Müde

Zu spät ins Bett. Wilde Träume, unruhiger Schlaf, 15 Minuten vor dem Wecker aufgewacht.


Donnerstag ist Therapietag. Keine anderen Termine an Donnerstagen, nur kurz bei Aldi rein auf dem Rückweg, normalerweise gibt es da zwei Croissants (eins für gleich, eins für das Frühstück am Freitag) und wenn noch was Frisches gebraucht wird. Heute gab es weder noch, schade eigentlich.


Therapietage sind ganz oft müde Tage, hauptsächlich danach. Nicht nur psychisch und im Kopf, sondern tatsächlich auch körperlich. Manchmal steh ich dort vom Stuhl auf nach den 50 Minuten und wiege plötzlich 5 Tonnen. Der Körper ist schwer, als hätte ich die ganze Zeit Sport gemacht und nicht einfach nur in meinem Innersten gewühlt, diverse Vergangenheitsgeschichten ausgegraben und unzählige Steine umgedreht dafür. Ähm, warte mal …
Und so schlurfe ich heute vom Schreibtisch zum Sofa in die Küche zum Onlinelieferdienst zur Tür zum Sofa. Müde.


Nach der heutigen hab ich jetzt noch 25 Stunden übrig. Urlaub und Feiertage eingerechnet wird die Therapie also voraussichtlich Anfang 2021 zu Ende gehen. Wir überlegten heute, die letzten 10 Stunden nur noch alle 2 Wochen zu machen, um mich langsam zu entwöhnen.
Danach gibt es noch eine Möglichkeit für Gespräche, das muss ich Frau S. aber nochmal genau fragen (die Info passte nicht mehr in meinen Kopf).

Es sind noch lange nicht alle Themen bearbeitet, aber im Rückblick sehe ich, dass sich schon viel verändert hat in den letzten zwei Jahren. Darauf bin ich stolz. Und wenn ich es mal nicht sein kann, hat Frau S. meine Erlaubnis, stellvertretend für mich stolz zu sein.


Eine Idee, an der noch weiter zu denken ist: gezielt nach Kliniken für Essstörung zu suchen. Mir auch in diesem Bereich Hilfe zu holen. Weil ich es wert bin?

Lazy rainy wednesday

Eine blöde Nacht war das. Gefühlt stundenlang der gleiche Traum, der sich sogar über jedes kurze Aufwachen hinweg fortsetzte. Leider auch die Kopfschmerzen, weil ich vermutlich wiedermal krumm und schief im Bett lag. Zum Glück vergeht das meistens schnell nach dem Aufstehen.

Aber da heute nicht wirklich was auf der Liste stand, hab ich es ruhig angehen lassen. Lange auf Twitter, in Zeitungen und Blogs gestöbert, mich treiben lassen von hier nach da, Links gefolgt, schöne Musik (s.u.) gefunden … Ich brauche solche Tage, sie füllen den Akku auf.


Einer der besagten Links führte zu einem ZEIT-Artikel vom Februar 2019 über introvertierte Menschen im Job, der aber nicht nur da zutrifft, sondern überhaupt im Leben.

„Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zwischen 36 bis 50 Prozent der Menschen so geht wie mir: Sie sind introvertiert. Extroversion (oder wissenschaftlich: Extraversion) und Introversion sind die beiden Pole eines mittlerweile recht gut erforschten Persönlichkeitsmerkmals. Der Psychologe Carl Gustav Jung schrieb, Introvertierte seien von der inneren Welt der Gedanken und Gefühle angezogen, Extrovertierte von der äußeren Welt der Menschen und der Aktivität. Introvertierte versuchen, das Leben zu verstehen, Extrovertierte stürzen sich hinein. Introvertierte schöpfen ihre Energie aus dem Alleinsein, während Extrovertierte am besten unter Menschen auftanken können. Dabei gilt: Intro- und Extraversion sind ein Spektrum. Es gibt die Extreme an beiden Enden – und dazwischen ganz viele Nuancen.“

Zufälligerweise begegnete mir einige Stunden später ein anderer Beitrag zu Introvertiertheit und dort wiederum gibt es einen Test, um heraus zu finden, ob man:frau introvertiert ist. Was soll ich sagen: 19 von 20 Punkten sind ziemlich eindeutig, oder?
Nur falls sich jemand wundert, dass ich so oft an meine Grenze komme, wenn ich mit Menschen zu tun habe.

Letzte Woche im Bus zur Therapie hab ich mich wieder daran erinnert, dass ich für solche mich stressende Situationen doch eine super gute Ressource habe, die ich nur konsequent anwenden muss: meinen inneren sicheren Ort. Den hab ich mir im Laufe der Jahre so gut eingerichtet, dass er mir viel Schutz gibt, wenn wiedermal zu viele fremde Menschen um mich herum sind, denen ich nicht ausweichen kann. Ich muss nur rechtzeitig daran denken.


Gestern Nacht noch las ich auf Twitter einen Beitrag, der mich ziemlich geärgert hat. Mindestens genauso sehr ärgert es mich, dass ich nichts dazu geschrieben habe. Ich sollte es tun und trau mich nicht, auch wenn es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass die Twitterin positiv reagiert. Und jetzt grade beim Schreiben merke ich, dass es mir deshalb schwer fällt, weil ich sie – naja, „mag“ ist vielleicht übertrieben, so gut kennen wir uns nicht, aber ich hab zumindest eine positive Einstellung zu ihr (wir folgen uns gegenseitig). Wäre das irgendein mir unbekannter, womöglich auch noch blöder Jemand, hätte ich kein Problem oder kein so großes, was dagegen zu sagen. Aber Menschen, die ich kenne, kann ich nur ganz schwer kritisieren. Dann zittert meine Stimme, ich kriege schlecht Luft, selbst wenn ich schreibe statt zu reden, hab ich Schiss vor der Reaktion. Hab Schiss davor, als blöd abgetan zu werden, als „ach, was willst DU denn“ und „stell dich doch nicht so an“, „nimm doch nicht alles persönlich“, „da musst du doch drüber stehen“, „das bildest du dir nur ein“ und — huch, was da plötzlich für Sätze in meinem Kopf sind, nur weil ich etwas als falsch oder schlecht durchdacht empfinde, was eine andere gesagt hat. Ich habe – in meinen Augen – nie das Recht, meine eigene Meinung zu vertreten, wenn ich alleine damit bin (oder denke, dass ich es bin). Ich habe nicht die Stellung dafür, weil ich in der Hierarchie immer unten stehe.

Es scheint so, als hätte ich grade das Therapiethema für morgen gefunden. Uff.


Musik. Ich brauch noch was Schönes.

Regengrau

Als wäre dem Sommer plötzlich bewußt geworden, dass er noch zu früh dran war, zieht er sich zurück, nimmt so einige Grad Wärme mit und überläßt dem Regengrau das Feld. Der Vorteil ist, dass ich wieder schlafen kann, ohne zu schwitzen wie blöd.
Dann eben Fenster zu, die Wollsocken wieder rausgekramt – und dem Bedürfnis, den Tag mit Buch im kuscheligen Bett zu verbringen doch widerstanden.


Wie jeden Dienstag traf ich mich am Mittag mit Frau R. vom Hilfe-Dings, heute das erste Mal seit März aber nicht coronamäßig draußen im Park, sondern – dank des Regens – wieder in den Räumen dort.
Später kam dann die Nachricht von einer anderen Mitarbeiterin, dass die Mittwochsgruppe ab nächster Woche wieder statt findet. Stimmt ja, da war ja noch eine Entscheidung zu treffen.

Als erstes hör ich Igor, den kleinen Schisshasen. „Aber das ist doch so anstrengend, dann hast du drei Tage pro Woche Aktion und musst dich erholen und hast überhaupt keine Zeit mehr für dich. Das schaffst du doch nie. Und überhaupt: bestimmt sind alle netten Frauen weg und nur noch die doofen übrig, die du nicht leiden kannst und dann kommst du aus der Nummer nicht mehr raus und was dann?“
Dagegen die Stimme der Therapeutin: „Sie müssen wieder raus gehen, Kontakte finden und pflegen, das tut Ihnen doch gut! Denken Sie an gestern, wie schön das war, mit jemandem zu reden!“
Und ich sitz dazwischen und will beides und alles und gar nichts. Und sage dann doch zu in der Hoffnung, dass das irgendwie gut wird.


Und jetzt Kartoffelsuppe gegen das Regengrau.

Tag 2

Die Nacht war sehr entspannt mit angenehmen Temperaturen und noch angenehmeren Träumen. Das gibt es selten genug, das kann ich umso mehr schätzen. Und heute war es mir wichtig, ausgeruht und mit aufgeladener Batterie in den Tag zu gehen, denn im Kalender stand der Eintrag „Arbeitsfrühstück“.

Ein Treffen mit der Tochter und ihrer besten Freundin, die seit Anfang des Jahres auch ihre rechte Hand ist für alles, was die Organisation angeht. Wir wollten uns zu dritt mal ein paar Gedanken über Marketing machen, auf dass die Tochter nach der Coronapause wieder mehr zu tun bekommt. Außerdem bin ich auf der Suche nach Tools zur Kundenverwaltung und so, damit da mal ein bißchen Ordnung rein kommt in das bis jetzt herrschende kreative Chaos.
Die Beiden waren dann gut 5 Stunden hier bei mir und wir haben zwar auch viel erzählt und gequatscht und so, waren aber doch produktiv und hatten am Ende ein gutes Ergebnis.

Und ich merke, wie gut mir das tut: zu reden mit Menschen, die ich mag und liebe, so richtig mit Angucken und so. Zu planen, brainstormen, rumdenken, entwickeln. Mein Wissen einzubringen in eine Sache, die mir am Herzen liegt. Zu arbeiten in dem Bereich, den ich gelernt habe und in dem ich gut bin. Für ein paar Stunden zu vergessen, dass es da eine Krankheit gibt, die mich sonst so oft in Beschlag nimmt.
Ich bin heute Abend müde, aber – nein: und glücklich. Und hab für die nächste Zeit einiges zu tun.


Als ich die Kommentare zu meiner gestrigen Frage zu der Kategorie las, wurde mir klar, dass es zum einen schon seit immer eine gibt – den „Alltag“ – und dass es zum anderen gar keine neue Ordnung braucht, denn die Häufigkeit meiner Beiträge hat nichts mit einer bestimmten Schublade zu tun. Ich bin schon vorher nicht besonders genau mit den Kategorien umgegangen, das muss sich nicht ändern. Oder es wird sich finden im Laufe des Schreibens. Ist ja immerhin mein Blog und damit meine kreative Freiheit 😉

Weil ich es will.

Schrieb da neulich Einer was auf seinem Blog (und auf Twitter, wo ich es las), das war so einleuchtend, dass ich staunend davor saß und dachte: Ja. Natürlich. Einfach weil ich es will.

“Ich blogge wieder.”
“Was denn?”
“Was mir so ein- und auffällt, Alltagskram, was ich so erlebe.”
“Aber du erlebst doch nichts.”
“Macht doch nichts.”
“Und das wollen Leute lesen?”
“Keine Ahnung. Aber ich will das schreiben.”

https://larsreineke.de/14-juni-2020-abends/

Eigentlich ist das doch der einzig legitime Grund zu schreiben, zu bloggen, aus dem eigenen Leben zu erzählen: weil ich das will. (Und schon schränke ich das wieder ein, indem ich ein „eigentlich“ davor setze. Ja, so funktioniere ich.)

Vor gut 3 Jahren hab ich mal angefangen mit etwas, das ich „Wochenkisten“ nannte: weil ich dachte, dass ich das tägliche Schreiben nicht schaffen könnte, dass ich meinem Anspruch nicht genügen würde, dass ich überhaupt irgendeinem Anspruch genügen müsste. Ich hab es nach 4 Wochen sein lassen, weil … keine Ahnung, irgendwie war es das halt auch nicht.
Der Kompromiss waren die „Depression Notes„, in denen ich mir erlaubt habe, über mehr als ein Thema zu schreiben oder auch mal „einfach so“.

Und trotzdem dachte ich immer wieder darüber nach, wie schön das doch wäre, jeden Tag einfach aufzuschreiben, was ich gemacht hab oder auch nicht, was ich gedacht, gefühlt, gesehen, gehört hab, einfach so, einfach für mich und wen es vielleicht da draußen noch interessiert. Aber da ist ja dann noch dieses Thema aus der Therapie neulich, das ich doch noch vertiefen wollte. Und jener Gedanke, den ich unbedingt dringend formulieren muss zuerst. Und heute kann ich sowieso nicht, weil ich viel zu müde bin. Und morgen, nein, da hab ich ja nichts erlebt, worüber sich zu schreiben lohnen würde. Und überhaupt. Aber das ist alles eigentlich (ha!) völlig egal, weil: wenn ich schreiben will, dann schreib ich. Und wenn nicht, dann nicht. Ganz einfach.

Also.


Nach 2 Tagen übelster Hitze kam gestern abend doch noch das Gewitter nach Eimsbüttel und brachte mit dem Regen auch etwas Wind und große Erleichterung. Ich kann bei Temperaturen ab 25° nicht mehr denken, ich zerfließe innen und außen. Ich kann nur aushalten und abwarten und mich möglichst wenig bewegen, bis es vorbei ist.
Heute also angenehme um die 20°, leicht bewölkt, schöner Durchzug dank geöffneter Fenster auf beiden Seiten. Die App sagt weiterhin Regen voraus, meine Tomaten freuen sich.


Mittags kam eine Mail von meinem uralten Postfach bei Yahoo, die ich interpretierte als entweder hackt da grade jemand meinen Account oder eine Namensschwester versucht vergeblich, sich einen einzurichten und Yahoo kriegt es nicht auf die Reihe. Das war dann endlich die Gelegenheit, zu tun, was ich seit langem tun wollte: das Ding endlich leer zu räumen incl. aller E-Mails aus der Zeit von 2007 bis 2012 (seitdem nutze ich es nur noch für meinen Spielaccount auf facebook) und löschen zu lassen. Ballast abwerfen: so gut.


Und sonst gab es noch: viel Twitter und Blogs lesen, auf allen WP-Seiten die Plugins aktualisieren, nochmal kurz reingucken in ein paar von den CRM-Systemen, die ich in den letzten Tagen rausgesucht hatte für die Tochter, leckeres Essen kochen und vor allem die Ruhe genießen, die dank des Regenwetters heute war da draußen vor dem Balkon. Ja, und schreiben: weil ich es will. Fühlt sich gut an.


(Wie nenn ich das, wenn ich das hier vielleicht regelmäßig_er mache? Das Kind die Kategorie will einen Namen. Ich auch. Irgendwelche Vorschläge?)

Höhen und Tiefen

(geschrieben am 06.06.2020, dann vergessen und erst am 17.06.2020 veröffentlicht.)

Was ich heute gemacht habe in der Therapie: ich habe Äpfel aufgesammelt.

Das Fallen nach einer guten Phase ist, als hätte ich einen Korb voll mit eigenhändig gesammelten, wunderschönen roten Äpfeln und will den nach Hause bringen und dann liegt da auf dem Weg so ein blöder Stein, den ich nicht gesehen habe, und ich stolpere und falle hin und hau mir die Knie blutig, natürlich an den gleichen Stellen wie beim letzten Mal.

Es ist kein Loch, in das ich falle, aber ich sitz halt da und es tut einfach scheiss weh, da auf dem Boden rumzukriechen, während ich meine Äpfel wieder einsammel, weil die Zeit nach dem letzten Sturz nur gereicht hat, dass sich da eine dünne Schicht Haut bildet, die jetzt eben wieder ab ist.

Und ich weiß genau, da liegen immer wieder Steine, über die ich stolpern werde, es hört halt einfach nicht auf. Aber ich will ja auch gar nicht, dass der Weg nur eben und flach ist, ich will ja die Höhen und auch die Tiefen irgendwie, weil das ja ich bin auf meine eigene Art.
Manchmal beneide ich für einen Moment die Menschen, die so unbekümmert und ohne großes Denken einfach ihr Leben leben, aber für immer tauschen möche ich doch nicht. Ich wäre nicht ich, wenn es nur gradeaus und immer nur flach und eben ginge.

Es tut halt nur weh immer wieder. Und manchmal ist dann auch noch das Pflaster alle.

Depression Notes 11-05-2020

Obwohl ich mich bereits seit über 8 Jahren mit der Depression rumschlage und mich langsam mal auskennen sollte, erwischt er mich jedes Mal wieder: der Fall nach dem Hoch. Ich weiß wirklich nicht, warum, aber ich vergesse einfach immer, dass das die normale Folge ist. Es gibt kein dauerhaftes Oben, es sind Highlights. Die sind toll, aber eben genau das, was das Wort meint.
Das Gute ist, dass es inzwischen auch keine permanenten Tiefs mehr gibt. Die halten zwar noch deutlich länger an als so ein Hoch, aber irgendwann pendelt es sich auch wieder ein auf das „Okay“ – so lautet meine Bezeichnung für die Mitte in meiner Stimmungs-App.

Stimmungen in der App "Daylio": Super, Gut, Okay, Schlecht und Miserabel, dargestellt mit Smilie-Gesichtern.

Das ist der Durchschnitt, das Level, auf dem ich nicht viel fühle (weder gut noch schlecht), meine Tage vor mich hin lebe, ohne große Bedeutung und Erwartung. Das macht keinen wirklichen Spaß, ist aber auch nicht schlimm. Im besten Fall heißt es auch, dass ich die Stimmungsschwankungen auffangen kann.
Ob ich irgendwann lerne, dass diese Wellenbewegung normal und in Ordnung ist?

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Trotz des Tiefs nach dem Hoch hab ich letzte Woche richtig gut und viel gearbeitet: an 5 Tagen hintereinander je 3 Stunden, manchmal ohne Pause. Für meine Verhältnisse ist das wirklich viel und macht mich zufrieden.
Der Schubs war ein Telefonat mit der besten Tochter der Welt, die mir ihr Vertrauen ausspricht und an mich glaubt, wenn ich es schon nicht kann. Ich muss sie dringend anrufen, die Energie ist schon wieder fast verbraucht und die Webseite noch lange nicht fertig …

*) Arbeit heißt bei mir nach wie vor alles, was mit Webseitenkram, Grafik etc. zu tun hat. Therapie und das Leben an sich sind auch Arbeit, aber sie heißen nicht so.

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Auch letzte Woche traf ich mich das erste Mal seit Wochen (wieviele? Ich kann das auch nicht mehr zählen) wieder mit Frau R. vom Hilfedings in echt. Also so richtig live, nicht zum Anfassen, aber von Angesicht zu Angesicht. Sie war kurz in meiner Wohnung – mit viel Abstand natürlich – und danach saßen wir eine Stunde auf unserem Dorfplatz in der Sonne. Am Tag davor waren die Spielplätze wieder geöffnet worden, dementsprechend waren viele Familien unterwegs, aber die Freude in den Kindergesichtern zu sehen, machte den Lärm vergessen.
Das Gespräch tat mir gut, der Austausch über die Befindlichkeiten, über den Umgang mit der Coronasituation, ein bißchen Alltagszeug und was sich so getan hat in der Zwischenzeit. Das vermisse ich ja doch, dieses ungezwungene Reden über dies und das, auch wenn ich mich als Einsiedlerin bezeichne und wohl fühle. Ganz ohne menschlichen Kontakt geht’s dann doch nicht und auf immer reicht das Virtuelle nicht aus.

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Heute. Am frühen Morgen ein Traum, nur kurz, fast hätte ich ihn vergessen.
Ich war beim alten Job im Büro, wie so oft. Diesmal aber war nicht die Chefin da, die mir Anweisungen gibt und an mir rumnörgelt und mich unter Druck setzt wie sonst in diesen Träumen. Dieses Mal war nur der Chef da, irgendwo im Hintergrund. Ich hab irgendwas unwichtiges gemacht, Mails beantwortet, etwas korrigiert? Ich weiß nicht mehr genau. Irgendwann ging ich nach Hause mit den Worten „ich komme dann nicht wieder“. Und wenn ich jetzt im Nachhinein daran denke, dann hab ich Herzklopfen.

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Nachmittags, auch heute. Sonnenstrahlen durchbrechen die dicken Wolkenberge. Ein Bild streift durch meinen Kopf, nur kurz:
Eine schmale Straße mit alten Häusern in einer großen Stadt, Paris vielleicht oder New York. Hohe Bäume auf beiden Seiten, Kastanien, Platanen, in vollem Grün. Es ist heiß, die Luft flirrt. Die Fenster stehen weit offen, die alten Fensterläden davor sind geschlossen, so dass Licht und Luft herein können, im Inneren aber bleibt es kühl. Es ist Mittagszeit, nur wenige Geräusche kommen von draußen. Ein Schreibtisch am Fenster, darauf ein Notebook, eine Karaffe Wasser mit Eiswürfeln und Minzblättern darin, der Ventilator surrt, irgendwo spielt jemand Klavier. Die Langsamkeit des Sommers. Die Gelassenheit, mit sich selbst gut zu sein.

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Und zum 137tausendstenmal der Gedanke, wie schön es doch wäre, tagebuchbloggen zu können. Aber wer will denn das schon lesen.

Einfach mal rumdenken

Im August 1984 bin ich in dieses Haus in Eimsbüttel gezogen. Zuerst in die 2. Etage, wo meine Tochter zur Welt kam, 10 Monate später dann ein Stockwerk nach unten, weil die Umstände sich so ergaben. Im Oktober sind es also 35 Jahre, die ich in dieser Wohnung verbringe. Seitdem hat sich der Stadtteil verändert.

Wir sind immer noch mehr grün als schwarz oder gar blau – politisch gesehen – und immer noch wohnen viele junge Menschen hier, mit oder ohne Familie. Aber jetzt ist es „hip“, die Läden und Restaurants sind edler als früher, die Mieten stiegen enorm und der Verkehr hat deutlich zugenommen. Seit dem Umbau der großen Einkaufsstraße parallel wird unsere noch stärker als Abkürzung genommen: weil hier zwar rechts vor links gilt, aber keine Ampeln stehen. Dass es eine 30-km-Zone ist, interessiert nicht wirklich. Ich hab mich hier schon öfter beklagt, dass es so laut geworden ist. Es nervt nicht nur, es strengt an und ich reagiere viel empfindlicher als früher auf Lärm jeder Art.

Also überlege ich seit längerem schon, wo ich denn gerne wohnen, leben würde.
Ich will mehr Natur und ich will schneller da sein. Ich brauche Wasser in meiner Nähe: am liebsten natürlich das Meer, aber ein See oder wie in Hamburg zwei Flüsse und viele Kanäle sind fast genauso gut. Da ich nicht mehr sehr mobil bin, brauche ich Einkaufsmöglichkeiten, Bahn & Bus, Ärzt:innen und Orte, um Menschen zu treffen, in erreichbarer Entfernung. Ich will, auch wenn ich es vielleicht nicht oft nutze, schnell in der Stadt oder zumindest in einem größeren Zentrum sein. Und eigentlich will ich möglichst nah bei meiner Familie bleiben.
Was ich mir aber nicht vorstellen kann ist, wie ich die zuständigen Stellen (also das Jobcenter oder später, wenn die Rente mal durch ist, die, die die Grundsicherung übernehmen) davon überzeugen kann, dass ich von Hamburg weg und ganz unbedingt dringend nach Schleswig-Holstein ans Meer ziehen muss. In meiner typischen Art vergrabe ich also meine Träume wieder und halte aus, mit knirschenden Zähnen und lautem Tinnitus.

Oder doch nicht? Wer sagt, dass es keine Alternative gibt, sogar innerhalb von Hamburg? Immerhin hab ich vorhin herausgefunden, dass das JC Mietkosten bis 495 € für 1 Person übernimmt. Damit ist die Auswahl nicht groß, aber es gibt eine. Und es gibt tatsächlich Stadtteile, die in Frage kommen: nördlich von hier natürlich, evtl. sogar Richtung Barmbek, aber warum nicht zum Beispiel über die Elbe rüber? Da gibt es auch schöne Ecken mit viel Grün, Ruhe und: Wasser! Da tun sich tatsächlich neue Perspektiven auf.

Und dann guck ich mich in meiner Wohnung um und fange an zu überlegen. Ich brauche keine zwei Zimmer zum Wohnen und Arbeiten – eins reicht auch. Ich hätte gerne ein größeres Bad, aber alle Badezimmer überall sind größer als meins. Weniger Wohnfläche wäre komplett in Ordnung, wenn ich dafür mehr Balkon- oder Terrassenfläche hätte. Das Haus muss von außen nicht zwingend hübsch sein, solange der Ausblick gut ist. Hohe Decken wie in dieser Altbauwohnung (3,20 m!) sind toll, aber kein Muss. Und das Beste: ich müsste mich hier sehr wahrscheinlich nicht mehr um den Fußboden kümmern, vielleicht noch nichtmal um die Renovierung. Womöglich gäbe es eine bessere Küche und Holzfußboden in einer neuen Wohnung. Keine stromfressenden Nachtspeicherheizung und Durchlauferhitzer mehr.

Vielleicht ist es an der Zeit, mir ein neues Zuhause zu suchen für die letzten 20 Jahre oder so. In meinem geliebten Hamburg bleiben, aber nicht mehr mittendrin. Vielleicht tut mir das gut.

So Fragen

Warum ist es so viel leichter, Schlechtes von mir zu denken als Gutes?
Warum bleiben negative Tage + Erlebnisse so viel länger im Gedächtnis als positive?
Warum ist es so furchtbar schwer, die unerfüllten Träume los zu lassen?
Warum sind depressive Täler so viel tiefer als glückliche Höhen hoch sind?
Warum testet der schwarze Hund die Stabilität des Hochs, aber nicht die des Tiefs?
Warum geht das Fallen aus einem Hoch immer so verdammt schnell?
Woher soll ich jedes Mal wieder die Energie nehmen, um aus dem Loch zu krabbeln?
Warum schmerzen alte Verletzungen so unendlich lange?
Und wie zum Teufel kann ich mich von meiner Vergangenheit befreien, wenn sie mich doch zu der gemacht hat, die ich jetzt bin?

Wird es jemals Antworten geben auf meine Fragen? Und wenn ja, was dann?

Zu früh gefreut

Ich hätte es nicht schreiben sollen.

Igor: Was höre ich da, dir geht’s gut?
Ich: Ja, ich bin ganz zufrieden grade. Ist alles nicht so dramatisch und schlimm wie sonst.
Igor: Das wollen wir doch mal testen.

Und dann schleppt er alles an, was er findet:
Sentimentale Musik, verbunden mit sehr sentimentalen Erinnerungen. Einen kleinen Text, so wunderschön, so berührend und sehnsüchtig machend nach einem anderen Leben, einem leichteren. Noch mehr sentimentale Musik. Fotos von meinen Reisen in das Land, in dem mein Herz liegt und ich rieche sofort die Wärme und das Meer und höre die Menschen in der fremden Sprache und das Quietschen der Linie 28 und ich weiß, dass ich nie wieder stundenlang durch Lissabon oder Olhão wandern werde, weil meine Füße mich nicht mehr tragen. Weil ich mir das selbst versaut hab. Und dann noch Träume von Umarmungen und Verletzungen und Menschen, die gehen und nie ist irgendwas so, wie ich es mir mal gewünscht hatte und da sind wir dann auch schon beim nächsten Schritt.

Da packt er dann auch noch all die Zweifel aus:
ob ich das eigentlich verdient habe, glücklich zu sein. Ob es mir nicht, wenn ich schon dem Staat und allen auf der Tasche liege und ich nicht produktiv bin und arbeite, wie es sich für einen anständigen gesunden Menschen gehört, weil wenn ich glücklich bin, dann bin ich ja wohl auch gesund, ob es mir da also nicht wenigstens schlecht gehen könnte. Ob ich nicht sowieso viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt sei. Und ob ich nicht überhaupt mir und allen anderen was vormachen würde und sowieso kann mich keiner lieb haben und guck doch, es wird schon einen Grund haben, warum dich keiner mehr wollte und eigentlich könnte ich das alles doch auch einfach sein lassen.

Für den ganzen Mist braucht er grade mal einen Tag und eine Nacht.

Und wenn er das alles getan hat und sieht, dass das mit dem gut gehen wohl doch nicht so richtig und wahr war, legt er mir eine Tafel Schokolade hin, dreht sich um und dackelt zurück in sein Körbchen. Und ich sitz wieder da wie so eine, die genau das verdient hat.

Danke, Igor. Ich war kurz davor, dich nicht mehr als Feind zu sehen.

Depression Notes 24-04-2020

Musik ist eine zarte Säge,
die einfach eindringt
in den Leib
und die
federleichten Teile
von den schweren trennt.

Frederike Frei

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Vor einigen Tagen oder vielmehr Nächten bin ich auf alte, lang nicht mehr gehörte Musik gestoßen, die mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht (und zu meinem Glück auch zu hören ist, ganz in echt. Ich sag nur: Dauerschleife.).
Sie macht glücklich, sentimental, traurig, sehnsuchtsvoll, melancholisch, hab ich schon sentimetal erwähnt? – alles auf einmal. Nicht abwechselnd, sondern tatsächlich ein einziger Gefühlsmix, der bis in die Träume reicht.
Was Musik eben so macht mit einem:einer. Hachja.

(Nein, ich verrate nicht, welche Musik das ist. Reicht doch schon, dass ich mich hier mit Eros geoutet hab, oder?)

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Gestern hab ich es zweimal zu jemandem gesagt und es stimmt wirklich: mir geht es grade richtig gut. Nicht, dass es keine doofen Momente gäbe oder auch mal einen Tag, den ich einfach vorbei ziehen lasse, weil er eher „naja“ ist, aber die ganze Grundstimmung ist gut. Da ist kein Loch in Sicht, noch nichtmal eine Grube. Seit ich Igor nicht mehr als Feind sehe, liegt er still in seinem Körbchen und guckt mich zufrieden an. Auch, dass in der Therapie einiges ansteht (siehe meinen Beitrag vom 16.04.) schreckt mich nicht so sehr, dass ich Panik kriegen müsste. Es ist okay, ich muss da ran, es wird sicher nicht schön, aber es wird danach hoffentlich etwas leichter.
In meinem Kopf kreisen natürlich weiterhin die Gedanken um alte Muster aus der Kindheit, um verquere Einstellungen, die so vieles be- und verhindern, um tausend Fragen, auf die ich noch immer keine Antwort habe oder auf die die Antwort je nach Verfassung anders ausfällt (immer wieder gerne: hab ich das verdient, darf ich glücklich sein, darf ich so leben? Aber das gibt einen eigenen Beitrag hier, demnächst). Trotzdem bin ich entspannter, gelassener, zuversichtlicher irgendwie. Da ist ein frisches Blau im Grau, das ist schön.

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Es gab ein paar Mails mit der Schwester, mit der ich letztes Jahr den Kontakt abgebrochen habe. Ein Familienthema, es ging um die Gedichte des Großvaters. Ohne hier in Einzelheiten zu gehen: aus ihren Sätzen las ich erneut, dass sie nicht verstehen kann, was Depression bedeutet. Noch vor einiger Zeit hätte ich mich aufgeregt, ihr vermutlich bissig-sarkastisch zurück geschrieben – jetzt denke ich: dann ist es eben so. Ich werde nichts ändern an ihrer Sichtweise, wenn ich mich ärgere. Sie hat ihre Gründe und das ist okay. Es bedeutet zwar auch, dass ich weiterhin keinen wirklichen Kontakt mit ihr haben werde (weil es auf Dauer dann doch an meine Substanz geht), aber dann ist auch das eben so.
Auch hier ist wieder die neue Gelassenheit, die ich so an mir nicht gut kenne. Ob ich sie halten kann?

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Was das Coronadings angeht, ist die Stufe 5 (Akzeptanz / Integration) aber für mich nach wie vor weit weg. Nur der erste Schock klingt jetzt etwas ab und ich pendle zwischen den Stufen 2 und 4. Ich höre den Fachleuten zu, allen voran C. Drosten, und ich werde mir immer mehr bewußt, dass ich nur auf mein eigenes Gefühl hören darf, egal was Menschen sagen, denen ich i.d.R. vertraue.
ICH muss da raus ein- bis zweimal in der Woche, das heißt ICH muss tun, womit ich mich irgendwie wohl fühle. Der Gedanke, dass das alles noch sehr lange dauern wird – bis nächstes Jahr?? – ist grauenhaft, aber dann trag ich den blöden Mund-Nase-Schutz eben so lange. Dann geh ich eben dieses Jahr nicht in den Park zu den Menschenmassen – ich war in den letzten Jahren auch selten da und hab es nicht groß vermisst.

Aber ja, im Vergleich zu vielen anderen geht es mir ja gut in dieser neuen Situation: ich kann gut alleine sein, vermeide das Draußen und die Menschen ja eh schon lange, muss kein Kind betreuen und nicht arbeiten, mein Geld ist wenig, aber pünktlich und sicher jeden Monat auf dem Konto. Ich muss deswegen kein schlechtes Gewissen haben. (Okay, am letzten arbeite ich noch. Das ist noch nicht dauerhaft im Bewußtsein angekommen.)

Nur die Tochter und der Enkel fehlen mir, sehr. Telefonieren ist kein Ersatz für eine fühlbare, echte Umarmung.
Was heute im Spiegel zu lesen war: „Man kann sich dabei als Faustregel merken, dass man sich nur mit einem kleinen Kreis von Leuten regelmäßig treffen sollte. Und dieser Kreis sollte möglichst gleich, also stabil, bleiben. Solange man die Kontakte nachvollziehen kann, hilft das sehr, Infektionsketten wieder zu stoppen.“ (Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum)
Unter diesen Voraussetzungen könnte es gehen, dass man sich innerhalb der Familie z.B. sehen kann, das würde sicher vielen Menschen helfen, die Zeit besser zu überstehen.

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Und solange das Meer in weiter Ferne liegt dank des Virus, stöber ich in alten Fotos und gehe auf vergangene Reisen, ohne das Haus zu verlassen. So geht’s auch irgendwie.

Depression Notes 16-04-2020

Es war eine volle Woche, die vergangene Woche. Nein, eigentlich waren es zwei Wochen. Was ich feststelle, ist: ich kann überhaupt nicht mehr gut mit Spontaneität, offenen Terminen, umgeschmissenen Plänen umgehen. Darauf zu reagieren verbraucht alle Energie und es bleibt nichts für anderes übrig.

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Frau R. vom Hilfedings hat für mich eine finanzielle Spende organisiert, von der ich einen neuen Kühl- / Gefrierschrank kaufen konnte. Der letzte, den ich im Dezember 2019 2018 (die Zeit rennt …) von der Tochter geschenkt bekam, hatte einen Defekt, was ich aber leider erst nach einem Jahr anhand der über 300.- Euro Stromnachzahlung feststellte. Nun also einen neuen, höchste Energieeffizienzklasse, inkl. Lieferung und Abholung des alten Geräts. Das macht schon sehr glücklich, sowas.
Bestellt war er schnell, geliefert wurde er 3 Werktage danach und trotz Corona immerhin bis nach oben vor die Haustür gebracht. Gut war auch, dass ich erst einen zwar größeren, aber begrenzten Zeitraum hatte für die Lieferung. Am Tag selbst gab es dann einen Tracker, der Termin wurde immer genauer und eine gute halbe Stunde vorher gab es noch einen Anruf, dass sie in einer guten halben Stunde da sind. Dass ich den Rest des Nachmittags und bis in den Abend hinein damit beschäftigt sein würde, das Ding erstmal aus der Verpackung zu kriegen und dann noch die Türen von Rechts- nach Linksöffnung umzumontieren und deshalb auf keinen Fall mehr den Oster- / Wocheneinkauf noch vor dem Ansturm am Gründonnerstag erledigen könnte: das hatte ich vorher nicht auf dem Plan.
Aber gut, er steht, wackelt nicht, alle Schrauben sind wieder drin und er verrichtet seine Arbeit, wie er es soll. Und ich hab noch dazu die Erfahrung gemacht, dass etwas von der früheren Kraft und Entschlossenheit noch da ist. So hatte ich am nächsten Morgen zwar Muskelkater vom Feinsten, aber auch ein sehr befriedigendes Gefühl.

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Das zweite wirklich unglaublich Gute in der letzten Woche war die Nachricht, die vom Malenter Lieblingsmenschen (dem weltbesten Vorausfahrer) kam: „Geh zum Fahrradladen, lass dein Rad reparieren, die Rechnung übernehme ich.“ Und das an einem Tag, an dem ich eh schon die ganze Zeit am Heulen war.
Da wirbelten die Gedanken und Gefühle ordentlich durcheinander. „Das wäre soooo toll!“ – „Aber das kann ich doch nicht annehmen!“ – „Der ist doch verrückt, das geht doch nicht!“ – „Hach, ich käme wieder in die Natur und könnte überhaupt wieder richtig fahren!“ – „Aber das kann ich doch nicht einfach annehmen!“
Aber dann kam der eine Satz von der Besten: „Der ist nicht verrückt, der mag dich“ und das ist auch schwer auszuhalten, aber letzten Endes doch anzunehmen.
Nach einigem Hin und Her mit dem Fahrradmenschen steht das Rad nun seit heute in seiner Werkstatt und kann morgen heil und fast wie neu abgeholt werden. Und ich freu mich wie blöd!!
Lieber J., das werd ich dir nie vergessen! 1000 Dank dafür! Und auch dafür, dass das Fahrrad weiterhin irgendwie unsere Verbindung bleibt. Das fühlt sich gut an. <3

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Die Therapiestunde am Donnerstag war wieder eine von der Sorte, bei der ich am Ende aufstehe und mich sehr schwer fühle. Trotzdem war sie erleichternd und brachte dann noch ein sehr klares Bild von dem, was ich in naher Zukunft mit ihr zusammen erarbeiten will.
Und wieder einmal bin ich so dankbar, dass ich genau diese Therapeutin gefunden habe und sie für mich da ist.

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So insgesamt ist es weiterhin eine durchwachsene Zeit mit diesem Coronazeug und ich fühle mich oft einfach nur aufgerieben zwischen all den Meinungen und Prognosen und Befürchtungen und dem Hickhack der PolitikerInnen, die das zum Wahlkampf nutzen und dann noch allen anderen, die meinen, irgendwas dazu sagen zu müssen.
Ich bin wie vorher auch schon wenig draußen, aber jedes Rausgehen hat jetzt was Seltsames an sich, als würde ich was Verbotenes tun, dabei ist es das doch gar nicht. Und wenn ich meinen Schal als Schutz über Nase und Mund ziehe, werd ich komisch angeguckt – aber wenn ich es nicht mache, weil ich unter dem Ding keine Luft kriege sondern Panik, dann fühl ich mich schuldig.
Manchmal dachte ich schon, die Depression hat gemacht, dass ich nichts mehr fühlen kann und dass das Leiden anderer Menschen deshalb so an mir abprallt, aber das stimmt nicht. Ich schiebe das alles im Gegenteil von mir weg, weil ich es sonst viel zu viel fühle und nicht ertragen kann. Und ich baue mir wieder einen Panzer, weil ich meinen eigenen Schmerz, meine Unsicherheit und Dünnhäutigkeit nicht aushalte.
Was es so schwierig macht, ist, dass es nicht sichtbar ist. Ich seh den Virus nicht draußen rumlaufen. Ich weiß, dass viele Menschen krank sind und dass viel zu viele daran sterben überall auf der Welt, aber ich sehe sie nicht. Für mich ist es immer noch abstrakt, nicht zu begreifen. Nicht, dass ich es anders haben wollte, aber genauso gut könnte mir jemand sagen, dass es da draußen rote Wolken gibt, an denen Leute sterben, nur dass ich sie halt nicht sehe. Das ist so surreal. Darum bin ich noch lange nicht in Phase 5 angekommen. Ich kann nur jeden Tag neu anfangen und meine Sachen weiter machen und hoffen, dass wir da irgendwie heil raus kommen.

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Und so lange höre ich weiter jeden Abend Igor Levit bei seinen Hauskonzerten zu und bin sehr sehr dankbar dafür.

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