damit nur besser machen will, aber verdammt, er ist wirklich überzeugend.

Nur manchmal, wenn es mir sehr gut geht, verzieht er sich in seine Ecke und schmollt: Igor mag fröhliche und lachende Menschen nämlich nicht und schon gar keine, die stark und hoffnungsvoll sind. Dann wird er klein und unscheinbar und ich könnte ihn fast mögen, wie er da so frustriert und traurig rumhängt. Die Betonung liegt auf „fast“.

Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Zeiten (nicht mehr oft, aber besonders gerne nach solchen für ihn traurigen Phasen), in denen er ganz still und leise in seiner dunklen Ecke wächst und wächst und sich irgendwann fast unbemerkt an mich dran hängt, an meinen Beinen zieht und sich über meine Schultern legt und immer schwerer und dichter und furchterregend wird. Dann dringt er in mich ein und blockiert meine Gefühle und lähmt mich von innen heraus. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie nach der Spritze beim Zahnarzt: du weißt, dass er da ist, aber du spürst ihn einfach nicht und er gehorcht dir auch nicht. Dann geht einfach nichts mehr. Dann bin ich nur noch müde, müde, müde. Alles andere ist egal. Aufstehen, duschen, Haushalt, reden, andere Menschen… zu viel, alles zu viel. Dann spüre ich nur das Gewicht von diesem schwarzen Hund auf mir und habe nicht genug Kraft, um ihn abzuschütteln, weil er dreimal so groß ist wie ich und ich immer noch kleiner werde. Ich hasse diesen Zustand, aber wer schonmal versucht hat, mit einem ausgewachsenen Neufundländer auf dem Rücken sich die Zähne zu putzen oder zu staubsaugen, der weiß, dass das beim besten Willen nicht geht. Du kommst gegen diese Masse einfach nicht an.

Wenn ich irgendwann realisiert habe, dass das grade nicht nur eines von den normalen schwarzen Löchern ist, in die ich immer mal wieder falle, aus denen ich aber gelernt habe, halbwegs gut wieder raus zu krabbeln, sondern dass der Riesenhund sich so ausgebreitet hat, ist es schon zu spät. Dann brauche ich viel Geduld mit uns, mit Igor und mir, und vor allem Akzeptanz und Selbstfürsorge. Der lässt sich nicht einfach abschütteln und dann ist es gut – das dauert seine Zeit, bis er sich aus mir zurück zieht. Ich habe bisher noch keinen anderen Weg gefunden, als ihm diese Zeit zu geben und dabei den Mut nicht zu verlieren. Und danach dauert es eben auch nochmal eine Weile, bis die Betäubung nachlässt und ich wieder was fühle und sehe und mich wieder bewegen kann. Das ist einfach so, damit muss ich klar kommen.

Das ist die Phase, in der ich jetzt grade stecke, nachdem das Treffen mit den Lieblingsmenschen in Malente so unglaublich schön war. Wo es mir so gut wie lange nicht mehr ging, weil ich mich so akzeptiert und sogar gemocht gefühlt hab; weil wir so nah miteinander waren, als würden wir uns immer noch täglich sehen und weil das soo gut tut. Und wo Igor nicht mit durfte.
Ich habe es nicht kommen sehen, es hat mich aus dem Nichts – oder besser: aus dem Glück von hinten überfallen. Ich bin noch immer dabei, mich von dem Schatten zu lösen. Aber ich lerne daraus.

Mein Leben dreht sich inzwischen nicht mehr nur um Igor, trotzdem bin ich doch bei allem, was ich tue, immer mit einem Stück Aufmerksamkeit bei ihm: damit ich rechtzeitig erkenne, wenn er sich in den großen schwarzen Hund verwandeln will und dagegen steuern kann. Das verbraucht einen Teil meiner Energie, von der ich sowieso nur noch ungefähr 60% habe. Das ist, was keine*r sieht von außen. Das ist, was nur die kennen, die auch einen solchen Hund zuhause haben.


Ihr wollt ihn sehen, meinen schwarzen Hund? Dann guckt ihr hier. Aber ich warne euch vor, er ist wirklich hässlich. Sozusagen der hässlichste Hund der Welt. Und eigentlich heißt er auch nicht Igor, sondern Peanut, aber das hab ich erst später erfahren, nachdem ich beim Anblick des Fotos meinen Hund erkannt und ihm den Namen verpasst habe. Jetzt gibt es ihn eben zweimal, das stört ja keinen.


Die Bezeichnung stammt übrigens aus dem sehr guten, sehr berührenden Buch „Mein schwarzer Hund“ von Matthew Johnstone, das man in jedem lokalen Buchladen kaufen oder bestellen kann. Eine Kurzfassung als Video gibt es z.B. bei Youtube.

Depression ist…

Depression ist, wenn es sich anfühlt, als wären Körper, Herz und Seele betäubt. Wenn jede Bewegung Überwindung kostet, der Rücken vor Anspannung fast bricht und Worte eine halbe Ewigkeit brauchen, um im Kopf einen Satz zu bilden. Wenn das einzige, was fließt, die Tränen sind. Wenn Hoffnung eine ferne Erinnerung ist.

Depression ist auch, nach einem extrem schönen Tag *) mit Schallgeschwindigkeit ins schwarze Loch zu rasen und trotz vorhandener Skills einfach keinen Halt zu finden, um die Fahrt zu stoppen. Weil es für die Sehnsucht nach Liebe, nach Zusammengehören und Zusammensein keine Skills und keinen Ersatz gibt.

Jetzt grade möchte ich nichtmal das eine Jahr.

Aber ja, natürlich werde ich mich wieder zusammenreißen, natürlich werde ich weiter machen, die Tränen runterschlucken, die Maske flicken und mich weiterhin in diesem dummen kleinen Leben irgendwie durchwühlen. Was bleibt mir übrig.


*) Lieblingsmenschen in Malente treffen und die Orte aus dem letzten Jahr aufsuchen

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